Die Antonomasie (altgriechisch aus „gegen-, anders“ und ὀνομασία „Benennung“, also „andere Benennung“) ist ein Tropus, bei dem entweder eine charakteristische Eigenschaft an die Stelle eines Eigennamens gesetzt wird oder umgekehrt. Ein Beispiel für den ersten Fall ist die Bezeichnung „die amerikanische Traumfabrik“ für die Filmstudios in Hollywood, ein Beispiel für den zweiten Fall ist die Bezeichnung „das Hollywood des Ostens“ für die Filmstudios in Babelsberg. Die Antonomasie kann als auf Eigennamen angewandte Variante der Synekdoche verstanden werden.
Gebrauch und Beispiele
Antike Klassische Beispiele für Antonomasien sind „der Sohn der Aphrodite“ statt Eros, „der Beherrscher des Meeres“ statt Poseidon bzw. Neptun und „der Schöpfer der Welt“ statt Gott. Weitere Beispiele sind „das Heilige Land“ statt Israel oder „die Ewige Stadt“ statt Rom.
Gegenwart Antonomasien sind heute vor allem im Journalismus gebräuchlich, um Abwechslung in einen Text zu bringen, wenn ein Eigenname sonst zu häufig vorkommen müsste. Diese Art der Periphrase ist eine Alternative zur (wiederholten) Verwendung von Personalpronomen.Bastian Sick: Die Sucht nach Synonymen. In: Kolumnen.de, 25. Juli 2006. In verschiedenen Ressorts wie Feuilleton und Sportjournalismus werden Antonomasien häufig gebraucht. Antonomasien können nicht nur als Synonyme für Personen, sondern auch für Städte, Länder oder Gegenstände verwendet werden. Beispiele aus dem modernen Journalismus sind „der frühere Bundeskanzler“ statt Helmut Kohl und „der Kerpener“ statt Michael Schumacher. Ein Beispiel für einen Filmtitel ist Der Einstein des Sex von Rosa von Praunheim.
An einem fiktiven Pressebericht über Gerhard Schröder versuchte der Sprachkolumnist Bastian Sick zu demonstrieren, dass die Häufung von Antonomasien, wie sie im Sportjournalismus zu beobachten ist, im Politikteil einer Zeitung unpassend wäre:
Varianten Der deutsche Romanist Heinrich Lausberg hat in seinem Rhetorik-Handbuch von 1960 zwei Sorten von Antonomasien unterschieden: Eine „eigentliche Antonomasie“, die nach dem Typ genus pro specie (Gattung für Einzelnes) funktioniert, sowie eine „Vossianische Antonomasie“, die nach dem Prinzip species pro genere (Einzelnes für Gattung) gebildet ist.Kalivoda, Gregor/Robling, Franz-Hubert (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Band A – Bib, Berlin u. a.: Walter de Gruyter, 2012, S. 753.
„Eigentliche Antonomasie“: Eigenschaft für Name Die klassische Antonomasie, wie sie etwa bereits bei Homer vielfach vorkommt, verwendet schmückende Beiwörter (epitheta ornantia), die sonst als Ergänzung zu einem Namen vorkommen könnten, als Ersatz dieses Namens.. In: Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe online. abgerufen am 14. Dezember 2010. Statt Zeus, der olympische Herr der Blitze, kann es etwa heißen:
„Vossianische Antonomasie“: Name für Eigenschaft Den zweiten Typ benannte Lausberg nach dem niederländischen Rhetoriker Gerhard Johannes Vossius, der ihn in seiner Rhetorik von 1630 beschreibt.Lausberg, Heinrich: Handbuch der literarischen Rhetorik: eine Grundlegung der Literaturwissenschaft. München: Hueber, 1960. Dieser mit der Synekdoche verwandte Gebrauch reduziert eine eigentlich gemeinte charakteristische Eigenschaft, Funktion oder Sache auf deren allgemein bekannten Repräsentanten.. In: Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe online. abgerufen am 14. Dezember 2010. Dabei muss klar sein, dass jemand beispielsweise als Verräter bezeichnet werden soll, wenn er „Judas“ genannt wird. Für die Figur finden sich bereits antike Beispiele. So nannte der Stoiker Panaitios von Rhodos Platon den „Homer der Philosophie“, der römische Kaiser Severus Alexander bezeichnete Vergil als den „Platon der Dichter“.
Die Figur wird heute besonders häufig im Feuilleton verwendet und wurde bis 2014 vom Feuilleton-Blog Der Umblätterer regelmäßig gesammelt. Der Schriftsteller Tex Rubinowitz plagiierte 2015 einige der gesammelten Beispiele sowie die Wikipedia-Definition in einem Text im Magazin der Süddeutschen Zeitung mit der Überschrift Der Mozart unter den Texten. Der Umblätterer bezeichnete ihn daraufhin als „Guttenberg des Feuilletons“.
Siehe auch Paronomasie Eponomasie Paraphrase (Sprache) Pronomen
Literatur Frank Fischer, Joseph Wälzholz: Jeder kann Napoleon sein. Wovon reden wir, wenn wir vom Justin Bieber der CDU reden? Von einer Vossianischen Antonomasie. Eine Stilkunde. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 21. Dezember 2014, S. 34. Frank Fischer, Robert Jäschke: ‘The Michael Jordan of greatness’ – Extracting Vossian antonomasia from two decades of ‘The New York Times’, 1987–2007. In: Digital Scholarship in the Humanities, 2020. Vol. 35. No. 1, S. 34–42.
Weblinks
Bastian Sick: Die Sucht nach Synonymen. In: Kolumnen.de, 25. Juli 2006. Liste Vossianischer Antonomasien auf umblaetterer.de, ab 9. Juni 2009. Antonomasie. In: KinderundJugendmedien.de. 17. September 2015. Projekt der Digital Humanities zur automatisierten Extraktion von Vossianischen Antonomasien
Einzelnachweise
Kategorie:Rhetorischer Begriff