mini|Wassily Kandinsky, um 1913 rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.8|Unterschrift Wassily Kandinsky

Wassily KandinskyDie hier verwendete Namensschreibung Wassily Kandinsky entspricht der Eigenschreibweise des Künstlers in lateinischer Schrift. (, , wiss. Transliteration ; *  in Moskau, Russisches Kaiserreich;Wassily Kandinsky, Biography (englisch). † 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich) war ein russischer Maler, Grafiker und Kunsttheoretiker, der auch in Deutschland und Frankreich lebte und wirkte. Mit Franz Marc war er Begründer der Redaktionsgemeinschaft Der Blaue Reiter, die am 18. Dezember 1911 ihre erste Ausstellung in München eröffnete. Der Blaue Reiter ging aus der 1909 gegründeten Neuen Künstlervereinigung München (N.K.V.M.) hervor, in der Kandinsky zeitweise Vorsitzender war. In der Weimarer Republik war er als Lehrer am Bauhaus tätig.

Kandinsky war ein Künstler des Expressionismus und einer der Wegbereiter der abstrakten Kunst. Er hat sich als Schöpfer des ersten abstrakten Bildes der Welt bezeichnet, das aber möglicherweise mit der Angabe des Jahres 1910 statt 1913 vordatiert ist.Susanna Partsch: Die 101 wichtigsten Fragen zur modernen Kunst, Beck, München 2006, S. 48 Die neuere Forschung verweist darauf, dass im November 1906 die Malerin Hilma af Klint die erste Serie kleinformatiger abstrakter Bilder gemalt hat. Das großformatige Gemälde Die zehn Größten, Nr. 2, Kindheit, Gruppe I folgte 1907.Julia Voss: Die Thronstürmerin. FAZ.net, 18. April 2011 (mit Abbildungen der Vorstudie zu dem Zyklus Die zehn Größten von 1907, einer Tagebuchseite mit Zeichnungen von 1919, Der Schwan von 1920 und Foto der Künstlerin).

Leben und Werk Kindheit und Ausbildung mini|hochkant=0.8|Hafen von Odessa, 1898, Tretjakow-Galerie, Moskau

Wassily Kandinsky wurde in einer wohlhabenden Teehändlerfamilie in Moskau geboren, die aber bald nach Odessa zog. Der Vater, Wassily Silwestrowitsch Kandinsky, stammte aus Ostsibirien, die Mutter war die Moskauerin Lidija Tichejewa. Die Eltern trennten sich 1871, sodass er hauptsächlich von seiner Tante Jelisaweta Tichejewa erzogen wurde. Bis 1885 reiste er jedes Jahr mit seinem Vater in die Heimatstadt Moskau. Er erhielt Zeichen- und Malunterricht. Nach dem Abitur 1885 am humanistischen Gymnasium in Odessa begann er 1886 Rechtswissenschaften, Nationalökonomie und Ethnologie an der Lomonossow-Universität in Moskau zu studieren. Während des Studiums malte er und besuchte Kunstausstellungen.

1889 unternahm Kandinsky eine Expedition in das nördliche Ural-Gebirge, um dort das Rechtssystem der Syrjanen zu studieren. Ihn faszinierten die mythischen, abstrakten Bemalungen der Trommeln dieses Urvolkes. Der Einfluss dieser Eindrücke ist in Kandinskys Frühwerk deutlich zu erkennen.Die Magie Sibiriens. Wassily Kandinsky als Ethnograf und Schamane. kuenstlerfilm.ifa.de, abgerufen am 9. Dezember 2015. 1892 beendete er sein Studium mit dem juristischen Staatsexamen und heiratete seine Cousine Anna Tschemjakina. Im folgenden Jahr wurde er Assistent der juristischen Fakultät an der Moskauer Universität, promovierte mit der Dissertation Über die Gesetzmäßigkeit der Arbeiterlöhne und wurde zum Attaché der juristischen Fakultät ernannt.

1895 arbeitete Kandinsky als künstlerischer Leiter einer Druckerei in Moskau. Eine Berufung an die Kaiserliche Universität Dorpat lehnte er im Jahr 1896 ab, entschied sich für die Malerei und zog nach München, wo er zunächst von 1897 bis 1899 die private Malschule von Anton Ažbe besuchte und zum ersten Mal auf Alexej von Jawlensky traf.Kandinsky, Wassily in: Harald Olbrich (Hrsg.): Lexikon der Kunst. Architektur, Bildende Kunst, Angewandte Kunst, Industrieformgestaltung, Kunsttheorie. Band III: Greg–Konv. E. A. Seemann Verlag, Leipzig 2004, ISBN 3-86502-084-4, S. 623 f. Ab 1900 studierte er an der Kunstakademie München bei Franz von Stuck.Norbert Göttler: Der Blaue Reiter. Rowohlt, Reinbek 2008, S. 16 ff.

Gründung der Phalanx und Begegnung mit Gabriele Münter mini|hochkant|links|Bildnis Gabriele Münter, 1905, Lenbachhaus, München mini|Kandinskys im Jugendstil gestaltetes Plakat für die erste Ausstellung der Phalanx 1901 mini|Der Blaue Reiter, 1903 mini|Das bunte Leben, 1907, Lenbachhaus, München

1901 war er zusammen mit Wilhelm Hüsgen und anderen Künstlern einer der Gründer der Künstlergruppe Phalanx und Leiter der dazugehörigen „Schule für Malerei und Aktzeichnen“. Die Resonanz war allerdings so gering, dass der Ausstellungs- und Lehrbetrieb 1904 eingestellt werden musste. Während des Unterrichts dort begegnete er Gabriele Münter, die seine Lebensgefährtin wurde. Obwohl er in Russland schon verheiratet war, verlobte er sich 1903 beim Sommerurlaub in Kallmünz mit ihr. 1902 war Kandinsky zum ersten Mal in der Berliner Secession ausgestellt.

In den Jahren 1903 bis 1904 machte er Reisen nach Italien, in die Niederlande und nach Nordafrika, zudem Besuche in Russland. Ab 1904 war er im Salon d’Automne in Paris vertreten. 1906 bis 1907 verbrachte er in der französischen Stadt Sèvres bei Paris, wo er beispielsweise Das bunte Leben malte. Münter berichtete über den gemeinsamen Aufenthalt Aufschlussreiches:

Kandinsky war inzwischen trotz seines Auslandaufenthalts ordentliches Mitglied im Deutschen Künstlerbund geworden und nahm an dessen dritter Jahresausstellung 1906 im Großherzoglichen Museum in Weimar teil.Mitgliederverzeichnis im Katalog 3. Deutsche Künstlerbund-Ausstellung, Weimar 1906, S. 48 sowie die Abb. Altrussischer Ritter auf S. 77; . Nach ihrer Rückkehr 1908 nach München brach das Paar im Frühjahr nach Lana in Südtirol auf, wo beide immer noch im spätimpressionistischen Stil malten.

Murnau und die Neue Künstlervereinigung München mini|hochkant|links|Das Haus von Gabriele Münter in Murnau, das sogenannte „Russenhaus“. Foto von 2006 mini|hochkant|links|Wassily Kandinsky: Felsen, Holzschnitt 1909 (Mitgliedskarte der N.K.V.M.)

Für Kandinskys künstlerische Weiterentwicklung war Murnau am Staffelsee eine entscheidende Station. Dort kam es im Sommer 1908 für ihn und Münter zur bedeutungsvollen Zusammenarbeit mit Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky. „Unter dem stilistischen und maltechnischen Einfluss von Werefkin und Jawlensky“Bernd Fäthke: Werefkin und Jawlensky mit Sohn Andreas in der „Murnauer Zeit“. In Ausst. Kat.: 1908–2008. Vor 100 Jahren, Kandinsky, Münter, Jawlensky, Werefkin in Murnau, Murnau 2008, S. 54. wurden Münter und Kandinsky zu jenem „großen Sprung vom Naturabmalen mehr oder weniger impressionistisch zum Fühlen eines Inhalts, zum Abstrahieren zum Geben eines Extraktes“Johannes Eichner: Kandinsky und Gabriele Münter. Von Ursprüngen moderner Kunst, München 1957, S. 89. „inspiriert“.Brigitte Salmen, Annegret Hoberg: Um 1908. Kandinsky, Münter, Jawlensky und Werefkin in Murnau. In Ausst.Kat.: 1908–2008. Vor 100 Jahren, Kandinsky, Münter, Jawlensky, Werefkin in Murnau, Murnau 2008, S. 16. In kurzer Zeit entwickelten sich Kandinsky und Münter durch die weit fortschrittlicher malenden Kollegen zu expressionistischen Malern. In diesem Jahr lernte er Rudolf Steiner kennen, dessen damalige Theosophie und nachherige Anthroposophie sein späteres Schaffen inspirierte und beeinflusste.Becker, Kurt E.: Anthroposophie. Revolution von innen, Leitlinien im Denken Rudolf Steiners. Fischer, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-596-23336-4, S. 73.

mini|Murnau, Dorfstraße, 1908 Möglicherweise hatte sich nach dem ersten gemeinsamen Murnauer Aufenthalt das Verhältnis zwischen den beiden Malerpaaren kurzfristig getrübt. Vieles weist darauf hin, denn Weihnachten 1908 konzipierten Werefkin, Jawlensky, Adolf Erbslöh und Oscar Wittenstein im „rosafarbenen Salon“Valentine Macardé: Le renouveau de l’art picturale russe 1863–1914. Lausanne 1971, S. 135 f. der Werefkin allein die Idee, die Neue Künstlervereinigung MünchenAnnegret Hoberg, Titia Hoffmeister, Karl-Heinz Meißner: Anthologie. In: Der Blaue Reiter und das Neue Bild, Von der „Neuen Künstlervereinigung München“ zum „Blauen Reiter“. Ausst. Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 1999, S. 29. (N.K.V.M.) ins Leben zu rufen. Münter und Kandinsky waren jedenfalls an dem Projekt zunächst nicht beteiligt. Darüber ärgerte sich Kandinsky noch Jahre später,Klaus Lankheit (Hrsg.): Wassily Kandinsky/Franz Marc, Briefwechsel, München 1983, S. 29. was zu einem gewissen Grad sein zögerliches Verhalten erklärt, als man ihm im Januar 1909 anbot, den Vorsitz der N.K.V.M. zu übernehmen. Seit 1908 war Kandinsky Mitglied der Berliner Secession. Auf Grund einer Meinungsverschiedenheit mit dem Maler Charles Johann Palmié führte Kandinsky die sogenannte „Vierquadratmeter-Klausel“Wortlaut: „Jedes ordentliche Mitglied das Recht zwei Werke jury-frei auszustellen, sofern diese die Fläche von 4 qm (2 mal 2 m) nicht übersteigen …“ Vgl. Annegret Hoberg, Titia Hoffmeister, Karl-Heinz Meißner: Anthologie. In: Der Blaue Reiter und das Neue Bild, Von der „Neuen Künstlervereinigung München“ zum „Blauen Reiter“. Ausst. Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 1999, S. 31. in die Satzung der N.K.V.M. ein, gegen die er 1911 willentlich verstoßen sollte. Die Eintragung des Vereins in das städtische Vereinsregister von München erfolgte am 10. Mai 1909. In dieser Vereinigung hatte man sich zum Ziel gesetzt, „Kunstausstellungen in Deutschland wie im Ausland zu veranstalten“. Innerhalb dieses Kreises kam es zu drei bedeutenden Gemeinschaftsausstellungen in der Modernen Galerie Heinrich Thannhauser in München. In diese Zeit fällt auch seine Entwicklung hin zur abstrakten Malerei.

Bekanntschaft mit Franz Marc mini|Impression III (Konzert), 1911

Am 1. Januar 1911 hielten sich Kandinsky und Münter in Marianne von Werefkins Atelierwohnung in der Giselastraße 23 in München auf; Franz Marc kam dort erstmals hinzu. Sie besuchten gemeinsam am folgenden Tag, begleitet von Alexej Jawlensky und Helmuth Macke,Meißner: Franz Marc, Briefe, Schriften und Aufzeichnungen . 1980, S. 39. ein Konzert von Arnold Schönberg in München. Unter dem Eindruck der neuartigen Musik Schönbergs malte Kandinsky kurz darauf das Bild Impression III (Konzert) und schrieb dem ihm unbekannten Komponisten einen Brief, womit er eine inhaltliche Diskussion auslöste, in der Kandinskys „Thesen von der Verwandtschaft der Dissonanzen in der Kunst in der aktuellen Malerei wie in der musikalischen Komposition von Schönberg […] aufgegriffen und fortgesetzt wurden“.Annegret Hoberg: Eine neue Mission in der Kunst – Murnau, München und der Blaue Reiter. In: Volker Rattemeyer (Hrsg.): Das Geistige in der Kunst. Vom Blauen Reiter zum Abstrakten Expressionismus. Museum Wiesbaden, Wiesbaden 2010, S. 33 f. Am 4. Februar 1911 wurde Franz Marc Mitglied der N.K.V.M. und zugleich zum 3. Vorsitzenden der Vereinigung ernannt.

Der Blaue Reiter Als es in der N.K.V.M. immer häufiger zu Unstimmigkeiten gekommen war, die sich an Kandinskys zusehends abstrakter werdender Malerei entzündete – man forderte von ihm „möglichst verständliche Werke“ –, legte Kandinsky im Januar 1911 den Vorsitz der N.K.V.M. nieder. Er blieb aber vorerst Mitglied des Vereins.Klaus Lankheit: Der Blaue Reiter Präzisierungen. Ausst. Kat. Kunstmuseum Bern 1986, S. 225. Im Juni entwickelte er Pläne zu eigenen Aktivitäten außerhalb der N.K.V.M. Eine „Art Almanach“, den er zunächst „Die Kette“Klaus Lankheit (Hrsg.): Wassily Kandinsky / Franz Marc. Briefwechsel. München 1983, S. 41. nennen wollte, gedachte er herauszubringen. Franz Marc gewann er zum Mitmachen, indem er ihm die gemeinschaftliche Redaktion des Buches Der Blaue Reiter anbot.

mini|Das Jüngste Gericht / Komposition V, 1911