mini|Der Ort des Treffens – das Reichstagspräsidentenpalais (2008)
Das geheime Treffen Hitlers mit Industriellen am 20. Februar 1933 war eine Zusammenkunft Adolf Hitlers mit 26 führenden deutschen Industriellen in Hermann Görings Amtssitz im Reichstagspräsidentenpalais in Berlin. Das Treffen fand wenige Wochen nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler und anlässlich der bevorstehenden Reichstagswahl vom 5. März 1933 statt, der letzten Mehrparteienwahl im Deutschen Reich. Die Industrievertreter wurden mit der Forderung der NSDAP konfrontiert, für den laufenden Wahlkampf eine Spende in Höhe von drei Millionen Reichsmark für den Wahlfonds der NSDAP und der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot zu leisten, von denen etwa zwei Millionen nachweisbar als Zahlung eingegangen sind. 75 % der Summe gingen an die NSDAP. Wirtschaftspolitisch hielten die Industriellen auch nach der Veranstaltung noch am Liberalismus fest.
Teilnehmer mini|hochkant|Der Organisator des Treffens: Hjalmar Schacht (1931)
Am Treffen nahmen die folgenden Wirtschaftsvertreter teil:Aufzeichnung von Martin Blank für Paul Reusch gedruckt in: Dirk Stegmann: Zum Verhältnis von Großindustrie und Nationalsozialismus 1930–1933. Ein Beitrag zur Geschichte der sog. Machtergreifung In: Archiv für Sozialgeschichte 13 (1973), S. 399–482, hier S. S. 477 ff.
Hjalmar Schacht, ehemaliger und zukünftiger Reichsbankpräsident Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Vorsitzender des Präsidiums des Reichsverbandes der Deutschen Industrie Albert Vögler, erster Vorstandsvorsitzender der Vereinigte Stahlwerke AG Fritz Springorum, Hoesch AG Ernst TengelmannBlank nennt nur die Nachnamen. Turner schreibt, um welches Mitglied der Familie Tengelmann es sich handelt, sei unklar. (Henry Ashby Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler, Berlin 1985, S. 531, Fußnote 81). Laut Dirk Stegmann handelt es sich um Ernst Tengelmann. (Dirk Stegmann: Zum Verhältnis von Großindustrie und Nationalsozialismus 1930–1933. Ein Beitrag zur Geschichte der sog. Machtergreifung. In: Archiv für Sozialgeschichte 13 (1973), S. 399–482, hier S. 478.) Friedrich Flick nannte in einem Verhör am 14. Januar 1947 vor dem Nürnberger Militärgericht ihn als Teilnehmer. Karsten Heinz Schönbach: Die Königsmacher – Hitler, die Großindustrie und der 20. Februar 1933. In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 60 (2018), S. 3–47, hier S. 45., Vorstandsvorsitzender der Gelsenkirchener Bergwerks-AG August Rosterg, Generaldirektor der Wintershall AG Ernst Brandi, Vorsitzender des Bergbauvereins Karl Büren, Generaldirektor der Braunkohlen- und Brikett-Industrie AG, Vorstandsmitglied der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände Günther Heubel, Generaldirektor der C. Th. Heye Braunkohlenwerke AG, Vorstandsmitglied der „Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände“ Georg von Schnitzler, Vorstandsmitglied der I.G. Farben Hugo Stinnes junior, Vorstandsmitglied des Reichsverbands der Deutschen Industrie, Mitglied des Aufsichtsrats des Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikats Eduard Schulte, Generaldirektor Giesches Erben, Zink und Bergbaubetrieb, später Widerständler Fritz von Opel, Vorstandsmitglied der Adam Opel AG Ludwig von Winterfeld, Vorstandsmitglied der Siemens & Halske AG und Siemens-Schuckert-Werke AG Wolf-Dietrich von Witzleben, Leiter des Büros von Carl Friedrich von Siemens Wolfgang Reuter, Generaldirektor der Demag, Vorsitzender des Vereins Deutscher Maschinenbau-Anstalten, Präsidialmitglied des Reichsverbands der Deutschen Industrie Günther Quandt, Großindustrieller, aufgrund seiner Unterstützung des Regimes späterer Wehrwirtschaftsführer. August Diehn, Vorstandsmitglied der Wintershall AG Hans von und zu Löwenstein, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Bergbauvereins Ludwig Grauert, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der Nordwestlichen Gruppe des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller Friedrich FlickAussage Flicks vor dem Nürnberger Militärgericht. Auszugsweise gedruckt in: Karsten Heinz Schönbach: Die Königsmacher – Hitler, die Großindustrie und der 20. Februar 1933. In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 60 (2018), S. 3–47, hier S. 45 f. Kurt SchmittVernehmung Kurt Schmitts am 8. Juli 1947. Gerald D. Feldman: Die Allianz und die Versicherungsgesellschaft 1933–1945. München 2001, S. 92., Vorstandsmitglied der Allianz AG August von FinckVernehmung August Fincks am 22. September 1947. Feldman, Allianz, S. 92., war in zahlreichen Aufsichtsräten und Fachgremien Erich FicklerSchreiben von Fritz Springorum an Paul Reusch vom 21. Februar 1931, gedruckt bei: Dirk Stegmann: Zum Verhältnis von Großindustrie und Nationalsozialismus 1930–1933. Ein Beitrag zur Geschichte der sog. Machtergreifung. In: Archiv für Sozialgeschichte 13 (1973), S. 399–482, hier S. 480 f., Generaldirektor der Harpener Bergbau AG, Aufsichtsratsvorsitzender Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikats, Vorstandsmitglied des RDI, Mitglied diverser Aufsichtsräte Paul Stein, Vorsitzender und Generalbevollmächtigter der Gewerkschaft Zeche Auguste Victoria in Marl-Hüls und Verwaltungsratsmitglied der I.G. Farben Herbert KauertNürnberger Dokument PS-2828, Verhör Funk vom 4. Juni 1945. Gedruckt in: Office of the United States Chief of Counsel For Prosecution of Axis Criminality (Hrsg.): Nazi Conspiracy and Aggression. Washington 1946, Band 5, S. 495. loc.gov (PDF; 24 MB), Vorstandsmitglied der Gelsenkirchener Bergwerks-AG
Die Teilnehmer wurden durch Hermann Göring eingeladen. Nach dem Historiker Alfred Kube hatte er bereits am 13. Februar 1933 Vertreter der deutschen Industrie zu sich eingeladen, um das Treffen vorzubereiten.Alfred Kube: Pour le Mérite und Hakenkreuz. Hermann Göring im Dritten Reich. Oldenbourg, München 1986, ISBN 3-486-53122-0, S. 120. Wie ein überliefertes Telegramm an Krupp vom 16. Februar 1933 belegt, lud er Krupp für den 20. Februar 1933 um 18 Uhr in das Reichstagspräsidentenpalais ein. Als Zweck wurde angegeben, dass Hitler seine Politik erklären wolle.Nürnberger Dokument D-201. Nach Aussage Schachts hatte Göring die Liste der Einzuladenden mit seinem Adjutanten aufgestellt.Aussage Schacht vor dem Nürnberger Militärgericht am 21. Juli 1947. Auszugsweise gedruckt in: Karsten Heinz Schönbach: Die Königsmacher – Hitler, die Großindustrie und der 20. Februar 1933. In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 60 (2018), S. 3–47, hier S. 42.
In einem von Krupp, Ludwig Kastl und Jacob Herle unterzeichneten Schreiben vom 18. Februar an die Mitglieder des Präsidiums, des Vorstandes, des Hauptausschusses sowie der Fachgruppen informierte der Reichsverband der Deutschen Industrie seine führenden Mitglieder über das Treffen und kündigte an sowie . Er erinnerte an die Pflicht seiner Mitglieder, sich , überließ aber die dem .Karsten Heinz Schönbach: Die Königsmacher – Hitler, die Großindustrie und der 20. Februar 1933. In: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 60 (2018), S. 3–47, hier S. 39.
Nicht alle der eingeladenen Großindustriellen nahmen teil. Paul Reusch fuhr lieber in den Winterurlaub nach Sils Maria.Peter Langer: Macht und Verantwortung. Der Ruhrbaron Paul Reusch. Klartext Verlag, Essen 2012, S. 548 und 553 Carl Friedrich von Siemens lehnte die Einladung rundheraus ab. Robert Bosch wies die Einladung in einem Brief an Wilhelm Keppler mit der Begründung zurück, das Treffen, unter Beeinträchtigung seines Schlafes, nur noch mit dem Flugzeug rechtzeitig erreichen zu können, was er sich in seinem Alter nicht mehr zumuten könne.Robert Bosch Archiv N11/73 gedruckt bei: Rolf Becker, Joachim Scholtyseck: Robert Bosch und die deutsch-französische Verständigung. Politisches Denken und Handeln im Spiegel der Briefwechsel. Stuttgart o. J. (1996), S. 177. Vgl. Theodor Heuss: Robert Bosch, Leben und Leistung. Stuttgart 1948, S. 633.
Ablauf Nach einem umfangreichen Bericht des Informanten Martin Blank an Reusch erschien am 20. Februar mit 15 Minuten Verspätung Hermann Göring in Begleitung von Walther Funk und hielt eine kurze Ansprache, in der er auf die Bedeutung des laufenden Wahlkampfes hinwies. Hitler ließ die Teilnehmer noch eine Weile warten,Adam Tooze: Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus. Siedler, München 2007, S. 127. dann schüttelte er nach seinem Kommen allen Versammelten die Hand und nahm am oberen Ende des Tisches Platz. Statt eines Gesprächs über die anstehende Wirtschaftspolitik seiner Regierung, das die Industriellen erwartet hatten, hielt er einen anderthalbstündigen Vortrag: Er bekannte sich darin zum Privateigentum, pries die Überlegenheit der Diktatur über die Demokratie und behauptete, die NSDAP wäre die einzige Rettung vor der kommunistischen Gefahr. Die Grundlage der NSDAP sei die völkische Idee und der Gedanke der Wehrhaftigkeit. Das Leben sei ein fortgesetzter Kampf, den nur ein wehrhaftes Volk bestehen könne und nur eine wehrhafte Nation könne eine blühende Wirtschaft haben. Die Demokratie sei schuld am Aufkommen des Kommunismus. In einer Aufzeichnung Krupps heißt es:
Dann erklärte Hitler, er brauche die gesamten Machtmittel des Staates, um den Kommunismus niederzuwerfen. Bei der Landtagswahl in Preußen müssten die Nationalsozialisten noch zehn, bei der Reichstagswahl noch 33 Mandate erringen, was bei Einsatz aller Kräfte möglich sei. Danach werde „die zweite Aktion gegen den Kommunismus“ beginnen. Für den Fall, dass die Wahlen seiner Regierung keine Mehrheit bringen würden, drohte er mit Gewalt. Über eine Beschränkung des Streikrechts oder eine Unterdrückung der Gewerkschaften sagte er nichts.Henry Ashby Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler, Berlin 1985, S. 394 f. Auch über seine Ziele einer Aufrüstung und einer Expansionspolitik Richtung Osten, zu denen er sich laut der Liebmann-Aufzeichnung keine drei Wochen zuvor im privaten Kreis gegenüber hohen Offizieren der Reichswehr bekannt hatte, sagte er den Industriellen nichts.Adam Tooze: Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus. Siedler, München 2007, S. 129.
Krupp hatte eigentlich dem neuen Reichskanzler die Interessen der Industrie nahebringen wollen: Laut seinen Redenotizen sollte es dabei um „Vermeidung erneuter Unruhe“ in der Handelspolitik gehen, Arbeitsbeschaffung durch Exportförderung und die Vermeidung einer einseitigen Begünstigung der Landwirtschaft, die es der Industrie erschweren würde, für die neue Regierung einzutreten.Reinhard Neebe: Großindustrie, Staat und NSDAP 1930–1933. Paul Silverberg und der Reichsverband der Deutschen Industrie in der Krise der Weimarer Republik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1981 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 45), ISBN 3-525-35703-6, S. 177. Dass Hitler nichts darüber gesagt hatte, wie er gedachte, die Weltwirtschaftskrise zu überwinden, fand er enttäuschend. Da ein Bürgerkrieg, wie Hitler ihn angedeutet hatte, aber nicht im Interesse der Industrie liegen konnte, legte Krupp seine Redenotizen beiseite und beschränkte sich stattdessen darauf, dem Redner den Dank der Beteiligten auszusprechen. Er hob dabei besonders das Bekenntnis zum Privateigentum und zur Wehrhaftigkeit hervorDirk Stegmann: Zum Verhältnis von Großindustrie und Nationalsozialismus 1930–1933. Ein Beitrag zur Geschichte der sog. Machtergreifung In: Archiv für Sozialgeschichte 13 (1973), S. 440. und Reinhard Neebe: Großindustrie, Staat und NSDAP 1930–1933. Göttingen 1981, S. 180. und improvisierte Unverfängliches über die Bedeutung eines starken Staates.