mini|Hans Magnus Enzensberger, 2013 rahmenlos|class=notpageimage|230px
Hans Magnus Enzensberger (* 11. November 1929 in Kaufbeuren; † 24. November 2022 in München) war ein deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber, Übersetzer und Redakteur. Er publizierte auch unter den Pseudonymen Andreas Thalmayr, Linda Quilt, Elisabeth Ambras, Giorgio Pellizzi, Benedikt Pfaff sowie Serenus M. Brezengang (letzterer Name ist ein Anagramm zu Magnus Enzensberger).Die Wasserzeichen der Poesie nzz.ch, 11. November 2009. Enzensberger lebte in München-Schwabing.
Leben Jugend Hans Magnus Enzensberger wuchs in einer katholischen bürgerlichen Familie in Nürnberg auf und besuchte dort von 1940 bis 1944 das heutige Willstätter-Gymnasium.Lebenslauf Hans Magnus Enzensberger auf studienstiftung.de [PDF] Sein Vater war in der Stadt als Oberpostdirektor tätig. Zuvor hatte er als Ingenieur für Fernmeldetechnik gearbeitet – er war der erste Radiosprecher Bayerns. Die Mutter Leonore Enzensberger, geb. Ledermann (1905–2008),Todesanzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13. Mai 2008, S. 49. war die Tochter des Kaufbeurer Gymnasiallehrers, Lokalhistorikers und Schriftstellers Richard Ledermann.Eintrag zu Richard Ledermann im Literaturportal Bayern. Text verfasst von M.A. Rosmarie Mair, übernommen aus Digitaler Literaturatlas von Bayerisch Schwaben (DigiLABS). Sie arbeitete anfänglich als Erzieherin. Enzensberger hatte drei jüngere Brüder: Christian († 2009), Ulrich († 2026) und Martin († Mitte der 1980er Jahre an Lungenkrebs).
Wie alle Beamtenkinder war Enzensberger zur Mitgliedschaft bei der Hitlerjugend verpflichtet, wurde aber mit der Begründung ausgeschlossen, er sei trotzig und ein Querulant. Während des Luftkrieges übersiedelte die Familie in die als sicher geltende mittelfränkische Kleinstadt Wassertrüdingen, was eine seltene Ausnahme im NS-Staat und nur der hohen Stellung seines Vaters zu verdanken war. Hier wurde sein jüngster Bruder Ulrich geboren. Die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs erlebte Hans Magnus Enzensberger als Angehöriger des Volkssturms. Dem Dienst entzog er sich und konnte sich bis nach Hause durchschlagen.
Nach dem Krieg machte er an der Oberschule in Nördlingen Abitur und ernährte seine Familie als Schwarzmarkthändler, Dolmetscher und Barmann bei der Royal Air Force. Mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes studierte er Literaturwissenschaft und Philosophie in Erlangen, Freiburg im Breisgau, Universität Hamburg und an der Sorbonne in Paris. 1955 wurde er mit einer Arbeit über Clemens Brentanos Poetik promoviert.Über das dichterische Verfahren in Clemens Brentanos lyrischem Werk. Inauguraldissertation der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen 1955 Sein Biograf Jörg Lau vergleicht Enzensberger mit Brentano, insbesondere die Methode von „Rückgriff und Zerstörung“ der Traditionen in der Lyrik.Armin Thurnher: Leichte Schläge mit der linken Hand. In: Falter. 10. November 1999, Nr. 45, S. 72.
Literarische Anfänge Bis 1957 arbeitete Enzensberger für Alfred Andersch als Hörfunkredakteur beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart. Auch in den folgenden Jahren entstanden zahlreiche „Radio-Essays“, unter anderem Medien- und Sprachkritik (beispielsweise Die Sprache des „Spiegel“).
Bereits 1957 publizierte Enzensberger auch seinen ersten Gedichtband die verteidigung der wölfe. Die darin enthaltenen Gedichte verbinden virtuose Sprachspiele mit Weltekel, politische Empörung mit Detailbetrachtungen; diese Aspekte spiegeln sich schon in der Dreiteilung des Bandes wider: 1. Freundliche Gedichte – 2. Traurige Gedichte – 3. Böse Gedichte. Schon in diesen frühen Gedichten zeigt sich Enzensbergers Überzeugung, dass Lyrik auch Ereignisse nacherzählen, Theorien vermitteln und Ideen ausdrücken könne, dass also Gedichte nicht nur Stimmungen und Gefühle zum Inhalt haben.
Enzensberger nahm an mehreren Tagungen der Gruppe 47 teil. Ab 1957 arbeitete er als freier Schriftsteller in Stranda (West-Norwegen), ging dann 1959 für ein Jahr nach Lanuvio bei Rom, arbeitete 1960 als Lektor beim Suhrkamp Verlag in Frankfurt am Main und zog sich 1961 nach Tjøme zurück, einer Insel im Oslofjord.
Eine Sammlung von Enzensbergers „Radio-Essays“ erschien 1962 unter dem Titel Einzelheiten I und II. Sie bilden den Auftakt seiner vielfältigen und produktiven Arbeit als Essayist. In einem prägte er den Begriff GratismutHans Magnus Enzensberger: Gratismut und Gratisangst. In: Einzelheiten I, Frankfurt am Main 1962, S. 186–191., der nach Michael Roth einen Mut bezeichnet, „der nichts kostet, weil er keinerlei Risiken, Gefahren oder negative Konsequenzen mit sich bringt. Kennzeichen für den Gratismut ist aber nicht nur, dass er nichts kostet, sondern mit dem Begriff verbindet sich auch, dass die betreffende Person sich geriert, als sei sie ein mutiger Widerstandskämpfer, der für seine Taten bzw. Worte schlimmste Konsequenzen zu befürchten habe.“Michael Roth: Kirche und Politik: Anfragen an das Konzept der Öffentlichen Theologie. In: Matthias Pulte (Hrsg.): Aktuelle Herausforderungen aus der Politik für Religion und Recht, Echter Verlag, 2023, ISBN 978-3-429-05296-6, S. 11–34. In dem Begriff verband er Kulturkritik mit an die „eigene intellektuelle Zunft“ gerichteter Selbstkritik.Peter von Becker: Hans Magnus Enzensberger wird 90: Kein Talent fürs Unglücklichsein, Tagesspiegel, 10. November 2019.Joachim Kaiser: Enzensberger zum 80.:Poetisches Naturereignis, Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010.
1963, also erst 33 Jahre alt, erhielt er den Georg-Büchner-Preis. Mit dem Suhrkamp Verlag, in dem von 1957 an seine Werke erschienen, war er zeitlebens eng verbunden. Neben u. a. Jürgen Habermas war er in späteren Jahren Gründungsstiftungsrat der 2002 von Siegfried Unseld gegründeten Verlagsstiftung. Ulla Berkéwicz, Ehefrau von Siegfried Unseld und nach dessen Tod Geschäftsführerin des Verlags, zitierte in ihrem Nachruf auf Enzensberger aus einem Brief Siegfried Unselds, er habe in ihm immer einen Partner der Verlagsleitung gesehen. Ulla Berkéwicz: HME zu ehren. In: Sinn und Form 5/2023, S. 703–704. Dort: "»Wenn immer ich in den vergangenen Jahren mich mit dem Gedanken vertraut machen mußte, diesen Verlag einmal alleine zu leiten, so warst immer Du es, den ich als Partner sah«, schrieb Siegfried Unseld kurz nach Peter Suhrkamps Tod an Hans Magnus Enzensberger, den jüngsten Wilden, (...) der von jeher Autor des Verlags war und blieb".
Auf einem Friedenskongress des sowjetischen Schriftstellerverbandes lernte er 1966 in Baku die damals 23 Jahre alte Maria Makarowa kennen, die Tochter des sowjetischen Schriftstellers Alexander Fadejew.„Nichts wie weg“ Der Spiegel, 6. Oktober 2014, S. 131. Für sie verließ er seine norwegische Frau Dagrun, mit der er 1957 die Tochter Tanaquil bekommen hatte. 1967 heirateten er und Makarowa, doch trennten sie sich nach wenigen Jahren. Im Rückblick nannte er die Verbindung seine „Amour fou“.
68er Jahre und „Kursbuch“ 1968 brach Enzensberger ein Fellowship an der Wesleyan University nach drei Monaten unter Protest gegen die US-Außenpolitik ab und ging für ein Jahr nach Kuba.Warum ich die USA verlasse Enzensbergers „Abschiedsbrief“, ins Deutsche übersetzt von Bernward Vesper.
Von 1965 bis 1975 gab er die Zeitschrift Kursbuch heraus, deren Fortführung er dem Mitbegründer Karl Markus Michel überließ. Besonders mit dem Kursbuch, aber auch mit Gedichten und Essays war Enzensberger eine Orientierungsfigur für die Studentenbewegung. 1967 unterschrieb er den Gründungsaufruf für den Republikanischen Club in West-Berlin. Er stand der außerparlamentarischen Opposition (APO) nahe, bewahrte sich aber eine kritische Distanz, die von den Studenten immer wieder bemängelt wurde. Beispielhaft zeigt sich dies in einer Debatte im Kursbuch. Als Peter Weiss Enzensberger aufforderte, sich deutlich und solidarisch auf eine Seite zu stellen, verwahrte Enzensberger sich dagegen: Seine Sache sei es nicht, „mit Bekenntnissen um sich zu schmeißen. […] Bekenntnissen ziehe ich Argumente vor. Zweifel sind mir lieber als Sentiments. Widerspruchsfreie Weltbilder brauche ich nicht. Im Zweifelsfall entscheidet die Wirklichkeit.“An Peter Weiss und andere in: Über Hans Magnus Enzensberger, hrsg. von Joachim Schickel, Suhrkamp Enzensberger begleitete interessiert die Aktivitäten der Kommune I, zu deren Begründern sein Bruder Ulrich gehörte und der sich auch seine erste Frau Dagrun anschloss. Nach der Scheidung, als Enzensberger sich im Ausland aufhielt, lebte die Kommune I auf Einladung von Dagrun Enzensberger eine Weile in seinem Haus in Berlin-Friedenau, Fregestraße 19, bis Enzensberger dagegen einschritt.Christian H. Freitag: Ritter, Reichsmarschall & Revoluzzer. Aus der Geschichte eines Berliner Landhauses. Mit einem Vorwort von Hans Magnus Enzensberger. Berlin 2015. Vgl. Rezension im Tagesspiegel, 12. Dezember 2015. Über sein Verhältnis zur Kommune I sagte er im Rückblick: „Das war am Anfang noch ein relativ flotter Haufen, der mich interessierte. Diese Bande hatte versucht, sich bei mir einzunisten, aber ich habe sie rausgeschmissen.“
In der Anthologie Freisprüche (1970) versammelte Enzensberger 24 Stücke, in der überwiegenden Zahl Verteidigungsreden, die von revolutionären Angeklagten in politischen Prozessen gehalten worden sind. In seiner Nachbemerkung bekräftigte Enzensberger die rechtstheoretische Logik der Revolutionäre: „Der revolutionäre Akt ist seiner Natur nach nicht justitiabel. Er ist dazu da, den ganzen Apparat der Repression über den Haufen zu werfen und die Rechtsordnung, die ihm den Weg versperrt, aus den Angeln zu heben. Nicht die Revolution, nur ihr Scheitern kann vor Gericht stehen.“Vgl. Peter W. Jansen, Rezension zu Freisprüche, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Januar 1971
Ab 1980 1980 gründete Enzensberger – gemeinsam mit Gaston Salvatore – das Kulturmagazin TransAtlantik, das er 1982 wieder verließ. Von 1985 bis 2007 gab er zusammen mit Franz Greno die Buchreihe Die Andere Bibliothek heraus. Seine dritte Ehefrau wird Katharina Kaever. 1986 wurde die Tochter Theresia geboren.Hans H. Hiebel: Das Spektrum der modernen Poesie: Interpretationen deutschsprachiger Lyrik 1900–2000 im internationalen Kontext der Moderne Teil II (1945–2000). Königshausen und Neumann, 2005, ISBN 978-3-8260-3201-1, S. 391.
mini|Der Landsberger Poesieautomat von Hans Magnus Enzensberger, der bis Frühjahr 2023 im Literaturmuseum der Moderne in Marbach ausgestellt war mini|Gedenktafel in Heringsdorf Neben einer kontinuierlichen Gedichtsproduktion erschienen auch weiter zahlreiche Essaybände, unter anderen zu den Themen Migration, Gewalt in Zivilgesellschaften, Lyrik, Mathematik und Intelligenzforschung. Unter den Gedichten sticht das Versepos Der Untergang der Titanic (1978) heraus. Es ist nicht nur ein Bericht über das Schiffsunglück, sondern auch Rückblick auf die revolutionären Hoffnungen der Sechzigerjahre und ironischer Kommentar zu Weltuntergangsszenarien. George Tabori brachte es 1979 in München auf die Bühne.
1993 erschien Enzensbergers Essay Ausblicke auf den Bürgerkrieg im Spiegel,Hans Magnus Enzensberger: Ausblicke auf den Bürgerkrieg, Der Spiegel, 20. Juni 1993. ein Jahr nach den Unruhen in Los Angeles, die nach Enzensberger beispielhaft zeigten, wie gesellschaftliche Konflikte „jederzeit eskalieren und zum Flächenbrand werden“ könnten. Dabei sei Gewalt nicht etwa zwischen ideologischen Gegnern ausgeübt worden, sondern „die Täter haben vor allem Einrichtungen ihrer eigenen community in Brand gesteckt, darunter die älteste existierende Buchhandlung Amerikas, die sich in schwarzem Besitz befand, und das Büro des militantesten Lokalpolitikers, den das Viertel hatte.“Mladen Gladić: Enzensbergers Warnung, Welt Online, 16. Januar 2023.
Im Jahr 2000 wurde der Landsberger Poesieautomat der Öffentlichkeit vorgestellt. Dieser stand ab 2006 im Literaturmuseum der Moderne in Marbach, seit 2023 ist er in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall zu erleben.