Clodia (auch – zur Unterscheidung von ihren Schwestern – Clodia Metelli, ursprünglich Claudia; * um 90 v. Chr.; † nach 44 v. Chr.) war eine der umstrittensten Frauen der späten römischen Republik. Sie war mit Quintus Caecilius Metellus Celer verheiratet. Ihr galt Marcus Tullius Ciceros Verunglimpfung wegen eines ausschweifenden Lebenswandels in seiner Rede Pro Caelio. Unter anderem sagte er ihr Inzest mit ihrem Bruder Publius Clodius Pulcher nach. Daraus wurde schon in der Antike gefolgert, dass sie die Lesbia genannte Geliebte des Dichters Catull war, der dieser zahlreiche Gedichte gewidmet hat.
Name
Der Name Clodia ist die weibliche Form des Gentilnamens Clodius, der Form des Namens Claudius, die Publius Clodius Pulcher annahm, als er sich 59 v. Chr. zum Plebejer erklären ließ. Seine drei Schwestern folgten dieser Namensänderung. Eine weitere Trägerin des Namens war seine Tochter Clodia aus seiner Ehe mit Fulvia, der zweiten Gattin des Marcus Antonius.
Leben Herkunftsfamilie
Clodia stammte aus dem angesehenen Adelsgeschlecht der Claudier, das viele berühmte Persönlichkeiten der römischen Geschichte hervorbrachte. Ihr Vater Appius Claudius Pulcher war im Jahr 79 v. Chr. Konsul. Ihre Mutter war vermutlich Caecilia Metella, die Schwester des Konsuls von 98 v. Chr., Quintus Caecilius Metellus Nepos.Cicero, De divinatione 1,4; Pro Sexto Roscio Amerino 147; Siehe aber auch Ann C. Harders: Suavissima Soror. Untersuchungen zu den Bruder-Schwester-Beziehungen in der römischen Republik. C. H. Beck, München 2008, S. 215–218, wo verschiedene Theorien von D. R. Shackleton Bailey und T. W. Hillard über die Verwandtschaft der Claudier und der Meteller dargestellt werden. Laut Shackleton Bailey ist Clodia Metelli nicht die Tochter der Caecilia Metella, sondern einer unbekannten ersten Ehefrau ihres Vaters.
Clodia hatte (mindestens) fünf Geschwister: drei Brüder und zwei Schwestern. Über ihre Kindheit und Erziehung ist nichts bekannt. Ihr Vater ließ die Familie nach seinem Tod 76 v. Chr. angeblich verarmt zurück, weshalb die jüngste der Schwestern nach einer von Marcus Terentius Varro überlieferten Legende ohne Mitgift mit Lucius Licinius Lucullus verheiratet werden musste.Varro, Res rusticae 3,16,1f.; dazu aber Ann C. Harders: Suavissima Soror. Untersuchungen zu den Bruder-Schwester-Beziehungen in der römischen Republik. C. H. Beck, München 2008, S. 219f. Von ihren drei Brüdern wurde der älteste, Appius Claudius Pulcher, 54 zum Konsul gewählt, während der zweite Bruder Gaius 51 v. Chr. wegen eines Bestechungsskandals nicht zum Konsulat gelangte. Die politische Karriere des Dritten, Publius Clodius Pulcher, der einige Jahre jünger als sie war, verfolgte Clodia anteilsvoll und unterstützte ihn, wobei ihr politischer Einfluss mehr hinter den Kulissen wirkte.
Von ihren Schwestern, deren Altersreihenfolge nicht sicher zu rekonstruieren ist, war eine mit Quintus Marcius Rex, dem Konsul von 68 v. Chr., verheiratet. Die andere, TertiaPlutarch, Cicero 27,5. oder nach ihrem Ehemann Clodia Luculli genannt, war die Frau des Lucius Licinius Lucullus, der 74 v. Chr. Konsul war und über seine Mutter mit den Metelli verwandt war. Er führte das römische Heer im Dritten Mithridatischen Krieg (74–64 v. Chr.) und ließ sich nach etwa zehn Jahren Ehe 66 v. Chr. von Clodia scheiden, nachdem ihr Bruder Publius eine Meuterei seines Heeres gegen ihn veranlasst hatte, was zu seiner Abberufung führte.Plutarch, Lucullus 34,1–4. Der angebliche Inzest mit ihrem Bruder Publius als vermeintlicher Scheidungsgrund wird erstmals in Ciceros Rede pro Milone 52 v. Chr. thematisiert.Ann C. Harders: Suavissima Soror. Untersuchungen zu den Bruder-Schwester-Beziehungen in der römischen Republik. C. H. Beck, München 2008, S. 235.
Ehe mit Quintus Caecilius Metellus Celer
Wie in römischen Patrizierfamilien nicht unüblich, wurde Clodia ihrem Cousin Quintus Caecilius Metellus Celer zur Frau gegeben.Die Verwandtschaft war so eng, dass Cicero ihn in Pro Caelio mehrmals als frater (Bruder) von Clodias Brüdern bezeichnete, was zu diversen Spekulationen über Clodias Abstammung geführt hat (Marilyn B. Skinner: Clodia Metelli. The Tribune’s Sister. Oxford University Press, Oxford u. a. 2011, S. 55f.). Dieser war 66 v. Chr. Legat von Gnaeus Pompeius Magnus im Krieg gegen Mithridates von Pontus gewesen. Während Ciceros Konsulat 63 v. Chr. war er Prätor und beteiligte sich als Statthalter der Provinz Gallia cisalpina an der Niederschlagung der Catilinarischen Verschwörung, indem er Catilinas Truppen den Weg nach Gallia transalpina versperrte. Vermutlich fand die Hochzeit in diesem Jahr statt.Ann C. Harders: Suavissima Soror. Untersuchungen zu den Bruder-Schwester-Beziehungen in der römischen Republik. C. H. Beck, München 2008, S. 220.
61 v. Chr. überwarf Celer sich mit Pompeius, als dieser sich von seiner Halbschwester Mucia Tertia scheiden ließ. Als Optimat verfügte Clodias Mann über genügend Ansehen, um den ehemaligen Schwager im Rennen um das Konsulat im Jahr 60 v. Chr. ausstechen zu können. In seiner Amtszeit trat er gemeinsam mit Cicero seinem Schwager Publius Clodius Pulcher entgegen, der trotz seiner patrizischen Herkunft das Amt eines Volkstribunen anstrebte. Celers plötzlicher Tod Anfang 59 v. Chr. provozierte Gerüchte, nach denen Clodia daran nicht ganz unschuldig gewesen sei, denn es sei in der Ehe nicht sehr harmonisch zugegangen und Clodia habe sich fortwährend im Kriege mit ihm befunden.Cicero, epistulae ad Atticum 2,1,5: ea cum viro bellum gerit. Ob die Ehe wirklich so schlecht war, wie Cicero aus dem Jahr von Celers Konsulat berichtete, ist ebenso unbekannt wie, ob ein signifikanter Altersunterschied bestand oder nach welchem Recht die Ehe geschlossen wurde. Dass sie ihn nicht bei seinen militärischen Einsätzen und Statthalterschaften begleitete, ist jedoch kein Anzeichen für eine schlechte Ehe, sondern entsprach der damaligen Sitte. Cicero selbst schilderte nur zwei Jahre zuvor in einem Brief an Celer, wie Clodia zusammen mit Mucia zwischen ihm und ihrem Schwager Quintus Caecilius Metellus Nepos vermittelte.Cicero, epistulae ad familiares .
Aus der Ehe mit Metellus Celer hatte Clodia eine Tochter Metella, möglicherweise die Caecilia Metella, die die Geliebte von Ciceros Schwiegersohn Dolabella war.Skinner: Clodia Metelli. The Tribune’s Sister. S. 6–8; 93ff.
Zwischen Clodius und Cicero
Nach Celers Tod unterstützte Clodia die politische Karriere ihres Bruders Publius, was sie auch mit Ciceros Freund Titus Pomponius Atticus diskutierte, der diese Neuigkeiten an Cicero weiterleitete. Das spricht dafür, dass ihr Verhältnis zu Cicero zumindest 59 v. Chr. noch nicht so schlecht war, wie seine spätere Darstellung in pro Caelio vermuten lässt.Ann C. Harders: Suavissima Soror. Untersuchungen zu den Bruder-Schwester-Beziehungen in der römischen Republik. C. H. Beck, München 2008, S. 233. Allerdings tituliert Cicero sie bereits in Briefen aus dieser Zeit mit dem griechischen Attribut (boópis „Kuhäugige“) der Hera, der Schwestergattin des Zeus, das auf seine spätere Inzest-Anklage hinweist.Z. B. Cicero, epistulae ad Atticum 2,14. Am 10. Dezember 59 v. Chr. gelang Clodius die Wahl zum Volkstribunen. In dieser Eigenschaft setzte er etliche populäre Gesetze um. Cicero wurde auf sein Anstiften ins Exil gesandt, aus dem er erst 57 v. Chr. zurückkehrte, und sein Besitz beschlagnahmt. Sein Grundstück auf dem Palatin brachte Clodius an sich.
Anders als üblich hatte Clodia nicht wieder geheiratet, sondern sich Marcus Caelius Rufus, einem Schüler und Freund Ciceros, zugewandt – jedenfalls, wenn man Cicero glauben kann. Er kam aus dem Ritterstand und sein Vater verfügte über große Besitztümer in Africa. Wie auch immer Caelius in die Catilinarische Verschwörung verwickelt gewesen sein mochte, er schaffte jedenfalls noch rechtzeitig eine Kehrtwendung. Somit hatte er dank der Unterstützung durch Pompeius eine glänzende Karriere vor sich. Er war 12 Jahre jünger als Clodia und galt als gutaussehend.Cicero, Pro Caelio 36. Nach Ende der Beziehung strengte ClodiaLaut Richard A. Bauman: Women and Politics in Ancient Rome. Routledge, London u. a. 2003, S. 72 aus Gründen der persönlichen Rache. (oder ihr Bruder Publius) 56 v. Chr. einen Prozess gegen Caelius an. Der offizielle Ankläger war dabei der erst 17-jährige Lucius Sempronius Atratinus, der Caelius neben anderen Verbrechen, darunter einem Mord, begangen mit von Clodia geliehenem Gold, auch einen Mordanschlag auf Clodia vorwarf. Caelius’ Verteidigung übernahm Cicero. Seine Rede pro Caelio (s. u.) ist dabei weniger eine Verteidigung seines Mandanten als eine systematische Verunglimpfung Clodias, auch wenn ihr Name nicht direkt genannt wird. Als Hure sollte sie als unglaubwürdige Zeugin in dem Prozess dargestellt werden.Ann C. Harders: Suavissima Soror. Untersuchungen zu den Bruder-Schwester-Beziehungen in der römischen Republik. S. 240. Sogar Verwandte wie Appius Claudius Caecus, den Erbauer der Via Appia, ließ Cicero in seinem Plädoyer mit zu Wort kommen, um aus dessen Munde Schmähungen gegen Clodia zu richten und darauf hinzuweisen, dass sie durch ihr Verhältnis zu Caelius dem Rufe der Familie rücksichtslos schade. Dabei hält Wilfried Stroh es sogar durchaus für möglich, dass Cicero selbst die Affäre zwischen Clodia und Caelius erfunden hat.Wilfried Stroh: Taxis und Taktik. 1975, S. 243ff. Zudem sagte Cicero ihr etliche Liebschaften und sogar Inzest mit ihren Brüdern nach. Diese Diffamierung der Schwester seines Feindes, die auch in anderen ebenfalls gegen Publius Clodius gerichteten Reden der Jahre 57/56 v. Chr. mit ähnlich lautenden AnklagenZ. B. de domo sua 93. zur Sprache kommt, diente vor allem der Diskreditierung des Clodius als moralisch verkommen, schwach und unter der Fuchtel einer Frau stehend.Ann C. Harders: Suavissima Soror. Untersuchungen zu den Bruder-Schwester-Beziehungen in der römischen Republik. S. 242–244. Caelius wurde dank der brillanten Verteidigung durch Cicero und Marcus Licinius Crassus freigesprochen, ohne dass die ihm zur Last gelegte Ermordung des Philosophen Dion im Prozess wirklich thematisiert worden wäre. Clodia dagegen blieb dem Hohne des PöbelsCicero, Ad Quintum fratrem 2,3,2. und der Verachtung der Nachwelt ausgesetzt.
Über ihr späteres Leben ist nichts Sicheres bekannt. Sie trat auch nicht mehr in Clodius’ Umfeld in Erscheinung. Im Jahr 52 v. Chr. trafen auf der Via Appia die bewaffneten Banden von Clodias Bruder und Titus Annius Milo aufeinander, der den im Kampf verwundeten Clodius umbringen ließ. Wieder hieß der Verteidiger Cicero, wieder wurde eine der Schwestern, diesmal Clodia Luculli, des Inzests mit dem Bruder bezichtigt, aber diesmal unterlag Cicero und das Urteil lautete Verbannung für Milo.
Zu Cicero scheint Clodia trotz der Beschuldigungen in Pro Caelio ein freundschaftliches Verhältnis behalten zu haben, jedenfalls zog Cicero als Ort für das Grabmal seiner 45 v. Chr. verstorbenen Tochter Tullia kurzfristig Clodias Gärten in Betracht. Clodia erscheint dabei als geschäftlich unabhängig,Cicero, epistulae ad Atticum 13,29,2. was ungewöhnlich war für eine römische Frau, es sei denn, sie stand als Witwe aus einer Manusehe unter keiner patria potestas mehr.
Clodias Todesdatum ist nicht bekannt. Zum letzten Mal erwähnte Cicero sie Atticus gegenüber einen Monat nach Caesars Ermordung 44 v. Chr. in einem Atemzug mit Kleopatra:
Es lässt sich nur spekulieren, ob Clodia als ältere univira möglicherweise Gesellschafterin der ägyptischen Königin war.
Clodia in den Quellen Clodia als Lesbia in Catulls Liebesgedichten