mini|hochkant|Alexej von Jawlensky: Selbstporträt, 1912 zentriert|hochkant=.7|rahmenlos

Alexej von Jawlensky (ursprünglich Alexei Georgijewitsch Jawlenski; , wiss. Transliteration ; auf deutschen Personenstandsurkunden Alexis (von) Javlensky, * Das julianische Datum 13. März entsprach im 19. Jahrhundert dem gregorianischen Datum 25. März, ab 1900 jedoch dem 26. März. Häufig wird deshalb fälschlich das letzte Datum als Geburtsdatum Alexej Jawlenskys angegeben.Das Geburtsdatum 13. März 1865 wird im Antrag auf Zulassung zur Petersburger Kunstakademie im Jahre 1890 angegeben, siehe: Anton Tuchta: Die Ursprünge der Kreativität in einem kleinen Land (Ein paar Seiten aus dem Leben des Künstlers Alexej Jawlensky). (PDF; 948 kB) Nelidowo, 8. Februar 2010, S. 89–93 (russisch). Dasselbe Geburtsdatum geht aus seinem amtlichen Dienstzeugnis vom 31. Dezember 1894 hervor. Es befindet sich im Russischen militärgeschichtlichen Archiv in Moskau. Die Kenntnis dieses Dokuments ist der russischen Kunsthistorikerin Irina Dewjatjarowa, Museum Omsk, zu verdanken. Privatarchiv für expressionistische Malerei, Wiesbaden. oder 1864Jawlensky selbst bezieht sich in seinen Erinnerungen immer auf das Geburtsjahr 1864. Alexej von Jawlensky, 1937. In: Erinnerungen. Zit. n. Clemens Weiler: Jawlensky, Köpfe, Gesichte, Meditationen. Hanau 1970.Heiratsurkunde Nr. 607/1922 StA WiesbadenSterbeurkunde Nr. 548/1941 StA Wiesbaden in Kuzlovo, Gouvernement Twer, Russisches Kaiserreich; † 15. März 1941 in Wiesbaden) war ein russisch-deutscherIm Juli 1934 erhielt Jawlensky die deutsche Staatsbürgerschaft. Vgl.: Tayfun Belgin: Alexej von Jawlensky, Eine Künstlerbiographie. Heidelberg 1998, S. 130. Maler, der auch in der Schweiz und in Deutschland wirkte.

Jawlensky zählt als Maler des Expressionismus zum Umfeld der von Wassily Kandinsky und Franz Marc initiierten Künstlergemeinschaft Der Blaue Reiter. Ab 1924 bildete er mit den Bauhaus-Meistern Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky und Paul Klee die Ausstellungsgemeinschaft Die Blaue Vier.

Biographie Jawlenskys Geburtsjahr Für Jawlenskys Geburtsjahr existieren mehrere Versionen. Zum Beispiel „steht auf dem Anmeldeschein in München […] 1866, korrigiert zu 1864!“Jelena Hahl-Fontaine: Jawlensky und Rußland. Die Akademiezeit und des Künstlers tatsächliches Geburtsjahr. In: Ausst.-Kat.: Alexej von Jawlensky, Die wiederaufgefunden Aquarelle, Das Auge ist der Richter, Aquarelle-Gemälde-Zeichnungen. Museum Folkwang, Essen 1998, S. 40. Eine andere Darstellung wollte 1924 glauben machen, Jawlensky habe erst ein Jahr später – nämlich 1867 – das Licht der Welt erblickt.Hans Hildebrandt: Die Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Wildpark-Potsdam 1924, S. 375. Seit der großen Monografie von 1959 von Clemens Weiler, des ersten Jawlensky-Biografen, verfestigte sich die Vorstellung, 1864 sei Jawlenskys Geburtsjahr gewesen. Ohne Belege leitete er sein Buch mit den Worten ein: „Alexej Georgewitsch Jawlensky wurde am 13. März 1864 alten Stils […] geboren.“Clemens Weiler: Alexej Jawlensky. Köln 1959, S. 13. Weilers Meinung schlossen sich – ohne irgendwelche Argumente zu nennen – zum Beispiel auch die Autorinnen des Jawlensky-Werkverzeichnisses 1991 an.Maria Jaw-lensky, Lucia Pieroni-Jawlensky and Angelica Jawlensky (Hrsg.): Alexej von Jawlensky, Catalogue Raisonné of the oilpaintings. Band 1, München 1991, S. 11.

Erst nahezu vierzig Jahre nach Weiler gab es 1998 begründeten Widerspruch durch die Autorin Jelena Hahl-Fontaine. Sie erläuterte, nachdem sie im „Zentralen Staatlichen Militärhistorischen Archiv in Moskau“ Recherchen angestellt hatte: „Die meisten Tatsachen […] sprechen seit neuestem für das Jahr 1865.“Jelena Hahl-Fontaine: Jawlensky und Rußland. Die Akademiezeit und des Künstlers tatsächliches Geburtsjahr. In: Ausst.-Kat.: Alexej von Jawlensky, Die wiederaufgefunden Aquarelle, Das Auge ist der Richter, Aquarelle-Gemälde-Zeichnungen. Museum Folkwang, Essen 1998, S. 40. Dazu führt sie aus, dass Jawlensky zur Aufnahmeprüfung an der Akademie in Sankt Petersburg verschiedene Dokumente vorlegte, unter anderem „auch eine beglaubigte Kopie seiner Geburtsurkunde. Außerdem mußte er gleichzeitig ein Formular ausfüllen, wo er eigenhändig nochmals sein Geburtsdatum eintrug […] 13. März 1865.“Jelena Hahl-Fontaine: Jawlensky und Rußland. Die Akademiezeit und des Künstlers tatsächliches Geburtsjahr. In: Ausst.-Kat.: Alexej von Jawlensky, Die wiederaufgefunden Aquarelle, Das Auge ist der Richter, Aquarelle-Gemälde-Zeichnungen. Museum Folkwang, Essen 1998, S. 38. Als flankierende Maßnahme konsultierte Hahl-Fontaine Militärdienstlisten von Jawlenskys Vater, Georgi Nikiforowitsch Jawlensky (26. April 1826 bis 6. März 1885) und fand dort Alexejs Geburtsdatum mit „13. März 1865“Jelena Hahl-Fontaine: Jawlensky und Rußland. Die Akademiezeit und des Künstlers tatsächliches Geburtsjahr. In: Ausst.-Kat.: Alexej von Jawlensky, Die wiederaufgefunden Aquarelle, Das Auge ist der Rich-ter, Aquarelle-Gemälde-Zeichnungen. Museum Folkwang, Essen 1998, S. 61, Anm. 7. bestätigt. Letztere Version fand 2004 Eingang in den Katalog der Wiesbadener Ausstellung „Jawlensky, Meine liebe Galka!“Volker Rattemeyer (Hrsg.): Biografie Alexej von Jawlensky. In: Ausst.-Kat.: Jawlensky, Meine liebe Galka! Museum Wiesbaden, Wiesbaden 2004, S. 272. Fünfzehn Jahre später – 2019 – wurde die Entdeckung von 1998 wieder rückgängig gemacht.Annegret Hoberg und Roman Zieglgänsberger: Eine Paarbiografie. Jawlensky und Werefkin – Gemeinsame und getrennte Wege. In: Ausst.-Kat.: Lebensmenschen – Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin. Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, München 2019, S. 20. Offensichtlich wusste Jawlensky selbst nie so genau, wann und wo er geboren wurde, denn er schrieb in seinen Lebenserinnerungen, den Leser irritierend: „Meine alte Amme Sikrida erzählte mir, daß ich in Torschok geboren sei oder in einem kleinen Ort in der Nähe von Torschok im Gouvernement Twer. Sie sagte: ‚Sie sind auf dem Weg geboren.‘“Alexej Jawlensky: Lebenserinnerungen. In: Clemens Weiler (Hrsg.): Alexej Jawlensky: Köpfe-Gesichte-Meditationen. Hanau 1970, S. 95. Diese Passage von Jawlenskys Lebenserinnerungen blieb von allen Autoren, die sich mit Jawlenskys Geburtsdatum auseinandersetzten, unberücksichtigt. Unberücksichtigt blieb auch, dass es im zaristischen Russland durchaus üblich war, durch Bestechungen an amtliche Papiere mit fingierten Daten wie zum Beispiel Geburtsurkunden oder Reisepässe zu gelangen. Der russische Maler Jehudo Epstein schildert diese frühere Praxis im Umgang mit Schmiergeld, sogenannten „Nehmungen“,Jehudo Epstein: Mein Weg von Ost nach West, Erinnerungen. Stuttgart 1929, S. 8 f. in seinem Buch „Mein Weg von Ost nach West“ sehr anschaulich.

In Russland 1864/1865–1896 Jawlensky wurde als fünftes Kind von sechs Geschwistern 1864 oder 1865 geboren. Sein Vater, Oberst Georgi Nikiforowitsch Jawlensky, starb, als der Sohn 17 oder 18Jawlensky selbst schreibt in seinen Erinnerungen, dass er mit 18 Jahren seinen Vater verlor. Alexej von Jawlensky, 1937. In: Erinnerungen. Zit. n. Clemens Weiler: Jawlensky, Köpfe, Gesichte, Meditationen. Hanau 1970, S. 99. Jahre alt war. Seine Mutter Alexandra Petrowna Medwedewa war die zweite Frau seines Vaters. Mit sechzehn Jahren lebte er mit der Familie in Moskau, mit dem Ziel Offizier zu werden. Auf der Allrussischen Industrie- und Kunstausstellung sah er 1882 in Moskau zum ersten Mal Gemälde, entdeckte seine Liebe zur Malerei und begann als Autodidakt seine malerischen und zeichnerischen Fähigkeiten durch Besuche an Sonn- und Feiertagen in der Tretjakow-Galerie zu schulen. Als Offizier erreichte er 1889 seine Versetzung von Moskau nach Sankt Petersburg. Nur dort konnte Jawlensky als mittelloser zaristischer Fähnrich beim Militär an Abenden die Russische Kunstakademie besuchen.

Auf der Akademie wurde er an Gipsen im Zeichnen ausgebildet. An dieser Anstalt lernte er 1890 den berühmten Vertreter des russischen Realismus, Ilja Repin (1844–1930) kennen. Von ihm erhielt er 1892 die Empfehlung, die Ölmalerei bei dessen ehemaliger Privatschülerin, der vermögenden Baronin Marianne von Werefkin (1860–1938), zu erlernen. Sie hatte damals in Russland als Malerin bereits beachtliche Erfolge erzielt, die ihr den Beinamen „Russischer Rembrandt“ eingebracht hatten. Sie vertraute ihrem Instinkt, dass Jawlensky bei entsprechender Förderung prädestiniert sei, ein bedeutendes künstlerisches Werk hervorzubringen. Aus der Zeit vor der Jahrhundertwende haben sich nur wenige seiner realistischen Bilder erhalten.

In Deutschland 1896–1914 1896 zog Werefkin mit Jawlensky und ihrem elfjährigen Dienstmädchen, Helene Nesnakomoff (1885–1965Hinsichtlich des Geburtsdatums der Helene Nesnakomoff gibt es zuweilen Irritationen. Ursächlich hierfür ist ein Identitätstausch, den Marianne von Werefkin vornehmen ließ, um Jawlensky vor einer möglichen Strafverfolgung zu schützen, da Helene bei der Geburt des gemeinsamen Sohnes erst 16-jährig war. Nach der Rückkehr aus Lettland meldete sie Helene mit dem Geburtsjahr und -ort ihrer vier Jahre älteren Schwester Maria in München an (Clemens Weiler: Marianne Werefkin, Briefe an einen Unbekannten 1901–1905. Köln 1960, S. 37 f., sowie: Bernd Fäthke: Marianne Werefkin. München 2001, S. 55 f., sowie: Brigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin. Die Russin aus dem Kreis des blauen Reiters. München 2010 (2), S. 76 f.). Auf Helenes Grabstein und in einigen Publikationen der Nachkommen Jawlenskys wird dagegen das 1902 „amtlich“ eingetragene Geburtsdatum ausgewiesen. s. ), nach München und mietete im Stadtteil Schwabing in der Giselastraße 23 im dritten Stock eine komfortable Doppelwohnung. Während Werefkin zugunsten von Jawlensky für zehn Jahre ihre eigene Malerei völlig aufgab, um sich ganz der Ausbildung ihres Schützlings zu widmen, vertraute sie seine malerische Weiterbildung dem Slowenen Anton Ažbe (1862–1905) an.Bernd Fäthke: Im Vorfeld des Expressionismus, Anton Ažbe und die Malerei in München und Paris. Wiesbaden 1988. Jawlensky war begeistert von dessen Schule, in der er eng mit seinen russischen Freunden Igor Grabar (1871–1960) und Dmitry Kardowsky (1866–1943) zusammenarbeitete. Ažbe hatte einen vorzüglichen Sinn für Farben, das Aufflimmern des Lichtes und pflegte eine „virtuose Maltechnik“. Auch die Künstler der Münchner Schule – Lovis Corinth (1858–1925), Wilhelm Leibl (1844–1900), Wilhelm Trübner (1851–1917), Carl Schuch (1846–1903) sowie Leo Putz (1869–1940) – waren für die Entwicklung Jawlenskys wichtig.

Ein charakteristisches Ölbild seiner von Ažbe beeinflussten Stilphase ist das im Bild signierte und 1900 datierte Porträt Helene fünfzehnjährig (CR 13) des Dienstmädchens seiner Lebensgefährtin, Helene Nesnakomoff. Diese brachte zwei Jahre später, mit 16, den gemeinsamen Sohn Andreas zur Welt. Es handelt sich um ein Schwellenbild, nicht nur in maltechnischer Hinsicht. Auch stilistisch weist es mit seinen im „Lenbachbraun“ gehaltenen Farbtönen janusköpfig zurück auf seine vorausgegangenen realistischen Gemälde (CR 7, 8, 11), um gleichzeitig den Anfang zu weiterem „Arbeiten mit breiten Linien“ der kommenden Jahre zu markieren.

Eine erste Orientierung Jawlenskys in Richtung der Pariser Avantgarde markiert das Jahr 1902, als er begann, Stillleben und Landschaften im neoimpressionistischen Stil zu gestalten.Roman Zieglgänsberger: Horizont Jawlensky. Alexej von Jawlensky im Spiegel seiner künstlerischen Begegnungen 1900–1914. S. 33–36. 1903 reiste Jawlensky nach Paris. Sein Bild Das Waldhäuschen aus diesem Jahr bestätigt seine Auseinandersetzung mit der Kunst van Goghs, die ihn in den Jahren 1904 bis 1906 beschäftigte.