miniatur|Die Guidonische Hand (Manuskript aus Mantua, spätes 15. Jahrhundert) Solmisation ist eine im Mittelalter entwickelte Verfahrensweise, die Tonstufen eines Gesanges auf bestimmte Silben zu singen, „um ihren Ort im Tonsystem (qualitas) zu erkennen“.Hans Heinrich Eggebrecht (Hrsg.): Riemann Musiklexikon. Sachteil. Schott, Mainz 1967. Stichwort „Solmisation“. Vermutlich im 13. Jahrhundert begann man, das Verfahren eigens zu benennen, und sprach u. a. von solfatio, abgeleitet von den Tonsilben sol und fa. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts ist dann die mittellateinische Wortbildung solmisatio bzw. solmizatio belegbar, abgeleitet von den Tonsilben sol und mi. Heute wird zwischen der „relativen“ und der „absoluten“ Solmisation unterschieden, wobei neuere Lehrmethoden der Solmisation mit dem Theoriesystem der ersten 600 Jahre nur noch punktuelle Gemeinsamkeiten haben.
Historischer Abriss Mittelalter und frühe Neuzeit Tonsilben wurden bereits im alten China verwendet, und in der indischen Musik sind sie bis heute in Gebrauch. Das alte Griechenland kannte Tonsilben für das Tetrachord. Auch der syrische und byzantinische Gesang nutzte Silben, deren Funktion allerdings nicht mehr bekannt ist.Vorgeschichte gemäß Willi Apel: Harvard Dictionary of Music.Heinemann, London 1976. Stichwörter „Solmization“ und „Echos“.
Als „Vater“ der Solmisation gilt Guido von Arezzo (geboren etwa 992), der den sechs Tonstufen des mittelalterlichen Hexachordes sechs Tonsilben zuordnete: ut, re, mi, fa, sol und la. Der Abstand zwischen mi und fa betrug einen halben, der Abstand zwischen den übrigen Tonstufen jeweils einen ganzen Ton. Guido hatte die Tonsilben aus dem lateinischen Johannes-HymnusUt Queant Laxis Resonare Fibris, Artikel auf newadvent.org, Stand 4. Dezember 2010 (englisch). gewonnen; die möglicherweise eigens komponierte oder überarbeitete HymnenmelodieClaude V. Palisca: Guido of Arezzo. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Macmillan, London 1989: ‘Although the text of the hymn Ut queant laxis is found in an MS of c800 (I-Rvat Ottob. 532) and by an old tradition is ascribed to Paulus Diaconicus, the melody in question was unknown before Guido’s time and never had any liturgical function. It is probable that Guido invented the melody as a mnemonic device or reworked an existing melody now lost.’ diente dem Memorieren der Tonsilben samt Tonstufen. Spätestens im 12. Jahrhundert wurde die sogenannte Guidonische Hand benutzt, um dieses Tonsystem zu vermitteln.
mini|hochkant=2.5|Sebald Heyden: De arte canendi, gedruckt von Johannes Petreius, Nürnberg 1640, Notenbeispiel auf S. 21 Fast 600 Jahre lang bezeichneten die guidonischen Silben keine festen Tonhöhen, sondern bestimmte Orte im Tonsystem. Auch weil eine normierte Tonhöhe noch nicht gebräuchlich war, lag – nach heutigem Sprachgebrauch – ein relatives System vor. Die Abbildung aus Sebald Heydens Traktat De arte canendi zeigt das um 1540 praktizierte sogenannte Mutationssystem, in dem die Solmisationssilben ut bis la in drei Lagen Verwendung fanden: auf den Tönen c, f und g. Aus moderner Sicht kann man sich diese drei Hexachorde als die ersten sechs Töne der Tonarten C-Dur, F-Dur und G-Dur vorstellen. Das Be () zeigt ein b molle an („weiches b“, unser heutiges b), das Kreuz () ein b durum (hartes b, unser heutiges h).Der Tenorschlüssel auf der vierten Linie zeigt an, wo das c1 liegt. Zusätzlich kennzeichnet Heyden den Ton a auf der dritten Linie, der beim Mutieren entweder als la, mi oder re zu lesen ist. Die Anwendung der Mutation war relativ komplex und erforderte zahlreiche Regeln, die nicht selten einige Kapitel der damaligen Musiktheoriebücher füllten.z. B. die Kapitel VIII, X–XII und XIX–XXII bei Stephano Vanneo: Recanetum de musica aurea, Rom 1533.
Umbruch Um 1600 begannen französische Musiker, die Silben auf feste Tonhöhen anzuwenden – ut entsprach dem c, re dem d und so weiter.Willi Apel: Harvard Dictionary of Music. Heinemann, London 1976, Eintrag „Solmization“. Im selben Zeitraum wuchs das Bedürfnis, über sieben Silben für die sieben Stufen der diatonischen Leiter zu verfügen. Die ergänzende Silbe si für die siebte Stufe wurde vielleicht von den Anfangsbuchstaben der Wörter Sancte Ioannes abgeleitet, mit denen die guidonische Hymne schließt, und hatte ihren Ursprung vielleicht in der franko-flämischen Sängerschule.Hans Heinrich Eggebrecht (Hrsg.): Riemann Musik-Lexikon. Sachteil. Schott, Mainz 1967, Eintrag „Solmisation“; Jessie Ann Owens: Waelrant and Bocedization. Reflections on Solmization Reform. In: Yearbook of the Alamire Foundation 2/1995, S. 377–393, hier: S. 378, Digitalisat auf www.academia.edu (Stand 17. Januar 2021). Um die Jahrhundertmitte begann die Silbe do, an die Stelle des unsanglichen ut zu treten – von Otto Gibelius unter Verweis auf die Praxis vieler Kantoren 1659 nachdrücklich unterstützt.Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik. Sachteil. Bärenreiter und Metzler, Kassel und Stuttgart 1998, Eintrag „Solmisation“.
In diesen Zusammenhang wurden – mit unterschiedlichem Erfolg – auch einschneidendere Vorschläge gemacht. Hubert Waelrants Bocedisation oder voces belgicae und Daniel Hitzlers Bebisation, zwei bewegliche Systeme, wurden zusammenfassend „Bobisationen“ genannt;Hugo Riemann: Musik-Lexikon. 9. Auflage, Hesse, Berlin 1919, Eintrag „Solmisation“. auch Karl Heinrich Grauns Damenisation wurde zu den „Bobisationen“ gerechnet, obgleich es sich um ein festes System handelte;Arrey von Dommer (Hrsg.): Musikalisches Lexicon auf Grundlage des Lexicon’s von H. Ch. Koch. 2. Auflage, Mohr, Heidelberg 1865, Eintrag „Somisation“, Digitalisat auf books.google.de (Stand 18. Januar 2021). zu den festen Systemen gesellte sich zudem das sogenannte A-B-C-dieren (das Singen der Töne unter Aussprache der Buchstabennamen).Hugo Riemann: Musik-Lexikon. 9. Auflage, Hesse, Berlin 1919, Eintrag „A-B-C-dieren“. Die Zweiteilung in eine ältere „relative“ und eine jüngere „absolute“ Tradition hat bis heute Bestand. Noch Jean-Jacques Rousseau war mit der neueren, „absoluten“ Praxis keineswegs einverstanden:Zitiert gemäß Malte Heygster und Manfred Grunenberg: Handbuch der relativen Solmisation. Schott, Mainz 1998. S. 7.
1742 stellte Rousseau eine einfache Ziffernmethode vor, nach der die sieben Stufen der diatonischen Leiter mit den Ziffern 1–7 notiert wurden,Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Macmillan, London 1989, Eintrag „Rousseau, Jean-Jacques“. Schon Pierre Davantès und Jean-Jacques Souhaitty hatten Ziffern als Notenzeichen verwendet. Rousseau betonte jedoch seine Eigenständigkeit, verwarf alle älteren Vorschläge und distanzierte sich namentlich von Jean-Jacques Souhaitty, Antoine Parran, Joseph Saveur und Jean-Francois Demotz de la Salle, siehe Albert Jansen: Jean-Jacques Rousseau als Musiker. Georg Reimer, Berlin 1884, Digitalisat auf books.google.de, S. 56/57, siehe auch Xavier Bisaro: Nouveaux elemens de chant (1677) auf www.scholarum.univ-tours.fr, vorletzter Absatz (Stand 7. Februar 2021). aber auf die traditionsreichen Silben ut, ré, mi, fa, sol, la, si zu singen waren.Agnes Hundoegger: Leitfaden der Tonika-Do-Lehre. 5. Auflage, Tonika-Do-Verlag, Berlin und Hannover 1925, S. 3. Neben Dur mit dem Grundton 1 = ut trat Moll mit dem Grundton 6 = la.Oeuvres complètes de J. J. Rousseau avec des notes historiques par G. Petitain. Tome sixième. Musique. Lefèvre, Paris 1839, darin: Dissertation sur la musique moderne, S. 11–86, hier: S. 34 und 43, Digitalisat auf books.google.de (Stand 17. Januar 2021). Der Mathematiker Pierre Galin, sein Schüler Aimé Paris und dessen Schwager Emile Chevé arbeiteten die rousseausche Methode aus und machten die Galin-Paris-Chevé-Methode vorübergehend sehr erfolgreich.Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Macmillan, London 1989, Eintrag „Galin, Pierre“. Auch in Deutschland wurde die Ziffernmethode für den Singunterricht adaptiert; in manchen Fällen wurden die Melodien direkt auf die Zahlwörter eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieb’, acht gesungen.Joseph Waldmann: Gesanglehre für Volksschulen. Nebst einer Beilage von fünfzig ein-, zwei- und dreistimmigen Liedern. Herder, Carlsruhe und Freiburg 1841, hier: S. 3/4, Digitalisat auf digitale-sammlungen.de (Stand 17. Januar 2021). Eine große Zahl von Lehrbüchern für den Singunterricht findet sich in Adolph Hofmeister (Hrsg.): C. F. Whistling’s Handbuch der musikalischen Literatur oder allgemeines systematisch-geordnetes Verzeichniss der in Deutschland und in den angrenzenden Ländern gedruckten Musikalien / auch musikalischen Schriften und Abbildungen / mit Anzeige der Verleger und Preise. Dritter Theil. Vocal-Musik. Hofmeister, Leipzig 1845, darin: „Anweisungen zum Singen und Singübungen“, S. 211–217, Digitalisat auf digitale-sammlungen.de (Stand 17. Januar 2021).
Das Norwich sol-fa und die Folgen Mit dem Norwich sol-fa knüpfte die Engländerin Sarah Ann Glover an den alten Solmisationsgedanken an und entwickelte ihn weiter, nicht zuletzt, indem sie die Tonsilben anglizierte (doh, ray, me, fah, soh, lah, te) und abkürzte (d, r, m, f, s, l, t). In der Silbe soh wurde das guidonische sol an die übrigen mit Vokal endenden Silben angeglichen, das te verdankte sich dem Umstand, dass sich ein se in abgekürzter Form nicht vom soh unterschieden hätte. 1842 veröffentlichte John Curwen, ein von Heinrich Pestalozzi geprägter Erzieher, einen ersten Artikel über Glovers Ansatz; in der Folge überarbeitete er diesen Ansatz und propagierte ihn als Tonic-sol-fa-System in ganz Großbritannien; 1870 schließlich ergänzte er die Methode durch Aimé Paris’ Taktsprache und durch selbst entwickelte Handzeichen.John Curwen, Artikel auf mflp.co.uk (Stand 4. Dezember 2010). Agnes Hundoegger adaptierte das Prinzip in der Tonika-Do-Methode für den deutschsprachigen Raum,Agnes Hundoegger, Biografie auf fembio.org (Stand 4. Dezember 2010). Zoltán Kodály in der Kodály-Methode für Ungarn,Hier wären zahlreiche Adaptionsversuche des Kodály-Systems zu verzeichnen. So entwickelte der estnische Chorleiter Heino Kaljuste (1925–1988) eigene Solmisations-Silben für das Gebiet der UdSSR. Da dort die guidonischen Silben für die absolute Solmisation verwendet wurden, setzte Kaljuste Silben mit größerenteils veränderten Konsonanten, aber durchgängig beibehaltenen guidonischen Vokale ein (jo, le, mi, na, so, ra, di), siehe Valeri Brainin: Скачать в формате, PDF-Datei auf www.brainin.org (Stand 2. April 2018). Edwin E. Gordon in der Music Learning Theory für die USA.Edwin Gordon: Learning Sequences in Music. A Contemporary Music Learning Theory. GIA Publications, Chicago 1980, insbesondere S. 63–77. Neben Edwin E. Gordon (1927–2015) in der Elementaren Musikerziehung war auch Dick Grove (1927–1998) in der Jazzpädagogik ein einflussreicher Verfechter des movable do, des „beweglichen do“.