mini|Muqtada as-Sadr in Teheran (2019) Muqtada as-Sadr, auch Moktada al-Sadr (; * 12. August 1973 im Irak), ist ein radikaler irakischer Geistlicher, Milizenführer und Schiiten-Politiker, dessen Streitkräfte von 2004 bis 2008 gegen US-amerikanische und irakische Truppen kämpften.
Schreibweise Der arabische Name wird auch Moqtada, Muktada oder (französisch) geschrieben, as-Sadr meist al-Sadr oder al Sadr. In der aktuellen deutschsprachigen Berichterstattung wird sein Name meist mit Muktada al-Sadr wiedergegeben.
Leben Muqtada ist der jüngste Sohn des 1999 ermordeten Großajatollahs Muhammad Sadiq as-Sadr und Kopf der nicht-staatlichen schiitischen Mahdi-Armee, die im Juni 2003 formiert wurde. Die Mahdi-Armee ist der bewaffnete Arm der sogenannten Sadr-Front (auch: Sadr-Gruppe), as-Sadrs radikaler Bewegung.Heinz Halm: The shiites. A short history. Markus Wiener Publishers, Princeton, NJ 2007. ISBN 1-55876-437-2. S. 172. (englisch). Die Zahl seiner Milizionäre wird auf 60.000 Mann beziffert.Karl Derouen, Paul Bellamy: International Security and the United States: An Encyclopedia. Greenwood Publishing Group, 2007. ISBN 0-275-99253-5. S. 369. (englisch).Iraq Study Group: The Iraq Study Group Report BiblioBazaar, 2008. ISBN 0-554-34083-6. S. 21. (englisch). Viele Anhänger kann er unter den Jugendlichen aus den Slums von Basra und Bagdad rekrutieren, wo er auch sein Hauptquartier hat und auf das von seinem Vater geschaffene Netz der schiitischen Wohltätigkeitsorganisationen zurückgreifen kann. Muqtada gilt als potentiell gewaltbereitMichael Lüders: Im Herzen Arabiens. Stolz und Leidenschaft. Begegnung mit einer zerrissenen Kultur Herder Verlag, Freiburg 2004. ISBN 3-451-28347-6. S. 156. und ist ein Gegner jedweder Kooperation mit den USA, solange diese Truppen im Irak stationiert haben. Zunächst hat er sich auch gegen den irakischen Regierungsrat gewandt. Mit seiner Agitation bildet er einen Gegenpol zu Großajatollah Ali as-Sistani, der wichtigsten schiitischen religiösen Autorität im Irak.
2003 Auslandsbesuch Im Frühjahr 2003 bereiste as-Sadr den Iran, wo ihn Ajatollah Seyyed Ali Chamenei und Ali Akbar Haschemi Rafsandschani empfingen. Arabische Quellen berichteten, dass die iranische Führung auf as-Sadr als „neuen Hassan Nasrallah“ setze. Die Beziehungen verschlechterten sich später deutlich, als as-Sadr in einem Interview mit dem Fernsehkanal Al Jazeera den iranischen Religionsführer Chamenei scharf kritisierte.Welche Verbindungen pflegt der irakische Milizenführer Muqtada as-Sadr zum Iran?, freitag.de, 23. Mai 2008.
„Sadr-City“ Bagdads nordöstlicher Distrikt, der insbesondere von Schiiten bewohnt wird, war 1959 durch den ersten irakischen Premierminister Abd al-Karim Qasim als „Stadt der Revolution“ (Madīnat ath-Thaura) errichtet worden, wurde aber im Verlauf der Herrschaft Saddam Husseins inoffiziell nur noch „Saddam-Stadt“ (Madīnat Saddām) genannt. Nach dem Fall des irakischen Diktators erlangte as-Sadr die Kontrolle über den Stadtteil, der kurze Zeit später nach Muqtadas Vater Sadiq in „Sadr City“ umbenannt wurde.
Muqtada as-Sadr führte in Sadr City zunächst ein Regime mit strengen islamischen Regelungen, kontrolliert durch eine eigene Polizei und eigene Gerichte. Seine Anhänger sollen in der Folgezeit Alkohol verkaufende Getränkeläden, Videogeschäfte und Kinos angegriffen haben. Auch seien Frauen zum Tragen eines Schleiers gezwungen worden. Um jedoch die US-Amerikaner nicht zu provozieren, setzte sich bei as-Sadr schnell pragmatisches Denken durch. Daher distanzierten sich seine Sprecher alsbald von religiöser Gewalt in Sadr-City.
2004 Zu Beginn des Jahres wurde die Gefahr eines Bürgerkrieges zwischen Sunniten und Schiiten immer deutlicher.Guido Steinberg: Der nahe und der ferne Feind: die Netzwerke des islamistischen Terrorismus, Beck Verlag, München 2005, ISBN 3-577-14104-2, S. 205. Anfang April 2004 probte as-Sadr in Nadschaf mit seinen Anhängern den Aufstand, der im Juni desselben Jahres mit einem Kompromiss endete.Christian Kreß: Neorealistische Erklärung der Motive für die militärische Intervention der USA in den Irak 2003, GRIN Verlag, München und Ravensburg 2007, ISBN 3-638-66281-0, S. 12. Am 7. April eroberte Muqtada as-Sadr die bisher von ukrainischen Soldaten bewachte Stadt Kut. US-Truppen konnten das Gebiet jedoch bereits am 9. April wieder sichern.Ernst Christian Schütt: Chronik 2004, Wissen Media Verlag, 2005, ISBN 3-577-14104-2, S. 64. Bis zur Beilegung des Konflikts waren ab Mai US-Truppen mit der Bekämpfung beschäftigt. Nach kurzer Zeit mündeten as-Sadrs Angriffe in einem brüchigen Waffenstillstand.Guido Steinberg: Der nahe und der ferne Feind: die Netzwerke des islamistischen Terrorismus, Beck Verlag, München 2005, ISBN 3-577-14104-2, S. 204. Am 4. April wurden in der schiitischen Pilgerstadt Nadschaf 20 Anhänger as-Sadrs bei ausschreitenden Protesten durch eine spanische Brigade getötet. Der Protest richtete sich gegen die Festnahme von Mustafa Yakubi, eines Vertrauten as-Sadrs. Yakubi stand in Zusammenhang mit der Ermordung des islamistischen Schiiten-Predigers Abdul Madschid al-Choi.Ernst Christian Schütt: Chronik 2004, Wissen Media Verlag, 2005, ISBN 3-406-53515-1, S. 68. Dieser war am 10. April 2003 nahe der Imam-Ali-Moschee in Nadschaf umgekommen. Im August begann as-Sadr mithilfe seiner Milizionäre erneut, schwere Unruhen im mittleren Irak auszulösen.
Nachdem as-Sadr sich vor der amerikanischen Armee hatte verstecken müssen, vermutete ihn der US-Kommandeur General Ricardo Sanchez in Nadschaf. Sanchez hatte den Auftrag, as-Sadr „zu fassen oder zu töten.“ Daher setzte die US-Armee die schiitischen Radikalen ab dem 13. April 2004 verstärkt unter Druck. Die Kämpfe um Nadschaf nahmen in der Folge zu. Bei den bis dahin schwersten Kämpfen in der Nacht zum 27. April 2005 gelang es den Alliierten, 64 Angehörige von as-Sadrs „Mahdi-Armee“ zu töten.
Am 5. Mai 2004 begann eine große amerikanische Offensive, um die sunnitischen Widerstandsburgen auszuheben und den Widerstand zu brechen. Dabei wurde in der in Kufa gelegenen Sahla-Moschee, einer der heiligsten Stätten der irakischen Schiiten, ein Waffenlager der Aufständischen aufgefunden. Am 27. Mai konnte in Nadschaf und Kufa eine längere Waffenruhe erzielt werden, die as-Sadr jedoch wieder aufkündigte. Ab Juni 2004 lieferte er sich in Kufa und im Raum Bakuba wieder Gefechte mit den amerikanischenErnst Christian Schütt: Chronik 2004, Wissen Media Verlag, 2005, ISBN 3-577-14104-2, S. 106. und irakischen Sicherheitskräften. Ab 5. August wurde auch in Nadschaf wieder gekämpft. Doch dort konnten die Kämpfe nach einem Schlichterwort von Großayatollah Ali al Sistani am 26./27. August 2004 wieder eingestellt werden.Ernst Christian Schütt: Chronik 2004, Wissen Media Verlag, 2005, ISBN 3-577-14104-2, S. 147. Daraufhin verließ as-Sadr mit seiner Miliz die Stadt.Heinz Halm: Die Schiiten, C.H.Beck Verlag. München 2005, ISBN 3-406-50858-8, S. 120. Insgesamt sind allein in diesem dreiwöchigen Gefecht um Nadschaf 570 Menschen getötet und fast 800 verletzt worden.
Am 28. Juni 2004 nahm die Interimsregierung unter Ministerpräsident Iyad Allawi ihre Arbeit auf. Er wurde schnell zum wichtigsten Feindbild der vom Ausland aus gesteuerten sunnitischen Islamisten unter Abu Musab as-Zarqawi.Guido Steinberg: Der nahe und der ferne Feind: die Netzwerke des islamistischen Terrorismus, Beck Verlag, München 2005, ISBN 3-577-14104-2, S. 202. Als radikaler Gegner der Schiiten spitzten sich die bereits laufenden bürgerkriegsähnlichen Unruhen zwischen Kontrahenten wie as-Zarqawi und as-Sadr sowie anderen Gruppierungen und Beteiligten immer weiter zu. Auch as-Sadr sah Allawi als Gegner an, da dieser in der katastrophalen und teilweise aus dem Ruder laufenden Situation mit sehr unbeliebten Maßnahmen regierte. So arbeitete er unter anderem mit ehemaligen Geheimagenten der Baath-Partei zusammen. Die Regierung ihrerseits war nicht gewillt, zukünftig Privatarmeen eines as-Sadr zu dulden.
Ab Herbst 2004 waren die zwei islamischen Hauptglaubensrichtungen des Landes fast ausschließlich mit der Bekämpfung untereinander beschäftigt, wobei beide Seiten auch Attentate gegen staatliche Behörden unternahmen. Die aufständischen Sunniten intensivierten ihre Überfälle und Morde an Schiiten südlich von Bagdad. Diese Region erhielt schnell die Bezeichnung „Dreieck des Todes“.Guido Steinberg: Der nahe und der ferne Feind: die Netzwerke des islamistischen Terrorismus, Beck Verlag, München 2005, ISBN 3-577-14104-2, S. 206.
2006 Anfang 2006 hatte sich die Situation etwas beruhigt. In der neuen irakischen Regierung saßen drei Anhänger as-Sadrs, und auch in der Nationalversammlung waren einige seiner Anhänger vertreten, vor allem als Kandidaten der Vereinigten Irakischen Allianz; angeblich bestand auch die Partei National Independent Cadres and Elites, die bei der Wahl drei Sitze gewann, aus Anhängern as-Sadrs.
Im Oktober 2006 kam es abermals zu Unruhen, als US-Truppen Scheich Mazin al-Sa'idi festnahmen, einen Vertrauten as-Sadrs, den sie für die Leitung von Todesschwadronen der Mahdi-Miliz verantwortlich machen. Auf persönliche Intervention des schiitischen Premierministers Nuri al-Maliki wurde er wieder freigelassen; dieses Eingreifen soll bei den US-Amerikanern großen Unmut hervorgerufen haben.
2007 Als sich der Sturz von Saddam Hussein am 9. April 2007 zum vierten Mal jährte, rief as-Sadr zu Demonstrationen gegen die Präsenz ausländischer Truppen im Irak auf. Diesem Aufruf folgten vor allem in Kufa und Nadschaf, den heiligen Städten der Schiiten, mehrere hunderttausend Menschen. Sie schwenkten irakische Flaggen und riefen „Ja zum Irak“, „Tod den USA“ und „Besatzer sollen den Irak verlassen“. Der Spiegel: Sadr stachelt Miliz auf, Hunderttausende folgen Protestaufruf; 9. April 2007. Nachdem ein Haftbefehl gegen as-Sadr erlassen worden war, floh er in den Iran.Die Rückkehr des Hasspredigers 20min.ch vom 7. Januar 2010.
2008 Laut einem Bericht von Newsweek Anfang 2008 betrieb as-Sadr in Qom Studien, um in den Besitz des Titels eines Ajatollahs zu gelangen.Babak Dehghanpisheh: The Great Moqtada Makeover Newsweek, 19. Januar 2008. Im März 2008 kam es in Basra zu schweren Gefechten zwischen Anhängern as-Sadrs und der irakischen Armee.https://web.archive.org/web/20080329004019/http://www.n-tv.de/939804.html?270320082250. As-Sadr rief 2008 zudem die Arabische Liga und die Organisation der Islamischen Konferenz auf, die radikalen Kräfte im Irak zu unterstützen.
2011 Am 5. Januar 2011 kehrte as-Sadr aus seinem Exil zurück. Beobachter gehen davon aus, dass seine Rückkehr den iranischen Einfluss auf den Irak stärken wird, die britische Zeitung The Guardian sprach in diesem Zusammenhang sogar von einem „erneuten iranischen Putsch im Irak“.Die Rückkehr des Hasspredigers 20min.ch vom 7. Januar 2010. In seiner ersten Rede am 8. Januar in Nadschaf rief er seine Anhänger zum Widerstand, auch militärischer Art, gegen die Besatzer auf, verurteilte aber Gewalt gegen Iraker.
2014 As-Sadr, der sich eigentlich aus der Politik zurückziehen wollte, rief angesichts des Vormarschs des Islamischen Staates zur Bildung von Milizen auf. Berichten zufolge waren as-Sadr weiterhin tausende schiitische Milizionäre treu ergeben.
2016