Das Münchhausen-Syndrom (fachsprachlich als Artifizielle Störung bezeichnet, von , auch Koryphäen-Killer-Syndrom, ) ist eine psychische Störung, bei der die Betroffenen körperliche Beschwerden erfinden bzw. selbst hervorrufen und meist plausibel und dramatisch präsentieren, um damit Zuneigung von anderen Personen zu erlangen.

Die Bezeichnung prägte 1951 der Londoner Psychiater Sir Richard Asher (1912–1969) nach dem Baron Münchhausen, dem „Lügenbaron“.In: Lancet. 1951 Feb 10;1(6650), S. 339–341, doi:10.1016/S0140-6736(51)92313-6. In englischen Veröffentlichungen wird meist die Schreibweise „Munchausen“ verwendet.

Krankheitsbild Im Vergleich zu Patienten mit ähnlichen Störungen wie Konversionssyndrome, Somatisierung und Hypochondrie sind Patienten mit einem Münchhausen-Syndrom selten und wesentlich schwieriger zu erkennen. Das Syndrom tritt vermehrt bei Menschen mit ausgeprägten Identitätsstörungen oder Selbstwertdefiziten bei Persönlichkeitsstörungen vom Borderline-, narzisstischen oder dissozialen Typ auf.Birger Dulz, Sabine C. Herpertz, Otto F. Kernberg: Handbuch der Borderline-Störungen. Schattauer Verlag, 2. Auflage, 2011, ISBN 3-7945-2472-1.A. Eckhardt-Henn: Artifizielle Störungen. Heimliche Selbstmisshandlung. Psychotherapeut (2015) 60: 18–24.

Typisch ist der Besuch zahlreicher Ärzte und Krankenhäuser mit wechselnden, beliebigen, aber ausgeprägten Symptomen (z. B. Bauchschmerzen, neurologische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bewusstseinsverlust und „Anfälle“; Lungen- und Magen-„bluten“), eine hohe Frequenz an aufwändigen apparativen Untersuchungen und Operationen sowie meist schnelle Arzt- und Krankenhauswechsel, sobald dem Behandlungswunsch nicht entsprochen oder seitens eines Behandlers Verdacht geschöpft wird („Hospital-Hopper-Syndrom“).

Der Krankheitsgewinn ist die Erlangung medizinischer Zuwendung (ärztliche Untersuchungen, Aufnahme ins Krankenhaus, diagnostische und therapeutische Prozeduren bis hin zu unnötigen operativen Eingriffen). Die Betroffenen neigen zu Selbstverletzungen oder -vergiftung, um ihre Erkrankung zu belegen, und sie fordern oft schwerwiegende medizinische Untersuchungen und Eingriffe, welche das simulierte Krankheitsbild hervorrufen oder verschlimmern können. Hierbei laufen Ärzte Gefahr, zu „Mittätern“ von Selbstbeschädigern zu werden und hinterher für ihre fahrlässige Mithilfe auf Schadenersatz verklagt zu werden.

Ziel und Motiv der Betroffenen ist es häufig, Zuwendung und Mitleid durch Ärzte, Pflegepersonal, Familienangehörige oder über das Internet zu bekommen.A. Pulman, J. Taylor: Munchausen by Internet: current research and future directions. J Med InternetRes (2012) 14:e115M. D. Feldman: Munchausen by Internet: detecting factitious illness and crisis on the Internet. South. Med. J. (July 2000) 93 (7): 669–672. doi:10.1097/00007611-200093070-00006. PMID 10923952. Weitere mögliche Motive, siehe unten. Gewöhnlich wechseln die Patienten sofort den Arzt, sobald die Möglichkeit einer psychischen Erkrankung angesprochen wird; psychiatrischen Überweisungen und Untersuchungen entziehen sie sich. Die Patienten entziehen sich in der Regel auch einer psychotherapeutischen Behandlung.

Klassifizierung Patienten mit dem Münchhausen-Syndrom leiden überzufällig häufig auch an anderen psychischen Störungen wie Selbstverletzung, Borderline-Persönlichkeitsstörungen oder aggressiver Persönlichkeitsstörung. Entsprechend der Fachliteratur (EckhardtAnnegret Eckhardt: Das Münchhausen-Syndrom – Formen der selbstmanipulierten Krankheit. Urban und Schwarzenberg, München, 1989, ISBN 3-541-11821-0.) wird die artifizielle Störung (das Münchhausen-Syndrom) als Form selbstverletzenden oder selbstschädigenden Verhaltens im Rahmen der Borderline-Persönlichkeitsstörung aufgefasst. Meist liegen bei den Patienten auch ausgeprägte Identitätsstörungen oder Selbstwertdefizite vor. Das Münchhausen-Syndrom ähnelt der historischen Diagnose Pseudologia phantastica (Anton Delbrück, 1891).

Als Ursache der Störung werden – wie bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung – ungünstige psychosoziale Aufwuchsbedingungen (evtl. auch echte Traumatisierungen) in Kindheit und Jugend diskutiert (ausführliche Darstellung bei Eckhardt).

Münchhausen-Stellvertretersyndrom

Eine besondere Form ist das „Münchhausen-Stellvertretersyndrom“, auch Münchhausen by Proxy Syndrom oder erweitertes Münchhausen-Syndrom (). Es liegt vor, wenn Menschen (weit überwiegend Frauen, MütterAWMF Leitlinien Nr. 071/003 „Kindesmißhandlung und Vernachlässigung“, 13. Oktober 2010 (PDF, 21 Seiten, 1,2 MB – ).Münchhausen Syndrome by Proxy (Münchhausen Stellvertreter Syndrom) – Institut für Rechtsmedizin (2017), ) einem nahen Angehörigen (= Proxy), meist einem Kind,Annegret Eckhardt: Artifizielle Störungen. A-1622 (52) Deutsches Ärzteblatt 93, Heft 24, 14. Juni 1996. aber auch z. B. dem Partner, einer kranken oder pflegebedürftigen Person, artifiziell Krankheitssymptome oder körperliche Verletzungen zufügen, sie medizinisch schädigen (z. B. durch Fehl- oder Polymedikation, Vergiftung mit Medikamenten, Drogen, toxischen Substanzen,M. Caroline Burton, Mark B. Warren, Maria I. Lapid, J. Michael Bostwick: Journal of Hospital Medicine, Vol. 10 (No. 1), January 2015, pages 32–35, doi:10.1002/jhm.2268, Published in print and online in Wiley Online Library (Wileyonlinelibrary.com).B. Herrmann: Körperliche Misshandlung von Kindern. Somatische Befunde und klinische Diagnostik. Monatsschr. Kinderheilkd. 2002 (150):1324–1338, doi:10.1007/s00112-002-0610-0 (PDF, 16 S., 528kb). Vorenthalten notwendiger Medikamente oder medizinischer Maßnahmen, Mangelernährung), bestehende Krankheiten aggravieren und/oder deren Genesung verhindern, um die Opfer („Symptomträger“) scheinbar liebe- und aufopferungsvoll zu betreuen und zu pflegen und sie unnötigen, gefährlichen und/oder schädigenden medizinischen Prozeduren (Diagnostik und/oder Therapien (durch Ärzte und/oder Täter selbst)) auszusetzen.Volker Faust: Vorgetäuschte Gesundheitsstörungen. Psychiatrie heute, Kap. 1, 2017, Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit, abgerufen am 10. Februar 2018, (PDF 42 Seiten, 320 kB).Marc D. Feldman: Playing Sick: Untangling the Web of Munchausen Syndrome, Munchausen by Proxy, Malingering, and Factitious Disorder. Routledge Verlag, London, 3. Juni 2004, ISBN 0-415-94934-3.C. Bools., B. Neale R. Meadow: Munchausen Syndrome by Proxy: A Study of Psychopathology. Child Abuse & Neglect (1994), 18, S. 773–788.Meadow R. (2002). Different Interpretations of Munchausen Syndrome by Proxy. Child Abuse & Neglect, 26, 501–508.J. C. Hamilton, M.D. Feldman, A.J. Cunnien (2008) Factitious disorder in medical and psychiatric practices. In: R. Rogers (Hrsg.) Clinical assessment of malingering and deception, 3. Aufl. Guilford Press, New York, S. 128–144. Als mögliche Motive werden die Wünsche nach Erreichen von u. a. Aufmerksamkeit, zwischenmenschliche und gesellschaftliche Anerkennung (durch Partner, Ärzte und Klinikpersonal, soziales Umfeld, Medien), emotionale und materielle Zuwendung und Unterstützung, Aufwertung in der Pflege-Rolle, Kompensation von Selbstwertdefiziten, Helfersyndrom, Abhängigkeit des Opfers, Macht und Kontrolle, „symbiotische Beziehung“, Emotionskontrolle, Kompensation innerer Leere und Spannungszustände und verdecktes Ausagieren von Wut und aggressiven Impulsen diskutiert.Sammelreferenz, siehe: Dulz et al. (2011), Faust (2017), Institut für Rechtsmedizin (2017), Feldman (2004), Bools et al. (1994), Meadow (2002), Hamilton (2008), Noeker (2002), Sachsse (2005), Nowara (2005), Schreier (2004), Schreier & Libow (1993), Bools et al. (1994), Degener & Körner (2005), Sigal et al. (1991), Burton et al. (2015), Burton et al. (2015), Adams & Sutker (2001).André Scholer, Cedric Wernli, Désirée Krebs, Geneviève Faffa, Dominic Grienenberger: Toxichem. Krimtech. 2013; 80(1): pages 38–42 (ISSN 2190-3441), Hrsg.: Gesellschaft für Toxikologische und Forensische Chemie (GTFCh).

Bei der „klassischen“ Form des Münchhausen-Stellvertretersyndroms handelt es sich „um eine Kombination körperlicher und emotionaler Misshandlung und medizinischer Vernachlässigung,T. F. Parnell, D. O. Day: Munchausen by proxy syndrome: Misunderstood Child Abuse. SAGE Publications (1997). H. Schreier, J. Libow: Hurting for Love: Munchausen by Proxy Syndrome. New York: Guilford Press (1993).H. Schreier, J. Libow: Hurting for Love: Munchausen by Proxy Syndrome. New York: Guilford Press (1993).M. Noeker & K. M. Keller: Münchhausen-by-proxy-Syndrom als Kindesmisshandlung. Monatsschrift Kinderheilkunde, 150 (2002), 1357–1369. bei der ein Elternteil (statistisch fast nur Mütter) Kinder schädigt [und Krankheitssymptome vortäuscht, künstlich erzeugt oder übersteigert],Gunther Degener, Wilhelm Körner: Kindesmisshandlung und Vernachlässigung – ein  Handbuch. Hogrefe-Verlag, Göttingen – Bern – Toronto 2005 – Auflage: 1 (1. März 2005) ISBN 3-8017-1746-1.Gert Jakobi: Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Epidemiologie, Diagnostik und Vorgehen. Huber Verlag, Bern; Auflage: 1 (5. September 2008) ISBN 3-456-84543-X. indem er sie unnötigen, gefährlichen und/oder schädigenden medizinischen Prozeduren (Diagnostik und/oder Therapien) aussetzt.“»Ich war süchtig danach, mein Kind krank zu machen« – Was geht in einer Mutter vor, die ihre Tochter immer wieder in Lebensgefahr bringt, damit sie sich kümmern kann? Die Geschichte einer Frau mit Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Brigitte 26/2015, abgerufen: 30. Januar 2018.Ulrich Sachsse: Proxy – dunkle Seite der Mütterlichkeit, Schattauer Verlag, 1. September 2015. ISBN 3-7945-3153-1. Zur Buchvorstellung: Ulrich Sachsse: Proxy-Mütter – Täterinnen und Retterinnen zugleich. Sonderdruck Psychologie Heute, auf: www.ulrich-sachsse.de/monitor/Dokumente (PDF; 2 S., 151 kB, ).Mary J. Sanders: Symptom coaching: Factitious disorder by proxy with older children. Clinical Psychology Review, Volume 15, Issue 5, 1995, S. 423–442. Sie stellt eine subtile Form der Kindesmisshandlung dar, die bis zum Tod des Opfers führen kann.Die fürsorgliche Täterin. Neue Zürcher Zeitung (NZZ), Nr. 43, Zürich (Schweiz), 26. Oktober 2003, abgerufen: 30. Januar 2018. .Gert Jacobi, Reinhard Dettmeyer, Sibylle Banaschak, Burkhard Brosig, Bernd Herrmann: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 107, Heft 13, 2. April 2010.Verena Mertens: Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom und seine zivil- und strafrechtliche Bedeutung. In: NJOZ. 2009, 1665, 1665.Bernd Brinkmann, Burkhard Madea: Handbuch der gerichtlichen Medizin. Band I. Springer-Verlag, Berlin – Heideberg – New York (25. September 2003) ISBN 3-540-00259-6.

Bei der noch selteneren Form des Münchhausen by Adult Proxy Syndroms geschieht grundsätzlich das Gleiche wie zwischen Mutter und Kind, nur zwischen zwei Erwachsenen, was als noch schwerer diagnostizierbar gilt.Marc D. Feldman: Playing Sick: Untangling the Web of Munchausen Syndrome, Munchausen by Proxy, Malingering, and Factitious Disorder. Routledge Verlag, London, 3. Juni 2004, ISBN 0-415-94934-3.H.-P. Kapfhammer: Artifizielle Störungen. Nervenarzt 5/2017, 88:549–570, doi:10.1007/s00115-017-0337-8, Online publiziert: 27. April 2017.