mini|hochkant=1.4|Hochmittelalterliche Darstellung der Hölle im Hortus-Deliciarum-Manuskript der Herrad von Landsberg (um 1180)
Die Hölle ist nach den Auffassungen zahlreicher Religionen ein jenseitiger Ort der Bestrafung für im Diesseits begangene Taten, die dem jeweiligen Glauben als verboten gelten. Je nach Glaubensauffassung wird sie als Ort der Vernichtung oder der ewigen Qual und Verdammnis des Verstorbenen gedacht. Nach traditionellen Vorstellungen des Christentums ist sie ein Ort der Qual, an welchen Übeltäter nach dem Tod gelangen, bevölkert von Dämonen und dem Teufel. In modernen christlichen Glaubenslehren ist diese Vorstellung allerdings in verschiedener Weise modifiziert oder auch ganz fallengelassen worden.
Etymologie Das Wort Hölle – althochdeutsch hell(i)a, mittelhochdeutsch helle, altsächsisch hellja, altfriesisch helle, hille, angelsächsisch hell, altnordisch hel, gotisch halja – geht auf die germanische Sprachwurzel *hel, *hal „verbergen“ zurück. Entsprechend bedeutet in der altnordischen Mythologie der Name der Todesgöttin Hel und der gleichnamige Ort in der Unterwelt ursprünglich „[die] Bergende“, „[die] [die Toten] Aufnehmende“.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 19. Auflage. Berlin 1963, S. 314.
Die in den romanischen Sprachen verbreiteten Varianten wie italienisch inferno, spanisch infierno oder französisch enfer gehen auf das lateinische infernus zurück, das sich von inferus, „unten“, „unterirdisch“, ableitet.
Monotheistische Religionen
Christentum miniatur|Michelangelo: Die Verdammten werden in die Hölle gestürzt (Ausschnitt des Jüngsten Gerichtes), 1536–1541
Überblick Im Christentum wird die Existenz einer Hölle gelehrt. Dabei gibt es viele unterschiedliche Vorstellungen, was damit gemeint sei. Traditionell ist sie ein jenseitigerGisbert Greshake (Hrsg.): Ungewisses Jenseits? Himmel – Hölle – Fegefeuer (= Schriften der Katholischen Akademie in Bayern. Band 121). Patmos Verlag, Düsseldorf 1986. Ort ewiger Verdammnis, an den die Seelen der Missetäter nach dem Jüngsten Gericht gelangen. Sie steht im Gegensatz zu einem Ort absoluter Glückseligkeit (Paradies, ewiges Leben, Himmel). Das Purgatorium (Fegefeuer), das in der Römisch-katholischen Lehre angenommen wird, nimmt als ein Ort der Läuterung eine Zwischenstellung ein. Seit dem 12. Jahrhundert wird in der Römisch-katholischen Kirche zusätzlich ein Limbus (lateinisch für Saum) angenommen, eine Vorhölle, in der sich die ungetauft verstorbenen Kinder (Limbus puerorum) und die Gerechten, die vor Christi Himmelfahrt nicht mehr zur Bekehrung gelangten (Limbus patrum) befinden. Um letztere zu befreien, habe Christus nach seinem Tode seinen Abstieg in die Unterwelt unternommen.Anton Ziegenaus: Limbus. In: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Auflage, Band 3, Mohr Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 978-3-16-146903-9, online.
In den Texten des Neuen Testaments spricht Jesus Christus von einem Ort der Verdammnis, wenn er etwa vor Feuer warnt (; , ), vor der Finsternis, in der Heulen und Zähneklappern herrschen (), und vor dem Tag des Gerichtes (). Das Christentum sieht sich andererseits als Erlösungsreligion, nach der die der Sünde und dem Tod verfallenen Menschen durch den Sühnetod und die Auferstehung Jesu Christi gerettet werden. Im Lehren und Wirken Jesu und der Apostel (vgl. ) wird verkündet, dass Christus gekommen sei, um alle Menschen zu erlösen (, , , ).
Die Offenbarung des Johannes erwähnt das Gericht über alle Toten. Dem „Feuersee“ werden, nachdem alle nach ihren Werken gerichtet wurden, letztlich „der Tod und die Unterwelt“ übergeben. .
Die Hölle wird in der christlichen Ikonographie häufig als Höllenrachen, als lodernder Flammenort und Höllenberg dargestellt. Darstellungen der orthodoxen Kirchen kennen auch den Feuerfluss. Ikonen, die das Jüngste Gericht darstellen, zeigen zugleich einen von Christus zu den Heiligen ausgehenden Strom von Licht und einen Strom von Feuer im unteren Teil, wo sich die Dämonen und diejenigen befinden, „die niemals Reue gezeigt haben“.Georgios Metallinos, Paradies und Hölle nach der orthodoxen Überlieferung, http://www.oodegr.com/oode/esxata/kol_par1.htm
Verschiedene Einflüsse, Entwicklung mini|Figurengruppe am Südportal der Kathedrale von Chartres mini|Video: Wie man sich im Mittelalter die Hölle vorstellte (0:55 min) Ebenso wie die wörtliche Lektüre der Offenbarung des Johannes prägte die apokryphe Offenbarung des Petrus des 2. Jahrhunderts stark die spätere mittelalterliche Vorstellung der Hölle als Ort der ewigen Strafen. Sie beschreibt diese detailliert, und dass die menschlichen Opfer teilweise sogar an der Bestrafung mitwirken können. Zwar wurde die Schrift nicht in den biblischen Kanon aufgenommen, einige Apologeten wie zum Beispiel Clemens Alexandrinus (150–215) sahen sie allerdings als ein Zeugnis des Apostels Simon Petrus an, so dass ihr Einfluss bedeutend war.
Viele Kirchenväter des ersten bis dritten Jahrhunderts (zum Beispiel Klemens von Rom, Ignatius von Antiochien, Justin der Märtyrer, Irenäus von Lyon, Tertullian und später Augustinus von Hippo) beschreiben eine ewige Hölle in unterschiedlicher Form. Auch in den nachbiblischen Apophthegmata Patrum, den volkstümlichen Aussprüchen der Wüstenväter, die großenteils aus dem christlichen Ägypten des 4. Jahrhunderts stammen, finden sich sehr drastisch-bildliche Schilderungen.
Manche frühen Theologen wie etwa Clemens von Alexandria (150–215) und Origenes (185–254) lehrten die Allaussöhnung, das heißt die Rückkehr aller Geschöpfe zu Gott, was auch von einigen Kirchenvätern des vierten und fünften Jahrhunderts aufgenommen wurde, etwa von Basilius dem Großen, Gregor von Nyssa, Gregor von Nazianz, Didymus dem Blinden, Eusebius von Caesarea, Diodor von Tarsus und Theodor von Mopsuestia.Vgl. dazu Ilaria Ramelli: A Larger Hope? Band 1: Universal Salvation from Christian Beginnings to Julian of Norwich. Cascade Books, 2019, S. 20 ff. Durch die Liturgie des Letzteren wurde die Apokatastasis (Allaussöhnung) in die Assyrische Kirche übernommen. Von der katholisch-orthodoxen Reichskirche wurde diese Sichtweise abgelehnt. In einem lokalen Konzil wurde die Allversöhnungslehre 543 verurteilt, beeinflusst durch das von Kaiser Justinian I. verfasste Liber adversus Origenem. Das Zweite Ökumenische Konzil von Konstantinopel im Jahre 553 verurteilte Origenes (Edikt contra Origenem) und verabschiedete den Kanon.
Im XVII. Artikel des Augsburgischen Bekenntnisses von 1530 formulierte die evangelisch-lutherische Kirche:
Im Zusammenhang mit der Vorstellung einer Hölle ist auch die Interpretation von Extra ecclesiam nulla salus („Außerhalb der Kirche [gibt es] kein Heil“) von Bedeutung.Heinrich Döring: Der universale Anspruch der Kirche und die nichtchristlichen Religionen, in: Münchener Theologische Zeitschrift 41 (1990), S. 78 ff.
Hölle und ähnliche Begriffe in der Bibel, Übersetzungsprobleme
Die in der Bibel vorkommenden Begriffe Scheol, Gehenna und Hades wurden bzw. werden mit Hölle übersetzt, haben aber zumindest teilweise einen verschiedenen Bedeutungszusammenhang und Aussage.
Im Alten Testament kommt der Begriff Scheol vor. Dort passiert nach Aussagen des Buches Kohelet jedoch nichts: „Kein Tun ist, noch Berechnung, noch Erkenntnis, noch Weisheit im Sheol, wohin du gehen musst“ (; nach Martin Buber), und „die Toten aber, sie erkennen nichts, und kein Lohn ist ihnen noch weiterhin, denn vergessen ist ihr Gedenken“ .Siehe dazu auch , , . „Der Herr tötet und macht lebendig; er führt in den Scheol hinab und führt herauf“ .
Der Hades des Neuen Testaments ist die griechische Übersetzung des hebräischen Scheol. Hades wurde (manchmal bis in die Gegenwart) mit dem Ausdruck Hölle übersetzt. Martin Luther übersetzte es fünfmal mit ‚Hölle‘ (u. a. ), zweimal mit ‚Toten‘, zweimal mit ‚Totenwelt‘, einmal mit ‚sein Reich‘. Neuere Bibelausgaben übersetzen meist nicht mit 'Hölle', sondern ‚Totenwelt‘, ‚Unterwelt‘, ‚Grab‘, ‚Gruftreich‘ oder ähnlich. miniatur|200px|Das Tal Ge-Hinnom, Israel, 2007 Geenna (oder Gehenna) ist eine Ortsbezeichnung in hebräischer Sprache und bedeutet ‚Schlucht von Hinnom‘ (Ge-Hinnom). Diese Schlucht kann südlich der Jerusalemer Altstadt bis heute besichtigt werden. Zu alttestamentlicher Zeit wurden hier laut Bibel bei kultischen Handlungen dem Ammoniter-Gott Moloch Kinder geopfert (2. Könige 23,10). Diese Praxis wurde von den Israeliten unter der Regentschaft Salomos im 10. Jh. v. Chr. und des Königs Manasse im 7. Jh. v. Chr. in Krisenzeiten weitergeführt bis in die Zeit des babylonischen Exils (6. Jh. v. Chr.). Der Prophet Jeremia, der diesen Brauch scharf verurteilte, nannte das Tal „Schlucht der Umbringung“ (, ). Gehenna wurde später zu einer zentralen Müllhalde, unter anderem um eine Wiedereinführung solcher Bräuche zu verhindern. Nach Ansicht mancher Forscher wurden zu Zeiten Jesu an diesem Ort auch die Leichen von Gesetzesübertretern nach ihrer Hinrichtung verbrannt. Die Vorstellung von brennenden Menschenleichen inspirierte demnach jüdische wie danach auch christliche Theologen, hier ein Bild für die „Hölle“ zu sehen. Luther übersetzte Geenna achtmal mit ‚Hölle‘ (u. a. , , , ) und viermal mit ‚höllisch‘. Auch neuere Bibelübersetzungen behalten ‚Hölle‘ als Übersetzung von Geenna bei.
Kritik der Aufklärung und der Moderne Seit dem Zeitalter der Aufklärung bis in die Gegenwart wird die Hölle als angstauslösende Vorstellungswelt kritisiert bzw. verworfen, die für weltliche Zwecke oder zur Unterwerfung der Gläubigen eingesetzt worden sei mit Hilfe ihrer Furcht vor dem Tod und dem, was danach kommt. Bezeichnend ist der Satz „die erfunden werden müsste, wenn es sie nicht gäbe“ (Nicolas Sylvestre Bergier in der Encyclopédie Française von Denis Diderot, im Jahr 1772).
Theologische Positionen im 20. Jahrhundert Orthodoxe Kirchen
In den orthodoxen Kirchen werden Himmel und Hölle nicht als zwei verschiedene Orte, sondern als verschiedene Zustände gesehen, die derselben ungeschaffenen Quelle entsprängen und je nach den inneren Voraussetzungen des einzelnen Menschen als zwei unterschiedliche Erfahrungen erlebt würden.
Unter Verweis auf die Heilige Schrift und die Patristik, die das ungeschaffene Licht Christi als „verzehrendes Feuer und strahlendes Licht“ bezeichnet, würden nach der Wiederkunft Christi alle Menschen Christus in seinem ungeschaffenen Licht sehen, das für die einen die Auferstehung zum Leben bedeute, für die anderen die Auferstehung zum Gericht und zum Feuer. Himmel und Hölle seien auf diese Art nicht einfach Belohnung und Verurteilung, sondern die Art und Weise, wie jeder dann den Anblick Christi erlebe, daher nähmen auch nicht alle in der gleichen Weise am Licht Christi teil, sondern unterschiedlich.Georgios Metallinos, Paradies und Hölle nach der orthodoxen Überlieferung, http://www.oodegr.com/oode/esxata/kol_par1.htm
Römisch-katholische Kirche und evangelische Kirchen Die Lehre der katholischen Kirche besagt, dass es eine Hölle gibt und diese ewig dauert. Die katholische Kirche versteht den Begriff Hölle als den selbstverschuldeten endgültigen Ausschluss eines Menschen aus der Gemeinschaft mit Gott, also die Erfahrung letzter SinnlosigkeitHölle. In: Deutsche Bischofskonferenz (Hrsg.): Katholischer Erwachsenen-Katechismus. 1985, Band 1, S. 423f. („Ferne von Gott“), so etwa Papst Johannes Paul II.Papst Johannes Paul II. über das Wesen der Hölle - Generalaudienz vom 28. Juli 1999. Webseite des Vatikans, deutschsprachige Ausgabe, abgerufen am 28. Dezember 2012. Nichtchristen guten Willens kommen nach katholischer Lehre nicht in die Hölle (KKK 847). Der Katechismus der Katholischen Kirche behandelt die Hölle im zweiten Teil des ersten Abschnitts (Das Christliche Glaubensbekenntnis), dort drittes Kapitel, Abschnitt 12 („Ich glaube das ewige Leben“) unter IV: Die Hölle.