Der 1. FFC Turbine Potsdam (vollständiger Name 1. Frauenfußballclub Turbine Potsdam 71 e. V.) ist ein Fußballverein aus der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam. Er ging aus dem am 3. März 1971 innerhalb der BSG Turbine Potsdam gegründeten Frauenfußballteam hervor. Als eigenständiger Verein existiert der 1. FFC Turbine Potsdam seit dem 1. April 1999. Die Farben des Vereins sind Blau und Weiß.
Mit zwei Europapokalsiegen, sechs gesamtdeutschen Meisterschaften, sechs DDR-Meisterschaften und drei gesamtdeutschen Pokalsiegen gehört der 1. FFC Turbine zu den erfolgreichsten Vereinen im deutschen und europäischen Frauenfußball. Der 1. FFC Turbine ist der einzige Verein aus den neuen Bundesländern, der eine gesamtdeutsche Fußballmeisterschaft im Erwachsenenbereich gewinnen konnte.
Geschichte
Bis 1978: Die Anfänge mini|hochkant|Bernd Schröder, Trainer 1971–1992 und 1997–2016
Die BSG Turbine Potsdam wurde 1955 innerhalb der Sportvereinigung Turbine gegründet. Trägerbetrieb der Betriebssportgemeinschaft war der VEB Energieversorgung Potsdam (EVP). Die männlichen Fußballer spielten nur mit mäßigem Erfolg auf lokaler Ebene. Während der Silvesterfeier des Betriebes im Jahre 1970 sprachen die Mitarbeiter über die schlechten Leistungen der Mannschaft. Einige Mitarbeiterinnen kritisierten ebenfalls die Mannschaft. Ihre Meinung wurde von den männlichen Kollegen jedoch zurückgewiesen. Beim Thema Fußball haben die Frauen zu schweigen, so der Tenor.vgl. Klasen, S. 9
Wenige Tage später hing an der Wandzeitung des Betriebes ein anonym verfasster Zettel, dessen Urheber bis heute nicht ermittelt werden konnte.
Bei besagter Versammlung am 3. März 1971 wurde die Sektion Frauenfußball gegründet. Eher zufällig wurde Bernd Schröder Trainer des Teams. Eigentlich wollte er an jenem Abend nur etwas essen. In einem Interview zum 40-jährigen Vereinsjubiläum erklärte Schröder, dass er heute nicht mehr weiß, warum er das Traineramt übernahm. Bereits am nächsten Tag stand das erste Training auf dem Programm. Am 25. Mai 1971 trug das Team bei der BSG Empor Tangermünde ihr erstes Spiel aus, welches mit 3:0 gewonnen wurde. Nach einem weiteren Sieg bei der BSG Stahl Hennigsdorf fand am 12. Juni 1971 das erste Heimspiel statt. Wieder ging es gegen Tangermünde, und die „Turbinen“ gewannen mit 5:1. Ende des Jahres gab es beim 1:2 in Halberstadt die erste Niederlage im 13. Spiel.
Ein Jahr später wurde erstmals eine Bezirksmeisterschaft ausgespielt, die Turbine überlegen für sich entscheiden konnte. Schröder war ständig auf der Suche nach talentierten Spielerinnen. Dabei konzentrierte er sich nicht nur auf Spielerinnen anderer Vereine, sondern auch auf Leichtathletinnen, die mangels Perspektive oder aus anderen Gründen von den Kaderschmieden aussortiert wurden. Da Schröder mittlerweile eine gehobene Position innerhalb des VEB innehatte, konnte er den Spielerinnen ohne großen Aufwand Arbeitsplätze und Wohnungen besorgen. Geld war zu dieser Zeit allerdings knapp. Die Spielerinnen mussten teilweise die Trikots selbst besorgen und die Vereinsembleme eigenhändig aufnähen. So kam es vor, dass das Turbine-Wappen auf den Trikots mal links, mal in der Mitte oder rechts angebracht war.vgl. Klasen, S. 23
1979–1990: Erste Erfolge Platzierung bei der DDR-Bestenermittlung Jahr Platz 1979 nicht qualifiziert 1980 Vorrunde 1981 Sieger 1982 Sieger 1983 Sieger 1984 Zweiter 1985 Sieger 1986 Sieger 1987 Dritter 1988 Zweiter 1989 Sieger 1990 Dritter 1991 Dritter
mini|hochkant|links|Historisches Logo der BSG Turbine
1979 wurde erstmals eine sogenannte DDR-Bestenermittlung im Frauenfußball ausgespielt. Die BSG Turbine ging als Favorit in die Ausscheidungsspiele, verpasste jedoch das Finalturnier. Auch die zweite Ausgabe des Wettbewerbs fand ohne die Potsdamer statt, und Schröder geriet immer mehr unter Druck. Die Bestenermittlung 1981 sollte in Potsdam stattfinden. Akribisch gestaltete der Trainer die Vorbereitung mit fünf Trainingseinheiten pro Woche und einem Trainingslager an der Ostsee. Das Team qualifizierte sich nur mühsam für das Finalturnier.
Ungeschlagen und mit nur einem Gegentor beendete Turbine das Turnier als Sieger. Pro Spielerin gab es eine Prämie von 50 Mark, und Schröder wurde als „Aktivist der sozialistischen Arbeit“ ausgezeichnet.vgl. Klasen, S. 28 Auch 1982 und 1983 gewann das Team die Bestenermittlung. Sabine Seidel wurde zum ersten „Star“ des DDR-Frauenfußballs. Während sich in der DDR nur noch wenige gleichwertige Gegnerinnen fanden, wurden vermehrt ausländische Vereine auf die Erfolge der Potsdamerinnen aufmerksam. Einladungen für Turniere in den Niederlanden und Italien wurden jedoch abgefangen, da die Sportfunktionäre den „Freizeitsportlerinnen“ Reisen ins kapitalistische Ausland untersagten.vgl. Klasen, S. 30
Mit einer List erschlich sich Schröder die erste Auslandsreise seines Teams. Er bat den ungarischen Veranstalter, auf der Einladung einfach die Teilnehmerliste zu ändern. Statt des USC Landhaus Wien und Dinamo Zagreb standen nun Lewski Sofia und Sparta Prag auf der Liste. Der Trick funktionierte, und Turbine durfte fahren. Allerdings wurde das Team von einem Parteifunktionär begleitet. Der durchschaute das Spiel, und Schröder wurde nach der Rückkehr für ein Jahr international gesperrt. Nach Ablauf der Sperre erhielt der Verein eine Einladung aus Polen. Diesmal fälschte Schröder persönlich die Teilnehmerliste, um sich eine Reisegenehmigung zu erschleichen. In Breslau angekommen, kam es zu einem Eklat, als der mitgereiste Parteifunktionär die Gastgeber aufforderte, die anwesenden Teams aus Westeuropa nach Hause zu schicken. Man einigte sich darauf, dass Turbine ein Freundschaftsspiel gegen die Gastgeberinnen austrug. Schröder durfte nach der Rückkehr zwar Trainer bleiben, aber dem Team wurde bis auf weiteres jede Auslandsreise untersagt.vgl. Klasen, S. 29–31
Auf nationaler Ebene belegten die „Turbinen“ nach drei Titeln in Folge 1984 erstmals den zweiten Platz. Das Team war punkt- und torgleich mit der BSG Motor Halle und der BSG Rotation Schlema. Halle wurde durch zwei mehr geschossene Tore Meister. 1985 kam es zu einer Modusänderung. Statt einer Endrunde mit fünf Teams spielten die 15 Bezirksmeister nun in vier Gruppen die Halbfinalisten aus, die dann im K.-o.-System die Finalisten ausspielten. Auf dem Weg ins Finale gewann Turbine alle Spiele und traf im Finale auf die BSG Wismut Karl-Marx-Stadt. Nach Toren von Seidel und Brüdgam wurde die vierte DDR-Meisterschaft gefeiert. Ein Jahr später wiederholte das Team das Kunststück, alle Spiele der Bestenermittlung zu gewinnen. Im Finale schlug Schröders Team die BSG Motor Halle mit 4:1. 1987 verpasste Turbine als Gruppenzweiter hinter Karl-Marx-Stadt das Endspiel, welches zum ersten Mal seit 1980 ohne Potsdamer Beteiligung stattfand.
siehe Spieldaten des Meisterschaftsfinals 1985, 1986
Im Sommer 1987 wurde der Modus wieder geändert. Der Deutsche Fußball-Verband führte eine zweigleisige Oberliga ein. Die beiden Staffelsieger ermittelten dann in Hin- und Rückspiel den DDR-Meister. Ohne Punktverlust schloss Turbine die Saison in der Nordstaffel ab und traf im Finale auf die BSG Rotation Schlema. Das Hinspiel in Schlema wurde mit 0:3 verloren. Im Rückspiel auf eigenem Platz führten die „Turbinen“ zur Halbzeit mit 2:0 und es keimte noch einmal Hoffnung auf. Kurz nach Wiederanpfiff erzielte Guderian den Anschlusstreffer für die Sächsinnen. Sabine Seidel erhöhte zwar noch einmal auf 3:1, aber für den sechsten Meistertitel war das nicht genug.
siehe Spieldaten des Meisterschaftsfinals 1988
Schon ein Jahr später konnte Turbine erfolgreich Revanche nehmen. Wieder hieß der Finalgegner Rotation Schlema. Im heimischen Karl-Liebknecht-Stadion kamen die „Turbinen“ zu einem 3:1-Sieg. Ines Kulick erzielte dabei alle drei Tore ihres Teams. Das Rückspiel wurde zwar mit 2:3 verloren, dennoch reichte dies für die sechste und letzte DDR-Meisterschaft. Die Potsdamer Spielerin Hoffmeister sorgte dabei für ein Kuriosum. Zunächst brachte sie ihr Team mit 2:1 in Führung, sorgte aber wenige Minuten später durch ein Eigentor für den zwischenzeitlichen Ausgleich.
siehe Spieldaten des Meisterschaftsfinals 1989
Nach der Saison kam es zu einem Umbruch in dem Team. Zahlreiche Leistungsträgerinnen beendeten altersbedingt ihre Karrieren, und Schröder musste das Team verjüngen. Der Fall der Berliner Mauer hatte auch Konsequenzen für den Sport. Da sich der VEB kein Betriebssportteam mehr leisten konnte, wurde am 1. Januar 1990 die BSG in den SSV Turbine Potsdam überführt. Am 5. Januar 1990 gewann Schröders Team im Rahmen des Berliner Hallenturniers ein Einlagespiel gegen den VfB Lichterfelde. Es war das erste Spiel gegen ein westdeutsches Team. Einen Tag später düpierten die „Turbinen“ die westdeutschen Spitzenteams bei einem Turnier in Hagen.
Langsam begannen die Westvereine, sich für die Spielerinnen von Turbine zu interessieren. Zu einem Exodus wie bei den Männern kam es nicht, da die Westvereine nicht alle Versprechungen hielten. Den Titel konnte Turbine nicht verteidigen. Beide Spiele gegen die BSG Post Rostock gingen verloren, und das Endspiel wurde als Gruppenzweiter verpasst. In der Saison 1990/91 ging es um die Qualifikation für die Bundesliga. Nur die zwei erstplatzierten Teams sollten sich qualifizieren. Der Verein schloss die Saison als Dritter ab, und die „Turbinen“ waren erstmals zweitklassig. Im Pokal des Demokratischen Frauenbundes erreichte das Team 1991 erstmals das Finale, welches die „Turbinen“ mit 0:2 verloren
siehe Spieldaten des Pokalfinals 1991
1991–1997: Nach der Wiedervereinigung Historie der Trainer Zeitraum Name 1971–1992 Bernd Schröder 1992–1993 Peter Raupack 1993–1994 Frank Lange 1995 Sabine Seidel 1995–1997 Lothar Müller 1997 Eckhard Düwiger 1997–2016 Bernd Schröder 2016–2020 Matthias Rudolph 2020–2022 Sofian Chahed 2022 Sebastian Middeke 2022 Dirk Heinrichs (interim) 2022–2023 Sven Weigang 2023 Dirk Heinrichs (interim) 2023–2024 Marco Gebhardt 2024–2025 Kurt Russ 2025 Patrick Ritzinger (interim) 2026– Steen Gravgaard
Mit drei Punkten Vorsprung auf den 1. FC Lübars wurde Turbine Meister der Oberliga Nordost. Die folgende Aufstiegsrunde entwickelte sich zu einem Desaster. Am Ende sprang für die „Turbinen“ nur ein Unentschieden gegen den STV Lövenich heraus. Am Ende der Saison 1991/92 trat Schröder nach 21 Jahren Tätigkeit als Trainer zurück und übernahm den Managerposten. Zu dieser Zeit plagten finanzielle Sorgen den Verein und das Umfeld. Die Spielerinnen verloren ihre Arbeitsplätze, und manchmal wusste der Verein nicht, ob er sich überhaupt die Fahrt zum nächsten Auswärtsspiel leisten konnte.vgl. Klasen, S. 47 Peter Raupach übernahm ohne großen Erfolg das Traineramt und belegte mit dem Team lediglich den vierten Platz. 1993 holte Schröder Frank Lange zum Verein. Mit ihm kam der Erfolg zurück. In der Winterpause verpflichtete der Verein mit zwei Russinnen erstmals ausländische Spielerinnen. Diese erwiesen sich als wesentliche Verstärkung, und Turbine wurde Meister. Nach einem 3:2-Sieg über die SG Wattenscheid 09 konnte bereits nach vier von sechs Spieltagen der Aufstiegsrunde gefeiert werden. Hochkarätige Neuverpflichtungen waren aus finanziellen Gründen nicht möglich; dennoch ging der Verein mit viel Optimismus in die erste Bundesligasaison.