mini|450px|Basierend auf Daten des IWF und der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2008. China sieht sich selbst auch 2025 noch als Schwellenland
Als Schwellenland (auch: Zweite Welt) werden speziell in der Entwicklungspolitik und Entwicklungstheorie jene Staaten bezeichnet, die sich im Prozess der Industrialisierung befinden und deshalb den Status als Entwicklungsland überwunden haben.
Allgemeines Schwellenländer oder „Zweite Welt“ bilden die zweite Stufe einer Rangordnung, zu der die „Erste Welt“, „Dritte Welt“ und „Vierte Welt“ gehören. Schwellenländer sind formal zwar noch Entwicklungsländer, die sich jedoch ökonomisch im Übergang vom Agrarstaat zum Industriestaat befinden und bei denen die Urproduktion zu Gunsten der Industrie sukzessive in den Hintergrund tritt.Friedrich Bock/Rolf-Dieter Reineke, Gabler Lexikon Unternehmensberatung, 2007, S. 406 Typische Merkmale sind ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum, verbesserte Entwicklungsindikatoren, stark wachsende Dienstleistungssektoren sowie höhere Sozialstandards. Gelegentlich wird ein solches Land auch als „“ bezeichnet, da es die typischen Strukturmerkmale eines Entwicklungslandes überwunden hat und im Begriff ist, sich von dieser Gruppe abzuheben.
Schwellenländer sind durch einen weitgehenden Umbau der Wirtschaftsstrukturen gekennzeichnet, der von der Agrarwirtschaft zur Industrialisierung führt. Schwellenländer sind meist geprägt durch einen starken Gegensatz zwischen Armut und Reichtum. Unterschiede zwischen konservativen Kräften und Parteien, die eine Modernisierung erreichen wollen, führen oft zu Spannungen. Auch im deutschen Sprachraum wird als Kennzeichen der Schwellenländer meist die rasche Industrialisierung genannt. Doch sind ihre ökonomischen Strukturen in einigen Fällen nicht mehr durch die Dominanz der Industrieproduktion, sondern durch einen stärker werdenden Dienstleistungssektor gekennzeichnet. Daher gibt es heute Bezeichnungen wie Important industrialized and developing economies ().
Geschichte Ursprünglich gehörten alle Schwellenländer zu den Entwicklungsländern.Christian Rittershofer, Lexikon Politik, Staat, Gesellschaft, 2007, S. 603 Vom ökonomischen Status der Entwicklungsländer konnten sich jedoch einige Länder wie Brasilien, Mexiko, Südafrika oder Südkorea lösen, weil bei ihnen die Industrialisierung erhebliche Fortschritte machte und die Weiterverarbeitung der im Land vorhandenen Rohstoffe der Urproduktion (Agrarprodukte, Bodenschätze, Holz, Speisefische) übernahm. Für diese entstand nach der Ölpreiskrise vom Oktober 1973 der Begriff der „Neuen industrialisierenden Länder“ ().Paweł Bożyk, Newly Industrialized Countries: Globalization and the Transformation of Foreign Economic Policy, Ashgate Publishing, 2006, S. 6 ff. Ab 1979 bezog sich der Begriff auch auf die asiatischen Tigerstaaten.
Schließlich entstand 1981 für die Schwellenländer der Begriff der „aufstrebenden Märkte“ (, auch ), vorgeschlagen von der Weltbank-Tochtergesellschaft Internationale Finanz-Corporation.Daniel Wilhelmi, Emerging Markets: Von den aufstrebenden Märkten profitieren, 2007, S. 15
Im November 2001 prägte Jim O’Neill – Chefvolkswirt der Großbank Goldman Sachs – die Abkürzung BRIC,Jim O’Neill, Building Better Global Economic BRICs, 2001, S. 1 ff. hinter der sich , , , und – als Erweiterung BRICS – auch seit April 2011 verbergen. Eine Erweiterung seit Januar 2024 erfasst , , , , und , 2025 kam hinzu.
Merkmale Es gibt keine verbindliche Definition der Merkmale von Schwellenländern.Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), Abruf am 16. November 2024. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) nennt als Beispiele für große Schwellenländer Brasilien, China, Indien, Indonesien, Mexiko und Südafrika, nicht jedoch Russland (2016). Ein Schwellenland weist in der Regel folgende wirtschaftliche Erfolge auf: Es werden überdurchschnittliche Wachstumsraten erzielt, die auch die Wachstumsraten der OWZE-Länder teilweise deutlich überschreiten. Die Länder entwickeln zumindest in einigen Segmenten die Breiten- und Tiefenstruktur der verarbeitenden Industrie bis zur Herstellung von Investitionsgütern und schaffen durch gezielte Investitionen in die materielle und soziale Infrastruktur, vor allem in Ausbildung von Humankapital, die Voraussetzung für Entwicklungssprünge. Es herrscht eine mit den OWZE-Ländern vergleichbare Arbeitsproduktivität bei allerdings deutlich niedrigerem Lohnniveau. Schwellenländer nutzen Marktnischen des Weltmarktes und setzen auf den Export von Fertigwaren – oft aber auch von Rohstoffen, beispielsweise Indonesien und Südafrika. Je nach Definition werden auch einige überwiegend Erdöl exportierende Länder wie Saudi-Arabien zu den Schwellenländern gezählt. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen wächst stark an. Es bildet sich eine breite Mittelschicht heraus. Am Beispiel des Stadtstaates Singapur (der von Schwellenländern umgeben ist) kann man typische Eigenschaften von Schwellenländern verdeutlichen. Singapur zieht langfristige Großinvestitionen z. B. in Shopping Malls, Chemiefabriken oder Raffinerien an, weil es mehr als Geld, Land und Steuernachlässe zu bieten hat: Qualifizierte Arbeiter, politische Berechenbarkeit, Sicherheit, Schutz des geistigen Eigentums, wenig Korruption und eine hohe Lebensqualität.FAZ (Christoph Hein, FAZ-Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur): Asien bekommt die Wirklichkeit zu spüren - vor allem in Südostasien, wo die Unsicherheit wächst und Aktien- und Wechselkurse zunehmend verfallen. All dies lässt in Schwellenländern zu wünschen übrig. Als eine Ursache für Spannungen und Probleme gilt ein starkes Bevölkerungswachstum.
Viele Währungen von Schwellenländern sind von einer hohen Inflation (teilweise Hyperinflation) sowie von starken Wechselkursschwankungen gegenüber den großen Weltwährungen gekennzeichnet.
Die sozialen Entwicklungsindikatoren der Schwellenländer wie Alphabetisierungsrate, Säuglingssterblichkeit, Entwicklung einer Zivilgesellschaft oder Umweltschutz hinken den wirtschaftlichen Fortschritten oft hinterher, doch steigt die Lebenserwartung infolge verbesserten Zugangs zu medizinischer Versorgung.So liegt die Lebenserwartung in China oder Brasilien leicht über der in EU-Mitgliedstaaten wie Rumänien, Bulgarien oder Lettland.
Liste von Ländern mini|hochkant=1.5|Länder nach Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (kaufkraftbereinigt) 2017 mini|hochkant=1.5|OWZE-Staaten, 2010 Von verschiedenen Institutionen (zum Beispiel Weltbank, OWZE, IWF und EG) wurden in den letzten Jahrzehnten Listen mit Schwellenländern erstellt. Eine verbindliche Liste der Schwellenländer gibt es nicht, ihre Zahl schwankt je nach Liste zwischen 10 und 55.
Eine verbindliche Übersetzung in die englische Sprache gibt es ebenfalls nicht; es gibt mehrere englische Begriffe, die mit 'Schwellenland' übersetzt werden können (emerging nation, newly industrialising country, threshold country, emerging market).
Allgemeingültige, messbare und akzeptierte Normen fehlen. Die Weltbank kategorisiert 55 Länder als ‚Schwellenländer‘ (The World Bank - Country Groups), darunter Südafrika, Mexiko, Brasilien, Malaysia, Ukraine, Russland und die Türkei. Der Internationale Währungsfonds (IWF) kategorisiert 150 Länder als ‚Schwellenländer‘ (, Stand 2010International Monetary Fund - Country Groups Information), darunter Südafrika, Mexiko, Brasilien, Pakistan, die Volksrepublik China, Indien, die Philippinen, Thailand, Malaysia, Äthiopien, Ungarn, Polen, Litauen, Ukraine, Russland und die Türkei. Die Weltbank rechnet China jedoch zu den upper-middle-income countries.China Economic Update auf worldbank.org, Juni 2025
Oft werden auch die BRICS-Staaten sowie die MIST-Staaten (ein von Jim O’Neill analog zu BRICS-Staaten geprägter Begriff für Mexiko, Indonesien, Südkorea und die Türkei)In Verbindung mit einer Investitionsempfehlung für Finanzprodukte, die zum größten Teil von Goldman Sachs gemanagt werden, siehe Handelsblatt vom 21. August 2012: Die Anlagestrategie ist MIST, online: handelsblatt.com zusammenfassend als Schwellenländer bezeichnet.
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und die Europäische Union unternahmen gemeinsam den Versuch, auch soziale und politische Indikatoren zur Bestimmung von Schwellenländern durchzusetzen. Der Versuch wurde auf internationaler Ebene abgewiesen. Daraufhin zog das BMZ seine 30 Schwellenländer umfassende Liste, die unter anderem auch Ecuador und Nicaragua enthielt, wieder zurück.
Einteilung Die Bezeichnungen „Zweite Welt“, „Dritte Welt“ oder „Vierte Welt“ sind sozialökonomische und geodeterministische Einteilungen von Regionen auf der Makroebene.
Die Bruttonationaleinkommenkategorisierung der Weltbank differenziert für 2024 die Pro-Kopf-Einkommen () nach dem Bruttonationaleinkommen der Einwohnerzahl (), das in vier Länderkategorien gestaffelt ist:World Bank (Hrsg.), World Bank Country and Lending Groups, 2023 .
Daraus entwickelte sie folgende Klassifizierungen, aus denen auch die „vier Welten“ abgelesen werden können:
Klassifizierung der Weltbank in US-Dollar pro Kopf und Jahr Low Income Country ≤ 1135 Lower Middle Income Country 1136 bis 4465 Upper Middle Income Country 4466 bis 13845 High Income Country > 13846
Die Schwellenländer gehören in die Kategorie Upper Middle Income Country. Trotz teilweise hohem, temporärem Wirtschaftswachstum ist das Wohlstandsgefälle in keinem Kontinent so groß wie in Asien. Spitzenreiter und werden gefolgt von den reichen Stadtstaaten und , während auf der untersten Stufe , oder stehen.Peter Janocha, Asiens Märkte erfolgreich erschließen, 1998, S. 6
Für Dieter Senghaas ist die Welt – trotz aller Globalisierungstendenzen – in vier Teilwelten mit unterschiedlichen Integrations- und Kompetenzniveaus gespalten:Gert Krell/Peter Schlotter, Weltbilder und Weltordnung, 2018, S. 44
Klassifizierung Staat Bruttonationaleinkommen pro Kopf jährlich in US-Dollar „Erste Welt“ OECD-Mitgliedstaaten > 13.846 „Neue Zweite Welt“ Ostasien: (, ) Osteuropa: , , , , , , Südamerika: , , 4466 bis 13845 „Dritte Welt“ , , , 1136 bis 4465 „Vierte Welt“ , , , , , , , , ≤ 1135
Der weitaus größte Teil aller Staaten weltweit (193) gehört zur zweiten bis vierten Welt (155 oder 80 %).
Schwellenmärkte Ökonomen und Investoren bezeichnen Schwellenländer als Schwellenmärkte (). Je nach Sichtweise ist damit im Schwellenland die gesamte Volkswirtschaft gemeint oder nur ein Teilbereich wie der Güter oder der Aktienmarkt. Merkmale der Schwellenmärkte sind die hohe Wachstumsdynamik aufgrund nachzuholender Industrialisierung und/oder hoher Rohstoffexporte, hohe Renditen und hohe Investitionen. Dieser Investitionsboom und die Industrialisierung der Schwellenländer dämpften in der Finanzkrise ab 2007 bis 2010 die Folgen der Finanzkrise für die Realwirtschaft (vor allem für die Investitionsgüterindustrie) in den USA und Europa. 2014 zeichnete sich ab, dass diese Dynamik ihre Grenzen hat und vor allem China auf lange Sicht nicht mehr als „Lokomotive der Weltwirtschaft“ dient. Nach Abklingen des Booms rückt danach die zweite Reihe, die sogenannten Grenzmärkte () ins Zentrum der Interesse der Investoren. Dazu zählen beispielsweise Vietnam, Bangladesch und viele afrikanische Staaten.
Wachstumsmodelle und Staatseingriff