Christdemokratie ist eine politische Ideologie und im Parteienspektrum meist den bürgerlichen Parteien zuzurechnen. Je nach Land kann eine sich christlich-demokratisch nennende Partei ein unterschiedliches Spektrum politischer Meinungen ansprechen. In der internationalen Gesamtschau geht das Spektrum von der linken Mitte bis zu rechten Positionen; das heißt jedoch nicht, dass jede einzelne Partei dieses Spektrum vollständig abdeckt. Je nach Land oder Definition gehören zur Christdemokratie auch konservative Richtungen. Sozialpolitisch ist die christliche Soziallehre eine wesentliche Position, die insbesondere in weniger entwickelten Ländern die politische Agenda dominiert.

Manche christdemokratische Parteien sind große Volksparteien der rechten Mitte und damit klassische Regierungsparteien, andere eher klein und Minderheitenvertreter. In Westeuropa herrscht die Tendenz vor, dass christdemokratische Volksparteien kleiner werden und ihren christlichen Charakter aufweichen.

Im deutschsprachigen Raum verstehen sich unter anderem CDU/CSU in Deutschland, die ÖVP in Österreich, die SVP in Südtirol, die CSV in Luxemburg, Die Mitte in der Schweiz, und die CSP in Ostbelgien als Christdemokraten. Auf internationaler Ebene sind christdemokratische Parteien in der Zentristisch Demokratischen Internationalen zusammengeschlossen, in Europa in der Europäischen Volkspartei.

Ideen und Ursprünge Eine der Wurzeln christdemokratischen Denkens stellen die katholische Soziallehre und die evangelische Sozialethik dar. Zugrunde liegt dabei ein Menschenbild, das dem Menschen als Geschöpf Gottes Würde, Verschiedenartigkeit, Gleichwertigkeit und Unvollkommenheit zuspricht und daraus Grundwerte wie Freiheit, demokratische Mitbestimmung und soziale Gerechtigkeit ableitet.Vgl. dazu: Peter Godzik: Wertmaßstäbe einer christlich orientierten Politik. Beitrag für ein Buchprojekt, Ratzeburg 2003 (online auf pkgodzik.de).

Der demokratisch-soziale Gehalt trennt die Christdemokratie von den eigentlich Konservativen, die historisch nicht zuletzt den Adel vertreten haben. Von den Fundamental-Religiösen (beispielsweise radikalen Christen), aber auch von den rein Klerikalen (die die Macht der katholischen Kirche verteidigen), sind die Christdemokraten unterschieden, weil sie Toleranz für ihr Christentum einfordern und dementsprechend gegenüber anderen Weltanschauungen zumindest grundsätzlich tolerant sein müssen.

Die Wendung Démocratie chrétienne begegnet erstmals in einer Rede von Antoine-Adrien Lamourette in der gesetzgebenden Nationalversammlung in Paris am 21. November 1791. Durch die zunehmend antichristliche Ausrichtung der Französischen Revolution nach 1793 sah sich das traditionelle Christentum in Europa einem starken Gegner ausgesetzt. Aufklärung und Liberalismus waren gegen den kirchlichen Einfluss in der Staatsführung, im Schulwesen und in der Gesetzgebung (auch der Ehestandsgesetzgebung). Darauf reagierten Vertreter kirchlicher Ansichten in unterschiedlicher Weise, in Deutschland etwa mit einer breiten Volksbewegung, die die Massen ansprach und politisierte. So entwickelte sich eine neue einflussreiche politische Ideologie neben Sozialdemokratie und Liberalismus.

mini|Papst Leo XIII. (Amtszeit 1878–1903) verband das Streben nach kirchlicher Macht mit sozialem Engagement. Als Gründungsschrift der politischen Christdemokratie wird allgemein die päpstliche Enzyklika Rerum Novarum von Papst Leo XIII. aus dem Jahr 1891 angesehen, in welcher sich der Vatikan, als Reaktion auf die Industrielle Revolution, erstmals mit der neuen Lage der Arbeiter auseinandersetzte. Die in ihr enthaltenen Ideen waren aber nicht neu, denn Papst Leo XIII. orientierte sich stark an Wilhelm Emmanuel von Ketteler, einem deutschen Bischof und Philosophen, und seinem im Jahre 1864 erschienenen Buch „Die Arbeiterfrage und das Christentum“, dessen inhaltliche Übereinstimmung mit Rerum Novarum groß ist.

In Frankreich entstand damals, im 19. Jahrhundert, eine Reformbewegung innerhalb der Kirche mit dem Begriff „Christdemokratie“ (démocratie chrétienne). Papst Leo XIII. schränkte diese Richtung auf soziale Wohlfahrt ein (Enzyklika Graves de communi re von 1901) und begrenzte sie damit politisch.

Mit der Enzyklika Quadragesimo anno aus dem Jahr 1931 von Papst Pius XI. konkretisierte die römisch-katholische Kirche, angesichts der Herausforderung totalitärer Ideologien, ihre Position der Freiheit des Einzelnen. In dieser Enzyklika wird das für die christdemokratische Philosophie grundlegende Subsidiaritätsprinzip beschrieben. Es folgt den Grundsätzen „Privat vor Staat“, also dem Vorrang der Verantwortung des Einzelnen vor der staatlichen Intervention und „Klein vor Groß“, wo der Staat handelt. Daraus ergibt sich das Prinzip, dass der Staat möglichst dezentral organisiert sein soll. Jedoch besteht auch eine Pflicht zur subsidiären Hilfe, wenn die kleinere, schwächere Einheit eine Aufgabe nicht erfüllen kann (vertieft in Mater et magistra, 1961). In Deutschland war hier unter anderem der Jesuit Oswald von Nell-Breuning einflussreicher Autor. Daneben werden auch die Schriften des Philosophen Jacques Maritain als bedeutende Inspiration christdemokratischen Gedankenguts erachtet.

Auch das Prinzip der Solidarität wird befürwortet. Die Wirtschaft soll sich in den Dienst der Menschen stellen. Daraus ergibt sich die Bändigung des Kapitalismus in der Sozialen Marktwirtschaft. Ein bedeutender Einfluss bei der Formulierung christdemokratischer Politik wurde den Stellungnahmen der Kirchen zu Fragen der öffentlichen Moral zugeschrieben. So kommt im christdemokratischen Denken der Stellung von Ehe und Familie eine besondere Bedeutung zu.

Unter Bezugnahme auf Initiativen des Weltkirchenrats seit den 1980ern wird heute auch die Bewahrung der Schöpfung als zentrales Prinzip verstanden.

Typisch christdemokratische Parteien entstanden vor allem in Ländern mit einem starken katholischen Bevölkerungsanteil. Dort erlangten sie häufig eine dominierende Position im Parteiensystem.

Die Christdemokratie verwirklichte sich im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert in unterschiedlichen Organisationen. Neben christdemokratischen Parteien brachte die Bewegung auch Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbände und andere Organisationen hervor. Die Christlichen Gewerkschaften grenzten sich von den aus der sozialistischen Arbeiterschaft heraus entstandenen Gewerkschaften dabei stark ab. Teilweise wird in der Forschung sogar eine typisch christdemokratische Art des Wohlfahrtsstaates behauptet.

Arend Lijphart entwickelte den Ansatz des consociational für die Demokratie. Paolo Alberti und Robert Leonhardi sehen große Ähnlichkeiten mit der Christdemokratie. Beide sind aus einem pluralistischen Kontext entstanden, bei dem Eliten in einem aus Pfeilern aufgebauten Rahmen zusammenarbeiten, um das politische System zu stabilisieren. Es wird das Gemeinwohl betont und ein möglichst breiter Konsens gesucht. Die Ähnlichkeit sehen Alberti und Leonhardi in der Weise, wie in (früheren) christdemokratischen Parteien wie der italienischen Democrazia Cristiana und der niederländischen Katholieke Volkspartij soziale Gruppen aus der katholischen Welt vereint waren. Andere Parteien hatten auch Kontakte zu sozialen Gruppen, bei diesen Parteien hatten sie jedoch direkten Einfluss auf Parteiorgane und Wahllisten.Paolo Alberti, Robert Leonardi: The Consociational Construction of Christian Democracy. In: Steven Van Hecke, Emmanuel Gerard (Hrsg.): Christian Democratic Parties in Europe since the End of the Cold War. Leuven University Press, Leuven 2004, S. 21–41, hier S. 31/32.

Christdemokratische Parteien

Heute wird die Christdemokratie oftmals mit ihrer wirkungsmächtigsten Ausprägung gleichgesetzt, den politischen Parteien. Die Politikwissenschaft teilt sie bei den bürgerlichen Parteien ein. Die ersten christdemokratischen Parteien, die sich so nannten, gründeten sich um das Jahr 1830 in Belgien, Irland und Frankreich. Sie hatten eine liberal-demokratische Ausrichtung. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden in Italien die ersten christdemokratischen Parteien nach heutigem Verständnis. Typisch ist eine eher Mitte-orientierte Position in Wirtschafts- und Sozialpolitik, denn sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer sollen integriert werden. In soziokulturellen Fragen stehen die Parteien eher Mitte-rechts bis rechts.

Die Blütezeit der christdemokratischen Parteien bildeten die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie spielten eine besonders bedeutende Rolle in Ländern wie Italien, Deutschland, Frankreich und den Benelux-Staaten. Nach 1990 ist in mehreren Ländern ein teils drastischer Niedergang festzustellen.Zum Niedergang siehe Steven Van Hecke: A Decade of Seized Opportunities. Christian Democracy in the European Union. In: Steven van Hecke, Emmanuel Gerard (Hrsg.): Christian Democratic Parties in Europe since the End of the Cold War. Leuven University Press, 2004 (= KADOC Studies on Religion, Culture and Society 1), S. 269–295, hier S. 274.

Die Bezeichnungen für solche Parteien gehen manchmal weit auseinander. Häufig sind die Namensbestandteile „sozial“ und „demokratisch“ oder „christlich“. In Portugal beispielsweise nennen die Christdemokraten sich Partido Social Democrata, also Sozialdemokratische Partei. In Frankreich und Wallonien wurde aus dem christlichen C ein centre (Zentrum).

Christdemokraten verbünden sich eher selten mit großen Rechtsparteien oder Parteien der rechten Mitte. Meist fühlen sie sich liberalen oder sozialdemokratischen Parteien näher.

Belgien mini|hochkant|Der Flame Yves Leterme war bis 2011 christdemokratischer Premierminister Belgiens. In Belgien gibt es zwei christdemokratische Parteien: Christen-Democratisch en Vlaams (Christdemokratisch und flämisch) in Flandern; Christlich Soziale Partei in der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Bis 2022 gab es außerdem eine christdemokratische Partei im französischsprachigen Landesteil: Centre Démocrate Humaniste (Demokratisches Humanistisches Zentrum) in Wallonien. Besonders in Flandern dominierten die Christdemokraten lange Zeit (und damit teilweise auch ganz Belgien), bis 2001 noch unter dem Namen Christelijke Volkspartij. Schon länger erhielten sie aber im Mitte-rechts-Lager beträchtliche Konkurrenz durch die liberale Open VLD. Bei der Parlamentswahl 2010 musste die CD&V ihre führende Rolle an die flämisch-national gesinnte Nieuw-Vlaamse Alliantie abtreten. Bereits früher sanken die Christdemokraten in Wallonien auf den Rang einer eher kleinen bis höchstens mittelgroßen Partei ab. Hier entfernten sie 2002 auch das Wort christlich aus ihrem Parteinamen und nannten sich fortan Centre Démocrate Humaniste. Nach einem historisch schlechten Ergebnis bei der Parlamentswahl 2019 beschlossen die Zentrumshumanisten einen programmatischen und personellen Neuanfang und brachen bewusst mit ihren christlichen Wurzeln. Sie benannten sich 2022 in Les Engagés (Die Engagierten) um und positionierten sich als sozialliberale Partei. Nach der Europawahl 2024 traten Les Engagés aus der christdemokratischen Europapartei EVP aus und wechselten zur zentristischen EDP. Die CSP blieb am längsten die größte Kraft in ihrem Gebiet, aber bei der PDG-Wahl 2019 erhielt die regionalistische Partei ProDG zum ersten Mal mehr Stimmen als die CSP. Bei der PDG-Wahl 2024 konnte die ProDG ihren Vorsprung noch weiter ausbauen.

Deutschland mini|Entwicklung der Parteien in Deutschland