mini|François Quesnay François Quesnay [] (* 4. Juni 1694 in Méré/Montfort-l’AmauryBarbara I. Tshisuaka: Quesnay, François. 2005, S. 1209. bei Versailles; † 16. Dezember 1774 in Versailles) war ein französischer Chirurg und Ökonom. Er gilt als Begründer der physiokratischen Schule der Ökonomie und Enzyklopädist.Frank Arthur Kafker: Notices sur les auteurs des 17 volumes de « discours » de l’Encyclopédie Recherches sur Diderot et sur l'Encyclopédie. Année (1990) Volume 8 Numéro 8, S. 112.
Der Arzt Quesnay wurde als achtes von 13 Kindern seiner Eltern in einem Dorf in der Île-de-France im Arrondissement Rambouillet geboren, ungefähr 90 km von Paris entfernt. Sein Vater war ein kleiner Grundbesitzer (kein Jurist), arbeitete als Landwirt und betrieb daneben einen Krämerladen; als er starb, war François erst acht Jahre alt. Im Alter von 16 Jahren begann er in Paris eine Lehre bei einem Kupferstecher, der Illustrationen für die chirurgische Akademie anfertigte. Hier entwickelte Quesnay sein Interesse an der Medizin, im Anschluss an seine Lehre absolvierte er eine Ausbildung zum Wundarzt im Chirurgiekollegium von Saint-Côme in Paris, 1718 war er Chirurg. mini|hochkant|James Gillray: Der Aderlass (um 1805) Eine medizinische Streitschrift verschaffte ihm einige Aufmerksamkeit. Sie richtete sich gegen Jean-Baptiste Silva, den konsultierenden Arzt des Königs, und dessen – damals weit verbreitete – Ansicht, praktisch jede Krankheit müsse mit einem kräftigen Aderlass behandelt werden. Quesnay dagegen empfahl, mit Blut als einem nützlichen Stoff vorsichtiger umzugehen.François Quesnay. Observations sur les effets de la saignée, tant dans les maladies du ressort de la médecine que de la chirurgie, fondées sur les lois de l'hydrostatique: avec des remarques critiques, sur le traité de l'usage des différentes sortes de saignées, de Monsieur Silva. Osmont, Paris 1730 (Digitalisat) In Paris bekam er eine ehrenvolle Anstellung als Leibarzt des Herzogs von Villeroy, wurde 1744 Doktor der Medizin und schließlich 1749 von der einflussreichen Mätresse des Königs Ludwig XV., Madame de Pompadour, an den Hof von Versailles berufen.Uwe Schultz: Madame de Pompadour oder die Liebe an der Macht. C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-52194-0, S. 79–82. Als ihr vertrauter Leibarzt hatte er eine kleine Wohnung im Schloss; zu seinen Aufgaben gehörte es, alle Speisen zu prüfen, die sie zu sich nahm. Er wurde unter die offiziellen Hofärzte eingereiht, mit dem erklärten Anspruch auf die Nachfolge als oberster Leibarzt des Königs. 1751 wählte man ihn in die Akademie der Wissenschaften, 1752 erhielt er einen Adelstitel, nachdem er den Kronprinzen von den Windpocken geheilt hatte.
Der Ökonom mini|hochkant|links|Das Tableau Économique Erst in weit fortgeschrittenem Alter beschäftigte sich Quesnay mit Fragen der Ökonomie. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts erschienen in Frankreich zahlreiche Schriften zu diesem Thema. Auch in der Enzyklopädie von Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert, einem zentralen Werk der Aufklärung, nahmen diese Probleme großen Raum ein. Quesnay war mit d’Alembert befreundet, in den Jahren 1756/57 schrieb er mehrere enzyklopädische Artikel, allerdings – aus unbekanntem Anlass – nicht über Medizin, sondern über die Landwirtschaft und ihre gesamtwirtschaftliche Bedeutung. 1758 entwickelte er sein revolutionäres Modell vom wirtschaftlichen Kreislauf und dessen Gesetzmäßigkeiten, das Tableau économique, und wurde so zum Begründer der Physiokratie.
Die Physiokratie Die Physiokratie (Herrschaft der Natur) ist das erste System der klassischen politischen Ökonomie. Sie entstand als Reaktion auf den Colbertismus und richtete sich gegen die feudal-absolutistische Reglementierung der Wirtschaft und gegen die einseitige Förderung der gewerblichen Export-Produktion bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Landwirtschaft. Ziel war es, merkantilistische Behinderungen der Produktion und des Handels zu beseitigen, die kleinbäuerliche Wirtschaft durch eine Großlandwirtschaft zu ersetzen, „also der englischen Landwirtschaft nachzueifern.“Mark Blaug: Systematische Theoriengeschichte der Ökonomie, Band 1, München 1871, S. 68f. Die physiokratische Lehre begründete erstmals umfassend den klassischen Liberalismus. Sie herrschte in Frankreich von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ausbruch der bürgerlichen Revolution 1789. Neben Quesnay wurde die physiokratische Lehre vertreten von Anne-Robert Turgot (1727–1781), Pierre-Samuel Dupont des Nemours (1739–1817), Paul-Pierre Mercier de la Riviére (1720–1794) und dem älteren Graf von Mirabeau (1715–1789). Die sozialphilosophischen Grundlagen der Physiokratie wurzelten in der „natürlichen Ordnung“, in den Naturgesetzen: Freiheit des Privateigentums, Freiheit der Wirtschaft und Freiheit der Person. Ihre Protagonisten gingen aus von der grundsätzlichen Übereinstimmung von Natur, Vernunft und Freiheit. Die Naturgesetze sollten die Basis sein für die juristischen Gesetze, die „positive Ordnung“.Günter Fabiunke: Geschichte der bürgerlichen politischen Ökonomie, Berlin 1975, S. 61. Im Mittelpunkt der Physiokratie stand die systematische theoretische Analyse der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Ihr bleibender Beitrag zum ökonomischen Denken ist es, statt auf einzelne Produkte und einzelne Wirtschaftshandlungen zu orientieren, erstmals die Einheit des Wirtschaftsganzen und die Verbindung seiner Teile über den Geld- und Warenstrom zu zeigen. Quesnays Betrachtungsweise der Wirtschaft als Kreislauf markierte einen wissenschaftlichen Durchbruch und ebnete Wege zur Entwicklung der klassischen Volkswirtschaftslehre.
Ein charakteristisches Merkmal der Physiokratie war der Widerspruch zwischen dem antifeudalen bürgerlichen Inhalt und dem feudalen Schein ihrer ökonomischen Lehren. „Die Etikette eines Systems“, schreibt Karl Marx, „unterscheidet sich von der andrer Artikel u. a. dadurch, dass sie nicht nur den Käufer prellt, sondern oft auch den Verkäufer. Quesnay selbst und seine nächsten Schüler glaubten an ihr feudales Aushängeschild… In der Tat aber ist das physiokratische System die erste systematische Erfassung der kapitalistischen Produktionsweise.“Karl Marx: Das Kapital, Band 2, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 24, Berlin 1973, S. 360. Die erkenntnistheoretische Begrenztheit zeige sich, schreibt Günter Fabiunke, in der für die Physiokratie charakteristischen Methode, gesellschaftliche Kategorien unmittelbar aus natürlichen Kategorien abzuleiten oder beide Kategorien gleichzusetzen, zum Beispiel die Grundrente mit dem Mehrprodukt. „Nicht zuletzt aus dieser ahistorischen Naturorientiertheit erklärt sich das Unvermögen der Physiokraten, den objektiv zutiefst antifeudalen bürgerlichen Inhalt der von ihnen im Interesse des Feudalabsolutismus entwickelten und daher in einer massiven feudalen Hülle steckenden ökonomischen Lehren zu begreifen.“Günter Fabiunke: Der Physiokratismus in Frankreich – das erste System der klassischen bürgerlichen politischen Ökonomie, in Herbert Meißner (Hrsg.): Geschichte der politischen Ökonomie, Berlin 1985, S. 116.
Häufig wird die naheliegende Vermutung geäußert, dass Quesnay seine medizinischen Kenntnisse des Blutkreislaufs auf die Volkswirtschaft übertrug. Wie der englische Arzt William Harvey 1628 den Blutkreislauf, so habe Quesnay, inspiriert davon, den ökonomischen Kreislauf entdeckt, und versucht, daraus Schlussfolgerungen für die Heilung der französischen Wirtschaft abzuleiten. Einen Beleg dafür gibt es nicht. Quesnay bedient sich der Analogie nicht, wohl aber Turgot.Anne Robert Turgot: Betrachtungen über die Bildung und Verteilung der Reichtümer (hrsg. von Marguerite Kuczynski), Berlin 1981, S. 145 f. Dass Quesnay auch „Konfuzius Europas“ genannt wurde, spricht für die These, dass ihn chinesische Vorbilder anregten.z. B. Wolfgang Eßbach: Elemente ideologischer Mengenlehren: Rasse, Klasse, Masse. in: Justin Stagl, Wolfgang Reinhard (Hrsg.): Grenzen des Menschseins. Band 8 von Veröffentlichungen des „Instituts für Historische Anthropologie e. V.“, Verlag Böhlau, Wien 2005, S. 738.
Die Denkschule der Physiokraten hatte unter französischen Intellektuellen zahlreiche Anhänger. In Fachzeitschriften gab es seit 1765 Beilagen mit ihren Schriften. Quesnay selbst veröffentlichte darin unter den Pseudonymen H., N., Isle oder Nisaque regelmäßig Artikel wie „Observations sur le droit naturel“ und „Mémoire sur les avantages de l’industrie et du commerce“. In Paris fanden zehn Jahre lang zweimal wöchentlich Zusammenkünfte im Palais des Grafen Mirabeau statt, gesellschaftliche Ereignisse mit Diskussionen, die auch der Vorbereitung neuer Publikationen zur physiokratischen Ökonomie dienten. Während seines längeren Frankreichaufenthalts seit 1764 nahm auch der britische Moralphilosoph und später berühmte Ökonom Adam Smith an den Veranstaltungen teil. Auch Quesnay kam als Siebzigjähriger noch gelegentlich zu diesen Treffen nach Paris. Am 16. Dezember 1774, im damals ungewöhnlich hohen Alter von 80 Jahren, starb er in seiner Wohnung in Versailles. Wenige Monate zuvor war ein Anhänger seiner Theorie, der Staatsmann und Ökonom Turgot, Finanzminister Ludwigs XVI. geworden.
Produktive Arbeit, Mehrwert und Klassen