Issachar Berend Lehmann, Berend Lehmann, Jissachar Bermann Segal, Jissachar ben Jehuda haLevi, Berman Halberstadt (geboren am 23. April 1661 in Essen; gestorben am 9. Juli 1730 in Halberstadt) handelte in Luxusgütern, war Bankier, Münzagent, Heereslieferant sowie Verhandlungsdiplomat und wirkte als Hoffaktor hauptsächlich für August den Starken. Dank seines vielseitigen Wirkens, seines zeitweiligen Reichtums, seiner Privilegien und seines sozialen und kulturellen Engagements war er um 1700 eine in Mittel- und Osteuropa berühmte jüdische Autoritätsperson.
Name Lehmanns biblisch-hebräischen Eigennamen Jissachar (Issachar) assoziierten Juden traditionell mit dem Symboltier Bär; er wurde deshalb als Bärmann im Jiddischen nachgebildet. Hochdeutsch wurde daraus Berend. Sein Vater hieß hebräisch Jehuda, dessen biblisches Symboltier der Löwe ist, jiddisch deshalb Lema oder Lima (Löwenmann). Weiter eingedeutscht wurde daraus Lehmann. Also: Bärmann, Sohn des Löwenmannes; der Zusatz haLevi bzw. Segal bedeutet: zur religiösen Elite der Priestergehilfen (Leviten) gehörend.
Leben Herkunft und Ausbildung Lehmanns Vater gehörte in Essen zur jüdischen Oberschicht, aus der auch sein in Bochum geborener, später in Hannover etablierter Schwager stammte, der Hofjude Leffmann Behrens.Bernd-Wilhelm Linnemeier: Eines Rätsels Lösung – Zur westfälischen Herkunft des Hof- und Kammeragenten Leffmann Behrens, in: Westfalen. Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde, Bd. 90 (2012), S. 75–91 Bei ihm, so nahmen ältere Biographen an, wurde Berend Lehmann ausgebildet, für ihn tätigte er Kommissionsgeschäfte.Auerbach: Geschichte der israelitischen Gemeinde Halberstadt. Halberstadt 1866, S. 45. Mit ihm zusammen wurde er 1692 an Verhandlungen Herzog Ernst Augusts von Hannover-Calenberg zum Erwerb der Kurfürstenwürde am Kaiserhof in Wien beteiligt. Berndt Strobach: Bei Liquiditätsproblemen: Folter. Das Verfahren gegen die jüdischen Kaufleute Gumpert und Isaak Behrens in Hannover. Berlin 2013, ISBN 978-3-8442-4986-6, S. 83. Urkundlich greifbar wird Berend Lehmann zuerst 1687 als 26-jähriger Händler auf der Leipziger Messe,Max Freudenthal: Leipziger Messgäste. Die jüdischen Besucher der Leipziger Messen in den Jahren 1675 bis 1764. (Schriften der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, Nr. 29), Frankfurt/Main 1928, S. 106 wo er in der Folge häufig zu den damals drei alljährlichen Messeterminen präsent war. 1694 wurde er brandenburgischer Münzagent und Hoffaktor.
Familie und eigenes Geschäft in Halberstadt mini|Lehmanns erstes eigenes Haus, Bakenstraße 37 unterhalb der fürstlichen Regierung, 1689 erbaut (Eckbau vorn) und um 1700 nach rechts erweitert, moderne Fassade von 1924
Sein Wohnort war Halberstadt, wo er 1688 in der Judenliste als verheiratet mit Miriam erscheint, einer Tochter des Schutzjuden Joel Alexander. Er leitete seine Vergleitung (rechtlich gesicherte Duldung) von dessen Schutzbrief ab. Zwei Jahre später wurde sein erster Sohn, Lehmann Behrend, geboren. Er baute ein bescheidenes Haus im Judenviertel von Halberstadt (Bakenstraße 37 links, in Teilen noch erhalten im Gesamtkomplex Klein Venedig).Berndt Strobach: Privilegiert in engen Grenzen. Neue Beiträge zu Leben, Wirken und Umfeld des Halberstädter Hofjuden Berend Lehmann, 1. Band: Darstellung, Berlin 2011, ISBN 978-3-8442-0200-7, S. 35 Bei seinem Landesherrn, dem brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III., erreichte er, dass er sich ein zweites, repräsentatives Haus in Halberstadt kaufen durfte (Bakenstraße 28), eine Ausnahme für einen Juden. Ein Hinterhaus ließ er abreißen und errichtete einen Neubau für ein künftiges Thora-Talmud-Lehrhaus (eine Jeschiwa), das wohl als Ausgangspunkt eines Gemeindezentrums mit künftiger Synagoge gedacht war. Aber der Weiterbau wurde ihm verboten. Und noch ehe er zwei Nachbargrundstücke hinzukaufen konnte, wurde die Immobilie für neu aufgenommene französisch-reformierte Glaubensflüchtlinge (Hugenotten) konfisziert. Die Intervention seines Gönners August des Starken blieb erfolglos.Strobach: Privilegiert, 2011, Bd. 1, S. 42
Dienstleister für August den Starken Ab 1695 stand er in Geschäftsverbindung mit dem kurfürstlich-sächsischen Hof. Zwei Jahre später wurde er von August dem Starken mit Verhandlungen betraut, um den Erwerb der polnischen Königskrone finanziell zu sichern. Er erhielt die Vollmacht, außerhalb des Kernlandes liegende sächsische Exklaven zu verkaufen oder zu beleihen, und besorgte von christlichen und jüdischen Geschäftspartnern Kredite in Millionen-Gulden-HöheEmil Lehmann: Der polnische Resident Berend Lehmann, der Stammvater der israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden (1885), in: Gesammelte Schriften, Berlin 1899, S. 99–102 Digitalisat, die der geschickt taktierende sächsische Feldmarschall Jacob Heinrich von Flemming mit dazu verwendete, der Mehrheit des polnischen Adels die Wahl Augusts zum polnischen König nahezulegen.Josef Meisl: Behrend Lehman und der sächsische Hof, Jahrbuch der jüdisch-literarischen Gesellschaft, Jg. XVI (1924), S. 226 In Anerkennung solcher Dienste machte August Berend Lehmann lediglich zum Königlich polnischen Residenten im Niedersächsischen Kreis, ein nur vage definiertes Privileg, auf das sich Lehmann mit mehr oder minder Erfolg immer wieder berief.
Zwischen 1700 und 1704 war Berend Lehmann als Geld- und Materiallieferant für August den Starken im Nordischen Krieg tätig. Briefe aus jener Zeit zeigten ihn, wie er auf den baltischen Kriegsschauplätzen sich um immer neue Kredite bemühte und sich um deren Tilgung sorgte; sie enthielten auch Erörterungen über die politische und militärische Lage.Meisl:Hof, passim
Talmuddruck mini|Titelseite des Talmud von 1697 (Traktat Schabbat)
Eine religiöse Großtat vollbrachte er: Als der Dessauer Hofjude Wulff den Talmud neu drucken lassen wollte und darum in Finanzschwierigkeiten geriet, übernahm Lehmann in Frankfurt (Oder) das Druckprivileg, „er lässt Gold aus seiner Tasche fließen“, so dass die 12-bändige Ausgabe mit 2000 Exemplaren innerhalb von knapp zwei Jahren (1697–1699) fertiggestellt werden konnte. Lehmann verschenkte eine große Anzahl der Bücher an mittellose jüdische Gemeinden.Max Freudenthal: Zum Jubiläum des ersten Talmuddrucks in Deutschland. In: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums. Jg. 42. 1898, S. 80–89
Neue Ehe und Gemeindedienst in Halberstadt 1707 starb Lehmanns Gattin Miriam; darauf heiratete er erneut, und zwar Hannle, eine Tochter des Judenvorstehers Mendel Beer in Frankfurt am Main.Auerbach: Geschichte, S. 48 In den Jahren 1707/1708 baute er, von der örtlichen preußischen Verwaltung behindert, aber gefördert von der an Einnahmen interessierten Berliner Hofkammer, in Halberstadt das bescheidene Fachwerkhaus Bakenstraße 37 zu einem umfangreichen Gebäudekomplex aus, in dem er außer den Geschäftsräumen (dabei Warenlager und Weinkeller) und seiner wachsenden Familie auch die entsprechende Dienerschaft unterbrachte. Dort beherbergte er daneben „aus Barmherzigkeit, damit sie ihren Gottesdienst verrichten können“ sechs arme jüdische Familien. Als einer der drei Vorsteher der Gemeinde hatte er die Aufgabe, die von König Friedrich Wilhelm I. (dem Soldatenkönig) immer wieder verlangten jüdischen Sonderabgaben auf die Gemeindemitglieder zu „repartieren“ (aufzuteilen). Er trug selbst den Löwenanteil an diesen Lasten.Strobach: Privilegiert, Bd. 1, S. 38
Zweiggeschäft in Dresden Von August dem Starken erhielt er am 8. März 1708 einen Schutzbrief und die Erlaubnis, in Dresden ein Haus zu erwerben. Lehmann arbeitete nun als Münz-Entrepreneur (Silberlieferant der Münze) auch für den sächsisch-polnischen Staat. Ebenso besorgte er Edelsteine für das spätere Grüne Gewölbe.Heike Liebsch: Jüdische Spuren im Grünen Gewölbe. In: medaon, Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung, Ausgabe 1/2007, Dresden 2007, S. 1–4. Daraus entstand 1708 eine neue Dresdner Filiale des Halberstädter Geschäftes, in dem neben Berend Lehmann und seinem Schwager Jonas Meyer auch der jetzt 18-jährige älteste Sohn, Lehmann Behrend, tätig war. Die Lehmanns und Jonas Meyer waren zwar die einzigen „vergleiteten“ Juden in Sachsen; das große Geschäft (ab etwa 1720 repräsentativ im Alten Posthaus, Landhausstraße 13) beschäftigte und beherbergte allerdings bis zu 70 jüdische Angestellte, die nicht selbst vergleitet waren.Heinrich Schnee: Die Hoffinanz und der moderne Staat, Berlin 1953–1967, Bd. 3, Die Institution des Hoffaktorentums in den geistlichen Staaten Norddeutschlands, an kleinen norddeutschen Fürstenhöfen im System des absoluten Fürstenstaates, 1954. S. 176–177
Landwirtschaft und Druckerei in Blankenburg mini|Ansicht des Herrenhauses von Lehmann in Blankenburg (später Faktorei, jetzt Stadtverwaltung) Von Halberstadt aus erwarb Lehmann 1717 im benachbarten Blankenburg (Harz) einen landwirtschaftlichen Betrieb von 75 ha, zu dem ein repräsentatives Herrenhaus gehörte (danach Judenhof) genannt. Landbesitz war Juden in Europa damals generell noch nicht erlaubt. Lehmann verdankte dieses Privileg guten Geschäftsverbindungen zu Herzog Ludwig Rudolf von Braunschweig. Er gründete in Blankenburg auch eine hebräische Druckerei, die von dem Köthen-/Jeßnitzer Drucker Israel Abraham geleitet wurde.Dirk Sadowski: ’’Gedruckt in der heiligen Gemeinde Jeßnitz’’ – Der Buchdrucker Israel bar Avraham und sein Werk, Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts VII (2008), S. 39–69. Diese scheiterte nach kurzer Zeit an Problemen mit der christlichen Zensur.Berndt Strobach: Hebräischer Buchdruck zwischen Hofjuden-Mäzenatentum und christlicher Zensur, Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, 60. Jg. (2008), Heft 3, S. 235–253
Außenpolitische Initiative Im Jahre 1721 unternahm Lehmann einen abenteuerlichen Versuch, die Herrscher Preußens und Sachsens zur Teilung Polens zu veranlassen, wo er große Außenstände hatte. Die hoffte er in dem für Preußen vorgesehenen Teilgebiet eintreiben zu können. Auch Kaiser Karl VI. und Zar Peter der Große sollten von der Teilung profitieren. Den Kaiser versuchte er über dessen Schwiegervater, den Blankenburger Fürsten Ludwig Rudolf, zu interessieren. Der Zar, von Preußen eingeweiht, reagierte zornig und verlangte die strenge Bestrafung des Juden. Diesen bewahrte August der Starke vor dem Tod, die Gnade des Gönners durfte er sich durch ein wertvolles Geschenk zurückerwerben.Strobach: Privilegiert, B. 1, 2011, S. 110
Schwierigkeiten in Hannover und Dresden Zur gleichen Zeit verlor er größere Kapitalien, die ihm unrechtmäßigerweise konfisziert wurden, als sein Schwiegersohn Isaak Behrens, Hofjude in Hannover, Bankrott machte und Lehmann beschuldigt wurde, aus der Konkursmasse Wertpapiere, Geld und Juwelen für Behrens gerettet zu haben.Schnee: Hoffinanz, Bd. 3, S. 189 Die kurhannoversche Justizkanzlei wollte ihm in Hannover den Prozess machen, aber Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. verweigerte die Auslieferung seines Schutzjuden. Über die Frage des Prozessortes entstand ein jahrelanger Streit zwischen den Berliner und den hannoverschen Justizbehörden. Lehmann versuchte, durch eigene Zugeständnisse und über Verzicht anderer jüdischer Gläubiger einen Vergleich mit den übrigen Gläubigern zustande zu bringen, protestierte auch mehrfach leidenschaftlich gegen die unmenschliche Behandlung seiner fünf Jahre lang eingekerkerten und schließlich gefolterten hannoverschen Verwandten, beides vergeblich. Strobach: Liquiditätsprobleme, 2013, S. 47–54 Ab etwa 1722 regte sich in Dresden antijüdischer Protest der sächsischen Stände (in ihnen besonders aktiv: Kaufmannschaft und Geistlichkeit) gegen die Lehmanns und Meyer, den August der Starke lange Zeit abwehrte, dem er aber schließlich ab 1722 mehr und mehr nachgab. Der Warenverkauf musste eingestellt werden. Nur das Bankgeschäft bestand zunächst weiter.E. Lehmann: Schriften, 1899, S. 126–129
Bankrott und Tod