mini|Paul Feyerabend in Berkeley Paul Karl Feyerabend (* 13. Januar 1924 in Wien; † 11. Februar 1994 in Genolier im schweizerischen Waadtland) war ein österreichischer Philosoph, der vor allem durch seine Arbeiten zur Wissenschaftsphilosophie bekannt wurde. Seine akademische Laufbahn begann er als Dozent für Wissenschaftsphilosophie an der University of Bristol (1955–1958), danach wechselte er an die Universität von Kalifornien in Berkeley, an der er über drei Jahrzehnte (1958–1989) lehrte.
Feyerabend gilt neben Karl Popper, Thomas S. Kuhn und Imre Lakatos als einer der bedeutendsten Wissenschaftsphilosophen des 20. Jahrhunderts. Sein berühmtestes Werk Wider den Methodenzwang erschien 1975. Hier argumentiert er, dass es keine allgemeingültigen methodischen Regeln für wissenschaftliche Untersuchungen gebe, und formuliert stattdessen eine „anarchistische Erkenntnistheorie“ unter dem Schlagwort „Anything goes“. Fragen der Wissenschaftspolitik und des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik behandelt er in mehreren Essays und in seinem zweiten Hauptwerk, Erkenntnis für freie Menschen (1978). In späteren Schriften wie Wissenschaft als Kunst (1984), Irrwege der Vernunft (1987) und Vernichtung der Vielfalt (1999 posthum veröffentlicht) behandelt er weitere Themen an der Schnittstelle zwischen Geschichte und Philosophie der Wissenschaft, antiker Philosophie, Kunstphilosophie, Politischer Philosophie, Ethik, Medizin und Physik. Sein letztes Werk, die Autobiographie Zeitverschwendung, beendete er auf seinem Sterbebett.
Der unvollendete – parallel zur Arbeit an Wider den Methodenzwang angefertigte – Entwurf einer Naturphilosophie wurde 2016 postum veröffentlicht. Dieses Werk enthält Feyerabends Rekonstruktion der Geschichte der Naturphilosophie von der homerischen Zeit bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Ferner wurde ein Teil seiner umfangreichen Korrespondenzen (u. a. mit Karl Popper, Imre Lakatos, Hans Peter Duerr und Hans Albert) nach seinem Tod veröffentlicht.
Leben Kindheit, Jugend, Krieg Feyerabend wurde 1924 in Wien geboren. Sein Großvater väterlicherseits war das uneheliche Kind einer Haushälterin, Helena Feierabend, die das y in den Namen Feyerabend einführte.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 10 Die Eltern hatten infolge des Ersten Weltkriegs sowie der Inflation lange gewartet, bevor sie ihr einziges Kind bekamen: Paul Feyerabends Mutter war bei seiner Geburt bereits vierzig Jahre alt. Ihre Familie stammte aus Stockerau. Sie war Näherin und starb am 29. Juli 1943 durch Suizid.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 18 und 64 Sein Vater, ursprünglich aus Kärnten, diente als Offizier der Handelsmarine im Ersten Weltkrieg und anschließend als Beamter in Wien.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 11 Die Familie lebte in einem Arbeiterviertel (Wolfganggasse), in dem Straßenmusikanten, skurrile Verwandte, Illusionisten und hitzige Streitereien zum Alltag gehörten. In seiner Autobiographie erinnert sich Feyerabend an eine Kindheit, in der Magie und mysteriöse Ereignisse nur durch einen leichten Perspektivwechsel vom trostlosen „Alltäglichen“ getrennt waren – eine Erkenntnis, die er später philosophisch entlang Fragen des erkenntnistheoretischen Realismus und Perspektivismus ausgiebig bearbeiten sollte.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 1–20 Der katholisch erzogene Feyerabend besuchte das Robert-Hamerling-Realgymnasium, wo er insbesondere in Physik und Mathematik zum Vorzugsschüler aufstieg. Mit 13 Jahren baute er zusammen mit seinem Vater ein Teleskop, das es ihm ermöglichte, Beobachter für das Schweizerische Institut für Sonnenforschung zu werden.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 45 Feyerabend war ein unersättlicher Leser, insbesondere von Kriminal- und Abenteuerromanen und Theaterstücken. In Kontakt mit der Philosophie kam er nach eigenen Angaben durch Zufall: „Wenn man sich nach Literatur umsah, die zum Verkauf bestimmt war, konnte man tonnenweise Bücher für nur ein paar Groschen erwerben. […] Ich konnte es nicht vermeiden, daß hin und wieder auch ein Band von Plato, Descartes oder Büchner (dem Materialisten, nicht dem Dichter) darunter waren. Ich habe diese unerwünschten Zugaben dann wohl aus Neugier gelesen oder einfach, weil ich dafür bezahlt hatte.“Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 43 f. Später lernte er die Wissenschaftsphilosophie durch die Werke von Mach, Eddington und Dingler kennen und war fasziniert von Nietzsche, besonders seinem Werk Also sprach Zarathustra. Während der Gymnasialzeit begann Feyerabends lebenslanges Interesse am Gesang. Er sang in einem Chor unter Leo Lehner, wurde mit der Oper bekannt und durch Auftritte von George Oeggl und Hans Hotter inspiriert. Später absolvierte er eine formelle Ausbildung u. a. unter der Anleitung von Adolf Vogel.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 49
„Anschluss“ und Zweiter Weltkrieg Feyerabends Eltern begrüßten den Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich im März 1938. Seine Mutter war von Hitlers Stimme und Auftreten fasziniert, sein Vater trat, ebenfalls von Hitlers Charisma beeindruckt, später der NSDAP bei.Zeit, S. 54 Feyerabend selbst zeigte sich vom Anschluss und vom Zweiten Weltkrieg unbeeindruckt und sah in diesen Dingen, wie er in seiner Autobiographie schreibt, in erster Linie eher „Unannehmlichkeiten“, die dem Lesen, dem Gesang und der Astronomie im Wege standen, als ein „moralisches Problem“. Feyerabend war Mitglied der Hitler-Jugend, in der er nach eigenen Angaben gelegentlich rebellierte, indem er die Kultur der Briten lobte oder behauptete, er müsse eine Versammlung verlassen, um an der Messe teilzunehmen, sich manchmal jedoch auch fügte und Mitglieder aufsuchte, die Versammlungen verpassten. In Zeitverschwendung schreibt er: „Rückblickend betrachtet stelle ich eine ziemlich unbeständige Mischung aus Widerspenstigkeit und Anpassungsbereitschaft fest. Es kam vor, daß ein kritisches Urteil oder ein Gefühl von Unbehagen niedergehalten oder in sein Gegenteil verkehrt wurde, sobald eine kaum spürbare Gegenkraft auftrat. Meine Meinungen waren wechselhaft wie Wolken, die in der Wärme verdunsten. Dann wieder gab es Gelegenheiten, da ich nicht auf die Vernunft und nicht auf die Nazi-Propaganda hörte, sondern mich unpopulären Ideen anschloß. Diese Ambivalenz beherrschte mich lange Zeit hindurch und schwächte sich erst vor kurzem ab. Sie stand offenbar in Zusammenhang mit der Ambivalenz, die ich generell Menschen gegenüber annahm: ich wollte ihnen nahe sein, zugleich aber auch allein gelassen werden.“Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 60 Nach der Matura wurde Feyerabend im April 1942 in den Reichsarbeitsdienst (RAD) eingezogen, erhielt eine Grundausbildung in Pirmasens und wurde einer Einheit in Quelerne en Bas bei Brest zugeteilt. Er beschrieb diese Zeit als „eintönig“: „Die Woche über fuhren wir im Hinterland herum, hoben Gräben aus und schütteten sie wieder zu.“Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 62 Nach einem kurzen Urlaub meldete er sich freiwillig zur Offiziersschule. In Zeitverschwendung schreibt er, gehofft zu haben, der Krieg würde vorbei sein, bevor er die Offiziersausbildung abgeschlossen hätte – was jedoch nicht geschah.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 63 Ab Dezember 1943 wurde er als Fähnrich am nördlichen Teil der Ostfront eingesetzt, kurz darauf mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und erreichte den Rang eines Leutnants.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 66, Blog von Matteo Collodel, The Life of Paul K. Feyerabend Als die Wehrmacht ihren Rückzug vor der vorrückenden Roten Armee begann, wurde Feyerabend bei der Verkehrsregelung einer Kreuzung von drei Kugeln getroffen. Eine traf ihn an der Wirbelsäule, was ihn über ein Jahr lang an den Rollstuhl fesselte. Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 74 f. Er blieb teilweise gelähmt – war für den Rest seines Lebens auf eine Krücke angewiesen –, unfruchtbar und litt unter zeitweiligen Anfällen starker Schmerzen, die ihn zu teils immensem Medikamentenkonsum trieben.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 75
Studium und Beginn der akademischen Laufbahn Nach seiner Verwundung wurde Feyerabend erst in ein Lazarett in der Nähe des niederschlesischen Hirschberg, anschließend ins thüringische Apolda überstellt, wo er sich mehr als ein Jahr lang erholte, das Kriegsende und die sowjetische Besatzung miterlebte. Nach Kriegsende bewarb er sich beim Bürgermeister von Apolda um eine Anstellung im Bildungsbereich und arbeitete anschließend als Autor von Reden, Dialogen und Theaterstücken – vor allem für den örtlichen Kindergarten.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 80 Später erhielt er im benachbarten Weimar ein Stipendium an der Musikhochschule und belegte dort Kurse in Italienisch, Harmonielehre, Gesang, Aussprache und Klavier.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 81 Er trat auch dem kommunistischen Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands bei. Das war – gemäß seinen eigenen Angaben – der einzige Verein, dem er jemals beitrat.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 84
Nach einem Jahr verließ er die Musikhochschule sowie Weimar und kehrte 1947 nach Wien zurück, wo er ein Studium an der Universität aufnahm. Ursprünglich hatte er vor, Physik, Astronomie und Mathematik zu studieren, entschied sich aber für Geschichte und Soziologie; er wollte seine Kriegserlebnisse verstehen, außerdem dachte er, Physik habe „nichts mit dem Leben“ zu tun.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 88. Nach nur einem Semester wechselte er jedoch zu Physik und Astronomie und besuchte Kurse bei Hans Thirring, Hans Leo Przibram und Felix Ehrenhaft.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 89 In diese Zeit fielen auch seine Besuche der Vorträge Philipp Franks, der argumentierte, dass Aristoteles ein besserer Empiriker sei als Kopernikus. Dieses Argument verarbeitete Feyerabend Jahrzehnte später in seiner Fallstudie zu Galileo in Wider den Methodenzwang.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 140
Für sein weiteres Leben wichtige Bekanntschaften machte er seit 1948 bei den vom Österreichischen College durchgeführten Internationalen Hochschulwochen in Alpbach, deren Forum er zeitlebens mehrfach besuchte. Hier lernte er u. a. Erwin Schrödinger, Walter Hollitscher, Hanns Eisler und nicht zuletzt Karl Popper kennen. Über den marxistischen Philosophen, Publizisten und Psychoanalytiker Hollitscher kam er in Kontakt mit Bertolt Brecht, der ihn einlud, sein Assistent an der Ostberliner Staatsoper zu werden, was Feyerabend jedoch ablehnte. Ein möglicher Grund war Feyerabends instinktive Abneigung gegen Gruppendenken, die ihn dazu veranlasste, sich entschieden zu weigern, neben dem Kulturbund weiteren marxistisch-leninistischen Organisationen beizutreten, obwohl er in diese Kreise durchaus freundschaftliche Verbindung unterhielt.Zeitverschwendung (Autobiographie). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40693-0, S. 97