Als althochdeutsche Sprache oder Althochdeutsch (abgekürzt Ahd.) bezeichnet man die älteste schriftlich überlieferte Sprachstufe des Deutschen, die zwischen 650 und 1050 gesprochen wurde und ab Mitte des 8. Jahrhunderts erstmals in Handschriften fassbar wird. Ihr unmittelbarer Vorläufer war das Voralthochdeutsche, das sich vom Althochdeutschen vor allem durch die noch nicht durchgeführte Zweite Lautverschiebung unterscheidet und im 5. bis 7. Jahrhundert gesprochen wurde. Das Voralthochdeutsche wiederum ist die südliche Teilgruppe des Westgermanischen, zu dem auch die Vorläufer des Altsächsischen, Altfriesischen, Altniederländischen und Altenglischen gehören.
Territoriale Eingrenzung und Gliederung 300px|mini|Der westgermanische Sprachraum (ohne Altenglisch) im Frühmittelalter.Karte in Anlehnung an: Meineke, Eckhard und Schwerdt, Judith, Einführung in das Althochdeutsche, Paderborn/Zürich 2001, S. 209.Legende:
Das Althochdeutsche war keine einheitliche Sprache, sondern eine Gruppe eng verwandter und wechselseitig gut verstehbarer westgermanischer Dialekte, die südlich der sogenannten „Benrather Linie“ (die heute von Düsseldorf-Benrath ungefähr in west-östlicher Richtung verläuft) gesprochen wurden. Diese Dialekte unterscheiden sich von den anderen westgermanischen Sprachen vor allem durch die Durchführung der Zweiten (oder Hochdeutschen) Lautverschiebung.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat auch das Langobardische im Norditalien des 7. bis 8. Jahrhunderts zu den althochdeutschen Dialekten gehört; die wenigen überlieferten oder aus italienischen Lehnwörtern erschließbaren langobardischen Wörter und Eigennamen lassen jedenfalls erkennen, dass auch im Langobardischen die Zweite Lautverschiebung durchgeführt worden ist.
Da das Althochdeutsche eine Gruppe naheverwandter Mundarten war und es im frühen Mittelalter keine einheitliche Schriftsprache gab, lassen sich die überlieferten Textzeugnisse den einzelnen althochdeutschen Dialekten zuweisen, so dass man oft treffender von Altbairisch, Altalemannisch usw. spricht. Allgemein werden neben dem Langobardischen folgende althochdeutsche Dialekte unterschieden (von Nordwesten nach Südosten): Altmittelfränkisch Altrheinfränkisch Altostfränkisch Altsüdrheinfränkisch Altalemannisch Altbairisch Hinzu kommt das Altthüringische, das abgesehen von Eigennamen kaum oder gar keine Schriftzeugnisse hinterlassen hat.
Diese westgermanischen Varietäten mit der Zweiten Lautverschiebung weisen allerdings eine unterschiedliche Nähe zueinander auf, in der die späteren Unterschiede zwischen Ober- und Mitteldeutsch begründet sind. So schreibt etwa Stefan Sonderegger, in Bezug auf die räumlich-sprachgeographische Gliederung sei unter Althochdeutsch zu verstehen:
Althochdeutsche Überlieferungen und Schriftlichkeit mini|Teil des Hildebrandsliedes, verfasst in althochdeutscher Sprache
Das lateinische Alphabet wurde im Althochdeutschen für die deutsche Sprache übernommen. Hierbei kam es einerseits zu Überschüssen an Graphemen wie ⟨v⟩ und ⟨f⟩ und andererseits zu „ungedeckten“ deutschen Phonemen wie Diphthongen, Affrikaten (wie /pf/, /ts/, /kx/), und Konsonanten wie /x/ ⟨ch⟩ und /ð/ ⟨th⟩, die es im Lateinischen nicht gab. Im Althochdeutschen wurde für das Phonem /f/ auch hauptsächlich das Graphem ⟨f⟩ verwendet, sodass es hier fihu (Vieh), filu (viel), fior (vier), firwizan (verweisen) und folch (Volk) heißt, während im Mittelhochdeutschen überwiegend für dasselbe Phonem das Graphem ⟨v⟩ verwendet wurde – hier heißt es beispielsweise vinsternis (Finsternis), vrouwe (Frau), vriunt (Freund) und vinden (finden). Diese Unsicherheiten, die sich bis heute in Schreibungen wie „Vogel“ oder „Vogt“ auswirken, sind auf die beschriebenen Graphemüberschüsse des Lateinischen zurückzuführen.
Der älteste erhaltene althochdeutsche Text ist der Abrogans, ein lateinisch-althochdeutsches Glossar. Generell besteht die althochdeutsche Überlieferung zu einem großen Teil aus geistlichen Texten (Gebeten, Taufgelöbnissen, Bibelübersetzung); nur vereinzelt finden sich weltliche Dichtungen (Hildebrandslied, Ludwigslied) oder sonstige Sprachzeugnisse (Inschriften, Zaubersprüche). Zum öffentlichen Recht gehören die Würzburger Markbeschreibung oder die Straßburger Eide von 842, die jedoch nur in der Abschrift eines romanischsprachigen Kopisten aus dem 10. und 11. Jahrhundert überliefert sind.
Der sogenannte „Althochdeutsche Tatian“ ist eine Übersetzung der Evangelienharmonie des syrisch-christlichen Apologeten Tatianus (2. Jahrhundert) in das Althochdeutsche. Er ist zweisprachig (lateinisch-deutsch); die einzige erhaltene Handschrift befindet sich heute in St. Gallen. Der Althochdeutsche Tatian ist neben dem Althochdeutschen Isidor die zweite große Übersetzungsleistung aus der Zeit Karls des Großen.
Im Zusammenhang mit der politischen Situation ging im 10. Jahrhundert die Schriftlichkeit im Allgemeinen und die Produktion deutschsprachiger Texte im Besonderen zurück; ein erneutes Einsetzen einer deutschsprachigen Schriftlichkeit und Literatur ist ab etwa 1050 zu beobachten. Da sich die schriftliche Überlieferung des 11. Jahrhunderts in lautlicher Hinsicht deutlich von der älteren Überlieferung unterscheidet, bezeichnet man die Sprache ab etwa 1050 als Mittelhochdeutsch. Als Endpunkt der althochdeutschen Textproduktion wird oft auch der Tod Notkers in St. Gallen 1022 definiert.
Charakteristika der Sprache Das Althochdeutsche ist eine synthetische Sprache. Die im Folgenden standardisiert dargestellten Wortformen entsprechen dem sogenannten „Normalalthochdeutsch“ und orientieren sich hauptsächlich am Altostfränkischen des 9. Jahrhunderts, besonders am Althochdeutschen Tatian.
Umlaut Typisch für das Althochdeutsche und wichtig für das Verständnis bestimmter Formen in späteren Sprachstufen des Deutschen (wie die rückumlautenden schwachen Verben) ist der althochdeutsche Primärumlaut. Hierbei bewirken die Laute /ī/, /i/ und /j/ in der Folgesilbe, dass /a/ zu /e/ umgelautet wird.
Endsilben Charakteristisch für die althochdeutsche Sprache sind die noch vokalisch volltönenden Endungen (siehe Latein).
+ Beispiel vokalisch volltönender Endungen althochdeutsch mittelhochdeutsch neuhochdeutsch machen Tage dem Gäste
Die Abschwächung der Endsilben im Mittelhochdeutschen ab 1050 gilt als Hauptkriterium zur Abgrenzung der beiden Sprachstufen.
Formenlehre Substantive Das Substantiv hat vier Fälle (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ) und Reste eines fünften (Instrumental) sind im Singular einiger Maskulina und Neutra noch vorhanden, ansonsten ist er jedoch aufgrund der Homophonie mit dem Dativ durch Präpositionalgefüge ersetzt worden. Man unterscheidet zwischen einer vokalischen („starken“) Deklination mit neun Klassen (a-, ja-, wa-, ō-, jō-, wō-, i-, u-, az/iz-Stämme) und einer konsonantischen (im Fall der n-Stämme auch „schwach“ genannten) Deklination mit fünf Klassen (n-, nt-, r-, Wurzelstämme [Nomina ohne Themavokal]).
Vokalische Deklination + Deklination der „starken“ Stämme Numerus Kasus maskulin (a) maskulin (i) feminin (ō) feminin (i) neutral (a) neutral (az/iz) Singular Nom. tag gast gëb-a stat wort lamb Akk. Dat. tag-e gast-e gëb-u stet-i wort-e (lemb-ire >) lamb-e Gen. tag-es gast-es gëb-a wort-es (lemb-ires >) lamb-es Plural Nom. tag-a gest-i gëb-ā stet-i wort lemb-ir Akk. Dat. tag-um > -un gest-im > -in gëb-ōm > -ōn stet-im > -in wort-um > -un lemb-irum > -un Gen. tag-o gest-io > -o gëb-ōno stet-io > -o wort-o lemb-iro Bedeutung Tag Gast Gabe Ort Wort Lamm Der lautgesetzliche Typus Dat. und Gen. Sg. lembire, lebires (zum indogermanischen Zusammenhang vergleiche lateinisch genus, Gen. generis) ist nur noch resthaft bezeugt; -ir- wurde schon in althochdeutscher Zeit als Pluralmorphem reinterpretiert.
Die im Gotischen und Altnordischen noch erhaltene u-Deklination ist im Althochdeutschen wie überhaupt im Westgermanischen nur noch resthaft vorhanden. So gehen bei einigen Wörtern der Nominativ und Akkusativ Singular zwar noch auf -u (jünger -o) aus, in den übrigen Kasus zeigt sich aber Übergang zu anderen Deklinationen, meist zur i-Deklination. Beispiele sind die Maskulina fridu (Friede), hugu (Sinn), mëtu (Met), sigu (Sieg), situ (Sitte), witu (Holz) sowie älter sunu neben jünger sun (Sohn).
Konsonantische Deklination + Deklination der „schwachen“ n-Stämme Numerus Kasus maskulin (an) feminin (ōn) feminin (īn) neutral (an) Singular Nom. han-o zung-a wuost-ī, -īn hërz-a Akk. han-on, -un zung-ūn Dat. han-en, -in hërz-en, -in Gen. Plural Nom. han-on, -un zung-ūn wuost-ī, -īn hërz-un, -on Akk. Dat. han-ōm > -ōn zung-ōm > -ōn wuost-īm > -īn hërz-ōm > -ōn Gen. han-ōno zung-ōno wuost-īno hërz-ōno Bedeutung Hahn Zunge Wüste Herz Bei Substantiven mit einem /j/ (handschriftlich ⟨e⟩, ⟨i⟩) vor dem Wortauslaut schwindet der Halbvokal bei den Formen auf -en (mitteldeutsch) bzw. -in (oberdeutsch). Weitere Beispiele für maskuline Substantive sind stërno (Stern), namo (Name), forasago (Prophet), für feminine Substantive quëna (Frau), sunna (Sonne) bzw. hertī (Härte), girī (Gier) und für neutrale ouga (Auge), ōra (Ohr).
+ Deklination der r-Stämme Numerus Kasus maskulin feminin Singular Nom. fater muoter Akk. Dat. fater > -e Gen. fater > -es Plural Nom. fater > -a muoter Akk. Dat. fater-um > -un muoter-um > -un Gen. fater-o muoter-o Bedeutung Vater Mutter Der Dativ/Genitiv Singular und Nominativ/Akkusativ Plural zeigt bei den maskulinen Substantiven den Übergang der ursprünglich endungslosen Formen in die vokalische Deklination. Neben den beiden Beispielen gehören nur noch das Maskulinum bruoder (Bruder) und die zwei Feminina swëster (Schwester) und tohter (Tochter) zu diesen Stämmen.
+ Deklination der Nomina ohne Themavokal Numerus Kasus maskulin feminin Singular Nom. man naht Akk. Dat. man > mann-e Gen. man > mann-es Plural Nom. man naht Akk. Dat. mann-um > -un naht-um > -un Gen. mann-o naht-o Bedeutung Mann Nacht Zur Flexion ohne Themavokal vergleiche im indogermanischen Zusammenhang lateinisch nox (< *noct-s) ohne Vokal zwischen Stamm noct- und Endung -s gegenüber domin-u-s (< domin-o-s) mit Themavokal o (u) zwischen Stamm domin- und Endung -s. Die jüngeren Dativ- und Genitivendungen -e, es von man zeigen eine allmähliche Anpassung an die vokalische Deklination. Substantive, die eine Deklination ohne Themavokal aufweisen, sind im Althochdeutschen nur noch vereinzelt vorhanden. Wie naht flektiert werden die meist im Plural gebrauchten Wörter buoh (Buch, selten fem., meist neutr.) und bruoh (Hose, fem.). Die meisten Wörter, die einst in diese Flexionsklasse gehörten, sind jedoch schon in althochdeutscher Zeit in andere Klassen übergetreten, insbesondere zur i-Deklination. Manche zeigen aber noch Reste der athematischen Flexion, etwa maskulin fuoȥ (Fuß) mit Dativ Plural fuoȥ(ȥ)um neben fuoȥ(ȥ)im, -in sowie feminin burg (Burg) mit Genitiv und Dativ Singular burg neben burgi; brust (Brust) mit Dativ Plural brustum, -on neben brustin und turi (Tür) mit Dativ Plural turun.
Pronomen Personalpronomen
+ Deklination der Personalpronomina im Althochdeutschen Numerus Person Genus Nominativ Akkusativ Dativ Genitiv Singular 1. ih mih mir mīn 2. dū dih dir dīn 3. Maskulinum ër inan > in imu > imo sīn Femininumsiu, sī, si sia iru > iro ira Neutrum iȥ imu > imo ës > is Plural 1. wir unsih uns unsēr 2. ir iuwih iu iuwēr 3. Maskulinum sie im > in iro Femininum sio Neutrum siu Die Höflichkeitsform entspricht der 2. Person Plural. Statt ër findet sich im Altmittelfränkischen und im nördlichen und südwestlichen Altrheinfränkischen hër. Für das Altthüringische ist wie für das Altsächsische der Ausfall von auslautendem /r/ unter Ersatzdehnung des vorangehenden Vokals anzunehmen, z. B. hē statt ër. Lautgeschichtlich wäre anstelle von sīn, das eigentlich Possessivpronomen ist, wie im Neutrum ës zu erwarten. Auch im Neutrum findet sich gelegentlich sīn statt ës.