mini|hochkant|Jérôme Bonaparte als König von Westphalen, Porträt von François Gérard, 1811rahmenlos|centre|128px|Signatur Jérômes

Jérôme Bonaparte (* 15. November 1784 in Ajaccio; † 24. Juni 1860 im Château de Vilgénis, Massy), ursprünglich Girolamo Buonaparte, war der jüngste Bruder Napoleon Bonapartes. Von 1807 bis 1813 war er König von Westphalen, sein offizieller Königsname dort war Jérôme Napoleon (JN) bzw. Hieronymus Napoleon (HN).

Im Zweiten Kaiserreich seines Neffen Napoleon III. war er von 1852 bis zur Geburt von dessen Sohn 1856 (dem Prince Impérial) als Prince français präsumtiver Thronfolger und Präsident des Senats.

Jérôme ist der Stammvater der einzigen heute noch im Mannesstamm bestehenden Linie der Familie Bonaparte.

Leben bis zum Herrschaftsantritt (1784–1807) Herkunft Als zwölftes Kind des Carlo Buonaparte und dessen Ehefrau Laetitia Ramolino wurde Jérôme Buonaparte am 15. November 1784 in eine Familie hineingeboren, die dem korsischen Adel angehörte und einen bescheidenen Wohlstand genoss. Die führenden Adelsfamilien Korsikas, zu denen auch die Buonaparte gehörten, standen in einem engen Konkurrenzverhältnis zueinander, vor allem gegenüber dem Revolutionär Pasquale Paoli, der einen gescheiterten korsischen Unabhängigkeitskampf zuerst gegen die Republik Genua und dann gegen das Königreich Frankreich angeführt hatte. Er fühlte sich auch nach der französischen Niederschlagung des Aufstandes im Jahr 1769 als der eigentliche Herrscher Korsikas. Da Carlo Buonaparte nur wenige Wochen nach der Geburt Jérômes starb, wurde er hauptsächlich von der Mutter und Großmutter aufgezogen. Seine 16 und 15 Jahre älteren Brüder Joseph und Napoleon Bonaparte übernahmen ihm gegenüber die Rollen von Ersatzvätern. Sie kümmerten sich in der Folge um die Erziehung und Ausbildung Jérômes. Als in Paris im Jahr 1789 die Französische Revolution ausbrach, hielt sich der 5-jährige Jérôme im Gegensatz zu Napoleon noch auf Korsika auf und konnte die epochalen Umwälzungen in der Ferne nicht einordnen. Weit mehr geprägt haben wird ihn die Erfahrung der Flucht vor den Anhängern Pasquale Paolis am 13. Juni 1793. Als sich Lucien Bonaparte in einem Brief rühmte, dass die Familie Bonaparte für die vom französischen Nationalkonvent angeordnete Verhaftung „des Feindes“ Paolis verantwortlich sei, verwüsteten dessen Anhänger das Haus der Bonaparte. Dem jungen Jérôme muss bewusst geworden sein, dass er Teil eines auf Korsika tief verwurzelten Familienclans war. Mit dem Aufstieg Napoleons begann Jérôme, eine tiefe Bewunderung für seinen älteren Bruder zu entwickeln, die er sein ganzes Leben lang beibehalten sollte.

Ausbildung mini|hochkant|Jérôme, Porträt von Sophie Lienard Napoleon schickte seinen jüngeren Bruder 1795 nach Saint-Germain en Laye bei Paris, wo er in einem Erziehungsinternat von dem Iren Mac Dermott unterrichtet wurde. Den Lehrern gelang es jedoch nicht, das Temperament Jérômes zu zügeln. Statt den Unterricht zu besuchen, verbrachte er seine Zeit häufig in Paris, um sich zu amüsieren. Im Frühjahr 1797 eilte er in die Lombardei, wo es dem Feldherrn Napoleon innerhalb eines Jahres gelang, Italien zu unterwerfen. Napoleon sah in seinem jüngsten Bruder einen zwar undisziplinierten und verschwenderischen, aber dennoch treu zu ihm haltenden Menschen. Zurück in Paris sorgte er dafür, dass Jérôme das Collège de Juilly besuchte. Während Napoleon zu seinem Ägyptenfeldzug aufbrach, betraute er 1798 seinen älteren Bruder Joseph Bonaparte mit der Aufsicht. An dem Militärputsch des 18. Brumaire VIII, durch den Napoleon zu einem mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteten „Ersten Konsul“ aufstieg, durfte sich Jérôme nicht beteiligen, da ihn Napoleon für zu jung erachtete.

Jérôme im Garderegiment und in der Marine Um die Disziplin des 16-Jährigen zu fördern, befahl Napoleon, Jérôme als Leutnant in sein Garderegiment eintreten zu lassen. Im Streit um eine Frau forderte Jérôme dort jedoch einen Offizier der Garde, den Bruder des zukünftigen Marschalls Davout, zum Duell heraus und handelte sich eine Kugel im Brustbein ein. Mit viel Glück überlebte er die Verletzung. Napoleon tobte über diesen Akt des Ungehorsams, beschloss hart durchzugreifen, und steckte Jérôme in die Kriegsmarine. Für diese Entscheidung Napoleons sprach auch, dass die französische Armee zwar auf dem europäischen Kontinent bereits große Erfolge errungen hatte, allerdings noch nicht auf den Ozeanen gegen Großbritannien. Wenn er seine Brüder zu Stützen seiner Herrschaft aufbauen wollte, musste er dafür sorgen, dass sie sich wie er durch militärische Erfolge Legitimation verschafften. Jérôme enttäuschte jedoch die in ihn gesetzten Hoffnungen seines Bruders. Er begab sich auf Inspektionsreise in Kolonien auf dem nordamerikanischen Kontinent. Seine Schiffsbesatzung ließ er dabei zurück und reiste schließlich 1803 in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er in Baltimore Bekanntschaft mit der wohlhabenden Kaufmannstochter Elizabeth Patterson machte.

Erste Heirat hochkant|mini|Elizabeth Patterson, Porträt von Gilbert Stuart 1804 Weihnachten 1803 ließen sich Jérôme und Elisabeth durch den Bischof von Baltimore trauen. Napoleon erkannte die Ehe jedoch nicht an, da er aus machtpolitischen Motiven Jérôme mit einer Frau aus einer der europäischen Dynastien verheiraten wollte. Um Napoleon umzustimmen, gab Jérôme eine Reihe von Porträts in Auftrag, die ihn und seine Ehefrau abbildeten, aber nie vollständig fertiggestellt wurden. Trotz der Ermahnungen Napoleons kehrte Jérôme erst 1805 nach Frankreich zurück. Der bereits schwangeren Elizabeth wurde verboten, das Schiff zu verlassen, sodass sie notgedrungen nach London ausweichen musste. Jérôme verpflichtete sich, die Ehe zu annullieren. Sein erster Sohn Jérôme Napoléon Bonaparte wurde Stammvater der Linie Bonaparte-Patterson.

Brieflich versicherte Jérôme seiner Frau, sie, sobald Napoleon ihm verziehen hätte, unverzüglich nach Frankreich nachzuholen. Er willigte daher in das nächste militärische Unternehmen ein, das ihm Napoleon befahl. Am 2. Juni 1805 schrieb Napoleon an Jérôme:

Jérôme übernahm das Kommando über die Fregatte Pomone. Bei der Fahrt nach Algier gelang es ihm, französische und italienische Gefangene mit 450.000 Francs von Piraten freizukaufen. Später ließ er deren „Befreiung“ in Gemälden und einer Theateraufführung propagandistisch überhöhen.

Ende 1805 ernannte Napoleon seinen Bruder zum Kommandanten über das Linienschiff Vétéran, welches mit 74 Kanonen und einer erfahrenen Besatzung ausgestattet war. Bei der Mission zur südatlantischen Insel Sankt Helena gelang es, sieben britische Schiffe zu kapern. Insgesamt konnte Jérôme den britischen Fregatten jedoch nichts entgegensetzen. Den Großteil der Expedition befand er sich auf der Flucht vor der Royal Navy. Mit der Niederlage in der Schlacht von Trafalgar, an der Jerome nicht beteiligt war, wurden Napoleons maritime Ambitionen ohnehin obsolet. Auch wenn Jérôme von Napoleon am Ende seiner Laufbahn bei der Marine nicht die erhoffte Erlaubnis erhielt, Elizabeth nachzuholen, wurde er immerhin für seine Bemühungen im September 1805 zum kaiserlichen Prinzen ernannt und in die Thronfolgeregelung aufgenommen.

Zweite Heirat und Vierter Koalitionskrieg mini|hochkant|Jérôme und Katharina von Württemberg als König und Königin des Königreichs Westphalen, Porträt von Sebastian Weygandt Für die Errichtung einer dauerhaften Erbmonarchie war Napoleon darauf angewiesen, seine Familienmitglieder in das System der alten europäischen Dynastien einheiraten zu lassen. Nur dann konnte er seinen Status als Usurpator ablegen. Durch eine Heirat Jérômes mit der Tochter des württembergischen Königs Friedrich I., und damit in eines der ältesten Fürstenhäuser Europas, hoffte Napoleon seiner Herrschaft doch noch historische Legitimation zu verleihen. Gleichzeitig wollte er das Königreich Württemberg auf diese Weise bündnispolitisch eng an sich binden. Jérômes Befinden hinsichtlich einer Beziehung spielten für Napoleon keine Rolle. Noch Jahre später ließ Jérôme ein Porträt von Elizabeth Patterson anfertigen – ein Indiz dafür, dass er noch immer nicht mit seiner ersten Liebe abgeschlossen hatte. Napoleon aber brachte über Jérômes Kopf hinweg im Januar 1806 bei seinem Besuch in Stuttgart eine Eheverbindung zwischen Katharina von Württemberg und Jérôme ins Gespräch. König Friedrich I. zeigte sich diesem Plan nicht abgeneigt und stimmte im Februar 1806 zu. Die am 9. September 1806 auf Oktober 1806 angesetzte Heirat musste jedoch aufgrund des Ausbruchs des Vierten Koalitionskrieges verschoben werden.Paul Sauer: Der Schwäbische Zar. In: Das Königreich Württemberg: 1806–1918 Monarchie und Moderne. Thorbecke, Ulm 2006, ISBN 3-7995-0221-1, S. 294.

Napoleon nahm Jérôme auf seinen Feldzug gegen Preußen mit. Der Waffengang kam für den französischen Kaiser nicht ungelegen, denn Preußen und dessen verbündete Staaten in Mittel- und Norddeutschland waren noch nicht bereit gewesen, dem französischen Bündnissystem, dem Rheinbund, beizutreten. Aus den Teilen der nord- und mitteldeutschen Fürstentümer plante Napoleon bereits die Formung eines neuen Königreichs, das er Jérôme übergeben wollte. Um Jérômes Einsetzung als König zu rechtfertigen, sollte ihm eine Rolle beim militärischen Sieg über Preußen zugestanden werden können. Daher ernannte Napoleon ihn zum General und unterstellte ihm eine württembergische und zwei bayerische Divisionen, mit denen er das preußische Schlesien erobern sollte. Für die Sicherstellung des Erfolges der Operation wurden Jérôme erfahrene Offiziere wie beispielsweise Dominique Joseph Vandamme zur Seite gestellt. Am 8. Januar 1807 nahm Jérôme tatsächlich die Kapitulation der Festungen Glogau und Breslau entgegen. Jérôme äußerte sich gegenüber Napoleon dennoch unzufrieden, da er an der eigentlich kriegsentscheidenden Schlacht bei Jena und Auerstedt nicht hatte teilnehmen dürfen.

König von Westphalen (1807–1813) mini|Jérôme als König (um 1810) mini|hochkant|Wappen des Königreichs Westphalen mini|hochkant|Goldmünze des Königreichs Westphalen mit dem Bild Jérômes Im Zuge der französischen Expansionspolitik, die sich nach 1804 auch auf die rechtsrheinischen deutschen Länder ausweitete, errichtete Napoleon per Edikt neue, Frankreich gegenüber loyale Staaten. Deren höchste Repräsentanten und oberste Administratoren waren überwiegend ergebene Vertraute oder Verwandte des Kaisers („gekrönte Präfekten“).

So wurde für Jérôme nach dem Frieden von Tilsit (1807) aus dem ehemaligen Herzogtum Braunschweig, Kurfürstentum Hessen und vormals hannoverschen und preußischen Gebietsteilen das Königreich Westphalen geschaffen. Kassel, bisher Residenz der Kurfürsten von Hessen-Kassel, wurde zur Hauptstadt bestimmt, und von hier aus herrschte König Jérôme (Hieronymus). Nachdem das von Jérôme und seinem Hofstaat bewohnte Kasseler Stadtschloss der Kurfürsten und Landgrafen von Hessen 1811 abgebrannt war, residierte er im Schloss Bellevue. Der Hofstaat nutzte auch das Schloss Wilhelmshöhe im Bergpark, das während der Herrschaft Napoleons „Napoleonshöhe“ hieß.

Der König wurde von den Bürgern Kassels als „König Lustig“ oder auch „König Lustik“ bezeichnet, da sich seine deutschen Sprachkenntnisse in den Sätzen „Morgen wieder lustig!“ und „lustik, lustik demain encore lustik“ erschöpft haben sollen; dieser Name soll darüber hinaus auch seinen Regierungsstil charakterisiert haben. Sein Vorname hat sich verballhornt im nordhessischen Dialekt als Bezeichnung für einen Schalk oder Schürzenjäger gehalten („Schrohm“). Jérôme steht aber auch für das erste moderne Parlament auf deutschem Boden, 1810 im Fridericianum als Palast der Stände eingerichtet, für das Gesetzbuch Code civil (u. a. in Kassel in deutscher Sprache gedruckt) und für die älteste deutsche Verfassung, die Constitution. Jérôme bekam mit Katharina von Württemberg drei Kinder.