mini|Emblem der Roten Brigaden Die Roten Brigaden (italienisch Brigate Rosse, BR) waren eine von 1970 bis 1988 bestehende kommunistische Terrororganisation in Italien. Sie wurden u. a. von Renato Curcio, dessen Ehefrau Margherita Cagol und Alberto Franceschini in Mailand gegründet und betrachteten sich als Stadtguerilla nach Vorbild der uruguayischen Tupamaros. Die Gruppe verübte 73 Mordanschläge und organisierte zahlreiche Entführungen und Banküberfälle.52 dieser Morde wurden von der klassischen BR (1970–1983), die übrigen durch Abspaltungen oder Untergruppen verübt: BR-Walter Alasia: 3 (1980–1983); BR-Partito Guerriglia: 11 (1981–1982); BR-Partito Comunista Combattente: 6 (1981–1988); BR-Unione dei Comunisti Combattenti: 1 (1985–1987); siehe: Progetto Memoria (Hg.): La mappa perduta. Sensibili alle foglie, Dogliani 2007. S. 495; vgl. darüber hinaus: Donatella Della Porta, Social movements, political violence and the state. A comparative analysis of Italy and Germany, Cambridge 1995. S. 124ff. Den Höhepunkt des italienischen Linksterrorismus bildete die Entführung und Ermordung des ehemaligen Ministerpräsidenten Aldo Moro 1978. Insgesamt wurde zwischen 1969 und 1989 gegen 1337 mutmaßliche Aktivisten der Roten Brigaden ermittelt.Davon entfallen auf die klassischen BR 911; BR-Walter Alasia 113; BR-Partito Guerriglia 147; BR-Partito Comunista Combattente 93; BR-Unione dei Comunisti Combattenti 73; vgl. die jeweiligen Einträge in: Progetto Memoria (Hg.): La mappa perduta. Sensibili alle foglie, Dogliani 2007.
Vorgeschichte Wie in fast allen Ländern der westlichen Welt kam es in den Jahren um 1968 auch in Italien zu Studentenprotesten (68er-Bewegung). Diese richteten sich gegen schlechte Studienbedingungen sowie autoritäre Strukturen an den Universitäten und in der Gesellschaft. Von entscheidender Bedeutung war zudem der Vietnamkrieg, durch den die USA zu einem Feindbild der Linken wurden.
Es gelang den italienischen Studenten, ihren Protest mit dem der Arbeiter zu verbinden, wie es auch in Frankreich im Mai 1968 gelungen war. Dieser Zusammenschluss gipfelte im sogenannten Heißen Herbst () 1969, das zum „subversivsten Jahr in der Geschichte der italienischen Arbeiter“Paul Ginsborg: A History of Contemporary Italy. Society and Politics 1943–1988. New York 2003, S. 313. werden sollte: Getragen durch alle drei Gewerkschaften und unterstützt durch Protesterfahrungen der Studenten, wurden die Arbeitskämpfe mit einer bis dahin ungekannten Intensität geführt. Insgesamt brachten es die Arbeiter auf über 300 Millionen Streikstunden und erkämpften so Lohnerhöhungen in Höhe von 18,3 Prozent (1970) und weitere 9,8 bzw. 9 Prozent in den beiden Folgejahren.Paul Ginsborg: A History of Contemporary Italy. Society and Politics 1943–1988. New York 2003, S. 309 ff.; Friederike Hausmann: Kleine Geschichte Italiens von 1943 bis zur Ära nach Berlusconi. Berlin 2006, S. 81 f.
Im Lauf des Jahres 1969 entstanden zahlreiche linksradikale Gruppierungen wie Lotta Continua („Ständiger Kampf“) oder Potere operaio („Arbeitermacht“). In Mailand gründeten einige Aktivisten um Renato Curcio und Mara Cagol am 8. September 1969 das Collettivo Politico Metropolitano (CPM, „Politisches Metropolenkollektiv“), das zur Geburtszelle der BR werden sollte.
Neben diesen (zumeist) legal operierenden Gruppen entstanden auch die ersten Untergrundorganisationen: Bereits im Oktober 1969 entstand in Genua um den 32-jährigen Mario Rossi die geheim operierende Gruppe XXII Ottobre, die aus nur wenigen Mitgliedern bestand und in den frühen siebziger Jahren von der Justiz zerschlagen wurde. Die Aktivisten sahen sich in der Tradition der Resistenza und hatten mit Silvio Malagoli sogar einen früheren Partisanen in ihren Reihen. Nicht minder bedeutend war das Vorbild der Resistenza für die Gruppi di Azione Partigiana (GAP, „Partisanenaktionsgruppen“) des Mailänder Verlegers Giangiacomo Feltrinelli, die seit dem Frühjahr 1970 ebenfalls geheim operierten.Zur Gruppe XXII Ottobre Paolo Piano: La „banda 22 Ottobre“. Agli albori della lotta armata in Italia. Derive Approdi, Rom 2008; darüber hinaus zur Entstehung der ersten bewaffneten Gruppen Marco Clementi: Storia delle Brigate Rosse. Odradek, Rom 2007, S. 20 f.
Diese Tendenz zum bewaffneten Kampf verstärkte sich nach dem von Rechtsextremisten verübten Bombenanschlag auf der Piazza Fontana in Mailand, bei dem am 12. Dezember 1969 sechs Menschen getötet und 88 weitere verletzt wurden.Luciano Lanza: Bomben und Geheimnisse – Geschichte des Massakers von der Piazza Fontana. Hamburg 1998. Der Anschlag sollte zunächst der Linken in die Schuhe geschoben werden. Zahlreiche Aktivisten aus dem linksradikalen Spektrum wurden verhaftet, darunter vor allem Anarchisten aus Mailand. Während der Verhöre starb der Anarchist Giuseppe Pinelli, der unter ungeklärten Umständen aus einem Fenster stürzte.Camilla Cederna: Pinelli. Una finestra sulla strage. Net, Mailand 2004. Dem Anschlag und dem Tod Pinellis folgten in den nächsten Jahren weitere rechtsextreme Terrorakte. In ihrer Wirkung auf die radikale Linke waren die Ereignisse des Dezembers 1969 mit dem Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 oder dem Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968 in der Bundesrepublik Deutschland vergleichbar. Renato Curcio schreibt über den Anschlag vom 12. Dezember: „Diese Ereignisse lösten einen qualitativen Sprung aus. Erst in unserem Denken und dann in unserem Handeln. Wir bewerteten das Bombenattentat als eine Kriegserklärung an die linke Bewegung, wodurch deutlich wurde, daß wir uns auf einem sehr hohen Konfrontationsniveau befanden.“Renato Curcio: Mit offenem Blick. Ein Gespräch zur Geschichte der Roten Brigaden in Italien von Mario Scialoja. Berlin 1997, S. 45.
Bewaffnete Propaganda (1970–1974) Gründung: Der Kongress von Pecorile Die BR gründeten sich im August/September 1970. Im August kamen in Pecorile, einem Dorf in der Nähe von Reggio Emilia, etwa 100 Aktivisten aus dem linken Spektrum zusammen, um über Fragen und Strategie des bewaffneten Kampfes zu diskutieren. Organisiert wurde dieser Kongress vom CPM und einer Gruppe um Alberto Franceschini, die in Reggio Emilia ein „Politisches Arbeiter- und Studentenkollektiv“ (italienisch Collettivo politico operai-studenti) gegründet hatten. Dieser Kongress kann als Anfang der BR gesehen werden, ohne dass sie dort bereits formell gegründet worden wären. Aber es wurde hier von einer Minderheit der Teilnehmer beschlossen, zum bewaffneten Kampf überzugehen.
Als Ergebnis dieses Kongresses wurde von der CPM-Zeitschrift Sinistra Proletaria ein Dokument herausgegeben, das sehr konkret auf Fragen des bewaffneten Kampfes eingeht. Unter anderem heißt es dort: „Die Jahre der autonomen Kämpfe waren nicht umsonst, aber heute wissen wir, dass man den bewaffneten Herren nicht unbewaffnet begegnen kann. […] Zwar sind wir heute stark, aber wir sind noch unbewaffnet und ohne revolutionäre Organisation. […] Lasst uns Gruppen zum Angriff und zur Verteidigung der Arbeiter aufbauen! […] Eine Organisation der Gewalt ist eine Notwendigkeit des Klassenkampfes.“Vgl. das Sinistra Proletaria-Dokument Fogli di lotta di Sinistra Proletaria, in Auszügen abgedruckt in: Lorenzo Ruggiero (Hrsg.): Dossier Brigate Rosse 1969–1975: La lotta armata nei documenti e nei comunicati delle prime BR. Kaos, Mailand 2007. S. 73ff.; Zum Kongress in Pecorile: Prospero Gallinari: Un contadino nella metropoli: Ricordi di un militante delle Brigate Rosse. Bompiani 2008. S. 72ff.; Alberto Franceschini: Mara Renato e io, Mondadori, Mailand 1988. S. 23ff.; Renato Curcio, Mit offenem Blick. Ein Gespräch zur Geschichte der Roten Brigaden in Italien von Mario Scialoja, Berlin 1997. S. 47f.
Direkt nach dem convegno di Pecorile gingen einige Aktivisten aus Reggio Emilia nach Mailand, unter anderem auch Alberto Franceschini und bereits am 17. September 1970, also nur wenige Wochen nach dem Kongress, wurde der erste Anschlag unter dem Signet Brigate Rosse verübt.
Name und Symbol Mit ihrem Namen verweisen die Brigate Rosse direkt auf die Tradition der Partisanenbrigaden der Resistenza. Legendär waren z. B. die Brigate Garibaldi. Über den Zusatz Rosse (deutsch Rote) schreibt Alberto Franceschini: „Brigate Rosse… rosse; das war der richtige Ausdruck, er vermittelte in einfacher und klarer Weise die Idee des revolutionären Kommunismus“.Alberto Franceschini: Mara Renato e io. Mondadori, Mailand 1988. S. 32. Folgt man Renato Curcio, dann hat man sich in der Namenswahl auch an der RAF orientiert.Renato Curcio: Mit offenem Blick. Ein Gespräch zur Geschichte der Roten Brigaden in Italien von Mario Scialoja. Berlin 1997. S. 11.
In den ersten Monaten waren die Flugschriften, die in Mailand verteilt wurden, noch mit Brigata Rossa, also der Singularform (deutsch „Rote Brigade“) unterzeichnet. Erst das Comunicato n°7 (Nuove forme di lotta) vom März 1971 trug dann die Unterschrift Brigate Rosse.Abgedruckt in: Lorenzo Ruggiero (Hrsg.): Dossier Brigate Rosse 1969–1975: La lotta armata nei documenti e nei comunicati delle prime BR. Kaos, Mailand 2007. S. 101f.
Auch das Signet, der asymmetrische, fünfzackige Stern, glich dem der Brigate Garibaldi und war darüber hinaus das Zeichen der uruguayischen Tupamaros.
1970–1972: Die Anfänge der BR Die BR bestanden anfangs aus etwa 15 Mitgliedern und waren bis 1972 ausschließlich in Mailand aktiv. Den ersten Anschlag verübten sie am 17. September 1970 auf das Auto des SIT-Siemens-Managers Giuseppe Leoni. Dieser Anschlag läutete die erste Phase in der Geschichte der BR ein, die dem Konzept der „bewaffneten Propaganda“ (italienisch Propaganda armata) folgte. Taktik und der Wirkungskreis dieser ersten Phase waren eng begrenzt auf die Fabriken Mailands.
Ziel dieser ersten Phase war es, durch populäre Aktionen möglichst viele Anhänger und Sympathisanten zu gewinnen, was anfangs auch durchaus gelang. Auf den ersten Anschlag folgten weitere Minianschläge gegen Manager oder Vorarbeiter. Die Angriffe richteten sich dabei zunächst ausschließlich gegen deren Eigentum, in der Regel gegen das Auto, und nicht gegen die Personen selbst. Damit unterschieden sich die Aktionen zunächst kaum von denen der Studenten und Arbeiter in den Jahren zuvor.Vgl. u. a. Stefan Seifert: Lotta armata: Bewaffneter Kampf in Italien. Die Geschichte der Roten Brigaden. Edition ID-Archiv, Berlin/Amsterdam 1991. S. 38ff.
Von November 1970 bis März 1971 richteten sich die Aktionen BR fast ausschließlich gegen Pirelli. Erneut wurden Brandanschläge gegen Manager-Fahrzeuge durchgeführt. In der Nacht zum 26. Januar 1971 setzten die BR auf der Pirelli-Teststrecke von Lainate drei LKWs in Brand und verursachten so einen erheblichen Sachschaden.
Zur Geldbeschaffung wurden auch erste Banküberfälle ausgeführt. Spektakulär war der Überfall auf eine Bank in Pergine im Valsugana, bei dem im Frühjahr 1971 neun Millionen Lire erbeutet wurden. Es wurde auch eine eigene Zeitschrift gegründet, die in erneuter Anspielung auf die Resistenza Nuova resistenza genannt wurde. Neben den zahlreichen Dokumenten der BR wurden hier auch u. a. Texte der RAF und der GAP veröffentlicht.Marco Clementi, Storia delle Brigate Rosse. Odradek, Rom 2007. S. 27ff.; zum Banküberfall in Pergine außerdem: Mario Moretti, Carla Mosca, Rossana Rossanda: Brigate Rosse: Una storia italiana. Mondadori, Mailand 2007. S. 25.