Eine Fehlgeburt, auch (spontaner) Abort (, von aboriri „vergehen, untergehen, abgehen“) oder Abgang, veraltet auch Missfall und in der TiermedizinPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1960, S. 48. Verwerfen genannt, ist beim Menschen eine vorzeitige Beendigung der Schwangerschaft durch Ausstoßung oder Absterben einer unter 500 Gramm wiegenden Frucht.Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch
mini|Eine Ultraschalluntersuchung zeigt einen Gestationssack, der einen Dottersack enthält, aber keinen Embryo.
Begriffsabgrenzung Fehlgeburten werden in Frühabort und Spätabort unterteilt. Die Abgrenzung ist nicht einheitlich, häufig wird die 14. Schwangerschaftswoche (SSW) als Trennzeit genommen.
Als Fehlgeburt oder Abort bezeichnet man laut WHO-Definition die Abstoßung eines Fetus mit einem Gewicht < 500 g. Der Fetus erreicht ein Gewicht von 500 g meist zwischen der 22. und 24. Woche.Christian P. Schaaf, Johannes Zschocke: Fehlgeburten in: Basiswissen Humangenetik, Springer, Berlin / Heidelberg 2013, ISBN 978-3-642-28906-4, S. 329–331,
Ab einem Gewicht des Fötus von 500 g spricht man von einer Totgeburt. Dieses Gewicht ist ab der 22. SSW zu erwarten.I. Gerhard, B. Runnebaum: Endokrinologie in der Schwangerschaft. In: B. Runnebaum, T. Rabe: Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin. Band 2. Springer Verlag, 1994, ISBN 3-540-57347-X (= Fortpflanzungsmedizin, 414). In der Schweiz liegt ab der 22. SSW auch bei Unterschreitung des Gewichts eine Totgeburt vor, in Deutschland ab der 24. SSW.
Fehlgeburten unterliegen anders als die Totgeburt nicht der standesamtlichen Meldepflicht. Fehlgeburten, auch zeitlich zurückliegende, werden in Deutschland seit Mai 2013 und in Österreich seit 2017 bei Vorlage entsprechender Nachweise auf Antrag standesamtlich bescheinigt. Eine Meldepflicht besteht weiterhin nicht. Es kann auf Wunsch eines Elternteils eine Bestattung durchgeführt werden, ggf. auch in Gemeinschaftsgräbern zusammen mit anderen Fehlgeburten.
In der Schweiz besteht seit 2019 die Möglichkeit der Beurkundung auf Wunsch der Eltern. Bei dieser wird die Fehlgeburt durch das Zivilstandesamt bestätigt, ggf. auch mit Vor- und Nachnamen des Kindes. Eine Eintragung ins Personenstandsregister ist nicht möglich.
Fehlgeburten aus natürlicher Ursache werden auch Spontanaborte genannt, dagegen sind artifizielle Aborte Schwangerschaftsabbrüche. Zur Erfassung und Differenzierung der Zahl von Schwangerschaften und Geburten siehe unter Parität.
Im deutschsprachigen Raum hat sich der Begriff Sternenkind als Bezeichnung von fehl- und totgeborenen Kindern etabliert.
Epidemiologie Die Häufigkeit kann lediglich geschätzt werden, da Fehlgeburten in den ersten Schwangerschaftswochen oft subklinisch verlaufen, mithin als Unregelmäßigkeit des Menstruationszyklus fehlinterpretiert werden. Es wird angenommen, dass in der Gruppe der 20- bis 29-jährigen Frauen etwa die Hälfte der befruchteten Eizellen spontan zugrunde geht. Klinisch werden aus den genannten Gründen davon jedoch nur etwa 15 % bis 20 % als Fehlgeburten erkannt, etwa 30 % der Frauen sind in ihrem Leben von einer oder mehreren Fehlgeburten betroffen.
Bei Frauen mit Kinderwunsch wurden systematisch nach Absetzen von Verhütungsmaßnahmen hochempfindliche HCG-Bestimmungen im Urin vorgenommenen. So konnte sehr früh die Existenz einer Schwangerschaft nachgewiesen werden. In 22 % der klinisch nachgewiesenen Schwangerschaften trat eine Fehlgeburt auf. Weitere 43 von 221 Frauen hatten einen HCG-Anstieg im Urin ohne klinische Schwangerschaft. Bezieht man diese Fälle ein, so kommt man auf 31 % ungewollt terminierte Schwangerschaften. Die Frauen mit klinisch nicht erkannten Frühschwangerschaften wurden in 95 % der Fälle innerhalb der nächsten zwei Jahre schwanger.
Einer 2021 veröffentlichter Studie zufolge, treten weltweit schätzungsweise 23 Millionen Fehlgeburten pro Jahr auf. Das zusammengefasste Risiko einer Fehlgeburt beträgt 15,3 % (95 % CI 12,5–18,7 %) aller erkannten Schwangerschaften. Die Bevölkerungsprävalenz von Frauen mit einer Fehlgeburt beträgt 10,8 % (10,3–11,4 %), zwei Fehlgeburten 1,9 % (1,8–2,1 %) und drei oder mehr Fehlgeburten 0,7 % (0,5–0,8 %).
Formen Die anschließend aufgeführten Formen der Fehlgeburt unterscheiden sich in Stadium und Verlaufsform.
Abortus imminens – drohender Abort Der drohende Abort ist eine Arbeitsdiagnose aus einer Zeit, in der es weder quantitative HCG-Bestimmungen noch hochauflösende Ultraschallgeräte gab. Das Hauptsymptom ist eine manchmal auch überregelstarke Blutung aus der Gebärmutter. Der Gebärmutterhals ist dabei geschlossen, Wehen treten nicht auf. Früher war es nicht möglich, in einer solchen Situation zwischen einer Blutung in der Frühschwangerschaft und einem Abortgeschehen (mit abgestorbenem Embryo) zu unterscheiden, heute ist eine genauere Diagnose aber möglich: Lässt sich nachweisen, dass das embryonale Herz schlägt (mittels Ultraschalluntersuchung) und/oder die HCG-Konzentration im Blut innerhalb weniger Tage im normalen Rahmen steigt kann die Diagnose einer Blutung in der Frühgravidität gestellt werden, selbst wenn unter Umständen ein begrenztes, retroplazentares Hämatom sichtbar gemacht werden kann: Dieses kann sich organisieren und ausheilen. Wenn neben der Blutung keine anderen pathologischen Befunde zu erheben sind, ist in ungefähr 95 Prozent mit einem erfolgreichen Schwangerschaftsausgang zu rechnen. Damit liegt die Rate an erfolgreich ausgetragenen Schwangerschaften ebenso hoch wie bei Schwangerschaften ohne eine solche frühe Blutung. Es gibt keine Therapiemöglichkeiten, sondern nur tradierte Empfehlungen, wie Bettruhe und körperliche Schonung für die Dauer der vaginalen Blutung. Ein Beweis für die Wirksamkeit dieser Maßnahmen konnte bisher nicht erbracht werden.
Lässt sich während einer Blutung allerdings kein embryonaler Herzschlag nachweisen und steigt die Konzentration des HCG im mütterlichen Blut nicht, kann die Diagnose Abortus incipiens gestellt werden.
Bei Wehentätigkeit sollen einer Schwangeren mit lebender Leibesfrucht ab der 22. SSW Tokolytika, d. h. wehenhemmende Medikamente, verabreicht werden. Eine Verschreibung von Gestagenen ist bei Corpus-luteum-Insuffizienz bis etwa zur 14. Schwangerschaftswoche indiziert, hat im Allgemeinen beim Abort seine Bedeutung aber verloren.
Abortus incipiens – beginnender Abort Dies ist das erste Stadium eines in Gang gekommenen Abortes. Bereits in diesem Stadium ist die Schwangerschaft irreversibel gestört und der Prozess nicht mehr aufzuhalten. Im Vergleich zum Abortus imminens sind die vaginale Blutung sowie die Schmerzen hier stärker und der Muttermund ist geöffnet. Bei der vaginalen Untersuchung ist teilweise Schwangerschaftsmaterial tastbar. Fetale Vitalzeichen sind teilweise noch vorhanden, teils fehlen sie bereits.
Abortus incompletus – unvollständiger Abort Ein Abortus incipiens geht in der Regel in einen Abortus completus oder incompletus über. Beim Abortus incompletus wurde ein Teil der Schwangerschaft, nicht selten der Embryo oder Fötus, bereits ausgestoßen, oft bleiben Plazentateile in der Gebärmutter zurück, welche zu persistierenden vaginalen Blutungen, aszendierenden, d. h. aufsteigenden, Infektionen oder gar zu einer malignen Entartung führen können. In der klinischen Untersuchung sind die ausgestoßenen Schwangerschaftsteile im Zervikalkanal resp. in der Scheide sichtbar. Diese Anteile sind unvollständig.
Diese Abortform zeigt sich vorwiegend bei den Spätaborten. Beim Abortus incompletus ist zum Schutz vor den beschriebenen Komplikationen eine Kürettage indiziert. Es besteht in dieser Situation jedoch eine erhöhte Blutungs- und Perforationsgefahr. Nach vollständiger Kürettage hört die häufig überregelstarke, die Frau gefährdende Blutung aus der Gebärmutter normalerweise auf. Die physiologische Uteruskontraktion kann durch die Gabe des natürlichen, von der Hypophyse im Rahmen von Wehenentstehungen ausgeschütteten Hormons Oxytocin zusätzlich unterstützt werden.
Abortus completus – vollständiger Abort Hierbei handelt es sich um einen vollständigen und gleichzeitigen Abgang der gesamten Frucht, was den Embryo oder Fetus, die Eihäute und die Plazenta mit einschließt. Meist handelt es sich hierbei um einen Frühabort. Ein kompletter Abort nach der 16. SSW ist selten. Bei dieser Form der Fehlgeburt kann von einer Kürettage abgesehen werden, wenn die Blutung spontan nachlässt, der Uterus sich unverzüglich zurückbildet und das Abortmaterial komplett ist. Bei Unsicherheit sollte aus den oben genannten Gründen eine Kürettage durchgeführt werden. Es ist dabei allerdings absolut notwendig, dass im Vorfeld die zu einem Abortus completus geführte Schwangerschaft sicher in der Gebärmutter nachgewiesen wurde, eine Eileiterschwangerschaft muss sicher ausgeschlossen werden.
Missed Abortion – verhaltener Abort Die Fruchtanlage ist hierbei abgestorben, wird aber nicht aus der Gebärmutter ausgestoßen. Es gibt außer fehlenden Vitalitätszeichen, was fetale Herzaktionen und Kindsbewegungen beinhaltet, keine äußeren Anhaltspunkte wie eine Blutung oder Gewebsabgang. Der Zervikalkanal ist geschlossen. Auffällig ist die Wachstumsretardierung der Gebärmutter in der Routineschwangerschaftskontrolle oder ein Ausbleiben der Kindsbewegung. Ebenfalls minimieren sich die subjektiven Schwangerschaftszeichen wie Übelkeit oder Brustspannen. Sonographisch erfolgt die endgültige Diagnose des im Uterus nachweisbaren Embryos mit fehlenden Vitalitätszeichen.
Bis zur 12. SSW erfolgt als Therapie eine Saugkürettage der Gebärmutter. Präoperativ werden hierzu bei Frauen, die noch keine Kinder geboren haben, Prostaglandine zur Erweiterung und Erweichung der Zervix verabreicht, um nicht eine spätere Schwangerschaft durch eine Verletzung der Zervix mit einer Zervixinsuffizienz zu gefährden. Bei Überschreiten der 12. SSW wird mittels Oxytocin- oder Prostaglandininfusionen eine Geburt eingeleitet, welcher abschließend eine Kürettage folgt.
Als seltene Komplikation der missed Abortion gilt das Dead-Fetus-Syndrom. Hierbei verblieb der abgestorbene Fetus mehrere Wochen nach der 12. SSW in der Gebärmutter, wobei es zur Einschwemmung von thromboplastischem Material in den mütterlichen Blutkreislauf kommen kann, mit der Folge einer lebensbedrohlichen disseminierten intravasalen Gerinnung.
Sehr selten kommt es zu einem Lithopädion, Steinkind, bei dem ein abgestorbener Fötus durch Aufnahme von Kalk eingekapselt und mumifiziert wird und teilweise Jahrzehnte im Leib der Mutter verbleiben kann.
Abortus cervicalis Es handelt sich um eine äußerst seltene Form der missed Abortion, bei der es aufgrund eines vernarbten Muttermundes nicht zu einem Abgang der abgestorbenen Leibesfrucht kommen kann.
Abortus febrilis – fieberhafter Abort bzw. septischer Abort Dieser Begriff bezeichnet eine fiebrige Fehlgeburt. Bei der unkomplizierten Verlaufsform besteht lediglich eine lokale Infektion der Gebärmutterschleimhaut (Endometritis). Die komplizierte Form beinhaltet eine Entzündung der Gebärmutter und der Adnexen. Die schwerwiegendste Form, der septische Abort, geht mit einer massiven Bakterienbelastung des Blutes, Entzündungen der Beckenorgane und einer Bauchfellentzündung einher und kann als septisch-toxischer Schock (Sanarelli-Shwartzman-Reaktion) letal enden.
Abortivfrucht