mini|Postkarte zur Revolution mit Enver Bey und dem bulgarischen Text Es lebe die Freiheit, es lebe das Volk, es lebe das Vaterland Die Jungtürken (osmanisch ژون تركلر und ) waren eine politische Bewegung im Osmanischen Reich, die ab dem Ende des 19. Jahrhunderts illegal auf liberale Reformen und eine konstitutionelle Staatsform hinarbeitete. Ziel war die Stärkung des außenpolitisch geschwächten und innenpolitisch vom Zerfall bedrohten Reiches durch systematische politische, militärische und wirtschaftliche Modernisierung. Die wichtigste jungtürkische Partei war die İttihat ve Terakki („Komitee für Einheit und Fortschritt“).
Geschichte mini|Erster Kongress der Jungtürken 1902 in Paris
Träger der Bewegung Träger der Jungtürken-Bewegung waren modernistische Teile der gebildeten Eliten. Die Bewegung entstand 1889 mit der Gründung der Geheimorganisation İttihad-ı Osmani Cemiyeti („Verein für die Einheit der Osmanen“) an der Militärischen Medizinschule in Istanbul durch die Studenten İbrahim Temo, İshak Sükûti und Abdullah Cevdet.Klaus Kreiser, Christoph K. Neumann: Kleine Geschichte der Türkei. Reclam Verlag, Stuttgart 2009, S. 351. Die Jungtürken verfolgten die Linie früherer Reformbewegungen im osmanischen Reich (vgl. Tanzimat) und insbesondere die der Jungosmanen, einer Vorgängerbewegung der Jungtürken. Im Unterschied zu den Jungtürken zählten zu den Jungosmanen auch erfahrene Politiker, die bei einer Machtübernahme das Land hätten regieren können. Die Jungtürken konnten jedoch keine einzige in der Staatsführung erfahrene Person vorweisenFeroz Ahmad İttihat ve Terakki 1908–1914, S. 42 f. und wollten deshalb bei ihrer ersten Machtübernahme 1908 selbst nicht die Staatsführung übernehmen, sondern überließen diese der Regierung. Sie beschränkten sich auf die Absicht, eine Verfassung einzuführen, und sahen sich selbst als mächtiges Komitee an, das lediglich die Einhaltung der Verfassung kontrollierte.Feroz Ahmad İttihat ve Terakki 1908–1914, S. 41, S. 43.
Eine gemäßigte Richtung der Jungtürken besaß Verbindungen bei Hofe und wurde vom Prinzen Sabahaddin, einem Verwandten des kaiserlich osmanischen Hauses, angeführt. Wichtiger aber waren durch moderne Bildung in die Funktionseliten des Staates (Beamte, Lehrer, Offiziere) aufgestiegene „kleine Leute“, die nach der jungtürkischen Revolution von 1908 sehr bald den Ton angeben sollten. Es entwickelte sich – vor allem nach der zweiten Machtübernahme der Jungtürken 1913 – ein Bündnis zwischen radikalen Intellektuellen (Ziya Gökalp, Nâzım) mit zivilen Bürokraten (Talât Pascha) und den letztlich entscheidenden Offizieren (Enver Pascha, Cemal Pascha).
Die niedrige soziale Herkunft der wichtigsten jungtürkischen Führer führte dazu, dass sie sich nach außen hin mit politischen Ämtern in der „zweiten Reihe“ begnügten und repräsentative Führungspositionen Personen aus höheren Kreisen überließen: In der ersten jungtürkischen Regierungsphase von 1908–1912 waren dies der jungtürkischen Politik mehr oder weniger nahestehende Repräsentanten der alten politischen Elite, in der zweiten Regierungsphase von 1913–1918 zunächst zu den Jungtürken gehörige Militärführer (Marschall Schevket Pascha, Großwesir 1913) oder Prinzen (Prinz Said Halim Pascha, Angehöriger des vizeköniglichen Hauses der Khediven von Ägypten, Großwesir 1913–1917).
mini|hochkant|links|Schevket Pascha Erst in der Schlussphase des jungtürkischen Regimes stieg mit Talât Pascha ein Mann von „ganz unten“ 1917/18 zum Großwesir auf. Damit wurde kurzfristig die Führung der Regierung und der Partei eng miteinander verklammert, während sie zuvor nur lose vernetzt war – was dazu führte, dass Großwesir und Teile der Minister durch Beschlüsse des Zentralkomitees der Jungtürken und einzelner Minister, die darin Sitz und Stimme hatten, oft übergangen und vor vollendete Tatsachen gestellt wurden.
Deutscher Einfluss auf die Jungtürken und ihre Ideologie Über in Istanbul lebende deutsche Intellektuelle, wie Alexander Parvus (von 1910 bis 1914 in der Stadt) und Friedrich Schrader („Ischtiraki“, von 1891 bis 1918 in Istanbul tätig), gab es schon sehr früh Kontakte zur deutschen SPD. Die Nachfolgepartei der Jungtürken, die Republikanische Volkspartei (CHP), ist heute Vollmitglied der Sozialistischen Internationale. Allerdings verloren diese sozialistischen und linksliberalen Intellektuellen nach dem Militärputsch 1913 weitgehend ihren Einfluss auf die jungtürkische Bewegung, die zunehmend von durch Leute wie Hans Humann vertretenen konservativ-nationalistischen Ideologien geprägt wurde. Diese mündeten dann in rassistische Hetze gegen nichtmuslimische Minderheiten, wogegen sich Schrader und seine Kollegen Paul Weitz und Max Rudolf Kaufmann, alle drei Mitarbeiter der linksliberalen Frankfurter Zeitung, während des Krieges vergeblich wehrten.Max Rudolf Kaufmann: Erlebnisse in der Türkei vor 50 Jahren: Zeitschrift für Kulturaustausch, Volume 12, Institut für Auslandsbeziehungen, S. 237–241 (1962).
Darüber hinaus wurde die jungtürkische Bewegung von liberalen Publizisten wie Ernst Jäckh und Friedrich Naumann unterstützt, die sich neue Expansionsmöglichkeiten für die deutsche Wirtschaft durch ein deutsch-türkisches Bündnis erhofften. Jäckh und Naumann, die nie in Istanbul gelebt hatten, unterstützten dabei teilweise den rechtsnationalistischen Flügel der Jungtürken und seine ethnisch-nationalistische Ideologie publizistisch und rechtfertigten im Gegensatz zu Schrader, Weitz und Kaufmann das gewaltsame Vorgehen gegen nichtmuslimische Minderheiten wie die Armenier als eine kriegsbedingte Notwendigkeit. Jäckh war auch die treibende Kraft bei dem Plan, an zentraler Stelle in Istanbul ein deutsch-türkisches „Haus der Freundschaft“ zu errichten. Der entsprechende Architekturwettbewerb wurde 1916 vom Deutschen Werkbund ausgerichtet und später vom jungen Theodor Heuss dokumentiert.Das Haus der Freundschaft in Konstantinopel. Ein Wettbewerb deutscher Architekten. Mit einer Einführung von Theodor Heuss. Hrsg. vom Deutschen Werkbund und der Deutsch-Türkischen Vereinigung. München 1918. Das Projekt kam allerdings nicht über die Grundsteinlegung im April 1917 hinaus. Diese regen Kontakte zwischen Jungtürken und demokratischen Intellektuellen in Deutschland waren mit eine Ursache für die starken wirtschaftlichen Verbindungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der türkischen Republik nach der Unterzeichnung des deutsch-türkischen Freundschaftsvertrags 1941, die mittelbar auch Grund für die Einwanderung von mittlerweile zwei Millionen türkischer Staatsangehöriger nach Westdeutschland seit dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen von Oktober 1961 waren. Max Rudolf Kaufmann, der ab 1952 in Bonn als Schriftführer der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bonn und Nahostreferent von Inter Nationes tätig war, spielte bis 1963 eine wichtige Rolle in der Türkeipolitik der jungen Bundesrepublik.
Eine weitere enge Verbindung entwickelte sich nach 1908 unter dem jungtürkischen Kriegsminister Enver Pascha und namentlich im Zuge der deutschen Militärmission für die Türkei ab 1913 zwischen jungtürkischen Offizieren der osmanischen Armee und den ins Land geholten Militärberatern des Heeres des Deutschen Kaiserreiches. Einflussreich war auch der deutsche Marineattaché Hans Humann, ein Sohn des berühmten Archäologen und Ausgräbers des Pergamon-Altars Carl Humann, der die bis 1913 eine starke Rolle spielenden sozialistischen und liberalen Berater der Jungtürken weitgehend an den Rand drängte und sie zum Teil bekämpfte (Verhaftung und Abschiebung des Schweizers Max Rudolf Kaufmann 1916).
Aufgrund des jungtürkischen Exil-Schwerpunktes vor 1908 in Paris verfügten viele jungtürkische Politiker auch über enge Kontakte nach Frankreich, was noch im Frühjahr 1914 zu (vergeblichen) Sondierungen des Marineministers Cemal Pascha über ein osmanisch-französisches Bündnis führte und beim Machtwechsel in Istanbul im Herbst 1918 nochmals eine Rolle spielen sollte, als die deutschfreundliche Fraktion der Jungtürken kurzfristig durch die franko- und anglophile Fraktion abgelöst wurde.
Begründung der Jungtürkischen Bewegung Schwerpunkt der Jungtürken vor ihrer erfolgreichen Revolution von 1908 waren die – von Nachbarstaaten ernsthaft bedrohten – europäischen Provinzen des Osmanischen Reiches, allen voran Makedonien mit dem Zentrum Saloniki. 1907 trafen sich Abgeordnete der sehr verschiedenen Flügel der Jungtürken in Saloniki (heute Griechenland) und gründeten das „Komitee für Einheit und Fortschritt“ (İttihad ve Terakki Fırkası, weshalb die Jungtürken auch „Ittihadisten“ genannt werden). Dort begann 1908 unter Führung von Enver Pascha und Talât Pascha im Juli 1908 eine erfolgreiche Militärrevolte gegen den absolutistisch regierenden Sultan Abdülhamid II. Die Jungtürken erzwangen die Wiederinkraftsetzung der seit 1878 suspendierten Verfassung von 1876 und setzten den nur widerwillig kooperierenden Sultan 1909 schließlich ab, nachdem er einen erfolglosen konservativen Gegen-Putsch unterstützt hatte.
Erst im Mai 1908 hatte das Komitee vereinbart, nicht mehr geheim zu arbeiten.Feroz Ahmad İttihat ve Terakki 1908–1914, türk. Übersetzung von The Young Turks, S. 18. Das wichtigste Ziel der Ittihadisten war die Wiedereinführung der Verfassung von 1876. Für dieses Ziel hatte das Komitee vereinbart, nach Vorbild der Französischen Revolution auch Gewalttaten gegen Gefolgsmänner des Sultans Abdülhamids zu begehen. Erschossen oder angeschossen wurden der Polizeichef von Selanik Nâzım Bey am 11. Juni 1908 (er hatte im Februar ein Verhör gegen einige Ittihadisten geleitet), Şemsi Pascha am 7. Juli 1908 in Manastır (ein Spion des Sultans), Hakkı Bey am 6. Juli 1908 in Saloniki (Hakkı Bey war Mitglied einer Kommission des Sultans zur Untersuchung der Vorfälle in Makedonien, das damals noch zum Osmanischen Reich gehörte), der Mufti des Regiments von Manastır am 10. Juli 1908, am 12. Juli 1908 der Sultansadjutant Sadık Pascha und am selben Tag Garnisonskommandant Osman Hidayet Pascha, als er ein Gesetz des Sultans verlas.Feroz Ahmad İttihat ve Terakki 1908–1914, S. 18–31.
mini|Izmirer Griechen feiern am 2. August 1908 die Wiedereinsetzung der Verfassung mini|Auch Armenier in Istanbul feiern mit den Slogans „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ Jungtürkische Revolution 1908 Den Auftakt zur Revolution für die Wiedereinführung der Verfassung von 1876 bildete der Aufstand von Ahmed Niyazi Bey, der sich am 3. Juli 1908 mit 400 Mann – davon 200 Soldaten und 200 Zivilisten und Başı Bozuk – in die Berge Makedoniens zurückzog. Auch der spätere Kriegsminister Enver befand sich unter den Aufständischen. Die Zivilisten sollten für Steuereintreibungen eingesetzt werden. Ahmed Niyazi wollte in Makedonien ein Verwaltungssystem gründen und beabsichtigte einen lange andauernden Aufstand gegen den Sultanspalast. Aus seinen Schreiben an verschiedene Gouverneure am ersten Tag seiner Revolte geht hervor, dass er anfangs unabhängig vom İttihat-Komitee agierte. Er bezeichnete sich in den Schriften nicht als İttihat-Mitglied, sondern als „Anführer von 200 Mann“.Feroz Ahmad İttihat ve Terakki 1908–1914, S. 24–26.
Die İttihat ve Terakki nahm vom 6. Juli 1908 an aktiv am Aufstand teil. In ihren Schriften an Gouverneure bezeichnete sie diese als „Gouverneure der illegalen Regierung“. Erst mit dem Erhalt der Nachricht über Ahmed Niyazis Revolte wurde dem Palast in Istanbul bewusst, dass die konstitutionelle Bewegung in Rumelien viel verbreiteter als angenommen war, so dass der Palast erstmals erwog, die Armee einzusetzen. Zur Unterdrückung der Revolte entsandte Sultan Abdülhamid II. mit Şemsi Pascha einen seiner Paschas, denen er am meisten vertraute und der gleichzeitig ein Spion des Palasts war. Şemsi Pascha wurde aber bereits am 7. Juli, kurz nach der Versendung eines Telegramms nach Istanbul, in Manastır (Bitola) vor der Tür der Post durch Atıf (Kamçıl) ermordet. Dieser Mord an einem Palastspion war ein schwerer Schlag gegen den Absolutismus des Sultans.