miniatur|Wilhelm Schallmayer Friedrich Wilhelm Schallmayer (* 10. Februar 1857 in Mindelheim; † 4. Oktober 1919 in Krailling) war ein deutscher Arzt. Zusammen mit Alfred Ploetz gilt er als Begründer der Eugenik bzw. Rassenhygiene in Deutschland.Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2004, ISBN 3-11-015714-4, S. 1288.Brockhaus Enzyklopädie. 19. Auflage. 1986, unter Schallmayer steht: „Sein 1903 publiziertes Werk ‚Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker‘ gilt als programmat. Grundlage der „Rassenhygiene“ im nat.-soz. Deutschland.“Meyers Lexikon. 7. Auflage. 10. Band. Leipzig 1929, Sp. 1119.

Leben Schallmayer wurde am 10. Februar 1857 in Mindelheim im bayerischen Schwaben geboren und war das älteste von elf Geschwistern. Der Vater war Fuhrwerksunternehmer. Er besuchte das Gymnasium in Neuburg an der Donau und in Augsburg. Seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger leistete er in Würzburg.

Wilhelm Schallmayer studierte zunächst Rechtswissenschaft und Philosophie, wandte sich dann aber dem Studium der Medizin in Leipzig und München zu. Während seines Studiums wurde er Mitglied des AGV München im Sondershäuser Verband.Otto Grübel, Sondershäuser Verband Deutscher Studenten-Gesangvereine (SV): Kartelladreßbuch. Stand vom 1. März 1914. München 1914, S. 115. 1884 machte er das Staatsexamen als Assistent bei Bernhard von Gudden. 1886 wurde er an der Münchener Universität promoviert. Anschließend bildete er sich für Urologie und Venerologie in Wien, Leipzig und Dresden weiter. In Kaufbeuren arbeitete er als praktischer Arzt, wo er seine erste Frau kennenlernte und heiratete. 1894 gab er die Praxis wieder auf und verbrachte ein Jahr als Schiffsarzt in China, eine Position, die er anlässlich einer nach Ostasien unternommenen Reise angeboten bekam. Zurück in Deutschland war er 7 Jahre als Facharzt in Düsseldorf und für den Rest seines Lebens als Privatgelehrter tätig. 1909 starb die erste Frau. 1911 heiratete er erneut. Aus dieser Ehe gingen die beiden Kinder Friedrich und Wiltrud hervor. Die letzten Jahre bis zum Tod 1919 verbrachte er zurückgezogen in Krailling bei München.

Schallmayer litt in den letzten Lebensjahren an Asthma und starken Problemen am Herzen. Er erlag am 4. Oktober 1919 einem Herzinfarkt.

Schallmayers Philosophie Schallmayer war Mitglied im Monistenbund. Er war demokratisch, internationalistisch und pazifistisch orientiert; er hielt nicht viel von der Monarchie des Kaiserreichs und schrieb in allen Auflagen seines Buches Vererbung und Auslese den Satz: „Der Demokratie gehört in allen zivilisierten Ländern der Erde die Zukunft“.Zitiert nach Becker, Zur Geschichte der Rassenhygiene, S. 40. Er stand sozialistischen Ideen nahe und rechnete sich der politischen Linken zu. Mit dem Sozialismus hat er sich seit seiner Jugend intensiv beschäftigt, war aber nicht partei- und klassengebunden. Er lehnte einen (hinsichtlich der Ergebnisse) egalitären Sozialismus ab und plädierte stattdessen aus einer sozialdarwinistischen Perspektive für Chancengleichheit. So erhob er die Forderung, dass die „äußeren Wettbewerbsbedingungen für die Jugend in jeder Hinsicht so viel wie nur irgend möglich gleich zu gestalten“ seien.Zitiert nach Weiss, Race Hygiene and National Efficiency, S. 86, Anm. 68.

Schallmayer war einer der frühen Vorkämpfer der europäischen Einigung.Vgl. hierzu Jesenitschnig, Rassenhygienischer Pazifismus? Schon 1899 propagierte er in der Kölner Wochenschrift „Das neue Jahrhundert“ eine europäische Staatenvereinigung, die Kontinentaleuropa ohne Russland umfassen und nicht unter deutscher Vorherrschaft stehen sollte. Ziel dieses geeinten Europas sollte die Vermeidung des Krieges sein, in dem Schallmayer eine überlebte Form des Daseinskampfes sah, der sich „kontraselektorisch“ auswirke. Der Wettkampf der Völker und Nationen solle stattdessen mit den Mitteln der Kultur und Zivilisation ausgetragen werden. Die nationalistische Begeisterung zu Beginn des Ersten Weltkriegs teilte er nicht. Durch die „Schaffung eines großen, die Mehrzahl der europäischen Staaten umfassenden Bundesstaates mit nur einer, den verbundenen Staaten gemeinsamen Wehrmacht“Schallmayer, Unzeitgemäße Gedanken, S. 449. sollte nach Schallmayer die Kriegsgefahr gebannt werden, wie er in dem 1915 veröffentlichten Aufsatz Unzeitgemäße Gedanken über Europas Zukunft argumentierte. Sein friedenspolitischer Entwurf weist in seiner konsoziativen Ausgestaltung bemerkenswerte institutionelle Parallelen zur später entstandenen Europäischen Union auf.Vgl. Jesenitschnig, Rassenhygienischer Pazifismus?, S. 407. Schallmayer hatte allerdings wenig Hoffnung auf die baldige Verwirklichung seiner Ideen, weil „der durch den gegenwärtigen Krieg aufs höchste gesteigerte Völkerhass einer versöhnlicheren Gesinnung Platz mache[n]“Schallmayer, Vererbung und Auslese, 3. Auflage 1918, S. 497. müsse. So sah er auch die Gefahr, dass „[d]ie Zerfleischung und wirtschaftliche Schwächung der europäischen Völker […] sich in weiteren Kriegen wiederholen [wird].“Schallmayer, Unzeitgemäße Gedanken, S. 452.

Wirken

Bekannt wurde der Mediziner durch seine Schrift Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker, die 1903 in bearbeiteter Form veröffentlicht wurde. Mit dieser Schrift gewann er den 1. Preis in einem 1900 vom Industriellen Friedrich Alfred Krupp ausgelobten Preisausschreiben zum Thema „Was lernen wir aus den Prinzipien der Descendenztheorie in Beziehung auf die innerpolitische Entwickelung und Gesetzgebung der Staaten?“Vgl. Ziegler 1903.. Das Preisausschreiben wurde von Ernst Haeckel mitorganisiert und begutachtet; Haeckel hatte ihn darin bestärkt, seine Schrift im Sinne der Rassenhygiene auszurichten.Haeckel und die Eugenik, 1914, S. 370f.

Vererbung und Auslese wurde bis nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zum führenden Lehrbuch für Rassehygiene. Es enthält Vorschläge, Träger kranker Erbanlagen in Krankenpässen zu kennzeichnen und ihnen die Ehe zu verbieten. Der Inhaber des ersten Lehrstuhls für Rassenhygiene, der auch später in der Zeit des Nationalsozialismus führend war, Fritz Lenz nannte es 1919 das klassische Meisterwerk der deutschen Rassenhygiene.Fritz Lenz: Wilhelm Schallmayer. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 66, 1919, S. 1295. Bis zum Erscheinen des unter anderem von Lenz herausgegebenen Werks Erblichkeitslehre und Rassenhygiene im Jahr 1921 blieb Schallmayers Buch das Standardwerk der deutschen Rassenpfleger.Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. 2001, S. 25.

Bereits 1891 hatte Schallmayer mit der damals noch wenig beachteten Abhandlung Über die drohende körperliche Entartung der Kulturmenschheit die erste „rassehygienische“ Publikation in Deutschland verfasst, in der er die Evolutionstheorie Charles Darwins anpries und die Frage nach den Wirkungen der modernen Medizin auf die „menschliche Zuchtwahl“ und die Entwicklung der menschlichen Gattung allgemein stellte. Schallmayer vertrat in dieser Schrift die These, die therapeutischen Erfolge der Medizin seien zwar für den einzelnen kranken Menschen nützlich, würden aber nicht „der menschlichen Gattung zum Heile gereichen“, da sie der Auslesefunktion der Krankheit, die nur die Kräftigsten überleben lasse, entgegenwirke. Aus diesem Grund müsse die medizinische Disziplin der Hygiene „auf die menschliche Zuchtwahl bessernd“ einwirken.Hier zitiert nach der erheblich erweiterten 2. Auflage von 1895, S. 6 und 9.

Schallmayer ging es hierbei, im Gegensatz zu Francis Galton, dem eigentlichen Begründer der Eugenik, zunächst nicht um eine positive Eugenik, also die Erhöhung der Nachkommen mit hohen Erbqualitäten, sondern um eine negative Eugenik durch die Verringerung der Nachkommenschaft von Personen mit geringeren Erbqualitäten und damit um eine Bekämpfung der körperlichen „Degeneration“ der menschlichen „Rasse“, wobei diese negative Eugenik sich auf den freiwilligen Verzicht der Erbkranken auf Nachkommen beschränkte.Michael Schwarz: Sozialistische Eugenik, S. 38 Die Gemeinsamkeit mit Galton und mit anderen Eugenikern wie Alfred Hegar und Alfred Ploetz bestand in der Orientierung an zukünftigen Generationen, also an der „Rasse“, statt am einzelnen Menschen wie in der traditionellen Medizin. Im Anschluss an die Degenerationstheorie des französischen Psychiaters Bénédict Augustin Morel hielt auch Schallmayer an der Theorie von der Erblichkeit erworbener Krankheiten als Ursache für die Entstehung von Geisteskrankheiten sowie an der progressiven Vererbung fest. Mit der Annahme der progressiven Vererbung musste die Fortpflanzung von Personen mit erworbenen Krankheiten zur fortschreitenden Degeneration (Entartung) der Menschheit führen. Wie Alfred Ploetz und vor allem Auguste Forel nahm Schallmayer die Gefährlichkeit von Giften, insbesondere des Ethanols an. Schallmayer schloss sich der Meinung Forels an, der Alkoholismus sei „eine Hauptquelle, wahrscheinlich sogar die Hauptquelle der fortschreitenden Entartungserscheinungen unserer Tage“ (Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker, S. 154), relativierte diese Meinung jedoch später. Daneben spielte für Schallmayer das Problem der Geisteskrankheiten für die Entartung eine besondere Rolle.

Rassehygiene, Rassenhygiene, Eugenik

Schallmayer sprach sich für einen neutraleren Begriff als den der Rassenhygiene aus, konnte sich aber nicht durchsetzen. Er sprach selber von „Rassehygiene“ statt „Rassenhygiene“, um sich von der zunehmenden typologischen Verwendung des Rassenbegriffs abzugrenzen, die vor allem mit der in Mode gekommenen Rezeption Gobineaus zusammenhing. So schlug er auch „Nationalbiologie“ (analog zu „Nationalökonomie“) vor. Er erwog außerdem, das von Francis Galton schon 1883 geprägte Wort Eugenik („Eugenics“) zu übernehmen. Schallmayer verstand unter Rassehygiene, im Unterschied zur „Personenhygiene“ den Teil der Hygiene, der sich mit den Erbanlagen befasst. Neben Rassehygiene verwendete er auch gerne das Wort „Rassedienst“, was für ihn dieselbe Bedeutung hatte.

In diesem Zusammenhang distanzierte sich Schallmayer vom „Nordischen Gedanken“ seines Kollegen Alfred Ploetz. Er vertrat im Gegensatz zu anderen Rassenhygienikern einen eher „moderaten Rassismus“.Sheila Faith Weiss: Race Hygiene and National Efficiency. The Eugenics of Wilhelm Schallmayer. University of California Press, 1987, S. 104, Fußnote 60: „My statement that Schallmayer was nonracist holds only for his views regarding the Aryan themes of the Gobineau school. To be sure, Schallmayer did hold racist views with respect to blacks, and to a much lesser degree, Asians — a subject treated in the next chapter. It should be pointed out, however, that even with respect to the latter two groups, his racism was quite moderate compared to most of his contemporaries, especially his fellow eugenicists.“

Für die „Lehre von den Bedingungen, unter denen eine Bevölkerung sich günstige Erbanlagen erhält und sie vermehrt“ führte er die Bezeichnung Sozialeugenik ein.Vererbung und Auslese als Faktoren zu Tüchtigkeit und Entartung der Völker, 1907, S. 11. In seiner Preisschrift Vererbung und Auslese im Leben der Völker (1903) kritisierte er die öffentliche Gesundheitspflege wegen ihrer negativen Wirkungen auf die Eugenik und sprach darin explizit von der „Auslesewirkung der Kindersterblichkeit“.Sigrid Stöckel: Säuglingsfürsorge zwischen sozialer Hygiene und Eugenik: das Beispiel Berlins im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Berlin 1996, S. 48.

Rezeption