mini|Leonid Reiman

Leonid Dododschonowitsch Reiman (; * 12. Juli 1957 in Leningrad) ist ein russischer Telekommunikationsingenieur, ehemaliger Minister und Unternehmer. Von 1999 bis 2004 war er Minister für Kommunikation und Informatisierung der Russischen Föderation und von 2004 bis 2008 Minister für Informationstechnologien und Kommunikation. Vom 13. Mai 2008 bis zum 10. September 2010 war er Berater des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew. Er bekleidet den Rang eines Wirklichen Staatsrats 1. Klasse der Russischen Föderation.

Leben

Ausbildung und frühe Laufbahn

Reiman schloss 1979 das Leningrader Elektrotechnische Institut für Fernmeldewesen ab. Von 1979 bis 1983 arbeitete er zunächst als Ingenieur und anschließend als Abteilungsleiter an der Leningrader internationalen Telefonstation. Nach seinem Militärdienst von 1983 bis 1985 wechselte er zur Leningrader städtischen Telefongesellschaft, der späteren Petersburger Telefongesellschaft, wo er verschiedene leitende Funktionen bis hin zum Ersten Stellvertretenden Generaldirektor übernahm.

Anfang der 1990er Jahre gehörte Reiman zusammen mit Waleri Jaschin zu den Initiatoren der Gründung von Delta Telecom. Die Leningrader städtische Telefongesellschaft war Mitgründer des Unternehmens, das der Kommersant als erste Mobilfunkgesellschaft der damaligen Sowjetunion bezeichnete. Das Netz von Delta Telecom nahm am 10. September 1991 in Sankt Petersburg den kommerziellen Betrieb auf. Reiman und Jaschin gehörten später auch zu den Initiatoren der Telekommunikationsholding Telecominvest.

Am 3. Juli 2000 verteidigte Reiman eine Dissertation über die staatliche Regulierung des Telekommunikationssektors und erwarb den russischen akademischen Grad eines Kandidaten der Wirtschaftswissenschaften. Am 2. April 2004 verteidigte er eine weitere Dissertation über die Entstehung und Entwicklung des Marktes für Infokommunikationsdienste; der wissenschaftliche Rat sprach ihm den russischen Grad eines Doktors der Wirtschaftswissenschaften zu.

Regierungstätigkeit

Im Juli 1999 wurde Reiman Staatssekretär und Erster Stellvertretender Vorsitzender des Staatlichen Komitees für Telekommunikation (Gostelekom), im August desselben Jahres dessen Vorsitzender. Am 12. November 1999 wurde er zum Minister für Kommunikation und Informatisierung ernannt. Im Zuge einer Regierungsreform wurde er im März 2004 Erster Stellvertretender Minister für Verkehr und Kommunikation. Am 20. Mai 2004 übernahm er das neu geschaffene Ministerium für Informationstechnologien und Kommunikation, das er bis zum Regierungswechsel im Mai 2008 leitete.

Reiman war von 2000 bis 2008 sowie erneut vom 29. Juni 2009 bis August 2010 Vorsitzender des Aufsichtsrats der staatlichen Telekommunikationsholding Sviazinvest.

Am 13. Mai 2008 ernannte Präsident Dmitri Medwedew Reiman zu seinem Berater. Reiman war zudem Sekretär des Präsidialrats für die Entwicklung der Informationsgesellschaft. Am 10. September 2010 schied er auf eigenen Wunsch aus dem Staatsdienst aus.

Der Tagesspiegel beschrieb Reiman 2005 als engen Vertrauten Wladimir Putins; beide kannten sich dem Bericht zufolge aus ihrer Tätigkeit in der Sankt Petersburger Stadtverwaltung Anfang der 1990er Jahre.

Telekommunikations- und Digitalisierungspolitik

Während Reimans Amtszeit wurde im Jahr 2000 die zuvor geltende individuelle Registrierungs- und Genehmigungspflicht für Mobil- und Satellitentelefone aufgehoben. Die Entscheidung beruhte auf einer Regierungsverordnung; Reiman gab die Änderung als zuständiger Minister öffentlich bekannt.

2003 verabschiedete Russland ein neues Telekommunikationsgesetz; es trat am 1. Januar 2004 in Kraft. Zu den wesentlichen Neuerungen gehörten Änderungen bei der Lizenzierung und bei den Beziehungen zwischen Netzbetreibern sowie ein System der Universaldienstleistungen. Über einen von den Telekommunikationsunternehmen finanzierten Fonds sollten unter anderem öffentliche Telefon- und Internetzugänge in abgelegenen Regionen ermöglicht werden.

Im Jahr 2006 trat eine weitere Änderung des Telekommunikationsgesetzes in Kraft, nach der Teilnehmer grundsätzlich nicht mehr für eingehende Anrufe bezahlen mussten. Die Regelung galt ab dem 1. Juli 2006.

Reimans Ministerium war außerdem am IT-Teil des nationalen Projekts „Bildung“ beteiligt. Ende August 2007 berichtete das Ministerium, dass 50.072 von 52.752 in das Programm einbezogenen Schulen – rund 95 Prozent – an das Internet angeschlossen waren. Bei Schulen in schwer erreichbaren ländlichen Gebieten kamen teilweise Satellitenverbindungen zum Einsatz.

2007 erhielten MTS, VimpelCom und MegaFon Lizenzen für Mobilfunknetze der dritten Generation (3G); Reiman übergab den drei Unternehmen die Lizenzurkunden.

Zur gleichen Zeit arbeitete die Regierung am Übergang vom analogen zum digitalen Fernsehen. 2007 wurde ein Konzept für den Wechsel auf den digitalen Standard DVB-T vorbereitet; als koordinierender staatlicher Auftraggeber war Reimans Ministerium vorgesehen.

Tätigkeit nach dem Ausscheiden aus dem Staatsdienst

Nach seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst war Reiman erneut im Technologiesektor tätig. Am 18. März 2011 wurde er zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats des französischen Softwareunternehmens Mandriva gewählt.

Im selben Jahr wurde bekannt, dass Reiman Miteigentümer und Vorsitzender des Aufsichtsrats des russischen Mikroelektronikunternehmens NPO Angstrem war.

Kontroversen

Seit Mitte der 2000er Jahre berichteten deutsche Medien über Vorwürfe, Reiman habe bei der Privatisierung und Umstrukturierung russischer Telekommunikationsunternehmen private wirtschaftliche Interessen verfolgt und Beteiligungen über Mittelsmänner kontrolliert; außerdem wurde der Verdacht der Geldwäsche erhoben. Reiman wies die Vorwürfe zurück. Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung hatte die russische Generalstaatsanwaltschaft bereits mehrere Jahre zuvor erklärt, keinen Amtsmissbrauch festgestellt zu haben, und deshalb kein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet.

Im Dezember 2011 erhob die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main in einem Geldwäschekomplex Anklage gegen mehrere Geschäftsleute, Rechtsanwälte sowie aktive und ehemalige Bankmitarbeiter. Reimans Name tauchte in den Ermittlungsunterlagen auf; gegen ihn selbst wurde nach Angaben der Süddeutschen Zeitung in Deutschland jedoch nicht ermittelt. Im April 2012 berichtete Vedomosti, dass das Verfahren gegen den dänischen Rechtsanwalt Jeffrey Galmond und vier ehemalige Commerzbank-Mitarbeiter eingestellt und die gegen sie erhobenen Vorwürfe fallen gelassen worden seien. Nach Darstellung der Zeitung seien damit auch die gegen Reiman gerichteten Vorwürfe in diesem Verfahren entfallen.

Privates

Reiman ist verheiratet.

Ehrungen

Reiman erhielt 2005 den Verdienstorden für das Vaterland 4. Stufe für große Verdienste um die Entwicklung des Telekommunikationswesens des Landes und für langjährige erfolgreiche Tätigkeit. 2007 wurde ihm der Verdienstorden für das Vaterland 3. Stufe für seinen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung moderner Informationstechnologien und zum Aufbau des russischen Telekommunikationssektors verliehen.

Darüber hinaus trägt Reiman den Ehrentitel „Verdienter Mitarbeiter des Fernmeldewesens der Russischen Föderation“ und erhielt Preise der Regierung der Russischen Föderation auf den Gebieten Bildung sowie Wissenschaft und Technik.

2003 erhielt Reiman den russischen Rechtspreis „Themis“ in der Kategorie „Rechtsreform“ für seine Beteiligung an der Ausarbeitung des Telekommunikationsgesetzes. 2005 wurde er mit dem Grand Prix des Wettbewerbs „Person des Jahres“ für seinen Beitrag zur Einführung innovativer Technologien in die sozioökonomische Entwicklung Russlands ausgezeichnet.

Weblinks

Biografie Reimans bei Lenta.ru (abgerufen am 11. März 2016) Biografie auf der Website des russischen Präsidenten (abgerufen am 11. März 2016)

Einzelnachweise

Kategorie:Kommunikationsminister (Russische Föderation) Kategorie:Wirklicher Staatsrat 1. Klasse der Russischen Föderation Kategorie:Träger des Verdienstordens für das Vaterland Kategorie:Sowjetbürger Kategorie:Russe Kategorie:Geboren 1957 Kategorie:Mann