mini|hochkant|Margarete Schütte-Lihotzky, 1997 mini|hochkant|Die Frankfurter Küche von 1926. Rekonstruktion mit Lihotzky, 1990 mini|Typisiertes Schrebergartenhaus in Frankfurt, 1925–1930 (Zustand 2014) Margarete Schütte-Lihotzky (* 23. Jänner 1897 in Wien-Margareten, Österreich-Ungarn; † 18. Jänner 2000 in Wien) war eine österreichische Architektin. Sie war eine der ersten Frauen, die in Österreich Architektur studierten, und wahrscheinlich die erste Frau, die den Beruf in Österreich umfassend ausübte. Sie lebte und arbeitete einige Jahre in Deutschland und der Sowjetunion. Der Entwurf der Frankfurter Küche machte sie international bekannt.

Leben Familie Margarete Lihotzky entstammte einer bürgerlichen Wiener Familie. Ihr Vater Erwin Lihotzky (1856–1923) war ein liberal gesinnter Staatsbeamter mit pazifistischen Tendenzen, der das Ende des Habsburger Reiches und die Gründung der Republik von 1918 befürwortete. Ihre Mutter Julie, geborene Bode (1866–1924), war mit dem deutschen Kunst- und Museumsexperten Wilhelm von Bode verwandt. Urgroßvater Franz Lihotzky war Bürgermeister von Czernowitz, der Hauptstadt des k.k. Kronlandes Bukowina, des östlichsten Kronlandes des alten Österreich. Dessen Sohn Gustav Lihotzky war zunächst Richter in Czernowitz und später Hofrat im k.k. Justizministerium in Wien.

Ausbildung Margarete Lihotzky studierte von 1915 bis 1919 an der k.k. Kunstgewerbeschule (heute Universität für angewandte Kunst Wien), wo (später berühmte) Künstler wie Josef Hoffmann, Anton Hanak und Oskar Kokoschka unterrichteten. Als Margarete Schütte-Lihotzky 1997 ihren 100. Geburtstag feierte, erwähnte sie, 1916 habe niemand geglaubt, dass je eine Frau beauftragt werde, ein Haus zu errichten – nicht einmal sie selbst.Michael Zajonz: Die Frauen des Hauses In: Der Tagesspiegel. 14. August 2004. Sie studierte Architektur bei Oskar Strnad und Baukonstruktion bei Heinrich Tessenow. Strnad war ein feinsinniger Architekt und eine bedeutende Lehrerpersönlichkeit. Er führte seine Studentin 1917 zur Teilnahme am Wettbewerb für „Arbeiterwohnungen“, wo sie erstmals auf das Thema des sozialen Bauens traf. Sie erhielt den Max-Mauthner-Preis für ihr Projekt. Während ihrer ersten Büropraxis bei Strnad fertigte sie Pläne für ein Theaterprojekt von Max Reinhardt.Ulrike Eichhorn: Architektinnen. Ihr Beruf. Ihr Leben. Edition Eichhorn, Berlin 2013, ISBN 978-3-8442-6702-0. Im Juli 1919 wurde ihr als Schülerin von Strnad der Eitelberger- und der Lobmeyr-Preis (gestiftet von der Gesellschaft zur Förderung der Kunstgewerbeschule Wien) zugesprochen.

Wien und Frankfurt mini|Die erste Frankfurter Architektin auf dem Hochbauamt Margarete Schütte-Lihotzky, 1927, Zeichnung von Lino Salini Durch die Teilnahme an einem Wettbewerb für eine Schrebergarten­anlage am Schafberg kam sie mit der Siedlerbewegung in Wien in Kontakt.Zur Siedlerbewegung und Lihotzkys Engagement vgl. Marcel Bois: Kunst und Architektur für eine neue Gesellschaft. Russische Avantgarde, Arbeitsrat für Kunst und Wiener Siedlerbewegung in der Zwischenkriegszeit. In: Arbeit – Bewegung – Geschichte. Heft III/2017, S. 12–34, hier S. 27. Anfang 1921 arbeitete sie gemeinsam mit Adolf Loos für die Siedlung Friedensstadt am Lainzer Tiergarten. Anschließend plante sie mit Architekt Ernst Egli die Steinhäuser für die Siedlung „Eden“ in Wien 14. Sie beschäftigte sich mit Fragen des Wohnens und der Rationalisierung der Hauswirtschaft und verfasste ihren ersten Artikel. Ab 1922 arbeitete sie im Baubüro des Österreichischen Verbandes für Siedlungs- und Kleingartenwesen. Sie entwarf Siedlerhütten und Siedlerhäuser, entwickelte „Kernhaustypen“, gründete die „Warentreuhand“, eine Beratungsstelle für Wohnungseinrichtung, und war wesentlich an Planung und Aufbau der großen Siedlerausstellungen auf dem Rathausplatz in Wien 1922 und 1923 beteiligt.

Ernst May, den Lihotzky als Mitarbeiterin von Loos kennengelernt hatte, ermöglichte ihr, in der Zeitschrift Schlesisches Heim, die er in Breslau herausgab, zu publizieren. May leitete das Hochbauamt der Stadt Frankfurt am Main. 1926 engagierte er Margarete Lihotzky an die Typisierungsabteilung, wo der neue Wohnungsbau mit der „Frankfurter Küche“ entwickelt wurde. Diese gilt heute als Prototyp der modernen Einbauküche. Aufgrund wissenschaftlicher Forschung, u. a. durch Frederick Winslow Taylor aus den USA, sowie der Speisewagenküche der Eisenbahn als Modell, entwarf Grete Lihotzky das „Labor einer Hausfrau“, das auf den Grundlagen der „Griff- und Schrittersparnis“ auf minimalem Raum ein Maximum an Ausstattung bietet, um den Frauen die Arbeit zu erleichtern.Die Überlegungen hinter diesem Küchenmodell illustriert ein historisches Video Die Frankfurter Küche auf YouTube. In den Frankfurter Siedlungen wurden in mehreren Varianten ca. 12.000 Küchen eingebaut. Im Hochbauamt der Stadt lernte sie ihren Kollegen Wilhelm Schütte kennen, den sie 1927 heiratete.

mini|Werkbundsiedlung Wien 1932, Woinovichgasse 2 und 4

Für die Wiener Werkbundsiedlung (1930–1932), die der Öffentlichkeit 1932 im Rahmen einer europäischen Wohnbauausstellung vorgestellt wurde, entwarf sie zwei Reihenhäuser mit je 35 m² Grundfläche (Woinovichgasse 2 und 4). Unter den 32 Architekten der Siedlung war Schütte-Lihotzky die einzige Frau.

Moskau und Türkei Als die politische und wirtschaftliche Situation in der Weimarer Republik sich verschlechterte, nahm Ernst May mit einer Gruppe von Experten 1930 eine Berufung nach Moskau an. Dabei waren Margarete Schütte-Lihotzky als Expertin für Kinderbauten und Wilhelm Schütte als Experte für Schulbau. Die Brigade May war beauftragt, an der Umsetzung des ersten Fünfjahresplanes Stalins für die Sowjetunion mitzuwirken, indem sie sozialistische Städte plante. Dies war als erstes die Industriestadt Magnitogorsk mitten im „Nirgendwo“ des südlichen Urals, von der nach den ursprünglichen Plänen nur das 1. Quartal verwirklicht wurde. Bei ihrer Ankunft bestand die Stadt aus Lehmhütten und -kasernen. Die Planzahl sah 200.000 Einwohner in den nächsten Jahren vor, von denen die Mehrheit in der Stahlindustrie arbeiten sollte. Hier entwarf sie u. a. den Kindergarten in der ulica Tschaikowskowo 52.Elke Pistorius, Astrid Volpert: Vor dem Verschwinden: das Erste Quartal von Magnitogorsk S. 3–4.

1933 schickte Margarete Schütte-Lihotzky Pläne und Fotos ihrer Arbeiten nach Chicago, wo sie auf der Weltausstellung präsentiert wurden. 1934 unternahm sie mit ihrem Mann Studien- und Vortragsreisen nach Japan und China. 1934–1936 war sie Mitarbeiterin des Moskauer Architektur-Instituts und entwarf hier vor allem Kindermöbel. Im August 1937 verließ das Ehepaar Moskau in Richtung Paris, weil an der dortigen deutschen Botschaft die Bedingungen für eine notwendig gewordene Passverlängerung günstiger waren. Das Paar blieb seinen marxistischen Überzeugungen treu, opponierte nicht offen gegen die „Stalinschen Säuberungen“, kehrte aber auch nicht nach Moskau zurück, wahrscheinlich weil den beiden bewusst war, dass die Situation in der Sowjetunion, besonders auch für deutsche Emigranten, immer prekärer wurde. (Die sogenannte „Deutsche Operation des NKWD“ begann gerade.)Thomas Flierl: Mit einem Karton voller Briefe auf Zeitreise. In: Margarete Schütte-Lihotzky, Wilhelm Schütte (Hrsg.): Mach den Weg um Prinkipo, meine Gedanken werden dich dabei begleiten – Der Gefängnisbriefwechsel 1941–1945. Herausgegeben von Thomas Flierl. Lukas Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-86732-306-2, S. 420–421. Stattdessen übersiedelte das Ehepaar nach Istanbul, wo beide die Möglichkeit hatten, an der Akademie der Schönen Künste zu unterrichten und zu arbeiten.

Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges war Istanbul in der neutralen Türkei ein relativ sicherer Ort für emigrierte Europäer, darunter Künstler und Architekten wie Bruno Taut und Clemens Holzmeister. Margarete Schütte-Lihotzky entwarf an der Akademie u. a. Typenprojekte für Dorfschulen und einen Erweiterungsbau für ein Lyzeum in Ankara. Im Jahre 1939 schloss sie sich zusammen mit ihrem Ehemann einer Auslandsgruppe der KPÖ an, die in Istanbul von dem österreichischen Architekten Herbert Eichholzer nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland zur Unterstützung des Widerstandes in Österreich gerade gegründet worden war.Thomas Flierl: Mit einem Karton voller Briefe auf Zeitreise. In: Margarete Schütte-Lihotzky, Wilhelm Schütte: Mach den Weg um Prinkipo, meine Gedanken werden dich dabei begleiten – Der Gefängnisbriefwechsel 1941–1945. Hrsg.: Thomas Flierl, Lukas Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-86732-306-2, S. 478 ff. Der Istanbuler Gruppe gehörten, unter anderem, der österreichische Ökonom Josef Dobretsberger, der steirische Fabriksbesitzer Herbert Feuerlöscher, und die chilenische Architektin, Ines Viktoria Maier Mayer an. Als Schütte-Lihotzkys Vertrag mit der Akademie anders als der ihres Mannes gekündigt wurde, reiste sie im Dezember 1940 im Auftrag der Istanbuler Gruppe nach Wien, um mit der Widerstandsbewegung der KPÖ als Kurier in geheime Verbindung zu treten.

Widerstand und Haft