270px|mini|Frédéric Chopins Etüde Op. 10, Nr. 2: eine rasche chromatische Tonleiter zur Stärkung des dritten, vierten und fünften Finger der rechten Hand; hier als virtuoses Konzertstück
Eine Etüde (von französisch Étude „Studie“; spanisch Estudio) ist in ihrem ursprünglichen Wortsinn (les études = „Studium“; étudier = „studieren“) ein Instrumentalwerk für ein Soloinstrument, das dem Musizierenden zu größeren Fertigkeiten auf seinem Instrument verhelfen soll. Im Mittelpunkt steht ein kurzes spieltechnisches Problem, das häufig wiederholt und in Sequenzen auftritt. Im Gegensatz zu den Übungen sind die Etüden harmonisch strukturiert und können auch die Tonarten wechseln.
Der Terminus Etüde erscheint erstmals in der Violinliteratur um 1750 in einer Ausgabe von Giuseppe Tartinis L’arte dell’arco.Walter Kohlender, Das Buch der Violine: Bau, Geschichte, Spiel, Pädagogik, Komposition. Verlag Schott Music, 2013. S. 368f ISBN 3-7957-9156-1
Im 19. Jahrhundert entwickelt sich die Etüde zum Bravourstück des Virtuosen, der hier seine spieltechnischen Fertigkeiten einem Publikum präsentiert und am Klavier zu einer poetischen Pianistik führt.
Vorläufer der Etüde
Klavierstücke welche, ohne explizit als Etüde bezeichnet zu sein, die Funktion einer Etüde für gewisse technische und/oder musikalische Probleme haben, gibt es fast schon seit Beginn der Klaviermusik. So schrieb Oscar Bie über die Klaviermusik Johann Sebastian Bachs:
Im Gegensatz zu den meisten späteren explizit als Etüde benannten Stücken ist aber der technische Übungswert noch nicht klar vom intendierten musikalischen Ausdrucksgehalt getrennt.
Im 18. Jh. entstanden für das Klavier die sog. Handstücke: Nach Daniel Gottlob Türk waren Handstücke „kurze Allegros, Andante und dgl auch leichte und gut gesetze Menuetten, Polonaisen etc.“ für den Klavierunterricht, die die rein technischen Übungen ergänzen sollten. Diese Handstücke schrieben die Klavierlehrer unmittelbar für die Bedürfnisse ihrer Schüler und wurden daher nur zu einem geringen Teil veröffentlicht, weil nach Türk „nicht leicht ein Komponist von Ruf damit auftreten mag.“
19. Jahrhundert mini|Frédéric Chopin formte die Etüde für Klavier im 19. Jahrhundert in besonderer Weise neu. Hier die Etüde op. 10, Nr. 2, mit handschriftlichen Vermerken, Fingersatz und Korrekturen des Autors
Die Etüde löste um 1800 den älteren Begriff Handstück ab. Anfangs war sie noch nicht allein auf spieltechnische Studien eingeschränkt. Auch erscheint sie anfangs häufig als Sammelbegriff, während die einzelne Studie als „Exercise“ oder – vor allem bei der Violinliteratur – als „Caprice“ bezeichnet wurde. Mit der heraufziehenden Romantik erlebte die Etüde eine musikalische Aufwertung. Karl Borromäus von Miltitz setzt „Fingerübungen mit Geist“ der Etüde gleich, während „Fingerübungen ohne Geist“ für ihn bloße Exercices waren.Willi Kahl, Artikel Etüde, in: MGG, Bd. 3, Bärenreiter-Verlag Kassel und Basel 1954, Sp. 1611
Klavieretüden Etüden gehen auf Problemstellungen beim Klavierspiel ein. Mögliche Problemstellungen in Etüden für das Klavier sind zum Beispiel Terzläufe, Akkordspiele, Glissandi, Geläufigkeit, Staccato oder die Unabhängigkeit der Hände. Durch das Spielen der auf das spezifische Problem ausgelegten Etüde können Klavierspieler diese Schwierigkeiten gezielt proben.
Die bedeutendsten Etüdenkomponisten für Klavier waren die drei Komponisten mit den C: Muzio Clementi, Johann Baptist Cramer und Carl Czerny.
Der von Muzio Clementi zwischen 1817 und 1826 verfasste Gradus ad parnassum als ein aus 100 Studien bzw. Etüden bestehendes Klavierlehrbuch zeigt die Schwerpunktverschiebung vom musikalische Ausdruckswerte und technische Aspekte verbindenden „Etüdenverständnis“ des 18. Jahrhunderts zum eher technisch-virtuosen Verständnis des 19. Jahrhunderts. Clementis Sammlung enthielt neben spieltechnischen Studienwerke auch Präludien und Fugen, Kanons, Sonatensätze und Charakterstücke. Das Werk wurde immer wieder von Pianisten und Pädagogen für den allgemeinen Gebrauch bearbeitet, so von Carl Tausig.
Seinem Werk folgten im selben Sinn die Etüdensammlungen von Johann Baptist Cramer und Johann Nepomuk Hummel.Dieter Hildebrandt: Pianoforte oder Der Roman des Klaviers im 19. Jahrhundert. 2. Aufl. Carl Hanser Verlag, München 1985, S. 139, 140 Bei Cramer tauchen in den Etüden (op. 55, 1818 und op. 70, 1825) Stücke mit Überschriften wie Zufriedenheit, Traurige Gedanken, Der Bach und Der Nordwind auf, die den Weg zum lyrischen Klavierstück vorzeichnen. Cramers als fünfter Teil der Großen praktischen Pianoforte-Schule (1815) herausgegebenen vierundachtzig Etüden op. 50, zwischen 1804 und 1810 entstanden, sind heute mancherorts noch in der Klavierpädagogik von Bedeutung. Sie wurden von Hans von Bülow überarbeitet (Cramer-Bülow-Etüden).
Am bekanntesten waren die Etüdensammlung von Carl Czerny. Er schrieb Etüden für alle Leistungsstufen der Pianistik: Vom Anfänger bis zum Virtuosen entwickelte er leicht verständliche Stücke, die sich mit speziellen Problemen des Klavierspiels auseinandersetzten.
Weitere Instrumente Auch andere Instrumente wurden mit ähnlichen Etüdenwerken bedacht. Wilhelm Volckmar (1812–1887) komponierte eine Geläufigkeits-Schule Op. 270 für Orgel. Wilhelm Popps (1828–1903) Schule der Geläufigkeit für Flöte trägt die Opuszahl 411, Ernesto Köhlers (1849–1907) gleichnamiges Werk für dasselbe Instrument die Opuszahl 77.
Romantik Ab 1830, in der Zeit der Romantik, entwickelte sich aus den Etüden eine eigenständige Musikform, die zwar auch dem Studium besonderer Fertigkeiten diente, aber darüber hinaus als konzertantes Werk einem Publikum zu Gehör gebracht wurde. Beispiele hierfür sind die 24 Capricen für Violine von Niccolò Paganini und die 12 Capricen op. 25 für Violoncello von Alfredo Piatti (geschrieben 1865 (PDF)).
Frédéric Chopin und die Folgen
Revolutioniert wurde die Klavieretüde in technischer, musikalischer und gesellschaftlicher Hinsicht durch Frédéric Chopin. Es war vollkommen neuartig, dass ein Pianist Etüden öffentlich vortrug. Chopin machte die Etüde damit kunst- und salonfähig. Seine virtuosen Etüden waren auch die Stücke, mit denen er die Zuhörer in den Salons am meisten begeisterte.Dieter Hildebrandt: Pianoforte oder Der Roman des Klaviers im 19. Jahrhundert. 2. Aufl. Carl Hanser Verlag, München 1985, S. 138 Sie erfuhren später in 56 „Studien“ von Leopold Godowsky sogar noch eine weitere Erschwerung. Chopins Etüden wurden schon damals als „geniale, stets poetisch-ausdrucksvolle Pianistik“ begriffen.Ulrich Michels: dtv-Atlas Musik, Deutscher Taschenbuch Verlag München 2001, ISBN 3-423-08599-1, S. 443 Ihre bis dahin unerhörten technischen Schwierigkeiten liegen nicht zuletzt in der Länge und Gleichartigkeit der Bewegung, beispielsweise mit etwa 600 Sexten in Etüde op. 10, Nr. 10. Die Etüden beginnen in C-Dur, was an Johann Sebastian Bachs Wohltemperiertes Klavier erinnert.Ulrich Michels: dtv-Atlas Musik, Deutscher Taschenbuch Verlag München 2001, ISBN 3-423-08599-1, S. 443
Franz Liszt
mini|Die letzten Takte der Études d’exécution transcendante Nr. 2 von Franz Liszt. Seine Zeitgenossen hielten diese Kompositionen zum Teil für unspielbar und zugleich ungenießbar
Chopin folgten Franz Liszt und später auch Sergei Rachmaninow und Alexander Skrjabin mit eigenen Klavieretüden, welche die technischen Anforderungen noch einmal steigerten.
Études d’exécution transcendante lautet der Titel eines Zyklus von zwölf Klavieretüden von Franz Liszt. Die Etüden Liszts liegen in drei unterschiedlichen Fassungen vor. Die erste Fassung entstand 1826, die zweite 1837. Die dritte wurde 1851 oder 1852 fertiggestellt. Mit dem Titel „Études d’exécution transcendante“ ist die dritte Fassung gemeint.
Bei der Übertragung des Werktitels in die deutsche Sprache wird oft der Ausdruck Etüden von aufsteigender Schwierigkeit verwendet. Allerdings trifft diese Gesetzmäßigkeit nicht zu, denn als schwierigste der Etüden werden eher die vierte oder auch die fünfte angesehen. Eine direktere Übertragung des Titels wäre etwa Etüden von übernatürlicher Ausführung. Auch Liszts Etüden waren nicht nur Übungsstücke, sondern wurden vielmehr „zu einer eigenen poetischen Gattung“; er schildert dabei „romantische Impressionen“.Oliver Hilmes, Liszt - Biographie eines Superstars, Siedler Verlag München 2011, S. 62, ISBN 978-3-88680-947-9 Dem Spieler wie Zuhörer begegnen Irrlichter (Feux follets), man begibt sich auf Wilde Jagd und endet im Schneegestöber (Chasse-neige).
Später entstanden die beiden Konzertetüden Gnomenreigen und Waldesrauschen, von Liszt komponiert 1862 oder 1863. Für die Grandes Etudes war ursprünglich eine Gesamtzahl von 24 Stücken in allen Tonarten vorgesehen, doch hat Liszt den Zyklus in dieser Gestalt niemals fertiggestellt. Bei seinem Opus 6 Étude en quarante-huit Exercices dans tous les Tons Majeurs et Mineurs wurden am Ende nur die ersten 12 Stücke fertiggestellt (Erstausgabe 1826; im März 1839 Nachdruck der Erstausgabe als op. 1 durch den Friedrich Hofmeister Musikverlag, Leipzig).
Für Liszt war „Virtuosität … nicht das Ziel, sie war der Weg, um dem Klavier einen Kosmos völlig neuer Empfindungen zu erschließen“.Oliver Hilmes, Liszt - Biographie eines Superstars, Siedler Verlag München 2011, S. 61, ISBN 978-3-88680-947-9
Konzertetüden Im Verlauf der Zeit entfernte sich diese Musikform von ihrem ursprünglichen Sinn, dem Erlangen einer größeren Fingerfertigkeit. Neben der unterrichtsgebundenen Etüde als Lernstoff „bildet sich die Konzertetüde großen Stils aus“.Willi Kahl, Artikel Etüde, in: MGG, Bd. 3, Bärenreiter-Verlag Kassel und Basel 1954, Sp. 1613 Das zeigt sich in Ansätzen bereits bei einigen Etüden (Skrjabin). Aber auch die Sinfonischen Etüden (Schumann) sind ein Beispiel für die Abkehr vom ursprünglichen Gedanken einer Etüde, handelt es sich dabei doch vielmehr um Variationen über ein Thema. Ebenso handelt es sich bei den Paganini-Variationen op. 35 (zwei Bände) von Johannes Brahms um eine Sammlung von Etüden; sie tragen unmissverständlich im Untertitel den Namen Studien für Pianoforte.
Seit dem frühen 19. Jahrhundert gibt es bereits mehrstimmige Etüden, wie beispielsweise die 21 Etüden für Violoncello mit Begleitung eines zweiten Violoncellos von Jean-Louis Duport (erschienen 1806), die 12 Etüden für Horn mit Begleitung des Klaviers von Josef Rudolf Lewy oder die 6 Etüden für 2 Klarinetten op. 74 von Iwan Müller.
20. und 21. Jahrhundert Klavier Die Klaviertechnik hat sich noch einmal stark erweitert. Im 20. Jahrhundert entstanden diverse Etüden-Werke unterschiedlichster Art.
György Ligeti Komponisten wie György Ligeti schrieben ganze Etüdenwerke, deren Etüden musikalisch hochwertige Stücke sind, die mit der Eigenart der manuellen Übung nichts mehr gemein haben.
Claude Debussy Mit den hochvirtuosen „12 Études“ (1915) schuf Claude Debussy die Verbindung der sogenannten pianistischen Probleme mit einer Ästhetik, die aus ihnen selbst erwächst und kompositorisch durch davon abgeleitete Themen ausbalanciert wird. Jede Etüde behandelt ein Spezialproblem. Die ersten sechs Etüden sind den Mechanismen der Finger gewidmet, wohingegen sich die restlichen sechs mit Klängen und Klangfarben beschäftigen. Hierbei könnte der Verweis auf Czerny in der „Étude 1 pour les cinq doigts d'après Monsieur Czerny“, welche aus dessen Fünf-Finger-Motiv eine ganz neue Tonwelt spinnt, als die Verklanglichung einfacher, überholter Fingerübungen und deren Übertragung in etwas musikalisch Wertvolles aufgefasst werden, stand doch bis dahin häufig die Virtuosität der Technik im Vordergrund.
Marc-André Hamelin