mini|hochkant|William Faulkner (1954)Foto: Carl van Vechten rahmenlos|160px|zentriert|klasse=skin-invert-image William Cuthbert Faulkner [], eigentl. Falkner (* 25. September 1897 in New Albany, Union County, Mississippi; † 6. Juli 1962 in Byhalia, Mississippi), war ein US-amerikanischer Schriftsteller. Faulkner, der 1950 den Nobelpreis für Literatur nachträglich für das Jahr 1949 erhielt, gilt als bedeutendster US-amerikanischer Romancier des 20. Jahrhunderts.Gero von Wilpert (Hrsg.): Lexikon der Weltliteratur. Bd. 1. dtv, München 1997, ISBN 3-423-59050-5, S. 450.
Sein vielschichtiges Gesamtwerk gibt unter anderem „den geistig-kulturellen Untergang des Südens sowie den wachsenden Einfluss skrupelloser Aufsteiger nach dem Bürgerkrieg wieder“,Marion Winkenbach, Annette Zwahr (redaktionelle Leitung): Der Brockhaus. Universal-Lexikon in 20 Bänden. Bd. 5, F. A. Brockhaus AG, Leipzig 2007 ebenso die Dekadenz ehemals angesehener Südstaatenfamilien und die Gegensätze zwischen weißen und schwarzen Einwohnern. Die meisten seiner Romane und Kurzgeschichten spielen in dem fiktiven Yoknapatawpha County, das von seinem realen Wohnsitz, dem Lafayette County, inspiriert wurde. Faulkner zeichnet sich literarisch durch universelle Symbolik und anspruchsvolle Erzähltechniken wie den Bewusstseinsstrom aus, die er von europäischen Romanciers wie James Joyce, Marcel Proust und Virginia Woolf aufgriff und selbstständig verarbeitete.
Leben Herkunft
mini|hochkant|Faulkners Wohnhaus in Oxford (Mississippi) Faulkners Urgroßvater William Clark Falkner war eine wichtige Persönlichkeit in der Geschichte des Bundesstaates Mississippi und hatte sich 1845 in Ripley, Mississippi, niedergelassen. Er diente als Colonel in der Armee der Konföderierten und stellte 1861 das zweite Mississippi-Infanterieregiment auf, das er auch befehligte. Falkner gründete eine Eisenbahnlinie und ist Namensgeber des kleinen Ortes Falkner im nahegelegenen Tippah County. Er verfasste Romane und andere Texte und gilt als Vorbild für die Figur des Colonel John Sartoris in mehreren Texten Faulkners. Auf dem Friedhof von Ripley steht heute ein Denkmal des Colonel Falkner.Peter Nicolaisen: William Faulkner. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 4. Auflage. Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-499-50300-X, S. 9f.
Auch Faulkners Großvater, John Wesley Thompson Falkner, war einflussreich. Als Jurist, Politiker, Geschäftsmann und Bankier zählte er zu den prominenten Bürgern von Oxford, Mississippi. Zudem hatte er die väterliche Eisenbahnlinie geerbt.Peter Nicolaisen: William Faulkner. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 4. Auflage. Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-499-50300-X, S. 10. Dessen Sohn, der 1870 geborene Murry Cuthbert Falkner, war ein eher erfolgloser und wenig mitteilsamer Geschäftsmann. Murry Falkner betrieb, oft mit väterlicher Unterstützung, unter anderem eine Mühle zur Herstellung von Baumwollsamenöl, eine kleine Eisfabrik, eine Lohnkutscherei sowie einen Eisenwarenhandel. Schließlich fand er eine Stellung in der Verwaltung der University of Mississippi in Oxford. Murry Falkner heiratete Maud Butler. William war der erste von vier Söhnen des Ehepaares. Ab Faulkners fünftem Lebensjahr lebte die Familie in Oxford, das damals rund 2000 Einwohner hatte, von denen etwa die Hälfte Schwarze waren. Oxford ist Verwaltungssitz des Lafayette County.
Literarisches Schaffen
mini|hochkant|William Faulkner in Toronto (1918) Die Mutter ermutigte Faulkner zum Lesen, so dass er schon als Kind Werke von William Shakespeare, Joseph Conrad und Honoré de Balzac las. Mit siebzehn Jahren verließ er ohne Abschluss die Schule. Er erhielt eine Anstellung in der Bank seines Großvaters, begann zu zeichnen und zu schreiben. Bei einer Tätigkeit in einem Waffengeschäft wurde sein Nachname irrtümlich Faulkner geschrieben. Fortan benutzte er diesen Namen. (englisch), abgerufen am 1. Februar 2011 Bei Kriegseintritt der USA in den Ersten Weltkrieg meldete er sich freiwillig zur Luftwaffe, wurde aber abgelehnt, da er nur 1,67 Meter groß war. Erst im Juli 1918 wurde er zum Training der britischen Royal Air Force im kanadischen Toronto zugelassen, wurde aber nicht mehr im Krieg eingesetzt.Peter Nicolaisen: William Faulkner. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 4. Auflage. Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-499-50300-X, S. 17 Anschließend belegte er einige Kurse an der University of Mississippi in Oxford. In der Universitätszeitung The Mississippian veröffentlichte er Zeichnungen, Gedichte und Prosa. Im Herbst 1921 arbeitete er mehrere Monate bei einem Buchhändler in New York. Anschließend übernahm er die Leitung der Poststelle der University of Mississippi, die er bis 1924 innehatte.
Im Jahr 1924 erschien sein erstes Buch, der Gedichtband The Marble Faun (Der Marmorfaun). 1925 lebte er einige Monate in New Orleans und lernte dort den Schriftsteller Sherwood Anderson kennen, der ihn zum Schreiben über seine ländliche Heimat animierte. Seinen ersten Roman, Soldiers’ Pay (Soldatenlohn), der von Kriegsereignissen handelt, schloss er im Mai 1925 ab. Kürzere Werke Faulkners wurden regelmäßig in einer Zeitschrift in New Orleans veröffentlicht und später unter dem Titel New Orleans in Buchform veröffentlicht. Im selben Jahr beendete er, zusammen mit seinem Freund William Sprattling, seine Arbeiten an dem Buch Sherwood Anderson and Other Famous Creoles (Sherwood Anderson und andere berühmte Kreolen). Darin werden 41 Künstler porträtiert, darunter auch Faulkner und Sprattling selbst. Wegen der Parodie auf seinen Schreibstil, kündigte Anderson daraufhin Faulkner die Freundschaft auf.
Im Juli 1925 fuhr Faulkner mit Sprattling auf einem Frachtschiff nach Italien. Von dort reiste er über die Schweiz nach Frankreich, wo er sich lange in Paris aufhielt. Im Dezember 1925 kehrte er aus dem Vereinigten Königreich in die USA zurück. Sein nachfolgendes Werk gilt als sein schwächster RomanPeter Nicolaisen: William Faulkner. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 4. Auflage. Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-499-50300-X, S. 32: Mosquitoes (Moskitos), in dem erneut Künstler porträtiert werden, erschien 1927. Im September desselben Jahres beendete Faulkner den ersten seiner Romane, die im Yoknapatawpha County spielen, einer dichterischen Nachbildung des Lafayette County. Er veröffentlichte ihn 1929 in stark gekürzter Fassung unter dem Titel Sartoris. Die Langfassung erschien erst 1973 als Flags in the Dust (Flaggen im Staub). Im Mittelpunkt stehen zwei Kriegsheimkehrer und die Themen Schuld, Moral und Vergangenheit.
Ab 1928 schrieb Faulkner innerhalb von vier Jahren seine vier bekanntesten Romane und zahlreiche Kurzgeschichten. Bis auf ein paar der letzteren spielen alle diese Werke im Yoknapatawpha County. Im Spätsommer 1928 schloss er die Arbeiten an The Sound and the Fury (Schall und Wahn) ab. Dieser durch James Joyce beeinflusste Roman erschien 1929 bei Cape & Smith in New York. Die Kritik war überwiegend positiv, die Erstauflage von 1000 Exemplaren jedoch erst nach eineinhalb Jahren verkauft.Peter Nicolaisen: William Faulkner. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 4. Auflage. Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-499-50300-X, S. 46 1929 heiratete Faulkner Estelle Oldham-Franklin, die er schon lange verehrt hatte und die zuvor mit einem anderen Mann verheiratet gewesen war. Das Eheleben war von ökonomischen Problemen geprägt. So mussten sie in einem Mietshaus leben, und Faulkner nahm eine Arbeit als Aufseher im Heizwerk der Universität an.
Bei dieser Arbeit entstand zu großen Teilen der nächste Roman, As I Lay Dying (Als ich im Sterben lag), worin eine Familie während eines Mississippi-Hochwassers eine Leiche transportiert. Er war innerhalb von nur sieben Wochen vollendet und erschien 1930. Einkünfte durch einige Kurzgeschichten wie A Rose for Emily (Eine Rose für Emily) ermöglichten Faulkner und seiner Frau, das Haus Rowan Oak in Oxford zu kaufen, das er bis zu seinem Tod behielt.Peter Nicolaisen: William Faulkner. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 4. Auflage. Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-499-50300-X, S. 50 Im Mai 1929 stellte er die erste Version des Romans Sanctuary (Die Freistatt) fertig, den er 1931 veröffentlichte. Darin geht es um die weibliche Sexualität und den moralischen Verfall. Für damalige Zeiten recht freizügig und im Pulp-Fiction-Stil verfasst, wurde das Buch zum Erfolg und machte seinen Verfasser auch im Vereinigten Königreich und in Frankreich bekannt.Peter Nicolaisen: William Faulkner. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 4. Auflage. Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-499-50300-X, S. 54 Die erste Tochter der Faulkners, Alabama, wurde 1931 geboren und starb neun Tage später. Im August 1932 erschien der ohne festen Plan begonnene Roman Light in August (Licht im August). Er wurde als erstes von Faulkners Werken ins Deutsche übersetzt.
1932 schloss Faulkner einen Vertrag mit Metro-Goldwyn-Mayer und schrieb fortan Drehbücher für die Filmindustrie in Hollywood. 1933 wurde Faulkners Tochter Jill geboren. Neben den Drehbüchern schrieb er weitere Romane. 1934 begann er mit den Arbeiten an dem Roman Absalom, Absalom!, der 1936 erschien. 1935 wurde der Roman Pylon (Wendemarke) veröffentlicht, der im Flugplatzmilieu spielt und eine Dreiecksbeziehung zum Thema hat. Mit Pylon erschien erstmals ein Roman Faulkners beim Verlag Random House, der auch alle seine weiteren Bücher herausbrachte. 1938 erschien The Unvanquished (Die Unbesiegten), ein Zyklus von sechs Erzählungen, die ein großer Erfolg waren. Darin erzählt Faulkner die Erlebnisse eines weißen Jungen und seines schwarzen Freundes. Im nächsten Jahr erschien der Doppelroman Wild Palms – The Old Man (Wilde Palmen – Der Strom). 1940 wurde The Hamlet (Das Dorf), der erste Band der Trilogie über den Emporkömmling Snopes, veröffentlicht; die übrigen Bände folgten erst 1957 und 1959, The Town (Die Stadt) und The Mansion (Das Haus). Faulkner lebte jetzt in Hollywood. Er verfasste unter anderem das jeweilige Drehbuch zu den Verfilmungen von Raymond Chandlers The Big Sleep (Tote schlafen fest) und Ernest Hemingways To Have and Have Not (Haben und Nichthaben), die beide von Howard Hawks gedreht wurden. Mit dessen Sekretärin Meta Carpenter hatte Faulkner eine Affäre.
1942 veröffentlichte Faulkner den Erzählband Go Down, Moses (Das verworfene Erbe, später auf Deutsch unter dem Originaltitel), der aus sieben zusammenhängenden, teilweise umgeschriebenen Erzählungen besteht. Dennoch hatte er finanzielle Schwierigkeiten. 1944 war in den USA nur noch Sanctuary lieferbar.Peter Nicolaisen: William Faulkner. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 4. Auflage. Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-499-50300-X, S. 101 Faulkner bewarb sich bei der US-Armee, um im Zweiten Weltkrieg zu kämpfen, wurde aber abgelehnt. 1946 erschien mit Portable Faulkner eine Zusammenstellung früher erschienener Werke. Erst 1948 kam mit dem Roman Intruder in the Dust (Griff in den Staub) wieder ein neues Buch von ihm heraus. Es wurde zu einem Erfolg und kurz nach seinem Erscheinen in Faulkners Heimatort Oxford verfilmt. Die Dreharbeiten trugen sehr zu seiner Popularität in Oxford bei – zuvor war er wegen seiner Bücher von vielen Leuten in den Südstaaten abgelehnt worden. 1949 begann er eine Affäre mit der wesentlich jüngeren Schriftstellerin Joan Williams, der er auch als Ratgeber diente und der die Überlieferung zahlreicher Reflexionen Faulkners zu seinem Werk zu verdanken ist.
Nobelpreis
mini|hochkant|Faulkners Reiseschreibmaschine Im Jahr 1949 war Faulkner Favorit auf den Nobelpreis für Literatur, eine Sperrminorität der Juroren stimmte aber gegen ihn, so dass der Preis vorerst nicht verliehen wurde. Im Folgejahr wurde Faulkner mit einstimmigem Votum der Nobelpreis rückwirkend für das Jahr 1949 zuerkannt. Faulkner brach zu einem Jagdausflug auf und schrieb eine Absage, da er die mit der Verleihung verbundene Öffentlichkeit scheute. Nur mühsam gelang es, ihn umzustimmen. Jill Faulkner begleitete ihn.