Die Reiher (Ardeidae) sind eine Familie in der Ordnung Pelecaniformes. Zu dieser Familie gehören 18 Gattungen und über 70 Arten. Die meisten Arten haben lange Beine und einen dolchartigen Schnabel. Viele Arten haben außerdem einen langen Hals. Zu den Reihern gehören auch die Dommeln (Botaurus), die einen relativ gedrungenen Körper mit eher kurzen Beinen, Hälsen und Schnäbeln aufweisen.

Reiher sind fast ausschließlich an Süßwasserhabitate gebunden, die Nahrung besteht vor allem aus Fischen und anderen wasserbewohnenden Tieren und wird dort im ufernahen Flachwasser gesucht. Sie sind weltweit verbreitet.

mini|Porträt eines Graureihers.

Merkmale mini|Graureiher mit frisch gefangenem Fisch. Alle Reiher haben einen langen, dolchartigen Schnabel, einen kurzen Schwanz und große, breite Flügel. Der Hals ist S-förmig gebogen, was durch den verlängerten sechsten Halswirbel bedingt ist. Bei fliegenden Reihern ist der gebogene Hals besonders auffällig. Einige, oft als Tagreiher bezeichnet, sind meist große Vögel mit ausgeprägt langem Hals und langen Beinen; die Dommeln und andere sind untersetzter gebaut und wesentlich kurzhalsiger. Die größte Art, der Goliathreiher, wird bis 140 cm lang und hat eine Flügelspannweite von bis zu 230 cm. Die kleinsten Reiher findet man in der Gattung der Zwergdommeln, von denen manche nur eine Körperlänge von 27 cm erreichen. Zwischen Männchen und Weibchen gibt es nur geringe Größenunterschiede: Männchen sind etwa 2 bis 4 % größer als Weibchen. Ansonsten gibt es keinen auffälligen Geschlechtsdimorphismus, eine Ausnahme bilden allerdings die Zwergdommeln, bei denen das Gefieder von Männchen und Weibchen grundlegend anders gefärbt ist. Ferner gibt es oft Jugendkleider, die vom Gefieder adulter Vögel sehr verschieden sind.

Es gibt sowohl sehr farbenprächtige als auch unauffällig graubraun gefärbte Reiher. Die häufigsten Farben sind schwarz, braun, blau, grau und weiß. Oft dienen Farben der Tarnung. Am auffälligsten ist dies bei den Rohrdommeln, die mit ihrer schwarz-braunen Streifung im Röhricht kaum auszumachen sind; aber auch scheinbar auffällig gefärbte Reiher haben oft eine schwarz-weiß gestrichelte Bauchseite, die sich unter Wasser betrachtet schwer erkennen lässt. Viele Arten der sind durch verlängerte Schmuckfedern an Kopf, Hals, Brust und/oder Rücken gekennzeichnet. Diese sind oft auffällig gefärbt und erreichen darin ihre höchste Ausprägung bei der Balz. Eine weitere Besonderheit des Reihergefieders sind die Puderdunen. Diese Daunenfedern wachsen ein Leben lang und zerfallen an ihren Spitzen ständig zu einer puderartigen Substanz, die zur Reinigung des Gefieders verwendet wird. Reiher haben meist drei paarige Gefiederregionen mit Puderdunen, manche Arten auch zwei oder vier. Außerdem verfügen Reiher über eine Bürzeldrüse, die verglichen mit der vieler anderer Wasservögel jedoch sehr klein ist.

Die unbefiederten Körperteile der Reiher sind meistens gelb, schwarz oder braun. Dies sind die Beine und der Schnabel, aber auch Teile des Kopfes zwischen Auge und Schnabel. Diese Farben werden zur Brutzeit heller und leuchtender. So hat der Graureiher für gewöhnlich einen gelbbraunen Schnabel, der sich zur Brutzeit leuchtend orangegelb färbt. mini|Graureiher im Flug Der Schnabel der Reiher ist lang und dolchartig. Einzige Ausnahme ist der Kahnschnabel, der einen sehr breiten, dicken Schnabel hat, eine deutliche Abweichung von allen anderen Arten.

Die langen Beine enden in einem anisodactylen Fuß. Die Mittelzehe ist stets am längsten, die Hinterzehe steht ihr direkt gegenüber. Mittelzehe und innere Zehe sind durch eine basale Schwimmhaut miteinander verbunden, ansonsten fehlen Schwimmhäute. Die Beine ermöglichen das Schreiten in tiefem Wasser. Einige Arten haben stark verlängerte Zehen, mit denen sie auf schwimmenden Pflanzenteilen Halt finden. Die Dommeln können schließlich im Gesträuch und im Röhricht umherklettern.

Die Flügel haben zehn bis elf (beim Kahnschnabel neun) Handschwingen und 15 bis 20 Armschwingen. Sie ermöglichen einen langsamen Flug mit kräftigen Flügelschlägen. Nachtreiher und Dommeln haben einen rascheren Flügelschlag als Tagreiher. Die größten Reiher brauchen 100 Flügelschläge je Minute, die kleinsten 200. Der Hals wird im Flug rückwärts gebogen, so dass der Kopf auf den Schultern ruht. Einzige Ausnahme ist der Pfeifreiher, der auch mit seinem eher entenartigen, schnellen Flug abweicht.

Verbreitung und Lebensraum rechts|mini|Silberreiher Reiher sind auf allen Kontinenten außer Antarktika verbreitet. Sie fehlen nur in den Polargebieten und auf einigen ozeanischen Inseln. Die größte Artenvielfalt herrscht in Süd- und Südostasien (24 Arten), gefolgt von Afrika (21), Süd- und Mittelamerika (20) sowie Australien und Ozeanien (16). Artenärmer sind die Nearktis mit 12 und die Paläarktis mit 9 Arten.

Reiher sind vor allem Vögel des Flachlands und im Gebirge selten anzutreffen. Auch hier gibt es allerdings Ausnahmen. Den Höhenrekord hält ein Nachtreiher, der in den chilenischen Anden in 4816 m Höhe angetroffen wurde.

Für gewöhnlich sind Reiher Bewohner von Gewässerufern. Man findet sie vor allem an flachen Seen und in Sümpfen, aber auch an Flüssen, Mangroven und sogar an Meeresküsten. Aber auch von dieser Regel gibt es Ausnahmen. Einige Arten sind vorübergehend oder dauerhaft weit vom Wasser entfernt anzutreffen. Der ostasiatische Wellenreiher kommt zwar auch an Gewässerrändern vor. Sein präferierter Lebensraum sind jedoch subtropische Regenwälder, wo er am Waldboden Frösche und Erdwürmer jagt.Kushlan et al., S. 284 und S. 285 Das bekannteste Beispiel für eine nicht an Gewässer gebundene Reiherart ist der Kuhreiher, der in Grasland und Savanne lebt und keine nennenswerte Bindung ans Wasser hat.

Die meisten Reiher sind Stand- oder Strichvögel. Allerdings gibt es auch viele ausgesprochene Zugvögel in der Familie. Das Zugverhalten bei Arten der gemäßigten und kalten Zonen ist ausgeprägter als jenes der Arten im Bereich der Tropen. So überwintern die europäischen Populationen von Purpurreiher, Nachtreiher und Zwergdommel in Afrika südlich der Sahara. Der Graureiher ist ein Teilzieher; aus Mitteleuropa ziehen 25 bis 45 % in die afrikanischen Winterquartiere, aus Schweden 70 %; hingegen sind die Graureiher auf den Britischen Inseln Standvögel. mini|Start eines Graureihers.

Lebensweise

Aktivität mini|Nachtreiher mini|Graureiher mit erbeutetem Fisch mini|Graureiher, über einen Bach fliegend Die Bezeichnungen Tag- und Nachtreiher sind nicht immer treffend gewählt. Es gibt fast keine Reiherart, die ausschließlich tag- oder nachtaktiv ist. Der Graureiher ist überwiegend tagaktiv, jagt aber gelegentlich auch bei Nacht, ohne dass ein Unterschied in der Effizienz festgestellt werden konnte. Der Nachtreiher ist tatsächlich meistens dämmerungs- und nachtaktiv, kann aber mitunter auch am helllichten Tag jagend angetroffen werden. Mit dem afrikanischen Weißrückenreiher ist nur eine Art bekannt, die tatsächlich ausschließlich nachtaktiv zu sein scheint.

Während die Tag- und Nachtreiher in Kolonien leben, sind Tigerreiher und Dommeln Einzelgänger. Erstere brüten und ruhen zwar gesellig, gehen meist aber allein auf die Jagd. Vor allem die einzelgängerischen Rohrdommeln vermeiden es mit Bewegungslosigkeit und farblicher Tarnung gesehen zu werden; perfektioniert haben sie diese Eigenschaften durch ihre Pfahlstellung bei Bedrohung, bei der sie den Kopf und den Schnabel emporstrecken, um im Röhricht noch weniger aufzufallen; diese Stellung können sie über Stunden beibehalten.

Ernährung Abgesehen von wenigen Ausnahmen ernähren sich Reiher von Wassertieren, namentlich Fischen, Amphibien, Reptilien, Wasservögeln, Kleinsäugern, Insekten, Mollusken und Krebstieren. Der Nahrungsbedarf eines Graureihers liegt täglich bei wenigstens 330 bis 500 g. Für gewöhnlich wird die Beute überrascht, indem der Reiher bewegungslos auf der Stelle steht und dann blitzschnell mit dem Schnabel zustößt. Idealerweise wird das zu erbeutende Tier durchbohrt. Manchmal schreiten Reiher auch auf Beutesuche langsam umher.

Andere Jagdtechniken sind seltener. Beobachtet wurde bei verschiedenen Arten ein Fang von Wassertieren aus dem Fluge heraus, Insektenjagd im Fluge und schwimmendes Anpirschen.

Viele Reiher nutzen ihre Flügel beim Beutefang. Sie breiten sie aus, um Schatten zu spenden, in dem potenzielle Beutetiere vermeintlichen Schutz vor der Sonne suchen. Ein anderer Vorteil des Flügelschattens ist, dass er Reflexionen der Wasseroberfläche minimiert und dem Reiher eine bessere Sicht gibt. Viele Reiherarten bedienen sich dieser Technik gelegentlich, der afrikanische Glockenreiher hingegen fast ausschließlich. Er kann mit seinen Flügeln einen geschlossenen Baldachin bilden. Eine andere bemerkenswerte Jagdtechnik nutzt der Mangrovereiher, der gezielt Insekten als Köder auf der Wasseroberfläche platziert, um Fische anzulocken.

Die großen Reiher sind imstande, auch sehr große Beutetiere zu jagen. Ein Graureiher wurde in Belgien beim Erbeuten eines Blässhuhns beobachtet; ein anderer wurde in den Niederlanden in Vianen in der Provinz Utrecht beim Erbeuten eines Kaninchens fotografiert.Telegraph.co.uk (29. September 2008): Heron catches rabbit: Dramatic photos Dies sind jedoch Ausnahmen. Häufiger ist das Plündern von Vogelnestern: Zwergdommeln fressen gelegentlich Eier und Junge von Rohrsängern, während den Nachtreiher die Gelege von Ibissen, Seeschwalben und anderen Reihern anziehen.

Einige Arten haben ein ungewöhnliches Beutespektrum. Weißwangenreiher und Schwarzhalsreiher wurden beim Fressen von Aas beobachtet, der Mangrovereiher sogar beim Verzehren von Eicheln. Der Generalist unter den Reihern ist der Kuhreiher. Zwar erbeutet auch er gelegentlich die reihertypische Nahrung wie Fische und andere Wassertiere, für gewöhnlich hält er sich aber weit vom Wasser entfernt auf, so dass Insekten zu seiner Hauptbeute geworden sind. Als Kulturfolger sucht er seine Nahrung manchmal auf Müllkippen, ebenso nimmt er große Anteile pflanzlicher Nahrung, die er auch aus Silos stiehlt. Besonders bekannt ist der Kuhreiher aber dafür, große Säugetiere (Rinder, Büffel, Elefanten u. a.) zu begleiten und sie von Hautparasiten zu befreien.

Fortpflanzung mini|Graureiher beim Nestbau Die meisten Reiher brüten in Kolonien – es gibt jedoch auch allein brütende Arten wie den Goliathreiher und die Rohrdommeln sowie Arten, die sowohl in Kolonien als auch einzeln brüten können, wie den Graureiher. Reiherkolonien können gewaltige Ausmaße annehmen: Im Nigerdelta umfasste eine Reiherkolonie 68.300 bis 70.800 Paare verschiedener Arten.

An der Niststätte trifft zunächst das Männchen ein, das sogleich mit der Balz beginnt. Eine Reihe ritualisierter Gesten sollen die Aufmerksamkeit eines Weibchens erregen und männliche Konkurrenten fernhalten. Zu solchen Gesten gehören das senkrechte Ausstrecken von Kopf und Hals, das Ausbreiten der Flügel, das Auf- und Abschwenken des Kopfes bei gleichzeitigem Aufstellen der Federn sowie Schnabelklappern.

Die Nester befinden sich entweder in Bäumen oder im Röhricht. Das Nest wird bei der Zwergdommel ausschließlich vom Männchen, bei anderen Arten von beiden Partnern gemeinsam gebaut. Es handelt sich um eine unstrukturiert wirkende Anhäufung von Zweigen oder Schilfhalmen. Bei vielen Arten werden die Nester alljährlich erweitert, wodurch sie gewaltige Ausdehnungen erreichen können – etwa 1,5 m beim Baumnest des Graureihers.