mini|Generalstaatsanwalt Fritz Bauer Fritz Bauer (* 16. Juli 1903 in Stuttgart; † 1. Juli 1968 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Jurist. Mit seinem Namen und Wirken als Generalstaatsanwalt in Hessen von 1956 bis 1968 verbinden sich insbesondere die positive Neubewertung des Attentats vom 20. Juli 1944 im Remer-Prozess, die Verhaftung Adolf Eichmanns durch den israelischen Geheimdienst Mossad und die Frankfurter Auschwitzprozesse, aber auch umfangreiche Ermittlungen gegen Beschuldigte aus der Berliner NS-„Euthanasie“-Zentrale.Peter Sandner: Die „Euthanasie“-Prozesse in Frankfurt 1946-1987. Institut für Stadtgeschichte (Frankfurt am Main), 1. Januar 2006.Peter Schwarz: Der Gerichtsakt Georg Renno als Quelle für das Projekt Hartheim. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands 1999, S. 80–92.

Leben und Wirken

Frühes Leben Fritz Bauer wurde als Sohn liberaler jüdischer Eltern geboren, verstand sich selbst aber als Atheist. Sein Vater war der Textilgroßhändler Ludwig Bauer, seine Mutter Ella Bauer, geborene Hirsch. In Stuttgart und Tübingen wuchs er mit seiner drei Jahre jüngeren Schwester Margot in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Er studierte nach dem Besuch des Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums Rechtswissenschaft in Heidelberg, München und Tübingen. Während seiner Studienzeit engagierte er sich in einer liberalen jüdischen Studentenverbindung, vor allem in politischen Debatten.Ronen Steinke: Fritz Bauer. Oder Auschwitz vor Gericht. München 2013, S. 56–65David Rüschenschmidt: Fritz Bauer (1903–1968). In: Manfred Blänkner, Axel Bernd Kunze: Rote Fahnen, Bunte Bänder. Korporierte Sozialdemokraten von Lassalle bis heute. Mit einem Vorwort von Erhard Eppler, Bonn 2016, S. 65–73 Nach seiner Promotion Die rechtliche Struktur der TrusteRonen Steinke: Fritz Bauer. Oder Auschwitz vor Gericht. München 2013, S. 71 zum Dr. jur. bei Karl Geiler wurde Bauer 1928 Gerichtsassessor beim Amtsgericht Stuttgart und bereits zwei Jahre später jüngster Amtsrichter in der Weimarer Republik.

Politische Aktivitäten und Haft während der Zeit des Nationalsozialismus Von früh an war Bauer politisch aktiv. Er war Mitgründer des Republikanischen Richterbundes in Württemberg. Bereits 1920 trat er der SPD bei und übernahm 1931 den Vorsitz der Ortsgruppe Stuttgart des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold.Ronen Steinke: Fritz Bauer. Oder Auschwitz vor Gericht. München 2013, S. 88 f. Im Zusammenhang mit Planungen zu einem gegen die Machtergreifung der Nationalsozialisten gerichteten Generalstreik wurde Bauer am 23. März 1933 festgenommen, acht Monate im KZ Heuberg und im KZ Oberer Kuhberg inhaftiert und Ende 1933 wieder aus der Haft entlassen.

Im Frühjahr 1933 erhielt erstmals ein Journalist der internationalen Presse von den deutschen Behörden die Erlaubnis zur Besichtigung eines KZs. Edmond Taylor konnte als Sonderberichterstatter der Chicago Daily Tribune das KZ Heuberg mit seinen damals 1.800 Gefangenen unter „Führung“ des Lagerkommandanten Max Kaufmann besuchen. Hierbei war es ihm möglich, „einzelne Gefangene in französischer und englischer Sprache zu befragen, die von der kontrollierenden S. A.-Mannschaft nicht verstanden wurde“. Er schrieb über seine Eindrücke einen längeren Artikel, in dem er auch Fritz Bauer erwähnt:

Die württembergischen NS-Machthaber veröffentlichten in mehreren Zeitungen ein angeblich von acht Sozialdemokraten unterzeichnetes „Treuebekenntnis“. Unter den aufgeführten Unterzeichnern ist ein „Fritz Hauer“. Ein Sozialdemokrat namens Fritz Hauer ist unbekannt, ebenso wie ein Insasse des KZ Oberer Kuhberg mit diesem Namen. Vermutlich handelt es sich bei der Veröffentlichung des „Treuebekenntnisses“ um einen Druck- bzw. Setzfehler, und es wird angenommen, dass der vorgebliche Unterzeichner der Häftling Fritz Bauer ist. Bei der Haftentlassung aus den frühen KZ nötigten SS-, SA- und andere Stellen den zur Entlassung vorgesehenen Häftlingen eine Loyalitätserklärung – einen Revers – ab. Dies wird auch im Falle Fritz Bauers und seiner mitinhaftierten Genossen angenommen, wobei der Wortlaut der abverlangten Erklärung nicht bekannt ist. Die Nationalsozialisten machten aus dem Vorgang zu propagandistischen Zwecken ein „Treuebekenntnis einstiger Sozialdemokraten“, um ihre politischen Gegner zu entehren. Aus dem Staatsdienst wurde Bauer auf der Basis des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entlassen.Rudolf Walther: Erinnerung an einen Unvergessenen. Neues Deutschland, 26. Juli 2014, S. 17

1936 emigrierte er nach Dänemark. Nach der deutschen Besetzung entzogen ihm die dänischen Behörden im April 1940 die Aufenthaltsbewilligung und internierten ihn für drei Monate in einem Lager. Zu seinem Schutz heiratete er im Juni 1943 formal die dänische Kindergärtnerin Anna Maria, geborene Petersen. Im Oktober 1943, als die Nationalsozialisten mit der Deportation der dänischen Juden in das KZ Theresienstadt begannen, tauchte er unter und wurde im Rahmen der Rettung der dänischen Juden mit Unterstützung einheimischer Helfer nach Schweden übergesetzt. Dort arbeitete er als Archivgehilfe und gründete mit Willy Brandt und anderen die Zeitschrift Sozialistische Tribüne.

Die dänische Fremdenpolizei verdächtigte Bauer, mit männlichen Prostituierten Umgang zu haben, was in einer Ausstellung des Fritz-Bauer-Instituts thematisiert wurde, die erstmals 2014 im Jüdischen Museum in Frankfurt am Main zu sehen war. Seitdem wird Bauer als Homosexueller kategorisiert, obwohl er sich weder dazu bekannt hat noch eindeutige Belege hierfür vorliegen.

Tätigkeit als Generalstaatsanwalt in der Bundesrepublik Deutschland mini|Auf Initiative Bauers angebrachter Artikel 1 Satz 1 Grundgesetz am Gebäude der Frankfurter Staatsanwaltschaft.

1949 kehrte Bauer nach Deutschland zurück, wurde Landgerichtsdirektor am Landgericht Braunschweig und 1950 Generalstaatsanwalt beim Oberlandesgericht ebendort. 1956 wurde er auf Initiative des Ministerpräsidenten Georg-August Zinn in das Amt des hessischen Generalstaatsanwalts mit Sitz in Frankfurt am Main berufen, das er bis zu seinem Tod 1968 innehatte.

Remer-Prozess Einer seiner ersten Fälle als Generalstaatsanwalt in Braunschweig machte ihn auch außerhalb Deutschlands bekannt: 1952 war er der Ankläger im so genannten Remer-Prozess. Bauer prägte dabei den Satz: „Ein Unrechtsstaat, der täglich Zehntausende Morde begeht, berechtigt jedermann zur Notwehr.“Erardo Cristoforo Rautenberg: In: Wochenzeitung Die Zeit, Hamburg, Nr. 47, 13. November 2014, S. 17 Infolge dieses Prozesses wurden die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 rechtlich und moralisch rehabilitiertTyrannenmord als Notwehr. Fritz Bauers Plädoyer im Remerprozess 1952. Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, 10. Juli 2024. und ihr Versuch, Hitler zu töten, legitimiert. Das Gericht schloss sich Bauers Auffassung in seinem Plädoyer an, der NS-Staat sei „kein Rechtsstaat, sondern ein Unrechtsstaat“ gewesen.LG Braunschweig, Urteil vom 15. März 1952 - 1 K Ms 13/51, zitiert nach: Lenz, Friedrich (1953): Der ekle Wurm der deutschen Zwietracht: politische Probleme rund um den 20. Juli, 1944. Selbstverlag. Die Anklageschrift und das Plädoyer Bauers sind abgedruckt in: Monika Nöhre (Hrsg.): Zerstörte Rechtskultur. Vorträge im Berliner Kammergericht. Berlin 2013, S. 45 ff.

Verhaftung Adolf Eichmanns Im Jahr 1957 informierte Fritz Bauer den Leiter der Israel-Mission in Köln, und damit den israelischen Geheimdienst Mossad, über den Wohnort Adolf Eichmanns in Argentinien, nachdem er diesen von dem in Argentinien lebenden ehemaligen KZ-Häftling Lothar Hermann erfahren hatte. Bauer misstraute der deutschen Justiz und Polizei – er befürchtete, man werde Eichmann von dort aus warnen – und wandte sich früh direkt an Israel. Der israelische Fotograf und Mossad-Agent Michael Maor fotografierte 1960 heimlich die Unterlagen von Bauer. Diese Mitteilung war ein wichtiger erster Anstoß für Eichmanns Ergreifung 1960. Zum Hintergrund dieses Vorgangs gehört, dass Bauers Antrag, die deutsche Bundesregierung möge sich um die Auslieferung Eichmanns in die Bundesrepublik bemühen, von der Regierung sofort abgelehnt worden war.Irmtrud Wojak: Fritz Bauer 1903–1968. Eine Biographie. München 2009, S. 302

Der entscheidende Hinweis samt Belegen auf Eichmanns Aufenthaltsort in Buenos Aires, der durch Bauers Vermittlung den Zugriff des Mossad auslöste, stammte indessen von dem deutschen Geologen und Historiker Gerhard Klammer, dem Adolf Eichmann zwischen 1950 und 1953 bei einer Baufirma in der Provinz Tucumán im Nordwesten Argentiniens als „Landvermesser“ zugearbeitet hatte. Bei einem weiteren Argentinien-Aufenthalt Klammers im Herbst 1959 kam es zu einer Zufallsbegegnung mit Eichmann an dessen neuer Wirkungsstätte in Buenos Aires, bei der Klammer Kenntnis von Eichmanns genauem Aufenthaltsort erlangte. Unter Mitwirkung von Göttinger Studienfreunden und des ersten evangelischen Militärbischofs der Bundeswehr Hermann Kunst gelangte diese Information samt Belegen im November 1959 an Fritz Bauer. Als Bauer dem Mossad im Dezember 1959 in Jerusalem Klammers Belege übermittelte, ohne seinen Informanten preiszugeben, ordnete David Ben Gurion kurz darauf die Ergreifung Eichmanns an.Bettina Stangneth, Willi Winkler: Der Mann, der Adolf Eichmann enttarnte, in Süddeutsche Zeitung, Nr. 192. 21./22. August 2021, S. 11–13.

Frankfurter Auschwitz-Prozess Im Jahr 1958 wurde auf Bauers Initiative hin ein Konvolut von 100 000 Fahndungsakten nicht ans Bundesarchiv, sondern an die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen übergeben, um die weitere strafrechtliche Verfolgung von NS-Verbrechen zu ermöglichen bzw. zu erleichtern. Die Vereinten Nationen (UNO) übergaben dorthin eine Fahndungsliste mit 30 000 neuen Tatverdächtigen.Knud von Harbou: Schmerzliches Vermächtnis in Süddeutsche Zeitung. 11. Oktober 2021, S. 15

1959 erreichte Bauer, dass der Bundesgerichtshof die „Untersuchung und Entscheidung“ in der Strafsache gegen Auschwitz-Täter dem Landgericht Frankfurt am Main übertrug. Auf Weisung Bauers leitete die dortige Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen vormalige Angehörige und Führer der SS-Wachmannschaft des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz ein. Der erste Auschwitzprozess in Westdeutschland, die „Strafsache gegen Mulka u. a.“, wurde schließlich im Dezember 1963 gegen 22 Angeklagte vor dem Landgericht Frankfurt eröffnet.

Innerhalb der bundesdeutschen Nachkriegsjustiz war Bauer wegen seines Engagements umstritten, hatten doch die meisten damaligen Juristen in der Zeit zuvor schon der NS-Diktatur gedient. Er selbst soll einmal gesagt haben: „In der Justiz lebe ich wie im Exil.“Rudolf Wassermann: Fritz Bauer (1903–1968). In: Peter Glotz und Wolfgang R. Langenbucher (Hrsg.): Vorbilder für Deutsche. Korrektur einer Heldengalerie. München, Zürich 1974, S. 296 Medien zitierten ihn ebenfalls mit dem Satz: „Wenn ich mein [Dienst-]Zimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland.“

NS-Krankenmorde

Bauer ließ zusammen mit der 1958 in Ludwigsburg eingerichteten Zentralen Stelle der deutschen Landesjustizverwaltungen und österreichischen Behörden auch gegen Verantwortliche der Aktion T4 ermitteln.

Die Verfahren gegen Georg Renno und Werner Heyde kamen jedoch wegen dauernder Verhandlungsunfähigkeit bzw. Suizid der Angeklagten nicht zustande.

Öffentliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus