mini|Die drei weisen Affen als Symbol des Tabus Ein Tabu beruht auf einem stillschweigend praktizierten gesellschaftlichen Regelwerk bzw. einer kulturell überformten Übereinkunft, die bestimmte Verhaltensweisen auf elementare Weise gebietet oder verbietet. Tabus sind unhinterfragt, strikt, bedingungslos, sie sind universell und ubiquitär, sie sind mithin Bestandteil einer funktionierenden menschlichen Gesellschaft. Dabei bleiben Tabus als soziale Normen unausgesprochen oder werden allenfalls durch indirekte Thematisierung (z. B. Ironie) oder beredtes Schweigen angedeutet: Insofern ist das mit Tabu Belegte jeglicher rationalen Begründung und Kritik entzogen. Gerade auf Grund ihres stillschweigenden, impliziten Charakters unterscheiden sich Tabus von den ausdrücklichen Verboten mit formalen Strafen aus dem Bereich kodifizierter Gesetze. Nahezu alle Lebewesen, Gegenstände oder Situationen, die ins menschliche Blickfeld rücken, können tabuisiert werden. Tabus können sich beziehen auf Wörter, Dinge (z. B. Nahrungstabu), Handlungen (z. B. Inzesttabu), Konfliktthemen, auf Pflanzen und Tiere, auf die Nutzung von Ressourcen (siehe Tapu), auf einzelne Menschen oder soziale Gruppen.
Die Begriffe 'Tabu' und Political Correctness haben eine Schnittmenge; sie sind nicht leicht voneinander abzugrenzen.Vgl. z. B: Matthias Dusini, Thomas Edlinger: In Anführungszeichen – Glanz und Elend der Political Correctness. Suhrkamp, Berlin 2012, ISBN 978-3-518-12645-5. (Rezension In: Die Zeit. 8. September 2012).
Wortherkunft mini|Tabu als Schild: „Durchgang verboten“ in Bora Bora
Der Begriff „Tabu“ stammt aus dem Sprachraum Polynesiens und ist aus dem Wort „tapu“vgl. auch hawaiisch abgeleitet. Tabu als Begriff fand Anfang des 20. Jahrhunderts weitgehend Eingang in die deutsche Sprache, und zwar sowohl als Adjektiv („etwas ist tabu“) als auch als Substantiv („etwas ist ein Tabu“). Als Eigenschaftswort bezeichnet tabu einen Zustand, der mit „unverletzlich“, „heilig“, „unberührbar“ beschrieben werden kann: Tabuisierte Dinge – so die religiöse Vorstellung der Polynesier – müssten streng gemieden werden, da sie gefährliche Kräfte besäßen. Auf den Tonga-Inseln bedeutet tabu oder tapu ursprünglich „unter Verbot stehend“, „nicht erlaubt“. In seinem heutigen Gebrauch heißt das Wort auf Tonga „heilig“, „geheiligt“, aber durchaus auch in dem Sinn von „eingeschränkt“ oder „durch Sitte und Gesetz geschützt“. Beispielsweise wird die Hauptinsel des Königreiches Tonga Tongatapu genannt, was hier eher „heiliger Süden“ bedeutet als „verbotener Süden“. Auf Timor gibt es mit „Lulik“ ein vergleichbares Konzept.
Bereits Ende des 18. Jahrhunderts brachte der mit James Cook umherreisende Georg Forster das Wort tapu = Gebot zu meiden nach Europa. Als der englische Forscher und Seefahrer Cook 1777 Tonga entdeckte, nannte er den Archipel „die freundlichen Inseln“. Über die Bewohner Tongas schrieb er:
Andere Quellen führen den Ausdruck auf das auch in der Fidschi-Sprache existierende Wort tabu zurück. Laut Auskunft einiger Einwohner der Salomon-Inseln existiere auch in ihrer Sprache das Wort tabu (ausgesprochen „tam-bu“), was „heilig“ bedeutet. Das Wort bezieht sich auf Orte im Busch, wo heilige Geister wohnen. Gewöhnlich ist eine solche Stelle markiert mit einem Gegenstand, einer großen Muschel oder einem geschnitzten Stein. Solche Gegenden dürfen so lange nicht gestört oder betreten werden, bis eine Erlösungs-Zeremonie stattfindet. Bei den Mono Alu (Shortland, Salomon-Inseln) bezieht sich tabu auf diejenigen Totemtiere, die von den Clanmitgliedern nicht verspeist werden dürfen.G. C. Wheeler: Sketch of the Totemism and Religion of the People of the Islands in the Bougainville Straits (Western Solomon Islands). (= Archiv für Religionwissenschaft. 15). Leipzig/Berlin 1912, S. 24–58, 321–358.
Begriffsdefinitionen mini|hochkant|Original-Broschur des Erstdrucks 1913
Eine Definition des Tabu-Begriffs gab Sigmund Freud in seinem grundlegenden Werk Totem und Tabu:
Und weiter:
Entsprechend ist ein Tabu etwas zutiefst Verbotenes, steht aber auch für etwas Unausgesprochenes, ja Unaussprechliches, das weit über eine Einschränkung durch vernünftige Verhaltensformen (Sitte oder Gesetz) hinausgehen kann. Wir haben es vielmehr zu tun mit Scheubarkeitsschranken, die aus vorrationalen, instinktiven und/oder religiösen Haltungen des Abscheus oder auch der Ehrfurcht herrühren: Ursächlich aus einer Haltung heraus, die in einem einzigen, mit Tabu belegten Objekt zwei scheinbar gegensätzliche Aspekte, das extrem Reine und Heilige ebenso wie das Unreine bzw. das zu Meidende, gleichermaßen wahrnimmt. Jedenfalls zeigt sich eine fundamental empfundene Distanznahme, die – aus oft konkret erlebten kollektiven Erfahrungen der Gefährdung heraus – kulturell vermittelt wird (vgl. Essbares – nicht Essbares, Rituale um Geburt, Hochzeit, Krankheit, Sterben und Tod). Tabuistischem Verhalten am nächsten kommt vielleicht der ins Lateinische übersetzte Ausspruch Jesu Noli me tangere nach der Auferstehung an Maria Magdalena (Evangelium nach Johannes 20,17), er heißt übersetzt „Rühre mich nicht an“ oder „Berühre mich nicht“: Hier geht es um die Reinheit des Jenseitigen oder auch des mit dem Sterben Kontaminierten, aber zugleich auch des Geheiligten einerseits und um den Schutz der Diesseitigen vor dem Numinosum andererseits. Tabu ist immer in der Wechselseitigkeit ambivalenter Bezüge zu sehen. Tabuistisches Verhalten entspricht den kulturell erworbenen Techniken der Überbrückung einer gesamtgesellschaftlich wahrgenommenen Spannung zwischen Begrenzung und Grenzüberschreitung.
Wer in einer Welt von Verboten lebt, deren Sinn rational nachvollziehbar ist (z. B. Verbot der Euthanasie oder der Wahrung der Totenruhe), dem mag es schwer fallen, Normen als sinnvoll hinzunehmen, die einem unausgesprochenen, vorrationalen Bereich entstammen, also Tabus sind. Faktisch ist das mit „Mana“ versehene Objekt oder Lebewesen unbegreiflich und unangreifbar. Vermutlich ist es ganz zentral der mit dem Stigma „Sterben“ und „Tod“ versehene Mensch, der ursächlich allgemeines Tabu-Empfinden auslöst – eine Haltung, die sich sekundär auf andere, als befremdlich erscheinende Lebewesen oder Dinge erstreckt. Aufgrund seiner Ähnlichkeit mit den noch Lebenden wird der plötzlich unwiderruflich andersartig gewordene Leichnam in allen Kulturen als das tabu-trächtigste Phänomen überhaupt erlebt, zeigt er doch mit seiner Körperlichkeit Reste seiner anthropomorphen Existenz, aber zugleich bereits Gefährdung durch Zerfall und Vergänglichkeit auf. Der verstorbene Mensch ist tabu schlechthin. Vermutlich entspricht tabuistisches Empfinden – ebenso wie auch das Bedürfnis nach Religiosität und Gesetzmäßigkeit – einem Bollwerk gegen ein existenziell wahrgenommenes Chaos: Tabus sollen magischen Schutz bieten gegen jeglichen Einbruch in bestehende und lebenserhaltende Ordnung. Sterben und die Sterblichkeit zeigen existenzielle Gefährdung auf, Totsein ist das Tabu par excellence. Der Tote selbst ist, da er sich nicht vernehmen lässt, auch nicht ansprechbar, hörbar, sichtbar, berührbar. Nach vorrationaler Logik ist es darum auch „unmöglich“, den Tod anzusprechen, zu sehen, zu hören, greifen, oder in anderer Weise haptisch die „andere Welt“ zu erkennen. Unerlaubte Kontaktaufnahme mit dem Verstorbenen käme einem Übergriff in die Welt des „Ganz Anderen“ und „Numinosen“ (Rudolf Otto), des Heiligen, des Jenseitigen usw. gleich, in eine Anderswelt also, welche zwar die Welt der Lebenden übermächtig beeinflusst, welche aber die Menschen normalerweise nicht tangieren dürfen: Möglicherweise unkontrollierbare magisch wirkende Mächte müssen gebannt bleiben. Analog zu einem streng ritualisierten Verhalten gegenüber Verstorbenen sind es darum die Sprach-, Sicht-, Handlungs- und Berührungstabus, die den unterschiedlichsten Lebensthemen anhaften, wenn sie nur den Geruch einer Störung des kulturspezifischen Lebensrhythmus vermitteln.
Tabu-Verhalten Kennzeichnend für Tabu-Verhalten sind folgende Merkmale: Auslöser für tabuistische Vorkehrungsmaßnahmen ist ein Spektrum von Wahrnehmungen, das von Ehrfurcht und Scheu über Angst und Panik bis hin zum Ekel reichen kann. Aufgrund dieses sehr existenziell erfahrenen Erlebens stehen Tabus in engem Zusammenhang mit Körperlichkeit und Sinneswahrnehmung. Entsprechend unterscheidet die volkskundliche/ethnologische Forschung zwischen Sprech-, Sicht-, Berührungs- und Handlungstabus. Tabus beruhen auf gesellschaftlich – überwiegend nonverbal – vereinbartem Verhalten und funktionieren auch nur im synergetischen Erleben einer Bezugsgruppe. Tabus schränken den Aktionsradius der Individuen einer von entsprechenden Verhaltensnormen betroffenen Gesellschaft ein – sowohl in „logischer“ als auch in „unlogischer“ Weise. Gesamtgesellschaftliches Tabu-Verhalten manifestiert sich in Korrelation zu tiefer liegenden Glaubensschichten, die sich aus eher angstbesetzten, magischen, animistischen oder dämonischen Vorstellungen heraus ergeben: Mit Tabu belegte Handlungen unterliegen stillschweigenden Übereinkünften, die tiefer in das allgemeine Verhalten eingreifen als sprachlich sanktionierte Verhaltenscodices von Gesetz und offiziell vermittelter Religion. Jenseits des kodifizierten Rechts gewährleisten Tabus eine nahezu maximale Übereinstimmung auf einer bestimmten Ebene des Verhaltens und Handelns einer sozialen Gruppe; dennoch ermöglichen sie einigen Wenigen, die sozusagen über die Einhaltung von Tabus „wachen“, enormen Einfluss: Das sind in der Regel mit besonderer charismatischer Kompetenz versehene, oft eigens ernannte oder geweihte, sakrosankte und jedenfalls mit der Wirkung von Ritualen vertraute Personen (Zauberer, Medizinmänner, Priesterinnen, Belegärzte, Chefärzte, Kaiserinnen, Staatsoberhäupter u. a. m.). Tabus stabilisieren das Machtgefüge einer Gesellschaft, indem sie mit der existenziell empfundenen Strafangst ihre Angehörigen manipuliert. Tabus sind ubiquitär: Tatsächlich existiert keine Gesellschaft ohne Tabus.
Ethnologie mini|Pūloʻuloʻu symbolisieren in Hawaiʻi das kapu der Adligen und werden auch im Siegel gezeigt.Abbildung in The Legends and Myths of Hawaii: The Fables and Folklore of a Strange People von König Kalākaua, 1888
In der Vorstellungswelt etlicher indigener Volksgruppen (beispielsweise in Polynesien) gelten die Person des Stammesführers, aber auch Begräbnisplätze, Kultstätten, manche Naturschauplätze etc. als „tabu“. In Ozeanien ist der tabuisierte Bereich mit Mana, also mit „magischer Energie“ behaftet. Tabu und Mana sind vorgestellte Qualitäten, die nicht nur unsichtbar existent sein, sondern auch wirken, ja sogar extrem wirksam sein können.
Tabu können grundsätzlich Personen, Lebewesen, Dinge und auch jede beliebige – mit entsprechenden Glaubensvorstellungen behaftete – Örtlichkeit sein: ein Baum, eine verlassene Wohnung, ja ein einzelnes Besitzstück: Diese Bereiche sind vor Annäherung, Berührung oder Wegnahme zu schützen. Aus kollektiv wahrgenommenem, tabuistischem Empfinden heraus entstehen magische Schutzrituale: Solchermaßen stigmatisierte (mit „mana“ behaftete) Bereiche werden in Polynesien zum Beispiel mit einem einfachen Faden umgrenzt oder eingebunden. Die Angehörigen der gleichen Ethnie sind überzeugt, dass bei Verletzung dieses Fadens alle Übel, die der Knotenschürzer hineingeknüpft hatte, über solchen Schadenzauber (schwarze Magie) unfehlbar auf sie fallen würden.
Tabuvorstellungen erzeugen solche und auch eine Vielzahl anderer Sicherungsmaßnahmen bei den verschiedensten Völkern überall auf der Welt: Man denke nur an die verschiedensten Praktiken aus weißer oder schwarzer Magie, in Anlehnung daran an den in Westafrika und den Nachfahren der Sklaven in der Karibik sehr lebendigen Voodoo-Zauber.