Als Polis (die; von , ursprünglich auch: ‚Burg‘; Plural Poleis, zu ) wird für gewöhnlich der typische Staatsverband im antiken Griechenland bezeichnet, der in der Regel als ein städtischer Siedlungskern (→ (Kern-)Stadt; griechisch ) mit dem dazugehörigen Umland (, [die] ‚Chora‘) greifbar ist. Dessen Bewohner wurden von den Einwohnern des urbanen Zentrums rechtlich nicht unterschieden. Die typische Polis war eine Bürgergemeinde bzw. ein Personenverband und definierte sich nicht primär über ihr Territorium, sondern über ihre Mitglieder (→ Bürger#Griechenland). Sie wurde zum klassischen Begriff für den Stadtstaat in der Antike; ob sie jedoch tatsächlich als solcher gelten kann, ist in der Forschung seit langem umstritten.Vgl. die aktuelle Zusammenfassung bei Arjan Zuiderhoek: The Ancient City. Cambridge 2017, S. 149 ff. Vgl. zur generellen Diskussion um den Staat in Antike und Altertum auch Uwe Walter: Der Begriff des Staates in der griechischen und römischen Geschichte. In: Theodora Hantos, Gustav Adolf Lehmann (Hrsg.): Althistorisches Kolloquium aus Anlass des 70. Geburtstages von Jochen Bleicken. Stuttgart 1998, S. 9–27, sowie den Forschungsüberblick bei Michael Gal: Der Staat in historischer Sicht. Zum Problem der Staatlichkeit in der Frühen Neuzeit. In: Der Staat. Zeitschrift für Staatslehre und Verfassungsgeschichte, deutsches und europäisches öffentliches Recht, Band 54 (2015), S. 241–266 (Link).
Seit der Entstehung der Polis in archaischer Zeit (ca. 700–500 v. Chr.) und wegen der großen Zahl an Neugründungen im Hellenismus (323–30 v. Chr.) blieb die Mittelmeerwelt über Jahrhunderte hinweg städtisch geprägt, obwohl die Mehrheit der Menschen auf dem Land lebte; denn in der Regel waren in den griechisch geprägten Gebieten auch die meisten Landbewohner entweder Vollbürger, Abhängige (z. B. Frauen und Metöken) oder Sklaven einer Polis. Vor diesem Hintergrund ist auch das berühmte Diktum des Aristoteles zu verstehen, der Mensch sei ein zoon politikon, also ein in der Polis lebendes Wesen; denn wer freiwillig nicht in einer Polis lebe, sei entweder weniger als ein Mensch oder mehr.Aristoteles, Politik 1253a1-11.
Das Römische Reich stützte sich im Osten später in starkem Maße auf die nun nur noch halbautonomen Poleis, die in der Spätantike (284–641 n. Chr.) vielerorts einen langsamen Niedergang erlebten. Im 6. Jahrhundert dann scheiterten unter Kaiser Justinian letzte Versuche, die Position der Städte zu stärken und die Polis zu revitalisieren. Die islamische Expansion im 7. Jahrhundert führte schließlich endgültig zum Untergang der meisten Poleis. In dieser Zeit des (fließenden) Übergangs vom Oströmischen zum Byzantinischen Reich wandelten sich die meisten Städte zu guter Letzt von der Polis in ein befestigtes, vergleichsweise oft sehr kleines Kastron, eine typische byzantinische Art Festungsstadt.
Entstehung und Charakter der Polis In der Forschung ist umstritten, ob die Wurzeln der Polis in der mykenischen Kultur der späten Bronzezeit liegen, ob sie während des „Dunklen Zeitalters“ um 900 v. Chr. entstand oder erst zu Beginn der Archaik.Laut Linda-Marie Günther geht die jüngere Forschungsdebatte von Anfängen der Polis im 8. Jahrhundert v. Chr. aus. (Linda-Marie Günther: Griechische Antike, Tübingen 2008, S. 53) Wie diese Frage beantwortet wird, hängt nicht zuletzt davon ab, welche Definition von Polis man verwendet. Dementsprechend herrscht auch keine Einigkeit darüber, wann die Poliskultur unterging. Die große Mehrheit der heutigen Forscher geht aber davon aus, dass die Polis im 8. Jahrhundert v. Chr. in ihrer „klassischen“ Form entstand und dass Poleis bis in die ausgehende Spätantike existierten.Vgl. den Überblick bei Mogens H. Hansen: Polis. Oxford 2006, S. 39–50. Immer wieder wird auch ein möglicher Einfluss des orientalischen, insbesondere phönizischen, Stadtstaates auf die Genese der Polis diskutiert.Vgl. Josef Wiesehöfer: Die altorientalische Stadt – Vorbild für die griechische Bürgergemeinde (Polis)? In: Gerhard Fouquet u. a. (Hrsg.): Die Urbanisierung Europas von der Antike bis in die Moderne. Frankfurt 2009, S. 43–61.
Polis (mit den Worten Politik, Metropole bzw. Metropolis und Kosmopolis, Kosmopolit verwandt) bezeichnete ursprünglich eine befestigte Höhensiedlung (auch: Akropolis: „Oberstadt“, Stadtfestung), unter deren Schutz sich spätestens im 8. Jhd. v. Chr. Siedlungen städtischen, aber auch präurbanen Charakters entwickelten.Vgl. Homer, Ilias 6,88; 20,52. In Athen wurde Polis noch bis ins 5. Jhd. v. Chr. synonym mit Akropolis verwendet.Thukydides 2,15,3–6. (Auch in Athen war die Akropolis ursprünglich eine Zitadelle.) Hintergrund stellte wohl das im griechischen Raum seit dem frühen 8. Jhd. v. Chr. einsetzende Bevölkerungswachstum dar; auch dürfte orientalischer Einfluss eine gewisse, aber schwer zu bestimmende Rolle gespielt haben. Mit den Stadtstaaten der Phönizier pflegten die Griechen damals enge Kontakte. Die uns geläufige Bedeutung als „Gemeinwesen eines Bürgerverbandes“ erhielt der Begriff erst im weiteren Verlauf der archaischen Epoche, als sich die Polis zu jener Form der politischen Organisation entwickelte, die so charakteristisch für Griechenland und von Griechen besiedelte Regionen in der 2. Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. werden sollte.
Mit der Großen Griechischen Kolonisation (um 750 bis 550 v. Chr.) verbreitete sich der Typus der Polis vom griechischen Mutterland (das Festland und der Ägäisraum) über die Küsten fast des gesamten Mittelmeers und des Schwarzen Meeres. Das führte dazu, dass sich der Kommunikationsraum, in dem Griechen ihre Erfahrungen austauschten und in ihren lokalen Gemeinschaften spezifische Identitäten entwickelten, erheblich erweiterte. Zugleich ging von der griechischen Kolonisation vermutlich ein starker Impuls aus, sich in der Polis Institutionen zur Entscheidungsfindung, Rechtspflege und ständigen Wehrbereitschaft zu geben; möglicherweise beeinflusste die Entwicklung in den griechischen Kolonien (richtiger: Apoikien) auch die Verfassung der Städte im Mutterland. Später, im hellenistischen Zeitalter, waren die Städtegründungen Alexanders des Großen und seiner Nachfolger, der Diadochen, ein wichtiges Mittel der „Hellenisierung“ des Alten Orients. In hellenistischer, römischer und spätantiker Zeit verloren die meisten Poleis dabei zwar ihre politische Unabhängigkeit, blieben aber noch sehr lange halbautonome Gemeinwesen und bildeten das ökonomische wie administrative Rückgrat der Diadochenreiche wie des Römischen Reiches.
In der aktuellen Forschung ist vor allem der Charakter der Polis im Hellenismus sehr umstritten, wobei die Diskussion um die Frage kreist, ab wann die prinzipiell „demokratische“ Ordnung der meisten Gemeinwesen von einer Oligarchie abgelöst wurde.Vgl. zur Diskussion Hans-Ulrich Wiemer: Hellenistic Cities: The End of Greek Democracy? In: Hans Beck (Hg.): A Companion to Ancient Greek Government. Malden 2013, S. 54–69. Während man früher gemeinhin der Ansicht war, dass dieser Prozess bereits unter den ersten Diadochen einsetzte, mehren sich heute die Stimmen, die annehmen, dass dies erst im Verlauf des 2. und 1. vorchristlichen Jahrhunderts unter der zunehmenden römischen Dominanz erfolgt sei. Unbestritten ist, dass spätestens im Prinzipat die Stadträte, deren Mitglieder nun anders als früher einen eigenen Stand bildeten, die Poleis dominierten.
Die Griechen beschränkten den Begriff Polis nicht auf jene Gebiete, in denen sie selbst siedelten, sondern bezeichneten auch Gemeinden wie Karthago in Nordafrika und Rom in Italien als Poleis. Die geographischen Besonderheiten Griechenlands – kleinräumige fruchtbare Ebenen, die von Gebirgen umschlossen und von Flüssen durchflossen werden – förderten das Entstehen kleinräumiger politischer Einheiten, die sich bald als eigenständig und unabhängig verstanden. Dabei wird die Polis in erster Linie als „Gemeinschaft von Bürgern“ (koinônía tôn politôn) definiert. Der Charakter als Personenverband zeigt sich sehr deutlich in der üblichen Bezeichnung eines Staates nach seinen Bürgern (hoi Athênaíoi, hoi Korínthioi, hoi Lakedaimónioi usw.), nicht nach seinem Staatsgebiet (etwa Athénai, Thébai). Gemeinsam war fast allen Poleis die Existenz von Magistraturen (wie etwa dem Archontat), einer Volksversammlung und mindestens einer Ratsversammlung (boulé); die konkrete Ausgestaltung der jeweiligen Verfassung konnte sich aber sehr unterscheiden.
Die meisten Poleis näherten sich dem Ideal der kleinen, überschaubaren Gemeinde an, in der man einander kannte und sich leicht zu Versammlungen einfinden konnte.Aristoteles, Politik 7,1326a 35 bis 1326b 25. PlatonPlaton, Nomoi 5,737d bis 738a. geht von einer Idealzahl von 5040 Bürgern als Grundbesitzer und Verteidiger ihres Landes aus. Insgesamt ist für die klassische Zeit von schätzungsweise 700 Poleis mit einer Durchschnittsgröße von 50 bis 100 km² auszugehen. Bewohnt wurden sie von meist 2000 bis 4000 Menschen. Argos verfügte im Vergleich dazu über etwa 1.400 km². 626 Stadtstaaten sind aus klassischer Zeit durch Münzen, literarische Quellen und Tributlisten bekannt. Unser heutiges Bild von einer Polis wird im Gegensatz zur damals herrschenden Wirklichkeit von einer kleinen Anzahl politisch besonders bedeutsamer Stadtstaaten bestimmt, die – wie Athen und Sparta – allerdings selbst äußerst gegensätzlich in Charakter und politischer Organisationsform sein konnten. Im Hellenismus stieg die Zahl der Poleis dann, wie gesagt, noch einmal stark an. In späterer Zeit konnten einzelne Städte wie etwa Antiochia oder Alexandria auch mehrere hunderttausend Einwohner haben, doch blieben dies Ausnahmen.
Vergleichbare Stadtgemeinden gründeten im Mittelmeerraum sowohl Phönizier (z. B. Karthago), Etrusker (z. B. Veii, aber auch Rom). Die keltischen oppida bildeten offenbar eine primitivere Siedlungsform, die die Römer dann aber in civitates umwandeln konnten.
Die Alternative zur Pólis bildete das „Éthnos“, der antike griechische „Stammesstaat“. Er war in Regionen mit wenigen Siedlungskernen wie im westlichen und nordwestlichen Griechenland die Hauptorganisationsform, in der die einzelnen dörflichen Siedlungen nur untergeordnete Kompetenzen und Funktionen ausüben konnten und die elaborierte staatliche Organisation der Polis nicht erreicht wurde. Zu weltgeschichtlicher Bedeutung gelangte ein Stammesstaat erst in der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. mit dem Stammeskönigtum Makedoniens, als Philipp II. daraus die stärkste Militärmacht Europas formte und sein Sohn und Nachfolger Alexander der Große das Stammeskönigtum über Asien und Nordafrika (Ägypten) zu einem griechisch geprägten Weltreich erweiterte – das aber rasch zerfiel. Allerdings galt Makedonien in der Antike in der Regel nicht als regulärer Teil von Hellas (nur die Mitglieder der Herrscherfamilie wurden als Griechen betrachtet), so dass man es nur unter Vorbehalt als griechisches Ethnos bezeichnen kann.
Die ältere Forschung nahm lange Zeit an, spätestens mit Alexander und dem Beginn der Epoche des Hellenismus sei die große Zeit der Poleis, die nun bald sämtlich unter direkter oder indirekter Herrschaft zunächst der Diadochenreiche, später dann der Römer standen, vorbei gewesen. Seit einigen Jahren wird hingegen betont, dass das Gegenteil der Fall gewesen sei.Vgl. etwa Richard Billows: Cities. In: Andrew Erskine (Hg.): A companion to the Hellenistic World. Oxford 2003, S. 196 ff. An Zahl, Größe, geographischer Verbreitung und ökonomischer Bedeutung übertrafen die griechischen Städte der Zeit nach Alexander die der klassischen Epoche bei weitem, und auch die Demokratie ging keineswegs unter. Von wachsender Bedeutung war nun der Euergetismus, also die Übernahme öffentlicher Aufgaben und Bauten durch reiche Wohltäter („Euergeten“). Freilich war der außenpolitische Handlungsspielraum der Poleis nun eingeschränkt, auch wenn ein geschicktes Lavieren zwischen den unterschiedlichen Machtblöcken mitunter durchaus erhebliche Freiräume schaffen konnte.