mini|hochkant|Friedenssymbol der Campaign for Nuclear Disarmament
Der Ostermarsch ist eine von pazifistischen oder antimilitaristischen Motiven getragene, in Form von Demonstrationen und Kundgebungen regelmäßig jährlich durchgeführte politische Ausdrucksform der Friedensbewegung in Deutschland. Ihre Ursprünge gehen auf britische Kernwaffengegner der Kampagne für nukleare Abrüstung mit den „Aldermaston Marches“ in den 1950er Jahren zurück. The Guardian: Aldermaston marches and the Cuban missile Crisis (englisch), abgerufen am 31. Juli 2019
Hintergrund Die Anstöße für Marsch-Aktionen sind sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland von Friedensaktivisten der War Resisters’ International/Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK e. V.) ausgegangen.
Das britische Direct Action Committee Against Nuclear War engagierte sich in gewaltfreien Aktionen, „um den totalen Verzicht auf den Atomkrieg und seine Waffen als einen ersten Schritt zur Abrüstung durch Großbritannien und alle anderen Länder zu erreichen“ („to assist the conducting of non-violent direct action to obtain the total renunciation of nuclear war and its weapons by Britain and all other countries as a first step in disarmament“), und war Gründungsmitglied der britischen Campaign for Nuclear Disarmament (CND). Diese organisierte Ostern 1958 einen Marsch von London zum Kernforschungszentrum Aldermaston und mobilisierte dabei rund 10.000 Menschen gegen die nukleare Aufrüstung.Rolf Wiggershaus: „Ban the bomb“: Vor 50 Jahren fand in London der erste Ostermarsch gegen nukleare Aufrüstung statt, Deutschlandfunk, 7. April 2008, abgerufen am 17. Oktober 2020. Hieraus entwickelten sich solche Demonstrationsmärsche zu Ostern auch in anderen westeuropäischen Ländern. Lediglich in Deutschland haben diese unter dem Namen Ostermärsche eine bis heute regelmäßig jährlich stattfindende tradierte Ausdrucksform der Friedensbewegung entwickelt.
Ostermärsche in der Bundesrepublik Deutschland Anfänge mini|Ostermarsch 1960 von Hamburg nach Bergen-Hohne
Einen Vorläufer der Ostermärsche organisierte die hessische Naturfreundejugend 1959 aus Anlass ihres Landesjugendtreffens. Der Marsch, noch unter dem Motto Kampf dem Atomtod, führte von Hanau-Steinheim nach Offenbach am Main. Mitorganisator war der 1958 zum Landesjugendsekretär der hessischen Naturfreundejugend gewählte Klaus Vack, der von 1961 an acht Ostermärsche mitkonzipierte und organisierte.Klaus Vack: Das andere Deutschland nach 1945, S. 63–64
1960 wurden in der Bundesrepublik Deutschland die ersten Ostermärsche aus dem pazifistischen Aktionskreis für Gewaltlosigkeit heraus angeregt, nachdem Pressemeldungen den Beginn der Erprobung von Honest-John-Atomraketen auf dem Truppenübungsplatz Bergen gemeldet hatten. Konrad Tempel, wie seine spätere Frau Helga Stolle, befreundet mit Mitgliedern des Direct Action Committees und Quäker, konnte pazifistische Gruppen in Hamburg (siehe Foto), Bremen, Hannover und Braunschweig für einen norddeutschen mehrtägigen Sternmarsch gewinnen, der ein Schweigemarsch hinter einem Holzkreuz war.Wolfgang Gehrcke: Unser Marsch ist eine Gute Sache - Zur Geschichte der Ostermärsche, Zeitung gegen den Krieg Nr. 56 Frühjahr 2024, S. 2 Die Demonstration endete am Ostermontag 1960 mit rund 1200 Teilnehmern beim Truppenübungsplatz Bergen-Hohne. NDR TV: Drei Tage unterwegs: Die ersten Ostermärsche, abgerufen am 31. Juli 2019
Nach diesem ersten Ostermarsch kam es zu einem Treffen in Hannover, bei dem verabredet wurde, 1961 mehrere Ostermärsche in der Bundesrepublik zu organisieren.
Ostermärsche von 1960 bis 1970 mini|hochkant|Erstes deutsches Ostermarsch-Flugblatt mini|hochkant|Rückseite
Der damalige deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer erklärte am 5. April 1957 auf einer Pressekonferenz, die neue Generation von taktischen Nuklearwaffen sei „nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie. Selbstverständlich können wir nicht darauf verzichten, dass unsere Truppen auch in der normalen Bewaffnung die neueste Entwicklung mitmachen.“Konrad Adenauer: Erinnerungen 1955 1959. Stuttgart 1967, S. 296. Er bezog sich dabei auf eine neue militärische Doktrin des US-amerikanischen Verteidigungsministers Charles Erwin Wilson, der neben dem Einsatz strategischer Nuklearraketen („massive Vergeltung“) auch einen Einsatz taktischer Atombomben unterhalb der „Armageddon-Schwelle“ als eine strategische Option formuliert hatte („abgestufte Abschreckung“).
Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte von den USA den alleinigen Zugriff auf Atomsprengköpfe verlangt, die zum Abschuss durch Artillerie mit einer Reichweite von 15 bis 20 Kilometern geeignet waren. Diese Option versuchte die Adenauerregierung im Rahmen der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik durchzusetzen. Die Forderung wurde jedoch von den Alliierten, vor allem den USA, abgewiesen. Bis heute liegen atomare Sprengköpfe im Rahmen der Nuklearen Teilhabe gemeinsam bewacht von Deutschen und Amerikanern in Deutschland (Fliegerhorst Büchel). Deren Abzug ist eine Forderung der Friedensbewegung.
Gegen diese geplante Aufrüstung formierte sich, mit Unterstützung der SPD und der Gewerkschaften, die Kampagne Kampf dem Atomtod. Doch weder die breite Ablehnung innerhalb der Bevölkerung, noch die von den Kirchen, den Gewerkschaften und der SPD mitgetragenen Massenaktionen vermochten einen Aufrüstungsbeschluss des Bundestages am 25. März 1958 zu verhindern. Am 17. April 1958 fanden Demonstrationen in Bremen, Kiel, München, Mannheim, Dortmund Essen und Hamburg statt. In der Hansestadt standen die meisten städtischen Verkehrsmittel fast eine Stunde still, um ihren Mitarbeitern die Teilnahme zu ermöglichen. Im Anschluss an diese bis dahin größte politische Demonstration der Nachkriegszeit mit weit über 120.000 Teilnehmenden fand die erste deutsche „Mahnwache“ statt, mit der der Hamburger Aktionskreis für Gewaltlosigkeit 14 Tage und Nächte gegen die geplante Atombewaffnung protestierte (hier entstand der Begriff „Mahnwache“). Im Frühjahr 1958 erreichten die Massenkundgebungen insgesamt etwa 1,5 Millionen Teilnehmer. Die SPD zog sich jedoch aus der Kampagne zurück. Dieses politische Vakuum bildete den Nährboden für die sich entwickelnde Außerparlamentarische Opposition (APO), die 1961 erstmals bundesweit in Erscheinung trat.
Die Ostermärsche wurden von Anfang an als kommunistisch unterwanderte Veranstaltungen diffamiert und konnten meist nur unter teils schikanösen behördlichen Auflagen stattfinden. Was das bedeutete, beschrieb Klaus Vack am Beispiel des ersten hessischen Ostermarsches, der 1961 von Miltenberg nach Frankfurt führte.
Erster Sprecher der Kampagne war Konrad Tempel; ihm folgte 1964 Andreas Buro. Klaus Vack, der seit 1961 als Sekretär des Verbands der Kriegsdienstverweigerer von Offenbach aus die Organisation der Ostermärsche managte, wurde 1965 Sekretär des Zentralen Ausschusses der Ostermarsch-Bewegung. Er stand einer Bürogemeinschaft vor, in der die Naturfreundejugend Hessen, der Verband der Kriegsdienstverweigerer und die Kampagne für Abrüstung über lange Jahre hinweg zusammenarbeiteten. Diese verfügte über „drei Räume, Aktenordner, Karteikästen, eine Adrema, Telefon, Schreibmaschinen, Fax, Kopierer und einen legendären Rotaprint-Drucker. Und es hatte mit Klaus Vack einen politisch und organisatorisch versierten Sekretär – und mit seiner Frau Hanne die perfekte Büroleiterin. Wenn es nötig war, konnten sie auf viele freiwillige Helferinnen und Helfer zurückgreifen, vor allem aus dem Kreis der Offenbacher Naturfreunde.“Egon Becker: Das Sozialistische Büro – Ein unvollendetes Projekt? In: Barbara Klaus/Jürgen Feldhoff (Hrsg.): Politische Autonomie und wissenschaftliche Reflexion. Beiträge zum Lebenswerk von Arno Klönne. PapyRossa Verlag, Köln 2017, ISBN 978-3-89438-644-3, S. 161–182. (Auch Online auf researchgate.net) Dort wurden weiterhin klassische Protestkampagnen konzipiert und koordiniert, doch so, wie sich mit der Studentenbewegung neue Protestformen in Deutschland etablierten (Sit-ins, Go-ins, Teach-ins), so entstanden selbst im Umfeld der Ostermärsche neue „Aktionsformen, die auch den Gag nicht verschmähten und auf die Eroberung von Aufmerksamkeit gerichtet waren (Aktion »Volkssarg«, »BALD-Zeitung«, »Seid nett zu Springer, enteignet ihn jetzt« und ähnliche)“.Karl A. Otto: Gedenken an Arno Klönne
Der Protest richtete sich anfänglich ausschließlich „gegen atomare Kampfmittel jeder Art und jeder Nation“ in Ost und West. Aufgrund der Erfahrungen mit der Kampf-dem-Atomtod-Bewegung, und um eine Vereinnahmung durch Aktivisten von linken Organisationen zu verhindern, wurde in einem gemeinsamen Flugblatt das nötige „Vertrauen in die Macht des Einzelnen“ betont, damit „aus einer entschiedenen Minderheit eine kraftvolle Mehrheit“ werden könne. mini|Joan Baez beim Ostermarsch 1966 (rechts hinter ihr: Wolfgang Neuss; bei dem Mann neben ihr handelt es sich um den amerikanischen Friedensaktivisten Ira Sandperl) In den folgenden Jahren gingen an den Osterfeiertagen immer mehr Menschen an immer mehr Orten auf die Straße, um für ein Ende der atomaren Bewaffnung und des nuklearen Wettrüstens in beiden Lagern des Kalten Krieges zu demonstrieren. Bedeutende Persönlichkeiten wie Erich Kuby und Robert Jungk, der Bundestagsabgeordnete Arno Behrisch und der Theologe Martin Niemöller erklärten ihre Zustimmung, später kamen u. a. Ernst Rowohlt, Stefan Andres, Erich Kästner, Heinz Hilpert, Robert Scholl, Helmut Gollwitzer und Bertrand Russell dazu. Einen der Höhepunkte des Ostermarsches 1966 bildete die Teilnahme von Joan Baez.
Bereits von den ersten Osteraktionen an beteiligten sich an den Märschen neben Pazifisten Rüstungsgegner aus der Arbeiterbewegung und religiös motivierte Einzelne. Auch durch die folgende Kooperation verschiedener Strömungen und die lebhaften internen Diskussionen gelangte man zu immer konkreteren, politischen Forderungen (z. B. die Forderung nach atomwaffenfreien Zonen, entsprechend dem Rapacki-Plan). Dadurch wurde sie zu einer außerparlamentarischen Sammlungsbewegung, deren jährliche Teilnehmerzahl bis 1968 auf 300.000 stieg. Die Kampagne änderte ihren Namen von „Kampagne für Abrüstung“ (1963) zu „Kampagne für Demokratie und Abrüstung“ (1968). Typisch waren die Friedenslieder von Gerd Semmer und Fasia Jansen.
Buro schätzte das später wie folgt ein:
mini|Infostand mit Volkssärgen in Oberursel
Die Ostermarschbewegung engagierte sich schon früh im Widerstand gegen die Notstandsgesetze. Beispielhaft zählt hierzu die oben schon erwähnte Aktion »Volkssarg« im Jahr 1965. Die Aktion fand in Hanau, Oberursel und Offenbach statt, und ein vorbereitendes Flugblatt informierte die dortigen Bürger darüber, dass der Bundestag in einem Gesetz den Luftschutz wiederbelebt und darüber hinaus ein Gesetz über die Bereitstellung von Volkssärgen für den Verteidigungsfall (Bundessargbevorratungsgesetz) beschlossen habe. Die Bevölkerung wurde in dem Flugblatt aufgefordert, sich einen Volkssarg anzuschaffen, und solle sich vorab auf einer öffentlichen Volkssargausstellung über die amtlich geprüften Typen und deren richtige Verwendung informieren. In der Tat fanden dann zu den im Flugblatt angekündigten Terminen in den drei Orten öffentliche Präsentationen der Volkssärge statt.