Varnsdorf (deutsch Warnsdorf, obersorbisch Warnoćicy) ist eine Stadt im Okres Děčín in Tschechien.
Geographie mini|links|Varnsdorf und nähere Umgebung
Die Stadt liegt in 350 m üM im Böhmischen Niederland an der Mandau zwischen Seifhennersdorf und Großschönau. Sie wird dem Schluckenauer Zipfel zugeordnet. Nördlich erhebt sich der Spitzberg (539 m). Varnsdorf grenzt im Norden, Osten und Südosten an Sachsen.
Stadtgliederung Die Stadt Varnsdorf besteht aus den Ortsteilen Studánka (Schönborn), Světliny 1.díl (Lichtenhain – Schönborner Anteil) und Varnsdorf. Grundsiedlungseinheiten sind Gerhus, Hraniční Buk (Bei der Grenzbuche), Pěnkavčí vrch (Finkendorf), Pod Hrádkem, Pod nádražím, Pod Špičákem, Střed I, Střed II, Střed III, Studánka, Světliny, Špičák, U cihelny, U divadla, U hranic, U hřbitova, U kostela bez věže, U koupaliště, U lomu, U Mandavy, U Mělníka, U nemocnice, U Podluží (Schneckendorf), U polikliniky, U skály und Varnsdorf u kostela.
Das Stadtgebiet gliedert sich in die Katastralbezirke Studánka u Rumburku und Varnsdorf.
Nachbarorte
Geschichte mini|Luftaufnahme von Marktplatz und der katholischen Kirche St. Peter und Paul (oben links)
Das Dorf Warnsdorf war seit seiner Gründung Teil der historischen Region Böhmen. Es wurde im Jahre 1352 erstmals erwähnt. Bohuslav Balbín, ein böhmischer Historiker des 17. Jahrhunderts, nannte den Ort Wernardivilla. Das ursprünglich hier ansässige Rittergeschlecht waren die von Warnsdorf. Unter den einheimischen Familien, die hier im 16. und 17. Jahrhundert siedelten, waren auch die Nostitz. Im Laufe der Gegenreformation verließen viele Bewohner ihre Gehöfte und Grundstücke und wanderten nach Sachsen aus.Alois Palme: Warnsdorf und seine historischen Denkwürdigkeiten von dessen Gründung an bis zum Jahre 1850. Rumburg 1852, S. 37 ff. Im Dreißigjährigen Krieg wurde Warnsdorf in der Osterwoche 1643 von schwedischen Truppen geplündert.Alois Palme: Warnsdorf und seine historischen Denkwürdigkeiten von dessen Gründung an bis zum Jahre 1850. Rumburg 1852, S. 216–221. Von 1868 bis 1918 gehörte Warnsdorf zum Bezirk Warnsdorf, mit dem es bis 1918 verbunden blieb.
Gemäß dem Toleranzpatent des Kaisers Joseph II. aus dem Jahr 1781 wurde Warnsdorf neben Reichenberg Zentrum der Altkatholischen Kirche in Böhmen. Heute befindet sich hier die Konkathedrale der Tschechischen Altkatholischen Kirche. Ab 1871 war Warnsdorf ein politisches Zentrum der altkatholischen Reformbewegung gegen den Ultramontanismus, deren Organ, die Wochenzeitschrift ‚Abwehr‘,Abwehr. Organ für die altkatholische Reformbewegung. Warnsdorf, Nr. 607 vom 9. Juni 1877 hier bis 1938 erschien.
Im 18. Jahrhundert entwickelte sich in Warnsdorf, wie auch in der benachbarten Oberlausitz, die Weberei. Es entstanden weitere Orte in der Umgebung: 1689 Neu Warnsdorf 1700 Floriansdorf 1727 Karlsdorf 1783 Alt Franzenthal 1800 Neu Franzenthal
Im Jahre 1849 vereinigten sich diese Dörfer mit Alt Warnsdorf zu dem mit 13.000 Einwohnern größten Dorf des Kaiserthums Oesterreich. Im gleichen Jahr endete die Patrimonialgerichtsbarkeit in Warnsdorf, die zuvor etwa 200 Jahre lang über sieben Generationen von der Familie Goldberg ausgeführt wurde. In den nachfolgenden Jahren bekleideten Mitglieder der Familie Goldberg von 1872 bis 1897 und 1905 bis 1914 das Amt des Bürgermeisters. Dadurch prägten sie die Stadtgeschichte Warnsdorfs nachhaltig. Die Familie ist heute in einem Familienverband organisiert und pflegt eine genealogische Datenbank zu Warnsdorf. Warnsdorf lag im Gerichtsbezirk Warnsdorf und war ab 1850 Sitz eines Bezirksgerichts sowie ab 1908 der Bezirkshauptmannschaft.
mini|links|Dampffärberei Anton Worm
Bereits 1839 hatte der Fabrikant Anton Runge († 31. Dezember 1843), Inhaber der Leinen-, Baumwoll- und Druckwaren-Fabrik Anton Runge & Co., den Bau einer Gewerbe- und Handelsschule angeregt und hierfür einen Teil der Baukosten gestiftet; das neue Schulgebäude wurde 1844 eingeweiht und der Unterricht 1845 aufgenommen.Gustav Adolf Asch: Die Real-Schule zu Warnsdorf. Rumburg 1852, S. 12 ff.
1868 erhielt Warnsdorf, das nun auf 15.000 Einwohner angewachsen war und auch als Klein Manchester bezeichnet wurde, das Stadtrecht. Um 1900 war Warnsdorf ein bedeutender Standort der Textilindustrie (u. a. für die Herstellung von Gewirken und Velveton). 1914 lebten in Warnsdorf etwa 30.000 Einwohner. Bekanntestes Unternehmen waren die Kunert-Strumpfwerke.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Österreich-Ungarn der Vertrag von Saint-Germain diktiert. Das Selbstbestimmungsrecht der deutschsprachigen Bevölkerung im Sudetenland (Deutschböhmen und Deutschmährer), die im Oktober 1918 die eigenständigen Provinzen Deutschböhmen und Sudetenland gegründet hatten, blieb unberücksichtigt, und die Stadt wurde der neu gegründeten Tschechoslowakei zugeschlagen.
In der nachfolgenden Inflation der Geldwährung im benachbarten Deutschen Reich (1923) und durch die Weltwirtschaftskrise der Jahre 1929 bis 1932 kam es in Warnsdorf zu hoher Arbeitslosigkeit und Armut. Der Schmuggel über die nahe Grenze nach Sachsen wurde für viele Einwohner zur Existenzgrundlage. Laut Volkszählung 1930 hatte die Stadt 22.621 Einwohner (davon 19.963 Deutsche = 88 %, 1617 Tschechen = 7 %, 988 Ausländer = 4 % und 53 andere).Rudolf Hemmerle: Sudetenland Lexikon. Band 4, Adam Kraft Verlag, 1985, ISBN 3-8083-1163-0, S. 470.
Nach dem Münchner Abkommen gehörte Warnsdorf von 1938 bis 1945 zum Landkreis Warnsdorf im Regierungsbezirk Aussig, im Reichsgau Sudetenland des Deutschen Reichs.
Im Zweiten Weltkrieg fand die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins viel Zuspruch. Als Henlein 1938 in Warnsdorf sprach, kamen 12.000 Zuhörer, und es wurde das Standrecht ausgerufen. 1939 lebten in der Stadt 21.000 Einwohner.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Mehrheit der deutschsprachigen Bevölkerung von Warnsdorf vertrieben, ihr Vermögen unter Berufung auf das Beneš-Dekret 108 konfisziert, das Vermögen der evangelischen Kirche liquidiert und die katholischen Stadtkirchen wurden nach dem Februarumsturz 1948 enteignet.
Zwischen 1946 und 1949 war in Varnsdorf die erste Sorbische Oberschule untergebracht. Nach der Machtergreifung der Kommunistischen Partei 1948 in der Tschechoslowakei wurde diese in Übereinkunft mit den Behörden der SBZ geschlossen und die Schüler fortan in Bautzen unterrichtet. Einige Dutzend Sorben blieben jedoch in Varnsdorf und kehrten nicht in die Lausitz zurück. Am 22. Mai 1947 wurden in der Stadt 15.661 Bewohner gezählt.
Studánka und Světliny 1.díl (Lichtenhain) wurden 1980 eingemeindet.
Heute lebt in Varnsdorf eine große Bevölkerungsgruppe der Roma, deren Anteil im Vergleich zur übrigen Bevölkerung wächst.
Sehenswürdigkeiten
Varnsdorf besitzt eine Reihe von Kulturdenkmälern.
mini|Stadtmuseum in der ehem. Villa Johann Lindner
In der 1774 am Markt neu errichteten katholischen Kirche St. Peter und Paul erfolgte am 29. Juni 1830 die erste vollständige Aufführung von Ludwig van Beethovens Missa solemnis. mini|hochkant|Kirche St. Peter und Paul
1872 wurde hier die erste altkatholische Gemeinde Österreich-Ungarns gegründet. mini|Altkatholische Kirche
Ein Kuriosum stellt die Borromäuskirche aus dem Jahre 1911 dar. Sie ist als die Kirche ohne Turm, da der Turmbau wegen Geldmangels abgebrochen werden musste. mini|Borromäuskirche
Evangelische Kirche Varnsdorf (1904–1905 erbaut), heute Friedenskirche mini|hochkant|Evangelische Kirche, 2007
Auf dem 429 m hohen Burgberg (Hrádek) an der Landesgrenze bei Seifhennersdorf errichtete der Architekt Anton Möller 1904 im Auftrag und auf Kosten des Gebirgsvereins für das nördliche Böhmen die Burgbergwarte, ein luxuriöses Ausflugsrestaurant. Dieses markante Objekt auf dem Hausberg von Varnsdorf und Seifhennersdorf verfiel nach 1945 immer mehr. In den letzten Jahren erfolgte durch einen grenzüberschreitenden Förderverein eine Sanierung des zur Ruine verkommenen Bauwerkes, das bereits zu einem großen Teil wiederhergestellt werden konnte. mini|Ausflugsrestaurant auf dem Hrádek oder Burgberg, 2007
Varnsdorf verfügt über eines der letzten 70-mm-Kinos Europas im Centrum Panorama.
Einwohnerentwicklung Bevölkerungsentwicklung bis 1945 Jahr Einwohner Anmerkungen 1820 2546 in 385 HäusernAlois Palme: Warnsdorf und seine historischen Denkwürdigkeiten von dessen Gründung an bis zum Jahre 1850. Rumburg 1852, S. 43–44.Karl Hellmich: Adreßbuch und geographisch-statistische Beschreibung des Industrie-Ortes Warnsdorf im Jahre 1864/65, bestehend aus den Ortschaften: Alt- und Neu-Warnsdorf, Floriansdorf, Karlsdorf, Alt- und Neu-Franzensthal nach der geographischen Lage in 6 Bezirken. Warnsdorf 1866, S. 29. 1830 3328 in 427 HäusernJohann Gottfried Sommer: Das Königreich Böhmen. Band 1: Leitmeritzer Kreis, Prag 1833, S. 282, Ziffer 15.Jahrbücher des böhmischen Museums für Natur- und Länderkunde, Geschichte, Kunst und Literatur. Band 2, Prag 1831, S. 212 unten. 1843 4137 in 463 Häusern 1850 9670 1857 11.977 am 31. OktoberStatistische Übersichten über die Bevölkerung und den Viehstand in Österreich. Wien 1859, S. 41, rechte Spalte. 1869 13.180 1880 15.162 1890 18.268 1900 21.150 deutsche EinwohnerMeyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage, Band 20, Leipzig und Wien 1909, S. 386. 1930 22.621 davon 19.953 Deutsche und 1.617 Tschechen 1939 21.179 davon 1.593 Evangelische, 14.644 Katholiken, 3.862 sonstige Christen und elf Juden
Bevölkerungsentwicklung nach Ende des Zweiten Weltkriegs (Stand: 31.12. des jeweiligen Jahres) Jahr Einwohner 1947 15.706 1950 14.898 1960 15.671 1970 13.890 1980 16.770 Jahr Einwohner 1990 16.755 2000 16.042 2010 15.867 2020 15.117 2022 14.837
Wirtschaft
Bis 1945 existierten zahlreiche Firmen der Textilindustrie und andere Industriebetriebe, von denen viele auf einem Stadtplan von 1936 vermerkt sind:Stadtplan 1936 und Industriebetriebe (abgerufen am 25. Januar 2022)
Julius Beer, mechanische Weberei, Warnsdorf 786 W. Bönisch, Warnsdorfer Maschinenfabrik, Eisengießerei und Kesselschmiede, Warnsdorf 1277 Brüder Böttcher GmbH, Steinzeugröhren- und Chamottewarenfabrik, Warnsdorf 1920, jetzt Brauerei Kocour G. A. Fröhlich’s Sohn, Weberei, Samt- und Druckfabrik AG., Warnsdorf 498; nach 1945 VELVETA Varnsdorf mini|links|Webe- und Druckwarenfabrik G. A. Fröhlich’s Sohn (um 1870)
Karl Hanisch, mechanische Weberei, Druckfabrik und Appreturanstalt, Warnsdorf 506 F. Kunert & Söhne, Wirkwaren- und Strumpffabrik, Warnsdorf 2087; nach 1945 Firma ELITE Varnsdorf mini|Ehemalige Firma Kunert & Söhne, jetzt ELITE Varnsdorf
Julius Kunert, Wirkwarenfabrik, Warnsdorf 1342 Franz Liebisch’s Söhne, mechanische Weberei, Druckerei, Färberei und Appretur, Warnsdorf 948 Johann Liebisch & Co., Wirkwaren, Webwaren, Samtfabrik, Färberei, Druckerei und Appretur, Warnsdorf 1053 Johann Eduard Mildner, Papierindustrie, Warnsdorf 1748 Brüder Perutz, Baumwollspinnerei und Weberei, Warnsdorf 1321; 1939 arisiert Arno Plauert, Werkzeugmaschinenfabrik, Warnsdorf 913; nach 1945 TOS Varnsdorf Richard Raupach, Maschinenfabrik, Warnsdorf 1812 Brüder Richter, mechanische Baumwoll -und Halbwollwarenerzeugung, Garnfärberei, Stückfärberei, Zwirnerei und Appretur, Warnsdorf 1543 Heinrich Richter, mechanische Weberei, Warnsdorf 1532 Heinrich Stolle, Bleiche, Färberei, Appretur und Samtfabrik, Warnsdorf 989 sowie Maschinenfabriken u. a. Franz Zimmer’s Erben, Maschinenfabrik und Eisengießerei, Warnsdorf 1357
Verkehr Die Stadt liegt an der Eisenbahnstrecke Zittau–Großschönau–Seifhennersdorf–Eibau und besitzt zwei Grenzübergänge in die sächsische Landstadt Seifhennersdorf (Zollstraße) und die Gemeinde Großschönau (Hauptstraße) sowie einen weiteren touristischen Übergang nach Seifhennersdorf (Warnsdorfer Straße).
Der Bahnhof Varnsdorf liegt an der Strecke aus Rybniště und der Bahnstrecke Mittelherwigsdorf–Varnsdorf–Eibau. Es existieren an letztgenannter Verbindung außerdem die Haltepunkte Varnsdorf staré nádraží („alter Bahnhof“) und Varnsdorf pivovar Kocour (Brauerei Kocour).
Persönlichkeiten