Ein Placebo oder Plazebo (von lateinisch placebo „ich werde gefallen“) oder Scheinmedikament ist ein Arzneimittel, das keinen relevanten Arzneistoff enthält und auch keine spezifische bzw. eigenständige pharmakologische Wirkung hat, die dadurch verursacht werden könnte. Im erweiterten Sinn werden auch andere Heilmittel als Placebos bezeichnet, beispielsweise „Scheinoperationen“.

Placebos dienen als Kontrollsubstanz in der klinischen Forschung, um in kontrollierten Studien Scheineffekte der Medikamenteneinnahme zu kontrollieren. Placebo-Medikamente werden somit in placebokontrollierten klinischen Studien eingesetzt, um die medizinische/pharmakologische Wirksamkeit verschiedener, jeweils als Verum bezeichneter Verfahren möglichst genau erfassen zu können, idealerweise in randomisierten Doppelblindstudien.Placeboeffekte und ihr Einsatz in der medizinischen Praxis. Online-Ausgabe der Medical Tribune. .

Die Anwendung von Placebos zur Behandlung von Krankheitssymptomen ist insbesondere dann ethisch umstritten, wenn sie nicht auf einer informierten Einwilligung beruht.

Placeboeffekte sind positive Veränderungen des Gesundheitszustandes, die durch eine Behandlung mit Placebo hervorgerufen werden. Im verallgemeinernden Sinn bezeichnet man so auch Wirkungen von Behandlungen, die zwar keine Scheinbehandlungen sind, aber den jeweiligen Effekt letztlich nur auf dem gleichen Weg wie ein Placebo hervorrufen können.Thure von Uexküll, Wolf Langewitz: Das Placebo-Phänomen. In: Psychosomatische Medizin: Modelle ärztlichen Denkens und Handelns. Urban & Fischer bei Elsevier, 2008, S. 311 ff. (). Das Gegenstück zum Placeboeffekt ist der Nocebo-Effekt. Dies sind unerwünschte Wirkungen, die bei scheinbaren Schadmitteln auftreten, die keinen Schadstoff enthalten (z. B. elektrosensible Reaktion, auch wenn der Mobilfunksender ausgeschaltet ist).

Die Wirkung von Placebos wird mit psychosozialen Mechanismen erklärt, etwa der Beeinflussung chemischer Überträgerstofe im Gehirn, die für die Schmerzvermittlung verantwortlichHans-Christoph Diener: Migräne. Hinweise und Ratschläge für Patienten. Edition Medizin (VCH Verlagsgesellschaft), Weinheim / New York 1987, ISBN 3-527-15353-5, S. 68. sind. Auch die teilweise berichtete Wirksamkeit einiger alternativmedizinischer Verfahren wird auf den Placeboeffekt zurückgeführt. Auch bei „herkömmlichen“ Behandlungen sind Wirkungen teilweise mit dem Placeboeffekt erklärbar und teils setzen Ärzte sie sogar gezielt als Placebos ein. Ob und in welchen Anwendungsgebieten es einen Placeboeffekt wirklich gibt, ist jedoch nach wie vor umstritten.

Etymologie mini|Seite aus den Très Riches Heures zur Totenandacht. Inschrift im Bildrahmen: Placebo, dann folgt Vers 1 aus Psalm 116 bzw. 114.Dilexi quoniam exaudiet DNS [= Dominus] voce[m] ora[tionis meae] ist Psalm 114, Vers 1 im Psalterium Gallicanum. Wörtliche Übersetzung: „Ich habe mich gefreut, weil der Herr die Stimme meines Gebets erhören wird.“ Übersetzung nach Luther: „Das ist mir lieb, dass der Herr meine Stimme und mein Flehen hört“ .

Der Begriff Placebo entstammt einer freien Übersetzung von Psalm 116 (nach der Zählung in der griechischen Septuaginta und in der lateinischen Vulgata ist es Psalm 114). Vers 9 lautet in Luthers wörtlicher Übersetzung des hebräischen Textes: „Ich werde wandeln vor dem Herrn im Lande der Lebendigen“ . Dem entspricht die lateinische Übersetzung deambulabo coram Domino in terris viventium des Kirchenvaters Hieronymus in der Vulgata.

Im Septuaginta-Psalter, der altgriechischen Übersetzung des Buchs der Psalmen, wurde dagegen das hebräische Verb für „gehen“ oder „wandeln“ nicht wortwörtlich, sondern in übertragener Bedeutung übersetzt. Die deutsche Übersetzung dieser Version lautet: „Ich werde dem Herrn gefallen im Lande der Lebenden.“ Im Psalterium Gallicanum des Hieronymus (einer lateinischen Übersetzung, die von der griechischen Septuaginta ausging) lautet der Vers entsprechend: placebo Domino in regione vivorum.Psalm 114 im Psalterium Gallicanum, siehe 114:9.

Mit diesem Placebo-Wortlaut ging der Vers in die lateinische Liturgie ein. Seit dem 13. Jahrhundert war Placebo eine Bezeichnung für die Vesper beim Totenoffizium, so genannt nach dem ersten Wechselgesang (Antiphon) bei der Totenvesper, der mit den Worten Placebo Domino in regione vivorum begann.placebo. In: Online Etymology Dictionary (englisch).

Die abschätzige Redensweise „jemandem ein Placebo singen“ beruht wahrscheinlich darauf, dass der Wechselgesang bei der Totenandacht im späten Mittelalter auch von bezahlten Sängern und nicht mehr nur von den Trauernden selbst angestimmt werden konnte. Das Placebo galt somit als etwas Scheinheiliges, eine schmeichlerische und unechte Ersatzleistung.

Im 18. Jahrhundert schließlich wurde Placebo zum Bestandteil des medizinischen Wortschatzes in der gängigen Bedeutung. Die erste lexikalische Definition des Wortes gab George Motherby in A New Medical Dictionary; or, General Repository of Physics (1775).

Im Englischen ist der Begriff placebo effect seit 1900 belegt.

Definitionen Placebo Nach klassischer Definition ist ein Placebo ein Präparat, welches in einer für Medikamente üblichen Darreichungsform hergestellt wird, jedoch keine arzneilich wirksamen Inhaltsstoffe enthält.

In der Medizin wird zwischen verschiedenen Typen unterschieden:I. Boutron, C. Estellat u. a.: Methods of blinding in reports of randomized controlled trials assessing pharmacologic treatments: a systematic review. In: PLoS medicine. Bd. 3, Nr. 10, Oktober 2006, S. e425, doi:10.1371/journal.pmed.0030425. PMID 17076559, (Review). Echte oder reine Placebos Damit werden Scheinmedikamente bezeichnet, die nur Zucker oder Stärke enthalten. Auch Hilfsstoffe wie Geschmackskorrigentien oder Farbstoffe können enthalten sein. In diese Kategorie gehören auch spezielle Placebo-Akupunkturnadeln, die nicht durch die Haut stechen, sondern in den Nadelhalter einfahren. Der Nadelhalter bleibt dann auf der Haut kleben. Aktive Placebos Für besondere klinische Prüfungen werden aktive Placebos als Kontrolle eingesetzt. Sie haben nicht die Wirkung des Medikaments, sondern ahmen nur dessen Nebenwirkungen nach.F. M. Quitkin: Placebos, drug effects, and study design: a clinician’s guide. In: The American journal of psychiatry. Bd. 156, Nr. 6, Juni 1999, S. 829–836. PMID 10360119 (Review). Sie kommen zum Einsatz, um bei Versuchsleitern und Probanden den Eindruck zu verstärken, es handele sich beim Prüfpräparat um das Verum, oder um zu verhindern, dass durch Kenntnis der Nebenwirkungen die Untersuchungsbedingung erraten werden könnte („Entblindung“).Placebo in der Medizin. Herausgegeben von der Bundesärztekammer auf Empfehlung ihres Wissenschaftlichen Beirats, 2011, ISBN 978-3-7691-3491-9, S. 7. Ein Beispiel ist die Untersuchung von Gabapentin und Morphin zur Behandlung neuropathischer Schmerzen, wo als aktives Placebo niedrig dosiertes Lorazepam verabreicht wurde: zwar wirkt es nicht schmerzstillend, verfügt aber mit Schläfrigkeit und Schwindel über die gleichen Nebenwirkungen. Pseudoplacebos Es sind Medikamente, die jedoch im konkreten Anwendungsfall nach aktueller wissenschaftlicher Erkenntnis nicht wirken können, weil entweder die verabreichte Dosis zu niedrig ist oder das Wirkungsspektrum keinen spezifischen Einfluss auf die bestehende Krankheit hat. Wiesing bezeichnet alle „wissenschaftlich bemäntelten“ Verfahren, die ohne eine wissenschaftliche Überprüfung vorgeben, wirksam zu sein, als Pseudoplacebos.U. Wiesing: Wer heilt, hat Recht?: über Pragmatik und Pluralität in der Medizin. Schattauer Verlag, 2004, ISBN 3-7945-2304-0, S. 92 ().

Placeboeffekt, Placeboantwort und Placebowirkung Placeboeffekte sind alle positiven psychischen und körperlichen Reaktionen, die nicht auf die spezifische Wirksamkeit einer Behandlung zurückzuführen sind, sondern auf den psychosozialen Kontext der Behandlung.F. Benedetti, H. S. Mayberg u. a.: Neurobiological mechanisms of the placebo effect. In: The Journal of neuroscience. Bd. 25, Nr. 45, November 2005, S. 10390–10402, doi:10.1523/JNEUROSCI.3458-05.2005. PMID 16280578 (Review).

Die Begriffe Placeboeffekt und Placeboantwort (englisch placebo response) werden häufig synonym verwendet. Enck unterscheidet zwischen den Begriffen, indem er „Placeboeffekt“ im Sinne des Placeboeffektes bei klinischen Studien definiert, wo unter dem Begriff alle Faktoren zusammengefasst sind, die neben der spezifischen Wirksamkeit eines untersuchten Medikaments Einfluss auf das Untersuchungsergebnis haben, wie Regression zum Mittelwert, natürlicher Krankheitsverlauf, Spontanremission und schließlich die wahre Placeboantwort. Die Placeboantwort beschreibt danach die individuelle Reaktion auf eine Behandlung, die auf Grund von psychosozialen Faktoren, wie Suggestion / Erwartungshaltung und Konditionierung ausgelöst wird.P. Enck, S. Zipfel, S. Klosterhalfen: Der Placeboeffekt in der Medizin. In: Bundesgesundheitsblatt. Juni 2009, Bd. 52, Nr. 6, S. 635–642, doi:10.1007/s00103-009-0849-x Ein gut dokumentiertes Beispiel für solche Placeboantworten ist die Genesung von Verhaltensauffälligkeiten oder -störungen durch ein plötzliches (un)erwartetes Ereignis – ein Traum, eine Vision, ein Blitzschlag u. ä. –, das in traditionellen Gesellschaften als „Berufung durch die Geister“ zum Schamanen gedeutet wird.Dorothea Kupferschmidt-Neugeborn: „Heal into time and other people.“ Schamanismus und analytische Psychologie in der poetischen Wirkungsästhetik von Ted Hughes. 1. Auflage. Gunter Narr Verlag, Tübingen 1995, ISBN 3-8233-5027-7, S. 62–67.

Mehrere Metaanalysen verschiedener Autoren, die die bestehende Literatur zum Placeboeffekt überprüften, kamen zu dem Schluss, dass die beobachteten Effekte hinsichtlich des Placeboeffektes nicht den strengen wissenschaftlichen Kriterien genügen. Es wurde festgestellt, dass häufig fälschlicherweise die Reaktion, die in der Placebogruppe einer klinischen Studie zu beobachten ist, mit dem Placeboeffekt gleichgesetzt wird. Dabei lassen sich die beobachteten Effekte meist durch Faktoren erklären, die nicht im Zusammenhang mit der Placebogabe stehen. Dazu zählen: der natürliche Krankheitsverlauf, spontane Verbesserungen, Regression zum Mittelwert, zusätzliche Behandlungen und weitere nicht spezifische Effekte.G. S. Kienle, H. Kiene: The powerful placebo effect: fact or fiction? In: Clin Epidemiol. Bd. 50, 1997, S. 1311–1318. doi:10.1016/S0895-4356(97)00203-5.E. Ernst: Concept of true and perceived placebo effects. In: BMJ. Bd. 311, 1995, S. 551–553.

Einige Autoren benutzen den Begriff „Placebowirkung“ und definieren ihn als Wirkung des Kontextes der Placebogabe. Sie wollen damit hervorheben, dass Placebos selbst keine Wirkung haben, sondern die Ursache Kontextfaktoren bei der Gabe sind.

Noceboeffekt

Noceboeffekte sind, im Gegensatz zu Placeboeffekten, alle negativen körperlichen Reaktionen, die nicht auf die Wirkungen oder Nebenwirkungen einer Behandlung zurückzuführen sind, sondern auf den psychosozialen Kontext der Behandlung. Von Noceboeffekten zu unterscheiden sind Unverträglichkeitsreaktionen wie Allergien, die durch bestimmte Bestandteile (pharmazeutische Hilfsstoffe) des Placebos verursacht sind.

Weitere Verwendung des Begriffs Anfang 2015 wurde nach Forschungen an der positiven Reaktion von Hirnstrukturen auf Produkte, deren Eigenschaften unzutreffend mit lobenden Werbebotschaften oder hochpreisiger Qualität verknüpft worden waren, auch von einem Marketing-Placebo gesprochen.Teurer gleich besser? Bestimmte Hirnstrukturen machen uns anfälliger gegenüber „Marketing-Placebos“. scinexx.de (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, 22. Januar 2015). Nach: Hilke Plassmann, Bernd Weber: Individual Differences in Marketing Placebo Effects: Evidence from Brain Imaging and Behavioral Experiments. In: Journal of Marketing Research. Nr. 4, 2015, S. 493–510, doi:10.1509/jmr.13.0613.

Die Geschichte des Placebos