Der Begriff russischsprachige bzw. russische Literatur bezeichnet die literarischen Werke aus dem russischen Sprachraum der Vergangenheit und Gegenwart. Zur russischen Literatur werden auch nicht-dichterische Werke mit besonderem schriftstellerischem Anspruch gezählt, also Werke der Geschichtsschreibung, der Literaturgeschichte, der Sozialwissenschaften oder der Philosophie, wie auch Tagebücher oder Briefwechsel.
Altrussische Literatur Die altrussische Literatur ist im mittelalterlichen byzantinischen Schrifttum verwurzelt und wurde vorwiegend auf Altostslawisch verfasst. Es wurden häufig religiöse Themen aufgegriffen, wobei besonders das Leben der Heiligen (жития святых) ein populäres Motiv war. Oftmals sind die Autoren der Werke heute nicht mehr bekannt. Beispiele hierfür sind z. B. das Igorlied oder Das Beten Daniels des Gefangenen.
Zu den bekanntesten und erfolgreichsten russischen Schriftstellern vor Puschkin zählen Gawriil Derschawin (1743–1816) und Nikolai Karamsin (1766–1826).
Neuere russische Literatur
miniatur|170px|links|Alexander Puschkin hat in den 1820er Jahren die russische Nationalliteratur begründet.
Literatur des Klassizismus Die literarische Epoche des Klassizismus bildet einen Übergang zwischen der barocken Literatur und dem Sentimentalismus. Der Begriff leitet sich aus dem lat. „classicus“ und „classici“ ab und erfährt eine metaphorische Begriffserweiterung zu „vorbildlich“. So wie die französische Klassik die Antike einst als Vorbild betrachtete, so wurde auch in Russland von einigen Autoren eine Mimesis der „klassischen“ Vorbilder gefordert. Da aber die Antikenbezogenheit kein wesentliches Merkmal des russischen Klassizismus war, bezeichnet man die Epoche auch als „Pseudoklassizismus“. Der russische Klassizismus setzt wesentlich später ein als die französische Klassik. Man betrachtet die klassizistische Epoche in Russland etwa ab dem Jahre 1740. Diese dauert etwa bis 1780 an. Die unterschiedliche zeitliche Entwicklung der Epochen ist geschichtlich geprägt, denn erst sehr spät, mit der „Öffnung des Fensters“ nach Europa durch Peter I., konnte die westliche Literatur rezipiert werden.
Die Literatur des Klassizismus war zunächst eine Übersetzungsliteratur. Viele Werke westlicher Autoren wurden ins Russische übersetzt oder adaptiert, in dem sie russifiziert wurden. Die übersetzten Werke kamen aus Holland, Deutschland und Frankreich (nach 1730). An ihrer Eigenständigkeit fehlte es also der russischen Literatur zunächst. Aber auch aufgrund der mangelnden Infrastruktur und der gesellschaftlichen Gegebenheiten (Mangel an Druckereien, geringe Anzahl der Leserschaft aufgrund des Analphabetismus) konnten sich die Werke nur sehr schwer verbreiten. Meistens waren diese von adligen Autoren für den Adel und für den Hof geschrieben. Wichtige Autoren und Begründer des Klassizismus waren Wassili Trediakowski, Michail Lomonossow und Alexander Sumarokow.
Puschkin und die Romantik Wassili Schukowskis Übersetzung von Thomas Grays Elegy Written in a Country Church Yard (1802) bildete den Auftakt zur russischen Romantik. Der besonders durch Versepen (Ruslan und Ljudmila, 1820; Eugen Onegin, 1831) hervorgetretene Alexander Puschkin (1799–1837) hat als Romantiker die neuere russische Literatur begründet, indem er mit der Tradition des kirchenslawischen Schreibens brach und eine russische Literatursprache schuf, die gleichzeitig schön und an der Sprache der Bauern orientiert war. Literatur wurde dadurch allen Bevölkerungsschichten zugänglich, und die folgende Ära wird auch als „goldenes Zeitalter“ der russischen Literatur bezeichnet. Auf Puschkin folgten romantische Dichter wie Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew (1803–1873) und Michail Lermontow (1814–1841). Mit Ein Held unserer Zeit (1840) schuf letzterer den ersten russischen Prosaroman, der literarisch eigenständig und nicht mehr an französische Vorbilder angelehnt war.
Nach der Romantik Während die Romantiker, die in Russland als die eigentlichen Großen der Nationalliteratur gelten, im Ausland wenig gelesen wurden und werden, sind andere bedeutende Schriftsteller aus dieser Epoche auch im Ausland weithin rezipiert worden. Der erste in dieser Reihe, Nikolai Gogol (1809–1852), war im Grotesken zu Hause und nahm in seinen Romanen und Novellen (Die Nase, 1836; Die toten Seelen, 1842) viele Motive vorweg, die für die moderne Literatur später typisch wurden, wie die Kollision zwischen Mensch und einer undurchschaubaren Bürokratie, unmotivierte Schuldkomplexe oder die Zuflucht, die die überforderten Figuren in ausufernden und wütenden Deutungen ihrer sinnlosen Erlebnisse suchen. Afanassi Fet (1820–1892) hinterließ ein dichterisches Werk, das ebenso wie die Arbeiten Tjuttschews dem L’art pour l’art zuzurechnen ist und das trotz seines geringen Umfangs großen Einfluss auf die späteren Dichter der Dekadenz und des Symbolismus genommen hat. Iwan Gontscharow (1812–1891) veröffentlichte 1859 seinen einflussreichen Roman Oblomow, der – wie Hans J. Fröhlich aufwies – das Lebensgefühl der russischen Nihilisten analysiert und pointiert zum Ausdruck gebracht hat.
Zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts: Dostojewski und Tolstoi Als die Titanen der neueren russischen Romanliteratur gelten Fjodor Dostojewski (1821–1881; Schuld und Sühne, 1866; Die Brüder Karamasow, 1880) und Lew Tolstoi (1828–1910; Krieg und Frieden, 1869; Anna Karenina, 1878; Auferstehung, 1899): beide Psychologen, die mit literarischen Mitteln ausgelotet haben, welche Konflikte dem Menschen am Anbruch der Moderne widerfuhren: Dostojewski als Patriot und ganz auf dem Boden der russischen Orthodoxie, spannungshaft und dramatisch und wie kein anderer an den zeitbedingten Verwerfungen der Seele des Individuums interessiert. Tolstoi als großer Moralist und realistischer Porträtist gesellschaftlicher Verhältnisse und zwischenmenschlicher Beziehungen; seine großen Themen sind die herrschenden Konventionen, die Kultur mit ihren Institutionen und die Sexualität, die er alle drei immer wieder geißelt, weil sie den Menschen als geistiges Wesen von sich selbst entfremden. Zusammen mit Iwan Turgenew (1818–1883; Väter und Söhne, 1861) werden diese Autoren aus westlicher Sicht oft als Dreigestirn wahrgenommen, wobei Turgenews Werke – auch seine Romane – stärker lyrisch geprägt, weltoffener, liberaler und weniger belehrend und dogmatisch sind als die Arbeiten Tolstois und Dostojewskis.Horst-Jürgen Gerigk: Die russischen Zeitgenossen jedoch empfanden weniger den meist im Ausland lebenden Turgenew, als vielmehr Nikolai Leskow (1831–1895) als den dritten der ganz Großen. Anders als bei den drei Vorgenannten lag Leskows Stärke nicht in Romanen, sondern in seinen fabulierenden Erzählungen, die auf Märchen, Volkserzählungen, Legenden und Anekdoten gründeten.Ernst Weiß:
Neben Turgenew und dem späteren Anton Tschechow gehört besonders Alexander Ostrowski zu den drei großen Dramatikern der späten romantischen Epoche, er machte sich vor allem um die russische Komödie und das Volksstück große Verdienste.
Unter den Lyrikern des russischen Realismus ist vor allem Nikolai Nekrassow (1821–1878) zu nennen.
Der größte Dramatiker der Zeit war Anton Tschechow (1860–1904; Die Möwe, 1895; Drei Schwestern, 1901; Der Kirschgarten, 1903), der auf realistische und tragikomische Weise die Banalität des Provinzlebens und die Vergänglichkeit des Kleinadels, und auf allgemeinerer Ebene den Verlust der Heimat, menschlicher Beziehungen und des Selbst gezeigt hat.
Frühes 20. Jahrhundert Die ersten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gelten in der russischen Literatur als Silbernes Zeitalter. Zu ihren wichtigsten Vertretern zählen Alexander Blok, Iwan Bunin und Nikolai Gumiljow. Expressiv-irrationale Erzählungen und Theaterstücke schrieb Leonid Nikolajewitsch Andrejew. Der wichtigste literarische Vertreter der frühen Avantgarde war Andrej Belyj, der zu den Begründern des Symbolismus in der russischen Literatur zählte. Er arbeitete mit typographischen Elementen und Figurengedichten. Bedeutende Lyrikerinnen sind die elegisch-rückwärtsgewandte Aristokratin Anna Achmatowa (1889–1966) und Marina Zwetajewa (1892–1941), deren Werk durch die Dynamik und Energie des volkstümlichen Wortschatzes geprägt ist.Alla Soumm: Das Silberne Zeitalter und dessen bedeutendste Lyrikerinnen: Über Anna Akhmatova und Marina Cvetajeva auf literaturkritik.de In Zwetajewas Epos Schwanenlager (1917–1921) glorifizierte sie die antikommunistischen Kämpfer im Bürgerkrieg. 1922 ging sie ins Exil.
Literatur der Sowjetzeit In der Sowjetzeit von 1917 bis 1991 entstand eine eigene Ausprägung der Literatur. Maxim Gorki, Nobelpreisträger Michail Scholochow, Walentin Katajew, Alexei Tolstoi, Wladimir Majakowski, Tschingis Aitmatow oder Ilf und Petrow wurden bedeutende Vertreter der Sowjetliteratur. In der Kinderliteratur sind Samuil Marschak, Alexander Wolkow, Nikolai Nossow oder Kornei Tschukowski nennenswert. Weitere bekannte Autoren der Epoche sind Anatoli Pristawkin und Walentin Rasputin.
Während der Sozialistische Realismus in der Sowjetunion offiziell gefördert wurde, setzten einige Schriftsteller wie Michail Bulgakow, Boris Pasternak, Andrei Platonow, Ossip Mandelstam, Isaak Babel und Wassili Grossman die Tradition der klassischen russischen Literatur entgegen dem sowjetischen Ideal fort. Häufig wurden ihre Werke erst Jahrzehnte später und in einer zensierten Version veröffentlicht. Auch Achmatowa konnte die meisten ihrer in der Stalinzeit entstandenen Gedichte erst 1987 publizieren. Die Serapionsbrüder um Nikolai Nikitin und Konstantin Fedin bestanden auf dem Recht, eine eigenständige Literatur unabhängig von der politischen Ideologie hervorzubringen, was sie in Konflikt mit der Regierung brachte. Ebenso wenig tolerierten die Behörden die teils symbolistische, teils experimentell-futuristische Kunst der sog. Oberiuten, der Mitglieder der avantgardistischen Vereinigung OBERIU, die 1930 verboten wurde.
Jewgeni Schwarz kritisierte in seinen etwa 30 allegorisch verspielten, durch bekannte europäische Märchen inspirierten Theaterstücken in den 1930er Jahren den politischen Terror, wobei er den verordneten Naturalismus ignorierte.
Die Bezeichnung Sowjetliteratur, die oft als synonym für die neuere russische Literatur verwendet wurde, ist als politischer Terminus jedoch nicht geeignet, das gesamte Schaffen der Epoche zu bezeichnen, da sich die Haltung der offiziellen Instanzen den Autoren gegenüber rasch wandelte und sie explizit die Exil- und die inoffizielle Inlandliteratur ausschließt. Insofern ist der sprachlichen Definition (russische, ukrainische usw. Literatur) der Vorzug zu geben.
1945–1986 Als eines der wichtigsten Werke der 1940er und 1950er Jahre kann Konstantin Paustowskis sechsbändige Autobiographie Erzählungen vom Leben (Повесть о жизни) gelten, das mit seinen lyrischen Landschaftsbeschreibungen in der Tauwetter-Periode nach Stalins Tod für viele Autoren zum Vorbild wurde. Diese Periode erhielt ihren Namen von dem 1954 erschienenen gleichnamigen Roman Ilja Ehrenburgs (1954), der sich gegen Zynismus und Anpassung in Beruf und Kunst richtet. 1956 bis 1961 kam es zu einer kurzen Blüte der russischen Literatur; auch Formexperimente waren wieder zugelassen. Wladimir Tendrjakow, einer der frühen und wichtigsten Tauwetter-Schriftsteller, lässt in Die Nacht nach der Entlassung die Klassenbeste bei der Abschlussfeier Schule und Lehrer anklagen. Wladimir Dudinzews Roman Der Mensch lebt nicht vom Brot allein (1956; dt. Übersetzung 1958) erregt Aufsehen. Auch der Sibirier Wiktor Astafjews Roman Der Schnee taut (1958) zählt zu den bekannten Werken der Tauwetterperiode. Jurij Kasakow wurde als Autor lyrischer Kurzgeschichten bekannt.
Auf dem Theater wurden Stücke von Majakowski wieder aufgeführt. Juri Ljobimow gründete 1964 das Taganka-Theater und knüpfte an die anti-illusionistischen Stilmittel des Regisseurs Jewgeni Wachtangow an.