mini|Das deutsche Zentralamerikanische Geschwader vor Corinto in Nicaragua im März 1878, während der Eisenstuck-Affäre. Von links SMS Leipzig, SMS Elisabeth und SMS Ariadne mini|Landungskommando der britischen Korvette Comus mit Landungsgeschütz mini|Flusskanonenboot Otter um 1909 bei einer Probefahrt auf der Weser. Das Boot führt noch die National- und nicht die Reichskriegsflagge Als Kanonenbootpolitik, Kanonenbootdiplomatie oder Flottendemonstration bezeichnet man das Vorgehen von Seemächten gegenüber kleineren Mächten zur Durchsetzung eigener Interessen mittels eines oder mehrerer Kriegsschiffe. Sie war ein gängiges Mittel der Machtprojektion, vor allem zur Blütezeit des Imperialismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts vor dem Ersten Weltkrieg. Die Kanonenbootpolitik diente neben der Durchsetzung von Wirtschafts- und Machtinteressen auch dem Eintreiben von Forderungen und dem Schutz eigener Bürger – letzteres Argument diente bisweilen nur als Vorwand; es sollte den Kanonenboot-Einsatz legitimieren.

Häufig wurden für diese Aufgaben Kanonenboote eingesetzt: kleinere Kriegsschiffe, die auf Grund ihres geringen Tiefganges bis nahe an die Küste heranfahren und auch in Flüsse hineinfahren konnten, und so mit ihrer Geschützbewaffnung unmittelbar gegen zivile oder militärisch schwach gesicherte Ziele wie Hafenanlagen und Küstenorte eines Gegners Wirkung erzielen konnten. Die meisten Kriegsschiffe waren außerdem in der Lage, aus der Besatzung kleine Landungskommandos zu bilden.

Nach 1945 erlebte die Kanonenbootpolitik eine späte Neuauflage, etwa in Fällen, in denen langjährige Kolonialmächte im Rahmen der Dekolonisation unhaltbar gewordene Positionen und Einflusszonen nicht ohne weiteres räumen wollten.

Das Gegenteil der Kanonenbootpolitik ist die Scheckbuchdiplomatie.

Ursachen und Möglichkeiten Im 19. Jahrhundert war die Durchsetzung europäischer und US-amerikanischer Machtinteressen in Übersee mit militärischer Gewalt oder der Drohung mit solcher eine übliche Form der Machtausübung. Man unterscheidet zwei Phasen des Imperialismus: die des Frühimperialismus von etwa 1815 bis 1870 und die des Hochimperialismus von 1870 bis 1914. Dafür gab es verschiedene Motive.

Einer der Schwerpunkte der Kanonenbootpolitik war Lateinamerika und hier vor allem Mittelamerika. Nach der Unabhängigkeit von Spanien und Portugal entstanden zunächst größere Staatsgebilde wie zum Beispiel die Zentralamerikanische Konföderation zwischen 1823 und 1838 oder Großkolumbien von 1819 bis 1830; diese zerfielen nach und nach in Einzelstaaten. Interne Auseinandersetzungen führten zu einer Anzahl von Bürgerkriegen und Staatsstreichen. In diesen Gebieten konnte sich deshalb über längere Zeit keine zuverlässige und außenpolitisch verantwortliche Staatsgewalt etablieren. In dieses Machtvakuum stieß die von den USA verfolgte Monroe-Doktrin.

Zugleich war Lateinamerika ein wichtiger überseeischer Handelspartner insbesondere für diejenigen Nationen geworden, die keinen eigenen Kolonialbesitz hatten, wie z. B. die Vereinigten Staaten und Deutschland bis 1884. Viele europäische Auswanderer und Geschäftsleute ließen sich dort nieder. Diese Ausländer bedurften des Schutzes durch ihre Heimatländer, um in einer Situation großer Rechtsunsicherheit in schwach entwickelten Staatswesen ihre Existenz zu sichern. Ihr Status war vom Ansehen und der militärischen Macht ihres Landes abhängig. Mächte, die in der Region über Stützpunkte verfügten, gingen dazu über, ihre Seestreitkräfte zum Schutz ihrer Bürger und zum Eintreiben finanzieller Forderungen einzusetzen.

Ein weiterer Grund für die militärische Diplomatie war das Fehlen anderer diplomatischer Kanäle, wie sie sich im 20. Jahrhundert entwickelt haben. Viele der außereuropäischen Staaten unterhielten keine diplomatischen Beziehungen zu europäischen Ländern, Peru unterhielt etwa 1875 überhaupt keine diplomatischen Beziehungen mit dem Ausland. Auch bestanden noch keine Telegrafenverbindungen oder ähnliche schnelle Kommunikationsmittel, die bei der Streitschlichtung zwischen Staaten hätten hilfreich sein können. Überstaatliche Institutionen wie der Völkerbund oder die Vereinten Nationen wurden erst viel später gegründet.

Schließlich war das Verständnis des Völkerrechts anders entwickelt als im 20. Jahrhundert und 21. Jahrhundert. Der Einsatz militärischer Mittel zur Durchsetzung nationaler Interessen galt als legitim. Der nationale Ehrbegriff erforderte Sanktionen bei Respektlosigkeit kleiner Mächte.

Zudem wurde die Kanonenbootpolitik erleichtert durch die im Zuge von Industrialisierung und Forschung waffentechnischen Entwicklungen; genannt seien: Der Übergang zum gezogenen Geschütz um 1860 ermöglichte treffgenaues Schießen über eine größere Entfernung. Außerdem konnten aus gezogenen Rohren Langgeschosse statt ungenauer Kugeln eingesetzt werden. Dadurch stiegen bei gleichem Kaliber das Gewicht des Geschosses und damit Durchschlagskraft und Trefferwirkung sowie die Schussweite. Die Schwarzpulverfüllung von Granaten wurde durch wirkungsvollere Sprengstoffe ersetzt. Seit dem Aufkommen dieser Brisanzgranate konnten Schiffsgeschütze sehr viel mehr Schaden verursachen als zuvor. Die beim Aufprall explodierenden Granaten schleuderten Metallsplitter mit mehr Wucht in ein größeres Umfeld. Etwa gleichzeitig kamen auch Schnellfeuergeschütze mittlerer Kaliber für Schiffe auf. Damit konnte man auf kurze bis mittlere Gefechtsentfernungen eine große zerstörerische Wirkung auf ungepanzerte oder schwach gepanzerte Teile erzielen. Die Einführung langsam abbrennenden Pulvers ab 1880 ermöglichte nochmals größere Treibladungen. Da der langsamere Abbrand der Treibladung längere Geschützrohre sinnvoll machte, stiegen die Kaliberlängen von etwa L/15 auf L/30 bis L/40. Die Qualität der Geschosse wurde verbessert. Um eine bessere panzerbrechende Wirkung zu erreichen, wurden sie ab 1868 aus Hartguss der Grusonwerke, dann aus Stahl hergestellt.

Beispiele der Kanonenbootpolitik Vereinigtes Königreich Die Royal Navy war aktives Instrument der Kanonenbootpolitik, zum Beispiel bei der Durchsetzung britischer Interessen gegen Griechenland beim so genannten Don-Pacifico-Vorfall 1850 in Piräus.

Uruguay und Brasilien 1828 Brasilien, welches sich in einem bewaffneten Konflikt mit den Separatisten in Uruguay befand, beschloss nach vielen entscheidungslosen Kämpfen, eine Seeblockade vor dem Río de la Plata durchzuführen, um die Separatisten vom Handel abzuschneiden. Davon jedoch sah Großbritannien seine Handelsinteressen bedroht und nutzte die Kanonenbootpolitik, um Brasilien zu einem Frieden mit den Aufständischen zu zwingen. Als Brasilien die Gefahr durch britische Kanonenboote erkennen musste, lenkte es ein und akzeptierte den Frieden von Rio de Janeiro. Dieser Frieden schuf einen neuen, unabhängigen Staat: Uruguay.

Honduras 1849 Am 4. Oktober 1849 besetzten britische Marine-Infanteristen den Hafen von Trujillo in Honduras, um eine Forderung an die honduranische Regierung in Höhe von 100.000 US-Dollar einzutreiben.

Venezuela 1850 1849 wurde das Gesetz über Wartezeit und Ansiedlung geändert, was sich auf ausländische Investitionen in Venezuela auswirkte. 1850 trafen Schiffe des britischen Westindien-Geschwaders in Begleitung einer niederländischen Fregatte im Land ein und forderten Entschädigung für die ihren Landsleuten durch das Gesetz entstandenen Schäden. Andernfalls drohten sie mit der Blockade der Häfen von La Guaira und Puerto Cabello. Nach einer sechsmonatigen Blockade willigte die Regierung in die Unterzeichnung eines Vertrags ein, in dem sich der Staat zur Übernahme der Schulden verpflichtete.

Japan 1865 Kagoshima war auch ein Zentrum der Anti-Tokugawa-Shogunat-Stimmung. Während der Bakumatsu-Zeit wurde Kagoshima 1863 von der britischen Royal Navy bombardiert, um den Daimyō des Satsuma-Lehens für den Mord an Namamugi auf der Tōkaidō-Straße im Vorjahr und dessen Weigerung, eine Entschädigung zu zahlen, zu bestrafen.

Haiti 1865 mini|Die britische Sloop HMS Bulldog im Gefecht vor Cap Haitien am 23. Oktober 1865 Am 23. Oktober intervenierte Großbritannien im haitianischen Bürgerkrieg und zerstörte im Hafen von Cap Haitien mehrere haitianische Kanonenboote. Dabei geriet die Sloop HMS Bulldog auf Grund und wurde nach einem vergeblichen Abschleppversuch durch USS De Soto von der Besatzung verlassen und in Brand gesetzt.

Honduras 1873 Am 19. August bombardierte ein britisches Kriegsschiff als Repressalie den Hafen von Omoa wegen der Plünderung britischen Eigentums.

Nicaragua 1895 Am 27. April 1895 besetzten britische Marineeinheiten das Zollhaus von Corinto, um finanzielle Forderungen an die nicaraguanische Regierung einzutreiben.

Sansibar 1896 mini|Der von britischen Kriegsschiffen bombardierte Sultanspalast von Sansibar (1896)

Der anglo-sansibarische Konflikt brach aus, nachdem der probritische Sultan Hamad bin Thuwaini plötzlich verstorben war und sein Cousin, Khālid bin Barghash, ohne britische Zustimmung den Thron bestieg. Die britischen Behörden bevorzugten Hamud bin Muhammed, der ihnen wohlgesonnener war, als Herrscher. Gemäß einem 1886 unterzeichneten Vertrag war eine Bedingung für die Thronbesteigung die Zustimmung des britischen Konsuls, und Khalid hatte diese Voraussetzung nicht erfüllt. Die Briten reagierten. Am 27. August 1896 bombardierten britische Marineeinheiten den Sultanspalast des Sultanats Sansibar. Der sogenannte Britisch-Sansibarische Krieg ging mit 38 Minuten als kürzester Krieg der Weltgeschichte in das Guinness-Buch der Rekorde ein.

Venezuela 1902–1903 mini|Schiffe der deutschen ostamerikanischen Kreuzerdivision (links: Panther, rechts: Flaggschiff Vineta) während der Blockade Venezuelas 1902. Zeichnung von Willy Stöver. mini|Großbritannien und Deutschland „rupfen“ Venezuela, während Uncle Sam aufmerksam zuschaut. Karikatur aus dem New York Herald, Januar 1903 Die Venezuela-Krise in den Jahren 1902/03 war eine diplomatische und militärische Auseinandersetzung zwischen Venezuela einerseits und dem Deutschen Reich, Großbritannien und dem Königreich Italien. 1899 und erneut am 1. März 1902 erklärte Präsident Cipriano Castro die Aussetzung der Auslandsschulden Venezuelas. Dies war der Kriegsgrund für die Intervention. andererseits, zugleich aber auch Indikator und Austragungsfeld weltpolitischer Gegensätze zwischen den imperialistischen Mächten, insbesondere zwischen Deutschland und den USA. Daneben steht sie für eine besondere, zwischen dem endgültigen Scheitern der deutsch-britischen Bündnisverhandlungen 1901Siehe dazu Friedrich Meinecke: Geschichte des deutsch-englischen Bündnisproblems 1890–1901. Oldenbourg, München / Berlin 1927, , S. 177–228. und dem Beginn der britisch-französischen Annäherung 1902/1903 – der „revolutionären Wende im internationalen Staatensystem“John C. Röhl: Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund 1900–1941. München 2008, ISBN 978-3-406-57779-6, S. 283. – liegende Etappe deutsch-britischer Beziehungen.

Russland 1919–1921 Nach dem Waffenstillstand mit dem Deutschen Reich am 11. November 1918 entsandte das Empire einen bis zu 90 Schiffe umfassenden Flottenverband in die nordöstliche Ostsee. Ziel war die Minderung deutschen Einflusses im Baltikum sowie die Verhinderung der Übernahme der neu gegründeten Staaten Estland, Lettland und Litauen durch die Bolschewiki. Höhepunkt dieser maritimen Intervention war die Seeschlacht vor Petrograd am 17. und 18. August 1919. Ein britischer Motorschnellbootverband und Flugzeuge des Trägers HMS Vindictive griffen sowjetrussische Flotteneinheiten an. Durch Torpedotreffer sanken die Linienschiffe Andrej Perwoswanny und Petropawlowsk in flachen Gewässern auf Grund, das U-Boot-Mutterschiff Pamjat Asowa und ein Depotschiff wurden vernichtet. Die Royal Navy verlor drei Motorschnellboote.