Chania ( ) ist eine Hafenstadt auf der griechischen Insel Kreta. Etwa 54.000 Einwohner (Volkszählung 2021) leben in der eigentlichen Kernstadt der Gemeinde, die damit nach Iraklio die zweitgrößte Siedlung auf der Insel ist. Chania ist der Hauptort des gleichnamigen Regionalbezirks, der ehemaligen Präfektur Chania, der den gesamten Westen Kretas umfasst. Chania war von 1841 bis 1971 die Hauptstadt der Insel.
Östlich des Stadtgebiets befindet sich in der Souda-Bucht der Fährhafen der Stadt, von dem eine tägliche Verbindung nach Piräus besteht. Der internationale Flughafen von Chania befindet sich ungefähr zwölf Kilometer nordöstlich auf einer Ebene der Akrotiri-Halbinsel.
Geografie Lage mini|Hafen am Golf von Chania mini|Panorama von Chania Die Stadt Chania liegt an der Nordküste der Insel Kreta, rund 100 Kilometer westlich der heutigen Inselhauptstadt Iraklio. Die Gemeinde Chania war bis 2010 flächenmäßig die kleinste der nach ihr benannten Präfektur, da sie sich fast ausschließlich auf das Stadtgebiet beschränkte. Chania war bis 1971 Verwaltungssitz der gesamten Insel. Heute ist die Stadt mit über einem Drittel der Einwohner des Regionalbezirks die beherrschende Metropole Westkretas.
Das Kretische Meer nördlich der Insel bildet zwischen den Halbinseln Rodopou und Akrotiri den Golf von Chania, an dessen Südostseite an der Landenge zu Akrotiri die Hafenstadt erbaut wurde. Östlich der Landenge liegt die Bucht von Souda, ein durch die Halbinsel Akrotiri geschützter Naturhafen. Südlich von Chania steigt das Inland stetig an und bildet mit dem bei klarem Wetter gut zu sehenden Gebirgszug der Weißen Berge (Lefka Ori) eine nur von wenigen Passstraßen durchbrochene Barriere zur Südküste Kretas.
Geologie Die Insel Kreta liegt auf dem Südägäischen Inselbogen, einer Verlängerung des Dinarischen Gebirgsbogens über die Hellenische Bergkette auf dem griechischen Festland bis zum Taurusgebirge in Kleinasien. Entstanden sind diese Alpidischen Gebirgsbildungen ab der erdgeschichtlichen Periode des frühen Tertiär, die heute als Paläogen bezeichnet wird, als die Afrikanische Platte begann, sich durch die Kontinentaldrift unter die Eurasische Platte zu schieben. Auch heute noch driftet die Afrikanische Platte jährlich etwa vier Zentimeter nordwärts, was vereinzelt zu Erdbeben in der Region führen kann.
Das in der Subduktionszone der beiden Kontinentalplatten gelegene Kreta kippt bei den geotektonischen Aktivitäten um seine Nord-Süd-Achse, der Westen der Insel steigt an, während der Osten leicht absinkt. Da sich das Stadtgebiet von Chania auf einer Ebene des Nordwestens Kretas befindet, sind die dortigen Gesteinsschichten auch jüngeren erdgeschichtlichen Datums, als beispielsweise die der südlich angrenzenden Weißen Berge. Chania steht auf Fels- und Sedimentformationen aus dem Jungtertiär oder Neogen (zirka 30 Millionen Jahre alt), die aus einer Zeit stammen, als die nordwestliche Küstenebene noch Teil des Meeres war.
Nachbargemeinden Bis zum Jahr 2010 bestand die Gemeinde Chania nur aus dem unmittelbaren Stadtgebiet und grenzte im Osten und Südosten an die Gemeinden Akrotiri und Souda. Westlich der Stadt lag die Gemeinde Nea Kydonia. Die südlich an die geschlossene Stadtbebauung angrenzenden Vororte in Richtung Schnellstraße (New Road) gehörten schon zur Gemeinde Eleftherios Venizelos. In: chania.gr (deutsch; Karte des Bezirks und des Distrikts von Chania).
Mit dem Kallikratis-Gesetz von 2010 wurden die Gemeinden Akrotiri, Eleftherios Venizelos, Keramia, Nea Kydonia, Souda und Theriso mit der Stadt Chania zur Gemeinde Chania zusammengefasst. Seitdem grenzt die Gemeinde im Osten an die Gemeinde Apokoronas, im Süden an Sfakia und im Westen an die Gemeinde Platanias. Die Bedeutung als Hafenstadt hat Chania durch die Eingemeindung von Souda wieder zurückgewonnen. Alle Fährlinien mit dem ausgeschriebenen Ziel „Chania“ laufen den tiefen Naturhafen der Souda-Bucht () an, der Stadthafen von Chania hat für größere Schiffe eine zu geringe Wassertiefe.
Stadtgliederung mini|Kastelli-Viertel
Das Stadtgebiet von Chania ist in die Stadtviertel Chalepa, Evraiki, Kastelli, Kumkapi, Nea Chora, Splantzia und Topanas unterteilt.
Klima Auf Kreta herrscht ein mediterranes Klima mit milden, regenreichen Wintern und heißen, trockenen Sommern. Dabei gibt es erhebliche klimatische Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen der Insel. So sind die durchschnittlichen Temperaturen an der Südküste etwas wärmer als im Norden und die der Bergregionen im Allgemeinen etwas frischer. Auch fallen im Osten und Süden der Insel weniger Niederschläge als in der Mitte, im Westen und im Norden. Durch die hohen Berge Kretas wechseln Wetterlagen häufig schnell, und Winde kommen auf, die sich auch zu orkanartigem Sturm verstärken. In: carrental-crete.com.
Chania liegt an der westlichen Nordküste der Insel Kreta. Das Klima gilt hier als gemäßigt und trockenwarm. Von Mai bis September gibt es kaum Regenfälle, insgesamt scheint an 70 Prozent der Tage eines Jahres die Sonne. In den etwas kühlen Wintermonaten von November bis März sind in den Weißen Bergen südlich von Chania Schneefälle möglich, die nur sehr selten auch die Ebene an der Nordküste erreichen. Die Schneedecke in den Bergen bleibt bis etwa Ende Mai erhalten. Die heißen und trockenen Sommermonate führen dazu, dass die durch den feuchten Winter und das warme Frühjahr üppig wuchernde Vegetation ohne künstliche Bewässerung in den Ebenen der Insel verdorrt. In: chaniacrete.gr.
Geschichte Altertum Erste Siedlungsspuren aus dem Altstadtviertel Kastelli reichen bis in die Jungsteinzeit 3400 bis 3000 v. Chr. zurück. Damit ist Chania eine der ältesten ununterbrochen bewohnten Siedlungsstätten Europas. Als Stadt wurde sie in minoischer „Vorpalast“-Zeit (3000–1900 v. Chr.) unter dem Namen Kudonija erbaut, aus dem sich der spätere antike Name Kydonia (gemäß der Peutingerschen Tafel: Cydonia) ableitete. Belegt ist der Name Kudonija (ku-do-ni-ja) erstmals in Linearschrift B auf einer Tontafel aus Knossos. Nach antiker Überlieferung wurde die Stadt durch den mythischen König Minos gegründet und nach dem Heros Kydon, dem Sohn des HermesPausanias 8,53,4. oder des Apollon und der Akakallis, einer Tochter des Minos, benannt.Antonis Sp. Vassilakis: Kreta. Verlag I. Mathioulakis & Co., 1999.
mini|Minoische Ausgrabungen auf dem Kastelli-Hügel
In den minoischen Epochen der „Neu-“ und „Nachpalastzeit“ (1600–1100 v. Chr.) war Kudonija eine blühende Stadt mit großen, in sich geschlossenen Wohnhäusern zwischen Straßen und Plätzen, und höchstwahrscheinlich einem Palast als Zentrum. Dass in Chania kein minoischer Palast gefunden wurde, ist möglicherweise dem Umstand zuzuschreiben, dass die Siedlung nie aufgegeben wurde und spätere Generationen ihre Gebäude vornehmlich mit Baumaterial errichteten, welches sie aus älteren Bauwerken der Stadt gewannen. Kudonija hatte eine bedeutende Keramikproduktion und Handelsverbindungen bis Ägypten, Zypern und Palästina. Selbst die Zeit der Zerstörung der meisten kretischen Paläste durch die Mykener überstand die Stadt neben Knossos eher schadlos, wobei es wohl zu einem Wiederaufbau kam, da um 1450 v. Chr. ein Zerstörungshorizont erkennbar ist. Ausgrabungsstätten der minoischen Kultur befinden sich hauptsächlich auf dem Kastelli-Hügel, auf 550 m² an der Odos Kanevaro. Die Nekropole wurde vor dem Süd- und Ostteil der damaligen Stadt im Gebiet Mazali und im Bereich des heutigen Stadions lokalisiert.
Nach 1400 v. Chr. dominierte jedoch die mykenische Kultur des griechischen Festlands. Einen Austausch beider Kulturen, der minoischen und der mykenischen, hatte es schon vor der mykenischen Eroberung der Insel ab 1450 v. Chr. gegeben. Manche Historiker nehmen an, dass z. B. Knossos deshalb nicht wie andere Paläste Kretas zerstört wurde, weil es dort schon eine große Anzahl achaiischer Kolonisten gab, die dafür sorgten, dass die Stadt rasch übergeben wurde. Ähnliches könnte auch auf die nordwestliche Handelsmetropole Kudonija zutreffen. Eine Hypothese geht sogar für Knossos um 1450 v. Chr. von der Machtübernahme einer mykenischen Dynastie aus, die im Anschluss versuchte, ganz Kreta zu unterwerfen, wobei die übrigen minoischen Paläste zerstört wurden.Peter Haider: Griechenland – Nordafrika (= Impulse der Forschung. Band 53). Darmstadt 1988. Diese Dynastie wiederum wurde um 1375 v. Chr. durch mykenische Eroberer vom Festland verdrängt.
Während die anderen minoischen Paläste nach deren Zerstörung nie wieder bezogen wurden, herrschten in Knossos und eventuell auch in der nun Kydonia genannten Hafenstadt auf dem Gebiet des heutigen Chania achaisch-mykenische Herrscher.Archäologisches Museum Heraklion. In: kreta-reise.info, abgerufen am 26. Juli 2026. Eine multikulturelle Stadt blieb sie auch nach dem allmählichen Niedergang der mykenischen Kultur und dem Beginn der dorischen Einwanderung nach Kreta. In der von Homer überlieferten Odyssee, die in diesem Zeitraum angesiedelt ist, werden die Einwohner von Kydonia zweimal erwähnt, im Dritten Gesang, Vers 292, und im Neunzehnten Gesang, Vers 176 (in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß)Homer: Odyssee. Insel Verlag, 1990; :
Aus dem Dritten Gesang: Also ward Menelaos, wie sehr er auch eilte, verzögert, Um den Freund zu begraben, und Totengeschenke zu opfern. Aber da nun auch jener, die dunkeln Wogen durchsegelnd, Seine gerüsteten Schiffe zum hohen Gebirge Maleia Hatte geführt, da verhängte der Gott weithallender Donner Ihm die traurigste Fahrt, sandt’ ihm lautbrausende Stürme, Und hoch wogten, wie Berge, die ungeheuren Gewässer. Plötzlich zerstreut’ er die Schiffe; die meisten verschlug er gen Kreta, Wo der Kydonen Volk des Jardanos Ufer umwohnet. An der gordynischen Grenz', im dunkelwogenden Meere, Türmt sich ein glatter Fels den drängenden Fluten entgegen, Die der gewaltige Süd an das linke Gebirge vor Phästos Stürmt; und der kleine Fels hemmt große brandende Fluten.Aus dem Neunzehnten Gesang: Nun so will ich’s dir sagen, wiewohl du mein bitteres Leiden Mir noch bitterer machst; denn Schmerz empfindet doch jeder, Welcher so lang' als ich von seiner Heimat entfernt ist, Und mit Jammer umringt so viele Städte durchwandert. Aber ich will dir doch, was du mich fragest, verkünden. Kreta ist ein Land im dunkelwogenden Meere, Fruchtbar und anmutsvoll und ringsumflossen. Es wohnen Dort unzählige Menschen, und ihrer Städte sind neunzig: Völker von mancherlei Stamm und mancherlei Sprachen. Es wohnen Dort Achaier, Kydonen und eingeborene Kreter, Dorier, welche sich dreifach verteilet, und edle Pelasger. Ihrer Könige Stadt ist Knossos, wo Minos geherrscht hat, Der neunjährig mit Zeus, dem großen Gotte, geredet. In der protogeometrischen und geometrischen Periode (etwa 1050–700 v. Chr.) und der sich anschließenden archaischen Zeit (etwa 700–500 v. Chr.) entwickelte sich Kydonia zu einer der wichtigsten Poleis Westkretas. Die bedeutendsten Städte Kretas wie auch ganz Griechenlands bildeten kleine selbstständige Stadtstaaten (Poleis), die sich oft befehdeten. Noch in archaischer Zeit, im Jahre 525 v. Chr., wurde Kydonia von Samos her neu kolonisiert. Später folgten Siedler von Aigina. Eine zweite Einwanderungswelle von diesen beiden Inseln kam ab 431 v. Chr. in die Polis. Enge Verbindungen gab es auch mit Kyrene. Die Neusiedler übernahmen den aus der mykenischen Zeit überlieferten Namen Kydonia, der übersetzt „Quitte“ bedeutet. Die klassischen Münzen Kydonias zeigten die aus Vorderasien nach Europa eingeführte Frucht als Wappen der Stadt.
mini|hochkant|Tonfigur aus Kydonia(4. bis 3. Jh. v. Chr.)