mini|hochkant|Während eines Besuchs bei Werner Pieper (Verlag Grüne Kraft) in Löhrbach, ca. 2000 mini|Handschrift von Wau Holland. Text: „Beim *.JPG-Format ist Platz vorgesehen für © Infos. Es ist keine Steganographie im üblichen Sinne, dort etwas anderes zu verstecken.“
Wau Holland (eigentlich Herwart Holland-Moritz; * 20. Dezember 1951 in Kassel; † 29. Juli 2001 in Bielefeld) war ein deutscher Journalist und Computer-Aktivist.
Leben Holland wurde in Kassel geboren und zog mit seiner Familie im Alter von zehn Jahren nach Marburg, wo er am Gymnasium Philippinum das Abitur machte und an der Philipps-Universität ein Studium der Informatik, Elektrotechnik und später Politik begann, aber nicht abschloss. Über linksalternative Kreise und die Umweltbewegung kam er zu einer Stelle bei einer „alternativen Computerfirma“.
Ab 1979 unterstützte Holland den Filmhistoriker Hans-Michael Bock mit dem Aufbau der filmografischen Datenbank Cinebase für CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film, das seit 1984 als Loseblattsammlung erscheint. 1983 betreute Holland den Lichtsatz eines der frühen ganz auf einem Computer (Osborne 1) erstellten Bücher (Roland Jaeger, Cornelius Steckner: Zinnober – Kunstszene Hamburg 1919–1933. Hamburg 1983, ISBN 3-924225-00-1).
mini|hochkant|Holland in Hamburg, 1984 Holland gehörte 1981 zu den Gründern des Chaos Computer Clubs (CCC), einem der ältesten Hackerclubs. Ab 1983 arbeitete er als Kolumnist bei der Berliner Tageszeitung (taz), wo er regelmäßig über den entstehenden deutschen Computeruntergrund und die Mailboxszene berichtete.
Holland war Mitbegründer des Hackermagazins des CCC, Die Datenschleuder, das sich mit den Möglichkeiten globaler Informationsnetzwerke und schneller Computer beschäftigte und in den Anfangsjahren häufig Schaltpläne für selbstgebaute Modems enthielt (Datenklo). Das damalige Fernmeldeanlagengesetz verlangte, dass Modems eine Zulassung der Deutschen Bundespost besaßen; im Zweifelsfall wurde diese nur Modems erteilt, die die Bundespost selbst vermietete oder verkaufte. Billigere Hochgeschwindigkeitsmodems, wie sie beispielsweise in den USA gekauft werden konnten, waren verboten. „Das Anschließen eines Selbstbaumodems wurde härter bestraft als das fahrlässige Auslösen einer atomaren Explosion“, wie Wau Holland es im Rückblick ausdrückte.
1984 kam es auch zum sogenannten BTX-Hack. Vor geladenem Publikum und Fachpresse demonstrierten Wau Holland und Steffen Wernéry in der Nacht vom 16. auf den 17. November, wie sie mit einem Passwort der Hamburger Sparkasse (Haspa) immer wieder eine gebührenpflichtige Seite im Bildschirmtext (BTX) aufriefen. Das ging automatisiert über ein Programm, jeder Seitenaufruf kostete 9,97 DM. Innerhalb von 13 Stunden erzeugten die beiden einen Umsatz von 134.694,70 DM, der zu Lasten der Stadtsparkasse ging, im Anschluss aber an die Haspa zurückgezahlt wurde. Der Hack war als Proof of Concept gedacht und rückte das Thema Datensicherheit von BTX ins Licht der Öffentlichkeit. Wie sie das Passwort knackten, erzählte Wau während eines Vortrags, der im Dokumentarfilm Alles ist eins. Außer der 0. Dr. Waus Chaos Computer Film ausschnittsweise gezeigt wird.
Wau Holland war Funkamateur und führte das Amateurfunkrufzeichen DB4FA.
mini|Wau Holland über die Grenzen des Hackens (ca. 1995) Nicht zuletzt durch Hollands Arbeit erwarb der CCC Bekanntheit und Anerkennung. Holland hielt Vorträge über Informationskontrolle im Regierungsumfeld und im Privatsektor, er kämpfte gegen Kopierschutz und alle Formen von Zensur sowie für eine freie Informationsinfrastruktur. Die Zensurbestimmungen einiger Regierungen verglich er mit dem Verhalten der katholischen Kirche im Mittelalter, Kopierschutzmechanismen betrachtete er als Produktfehler. In seinen letzten Jahren verbrachte er viel Zeit in einem Jugendzentrum in Jena, wo er Kindern sowohl die technische als auch die ethische Seite des Hackens nahebrachte.
Nach der politischen Wende 1989 wohnte Holland in Ilmenau und hielt an der Technischen Universität Ilmenau mit Gabriele Schade Vorlesungen zur Ethik in der Informatik (weshalb er sich selbst ironisch als Honorarprofessor bezeichnete). Interview mit dem CCC und mit Wau Holland. Unter anderem ein Beitrag über sein Leben in Ilmenau Er war eng mit Bernd Fix und Wolfgang Rudolph befreundet.
Wau Holland starb 2001 mit 49 Jahren in Bielefeld an den Folgen eines Schlaganfalls.
Am Tag der Urnenbeisetzung Wau Hollands gründeten fünf enge Freunde (Ursel Kooke, Winfried Motzkus, Gerriet Hellwig, Melanie Wahl und Bernd Fix) die Wau Holland Stiftung mit der Unterstützung der Familie Holland-Moritz. Ende 2003 wurde die Stiftung als gemeinnützig anerkannt, die sich zum Ziel gemacht hat, das Lebenswerk des Namensgebers der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und die weltweite Informationsfreiheit, Recht auf Bildung und Förderung von Zivilcourage mit elektronischen Mitteln zu fördern.
Literatur
Film 2020: Alles ist eins. Außer der 0. Dr. Waus Chaos Computer Film. Regie: Klaus Maeck, Tanja Schwerdorf (online verfügbar bis 2. Januar 2026) Max Muth, Computerliebe, Zwei Hamburger Filmemacher haben eine Liebeserklärung an den Chaos Computer Club gedreht. "Alles ist eins. Außer der 0" ist absolut sehenswert, vor allem was die Frühzeit der Bewegung betrifft [Rezension des Films], 27. Juli 2021, Süddeutsche Zeitung, online
Multimediales Vortrag „Sprache, Dienste und Kultur des Internet“, 1998 (MP3) Vortrag „Geschichte des CCC und des Hackertums in Deutschland“, 1998 (MP3) Wau Holland im Gespräch mit dem Saarländischen Rundfunk, Chaosradio, 1998 Video „Komplexität & Management – Ein Beitrag zum „Hamburger Dialog“ im Congress Centrum Hamburg“, Chaosradio, 2000 Walter van Rossum: Der Hacker Wau Holland oder der Kampf ums Netz. Deutschlandfunk, Dossier, 1. Februar 2013. dradio.de: Text der Sendung (8. Juni 2014)
Weblinks
Online-Artikel: Wau Holland – Der Tod eines Hackers Nachruf auf Spiegel Online (Lutz Donnerhacke) Nachruf bei Telepolis (Stefan Krempl) Wau Holland Stiftung ARD „Panorama“ vom 15. September 1987: Bericht über den sog. „Nasa-Hack“ des CCC (enthält u. a. ein Interview mit Wau Holland); Youtube Oliver Herbrich Dokumentarfilm: Die Welt jenseits der Welt (mit Wau Holland und Steffen Wernéry, 1986) Radio Wauland - Tune in, turn on and hack yourself, doku-fiktionales Hörspiel mit Wau Holland
Einzelnachweise
Kategorie:Hacker (Computersicherheit) Kategorie:Person (Chaos Computer Club) Kategorie:Person (Netzkultur) Kategorie:Internetaktivist Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1951 Kategorie:Gestorben 2001 Kategorie:Mann