mini|Jan Vermeer, Die Malkunst, Allegorie auf die Malerei mini|Jan Brueghel der Jüngere, Allegorie der Tulipomanie

Die Allegorie ( ‚andere Sprache‘; von ‚anders‘, ‚verschieden‘, ‚auf andere Weise‘ und ‚eindringlich sprechen‘, ‚eine öffentliche Aussage machen‘, zu ‚Versammlung‘) ist eine Form indirekter Aussage, bei der eine Sache (Ding, Person, Vorgang) aufgrund von Ähnlichkeits- oder Verwandtschaftsbeziehungen als Zeichen einer anderen Sache (Ding, Person, Vorgang, abstrakter Begriff) eingesetzt wird.

In der Rhetorik wird die Allegorie als Stilfigur unter den Tropen (Formen uneigentlichen Sprechens) eingeordnet und gilt dort als fortgesetzte, das heißt über ein Einzelwort hinausgehende, Metapher. In der bildenden Kunst und in weiten Teilen der mittelalterlichen und barocken Literatur tritt die Allegorie besonders in der Sonderform der Personifikation auf, in der eine Person durch Attribute, Handlungsweisen und Reden als Veranschaulichung eines abstrakten Begriffs, zum Beispiel einer Tugend oder eines Lasters, agiert.

Unter Allegorese (allegorische Deutung) versteht man die Deutung von Allegorien jeder Art, so etwa spricht man von Buchstaben-, Edelstein-, Farb-, Kleider- und Blumenallegorese.Tilo Brandes: ‚Von den Buchstaben‘. In: Burghart Wachinger u. a. (Hrsg.): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2., völlig neu bearbeitete Auflage, Band 1 (‘A solis ortus cardine’ – Colmarer Dominikanerchronist). De Gruyter, Berlin/New York 1978, ISBN 3-11-007264-5, Sp. 1111. In der Literaturwissenschaft bezeichnet Allegorese die historische Auslegung eines Textes nach einem über den wörtlichen hinausgehenden Sinn.

In der mathematischen Kategorientheorie ist eine Allegorie nach Freyd und Sceodrov die Kategorie zweistelliger Relationen zwischen unterschiedlichen Mengen (im Gegensatz zur Relationsalgebra homogener zweistelliger Relationen).Yohji Akama, Yasuo Kawahara, Hitoshi Furusawa: . University of TokyoPeter J. Freyd, André Scedrov: Categories, Allegories (= North-Holland Mathematical Library, Vol. 39). North-Holland, 1990.

Grundlagen Zu Funktion und Bedeutung In der Auslegung mythologischer und heiliger Texte hat die Annahme von Allegorien eine besondere Rolle bei dem Anliegen gespielt, den überlieferten, in seiner wörtlichen Aussage teilweise unglaubwürdig oder unverständlich gewordenen Text auf eine verborgene Weisheit oder Wahrheit hin auszulegen und so das Denken und Glauben der eigenen Zeit und Kultur als bereits in der Vergangenheit vorausgeahnt und beglaubigt auszuweisen.

Als sprachlicher oder künstlerischer Ausdruck ist eine Allegorie von vorneherein auf ihre Deutung hin konstruiert. Vom Hörer oder Betrachter erfordert die Allegorie einen Gedankensprung (Assoziation = eine bewusste oder unbewusste Verknüpfung von Gedanken) vom Gesagten oder bildlich Dargestellten zur gemeinten Bedeutung. Wenn der Betrachter nicht vertraut ist mit den geistigen oder historischen Zusammenhängen, aus denen die Allegorie heraus konstruiert wurde, bleibt ihm ihr Sinn oft verborgen. Realistische Allegorien – bei ihnen wirkt schon die wörtliche oder unmittelbare Bedeutung an sich selber lehrreich oder unterhaltsam – lassen oft übersehen, dass es weiter(gehend)e allegorische Intentionen gibt.

Allegorie und Symbol mini|Justitia, die Gerechtigkeit, mit Darstellung der Unschuld (links) und des Lasters (rechts) Die seit dem 18. Jahrhundert aufgekommenen Versuche, Allegorie und Symbol voneinander abzugrenzen, zeichnen sich oft durch philosophischen Tiefsinn aus, sind aber literatur- und zeichentheoretisch wenig konsistent und führen bei der Anwendung auf die antike, mittelalterliche und auch barocke Allegorie zu historischen Verkürzungen. Ein Symbol wird manchmal verstanden als ein Zeichen, das die gesagte Sache auch um ihrer selbst und ihrer Besonderheit willen, und nicht nur um der Verallgemeinerbarkeit der übertragenen Aussage willen ausspreche, ihren tieferen Sinn außerdem lediglich andeute, ihn aber weniger bestimmt als die Allegorie festlege, und darum schließlich eher intuitiv zu verstehen als intellektuell zu enträtseln sei. Vor allem soll das Dargestellte im Symbol noch anwesend sein, wodurch eine innere und äußere Einheit von Zeichen und Bedeutung gewahrt wird.

Der Allegorie fehlt diese Einheit, sie ist gebrochen und steht in einem Spannungsverhältnis zur dahinter stehenden Idee. Ästhetisch wurde während des Klassizismus darum dem als poetischer empfundenen Symbol meist der Vorzug gegeben vor der verstandesbetont nüchternen, als Gedankenspiel geringgeschätzten Allegorie, die im Rahmen einer auf Unmittelbarkeit, Gefühl und Individualität ausgerichteten Literatur- und Kunstauffassung als die minderwertigere oder sogar unpoetische Ausdrucksform geringgeschätzt wurde. Durch Walter Benjamin erfuhr die Allegorie in der Moderne eine Aufwertung: „Das Symbol ist die Identität von Besonderem und Allgemeinem, die Allegorie markiert ihre Differenz.“Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, Bd. 1, S. 352. Sie wurde als Kunstform gegen die idealistische Ästhetik paradigmatisch für die Moderne.

Geschichtliche Entwicklung und Beispiele Im antiken Griechenland wurden zahlreiche Kräfte und Zustände, sofern sie dauerhaft wirkten, vergöttlicht. Der griechische Götterhimmel war daher so vielfältig, dass es der Allegorie nur selten bedurfte. Soweit bekannt, nutzten die griechischen Maler jedoch personifizierte Abstrakta für innere Vorgänge und Zustände wie Empörung oder Neid, die sie noch nicht durch Mimik oder Gebärden darstellen konnten, und stellten sie neben die handelnden Figuren, um deren Motive zu zeigen. In hellenistischer und römischer Zeit änderte sich das: An die Stelle der Gottheit trat immer öfter die Allegorie. Nicht nur natürliche Vorgänge wurden nun allegorisiert, sondern auch staatliche und politische Verhältnisse.

Einen frühen Höhepunkt erreichte die Verwendung der Allegorie in der bildenden Kunst der Frührenaissance, in der vor allem Abstrakta wie geistige Qualitäten personifiziert wurden. Zum besseren Verständnis mussten Allegorien oft mit Beischriften oder Attributen versehen werden (z. B. wurde Feigheit durch einen Mann repräsentiert, der vor einem Hasen flieht). Häufig diente seit dem Hochmittelalter die Allegorie moralisch-theologischen Zwecken, z. B. zur Darstellung von Tugenden und Sünden. Die mittelalterliche Kirchenmalerei, Plastik (Straßburger Münster) und Goldschmiedekunst (Verduner Altar in Klosterneuburg) und die barocke Malerei (z. B. Rubens) bedienten sich reichlich der belehrenden Allegorie und schufen zahlreiche Figuren, die das Gute oder Böse repräsentieren.

Seit der Französischen Revolution verkörpern Allegorien auch politische Ideen wie die Freiheit oder die Volkssouveränität.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts – unter dem Einfluss der in London ausgestellten Giebelfiguren des Parthenon, der sog. Elgin Marbles – wurden vermehrt skulpturale Allegorien (oft weibliche Figuren) als Schmuck- oder Stützfiguren verwendet, um den Zweck und die Bestimmung von öffentlichen Gebäuden anzuzeigen (zuvor schon z. B. am Pariser Panthéon).Jacob Burckardt: Die Allegorie in den Künsten. (1897) In: Ders.: Kulturgeschichtliche Vorträge. Hrsg. Rudolf Marx, Stuttgart 1959, S. 322 ff., 333 ff.

mini|Dürer: Melencolia I Die Allegorie kann auch als bildhafte Personifikation eines Staates verwendet werden. In der Form einer Nationalallegorie findet man beispielsweise für das Deutsche Reich die Germania, für Österreich die Austria, für Preußen die Borussia, für die Schweiz die Helvetia, für Frankreich die Marianne, für Großbritannien die Britannia oder für die USA die Lady Liberty oder Uncle Sam. Der Tod als Gerippe (das Fleisch vergeht) und mit der Sense (er trifft alle). Die Gerechtigkeit als Frau (Justitia; iustitia ist im Lateinischen weiblich) mit verbundenen Augen (ohne Ansehen der Person), in der einen Hand eine Waage (genau abwägend) und in der anderen ein Schwert (urteilend). Albrecht Dürers Melencolia I kann entgegen der vorherrschenden Deutung als Melancholie durchaus als eine Allegorie des Trostes durch MeditationMeditation ist, mit Mose an den Stein (um Lebenswasser) anklopfen „Meditari est pulsare cum Mose hanc petram“ (Luther WA 3. Bd. 1885, 21) verstanden werden (siehe: Jakobsleiter des Gebets mit sieben Sprossen – vgl. auch: Melencolias Pi-Theta-Gürtel entsprechend den Säumen des Kleides von Philosophia bei Boetius’ Trost der Philosophie, 524) als auch der Wissenschaften (Quadrivium: Arithmetik, Geometrie, Astronomie & Musik) sowie Dürers künstlerischer Kreativität und Kunsttheorie.

Da die Allegorie ein indirektes Zeichen des Dargestellten ist, wird sie nicht direkt verstanden, sondern erst durch Abstraktion – oder Konvention.

Sprachliche Allegorie Allegorie in der Literatur In der Literatur sind bekannt: Allegorie und Allegorese, Formen, die Inhalte von Texten erklären, wobei die Allegorese die Interpretationsform ist, die Allegorie die Textform. Das hermeneutische Verfahren einer allegorischen Interpretation von Texten wurde zuerst in der Antike für das Deuten der Epen Homers und der Theogonie Hesiods angewendet. Die verschiedenen philosophischen Schulen versuchten dadurch, die Texte nicht nur wörtlich zu verstehen, sondern einen verborgenen Sinn in ihnen zu entdecken. Die in der klassischen Zeit als skandalös empfundenen Göttergeschichten der vorklassischen Zeit, wie etwa von Homer oder Hesiod überliefert, konnten auf diese Weise gerechtfertigt werden.

In Rom wurde die von den Griechen praktizierte allegorische Interpretation von Göttermythen übernommen. Allegorische Figuren wurden u. a. von Lukan (Roma), Vergil (Fama), Lukrez und Ovid erfunden. Aus spätrömischer Zeit stammt Boethius’ Buch Tröstungen der Philosophie, in dem neben den Musen der Dichtkunst auch die Philosophie als Person zum Autor spricht. Von weitreichendem Einfluss auf Literatur und Kunst des Mittelalters war Prudentius’ Psychomachia aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., eine allegorische Schilderung des Kampfes zwischen den christlichen Tugenden und den heidnischen Lastern.

Bis zum ausgehenden Mittelalter entstanden zahlreiche phantastisch-allegorische Werke, so der Anticlaudian des Alanus ab Insulis im 12. Jahrhundert, der sich im Vorwort zu seinem Buch ausdrücklich eine nur buchstäbliche Lektüre des Textes verbat, oder der überaus populäre und weit verbreitete Rosenroman von Guillaume de Lorris und Jean de Meung. Auch die Bibel erschien in allegorischer Form, so im hochmittelalterlichen Eupolemius, in dem die Heilsgeschichte vom Sündenfall bis zur Auferstehung Christi nacherzählt wird. In der Übergangszeit zwischen Mittelalter und Renaissance schrieb Petrarca seine in vielen illustrierten Handschriften überlieferten De remediis utriusque fortunae, eine allegorische Anleitung für den Menschen über seinen Umgang mit Glück und Unglück, und schließlich Dante die Göttliche Komödie.

In der Barockzeit erlebten Allegorien eine Blüte in allen Bereichen der Literatur, sei es in Gedichten, Reden aller Art, Predigten, Grabinschriften usw. Sie treten auch heute noch im Christi-Leiden-Spiel und in der Passionsprozession auf.

Der Klassizismus verwirft die in der christlichen Mystik begründete allegorische Kunstauffassung, die im Symbolismus und der Moderne eine säkularisierte Wiedergeburt erlebt.Rosario Assunto: Theorie der Literatur bei Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. rororo, Reinbek 1975, S. 158 ff.