mini|Geißlerdarstellung in der Konstanzer Weltchronik, Handschrift aus dem 15. Jahrhundert mini|Die Flagellanten, Carl von Marr 1889

Die Flagellanten oder Geißler waren eine christliche Laienbewegung im 13. und 14. Jahrhundert. Ihr Name geht auf das lateinische Wort flagellum (Geißel oder Peitsche) zurück. Zu den religiösen Praktiken ihrer Anhänger gehörte die öffentliche Selbstgeißelung, um, anknüpfend an den Leidensweg Christi bis zur Kreuzigung, auf diese Weise Buße zu tun und sich von begangenen Sünden zu reinigen.

Die Anfänge

Vorchristliche Religionen, z. B. der ägyptische Isis-Kult und der griechische Dionysos-Kult, pflegten die Selbstgeißelung. Auch während der römischen Lupercalien wurden Frauen gegeißelt, um die Fruchtbarkeit anzuregen. Die Juden praktizierten die Selbstgeißelung bei großen Tempelzeremonien.

Die erste schriftliche Nachricht über die Selbstgeißelung als christliche Bußübung stammt von dem Biografen des hl. Padulf († 737). Danach habe sich dieser während der Fastenzeit von seinem Schüler Theodenus auspeitschen lassen.Levison S. 28 f. Von anderen Zeitgenossen stammen die Viten aber erst aus späteren Jahrhunderten, so dass die Nachrichten nicht zuverlässig sind. Aber in den Bußbüchern des 10. Jahrhunderts wird die Selbstgeißelung erwähnt.Z.B. Bußbuch des Regino v. Prüm († 915), De ecclesiasticis disciplinis Sp. 369 f.

Petrus Damiani schrieb in seiner Vita des Eremiten Dominicus Loricatus (d. h. ‚der Gepanzerte‘, weil er einen eisernen Panzer auf der Haut getragen habe; † 1160 oder 1161), dieser habe sich täglich beim Beten des Psalters gegeißelt.Largier S. 34 f. Auch viele andere Heilige der katholischen Kirche sollen sich dieser Übung unterzogen haben. Genannt werden Ignatius von Loyola, Franziskus von Xavier, Karl Borromäus, Katharina von Siena, Teresa von Ávila und der Ordensgründer Dominikus. Die Selbstgeißelung war in vielen Ordensregeln bis in die Neuzeit hinein fest verankert und wurde bis ins 20. Jahrhundert gepflegt. Der Brauch wurde an bestimmten Tagen, meist an allen Freitagen und an weiteren Tagen der Advents- und Fastenzeit geübt.Gougaud (1925) S. 176.

Die Intention Man nannte die Selbstgeißelung disciplina ‚Erziehung‘. Es ging um eine Transformation des Selbst, um eine Pädagogik der Existenz. Während das Ideal der Stoa die Leidenschaftslosigkeit war, verwandelte sich die Disziplin bei den frühen Mönchen in ein agonales Konzept zur Bekämpfung böser Leidenschaften. Der Mensch wollte sich durch seine asketischen Übungen über seine Grenzen hinausheben. Es sollte eine Vergegenwärtigung werden, die symbolische Ähnlichkeit und geschichtliche Bezüge durchbrechen und eine reale Unmittelbarkeit zum leidenden Gott herstellen. Die Flagellation war damit nicht mehr nur Bußritual, sondern wurde Teil eines eschatologischen Schauspiels, das auf die körperliche Vergegenwärtigung des Leidens Christi abzielte. Auf der anderen Seite wurde der sich geißelnde Eremit zum geistigen Athleten, der sich langsam steigernd zu Höchstleistungen anspornte.Largier S. 68. Es kam zu einer leistungsorientierten Quantifizierung der Geißelungen, die die Bußübungen zu dominieren begann und den Körper mit Blick auf das Heil instrumentalisierte.

Frühe Kritik Während Petrus Damiani die Selbstgeißelung als Mittel der Kontemplation lobte, kam es bei den Mönchen anderer Klöster zu kritischen Einwänden. Der schwerwiegendste Einwand zur damaligen Zeit war regelmäßig der Vorwurf der Neuerung. Petrus musste sich gegen die Ansicht verteidigen, hier werde eine neue Form der Kontemplation eingeführt, während die Befolgung der benediktinischen Regel vollkommen genüge. Dies geht aus seinen Verteidigungsschriften hervor, in denen er versucht, die Tradition bis hin zur Geißelung Christi zurückzuverfolgen.

Der Ritus der Geißelung Der Vorgang der liturgischen Selbstgeißelung geht aus dem Liber ordninarius des St.-Jakobs-Klosters in Lüttich hervor:Volk S. 113 f. Der Mönch, der sich geißeln lassen wollte, bat einen Priester, diese durchzuführen. Dann setzte er sich hin, machte den Rücken frei und betete dreimal das Confiteor. Während der ersten beiden Gebete antwortete der Priester mit Misereatur tui und schlug mindestens dreimal zu. Beim dritten Mal sprach er das Indulgentiam, die Kurzformel der priesterlichen Absolution und abschließend das Absolve Domine. Danach folgten noch einmal drei Schläge. Jeder Mönch durfte täglich um drei solcher Bußsitzungen bitten. Der Text betont, dass der Geißelnde gehalten war, nicht zu fest zuzuschlagen. Dieser ritualisierte Vorgang war auch Vorbild der privaten Selbstgeißelung in der Zelle. Auch sie war vom Gebet begleitet. Daraus entwickelte sich allmählich eine eigene Liturgie: Die 1617 approbierten Regeln des Hospitalordens des heiligen Johannes von Gott schrieben vor, dass sich die Mitglieder jeden Freitag die Disziplin geben, ausgenommen in der Osterzeit oder an Freitagen, die hohe Feiertage sind. Im Advent und in der Fastenzeit mussten sie sich dreimal in der Woche geißeln. Die Geißelung hatte folgendes Schema: Nach der Matutin und nach den Laudes für Maria fand die Geißelung im Betsaal oder in der Kirche statt. Man sang den Psalm 6 und fiel dabei auf die Knie. Dann wurden alle Lichter gelöscht. Dann hielt der Prior eine kurze Ermahnungsrede über den Sinn der Geißelung. Nach kurzer Wechselrede folgte eine lateinische Lesung, in der die Geißelung Jesu thematisiert war. Dann begann die Geißelung, wobei das Miserere und das Gloria Patri, De profundis und Requiem aeternam, der Introitus der Requiem-Liturgie, gebetet wurden. Dem folgten drei Bittgebete für die Mitglieder des Ordens, alle Gläubigen und die ganze Menschheit. Der Prior beendete die Geißelung dann durch Händeklatschen.Jungmann Bd. 6 S. 340.

Die Geißlerumzüge Geschichtliches Auftreten mini|Darstellung der Geißlerzüge, um 1350, Chronik von Gilles Li Muisis, fol. 16v Bibliothèque Royale de Belgique, Brüssel. 1260–1261 kam es in Italien schlagartig zu einer spirituellen Massenbewegung von Geißlern, die 1260 in Perugia unter der Leitung des Laien und Mitglieds einer Bußbrüderschaft Raniero Fasani begann. Er berief sich dabei auf die Stimme eines Engels, der verkündet habe, dass die Stadt vernichtet werde, wenn die Bewohner nicht Buße täten. Im Herbst fand dann eine Friedensprozession mit öffentlicher Selbstgeißelung statt. Dadurch wurde aus der privaten Bußübung eine öffentliche Inszenierung. Die Selbstgeißelung erhielt auch einen anderen Zusammenhang, nämlich die Rettung der Welt vor dem Zorn Gottes.

Durch Prozessionen von Ort zu Ort begann sich die Bewegung in Italien auszubreiten, ohne dass von einer Führung, einer Organisation oder einheitlichen Struktur gesprochen werden kann. Den Umzügen gingen Bischöfe und Mönche voran, so dass die Bewegung offenbar kirchentreu war. Die Geißler sangen dabei Hymnen in der Volkssprache. Die Bewegung geriet so zu einer Nebenlinie sakramentaler Liturgie. Die Lehre von Buße, Beichte und Versöhnung, die das Sakrament dem innerkirchlichen Raum zugewiesen hatte, wurde nun in eine öffentliche Inszenierung übertragen und trat so in Konkurrenz zum kirchlichen Bußritus. Von Seiten der Kirchenleitung wurde daher immer darauf bestanden, dass die Geißlerzüge von Geistlichen betreut würden und die Teilnehmer vorher eine reguläre Beichte ablegen müssten. Man wollte verhindern, dass die Selbstflagellation den kirchlichen Bußritus ersetzte. Das Herumziehen, das Wandern in die Fremde, wenn auch nur für begrenzte Zeit, die Gesten der Versöhnung und die egalitäre Eingliederung der Geißler in die Gemeinschaft hatten gegenüber dem festgesteckten Rahmen der Kirche ein subversives Element.

Zeitgenössische Beobachter stellten fest, dass der Anblick dieser Umzüge die Menschen innerlich erschütterte und dazu bewog, Frieden zu schließen. Gestohlenes sei zurückgegeben worden, Sklaven und Häftlinge befreit und ins Exil Verbannte seien zurückgeholt worden. Wenn auch den Quellen in ihrer Begeisterung nicht zu trauen ist, so wird man doch von einem sozialen Schauspiel unter apokalyptischem Vorzeichen auszugehen haben.Largier S. 90.

Die Bewegung ergriff auch die Länder nördlich der Alpen. Über Friaul, wohin die Geißlerbewegung Ende 1260 gelangt war, breitete sie sich rasch nach Kärnten, der Steiermark, nach Ungarn, Böhmen, Mähren, Schlesien, Polen, auch nach Bayern, Franken und Schwaben bis nach Straßburg aus. Auch hier gab es keine organisierte Verbreitung. Wie weit eine Endzeitstimmung unter dem Einfluss der Gedanken des Joachim von Fiore eine Rolle spielte, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen.

So rasch die Geißlerbewegung um sich gegriffen hatte, so rasch verschwand sie auch wieder. Bereits im Herbst 1261 flauten die Geißlerumzüge nördlich der Alpen merklich ab. Erst in den Jahren 1348 und 1349 kam es erneut zu einem massenhaften Auftreten der Geißlerumzüge. Sie waren, wie ihre Gebete belegen, auch eine Reaktion auf die grassierende Pest.Klaus Bergdolt: Die Pest. München 2011, S. 65 f. Anders als 1260 lässt sich ein Ursprungsort nicht ausmachen. Zuerst wurden die Steiermark, Niederösterreich, Oberösterreich und Ungarn betroffen. Danach hat sich die Bewegung offenbar nach Böhmen, Polen, Meißen, Sachsen, Brandenburg und schließlich nach Thüringen ausgebreitet. Auch nach Würzburg und Schwaben kamen sie. Im Juni und Juli kamen sie nach Straßburg, von wo sie sich den Rhein entlang ausbreiteten. So kamen sie nach Basel, Speyer, Mainz und Köln. Im August erreichte die Bewegung ihren Höhepunkt in den Niederlanden. Von dort kam sie im Herbst nach Nordfrankreich und England, war aber da schon wieder am Abflauen.Erbstösser S. 14–20; Koskull S. 40–41; Largier S. 94; Lechner; Segl S. 164 Kieckhefer folgend kann man sich den Verlauf der Geißlerzüge als ein querliegendes 'S' vorstellen.Kieckhefer S. 175 Maßgeblichen Anteil am Ende der Geißlerzüge hat sicherlich die Bulle Clemens VI. vom 20. Oktober 1349, in der die öffentliche Geißelung verboten wurde.