mini|Das Brüderpaar Gracchus, von Eugène Guillaume Tiberius Sempronius Gracchus (* 162 v. Chr.; † 133 v. Chr. in Rom) war ein Politiker der Römischen Republik. Er wollte als Volkstribun weitgehende Reformen durchsetzen, scheiterte jedoch am gewaltsamen Widerstand der Senatsmehrheit und wurde zusammen mit seinen Anhängern ermordet. Nach seinem Tod versuchte sein Bruder Gaius Sempronius Gracchus erneut, Reformen durchzusetzen, wurde aber ebenfalls getötet. Mit dem Scheitern der Gracchischen Reformen begann das Zeitalter der Römischen Bürgerkriege. Nach seinem Tod wurde Tiberius Sempronius zur Symbolfigur für den Kampf gegen die Willkür der Oberschicht stilisiert.

Herkunft

Die Familie der Gracchen war eine der mächtigsten und angesehensten der römischen Nobilität. Der jüngere Tiberius war der älteste Sohn des älteren Tiberius Sempronius Gracchus, des Konsuls der Jahre 177 v. Chr. und 163 v. Chr., und der Cornelia, einer Tochter des Publius Cornelius Scipio Africanus, des Siegers über Hannibal. Tiberius war mit Claudia Pulchra verheiratet. Laut Appian hatte er mindestens einen Sohn,Appian, Bellum Civile 1,14,62. Cassius Dio und Plutarch erwähnen Kinder im Plural.Cassius Dio 24,83,8; Plutarch, Tiberius Gracchus 13.

Politische Anfänge Der junge Tiberius Gracchus begleitete im Alter von fünfzehn Jahren den damaligen Konsul Publius Cornelius Scipio Aemilianus Africanus in den Dritten Punischen Krieg (147 v. Chr.) und ging im Jahre 137 v. Chr. mit dem Konsul Gaius Hostilius Mancinus als Quaestor in die Provinz Hispania citerior. Seit die Römer nach ihrem Sieg im Zweiten Punischen Krieg große Teile der iberischen Halbinsel als Provinz von Karthago erbeutet hatten, sahen sich die römischen Truppen mit dem hartnäckigen Widerstand der iberischen Stämme konfrontiert, der zu einem jahrzehntelangen Krieg führte.

Gracchus erlebte dort die Kapitulation des römischen Heeres vor Numantia, eine der bis dahin schwersten Niederlagen einer römischen Armee. Er hatte die Kapitulation mit zu verantworten und war als Quaestor an der Formulierung des Vertrages maßgeblich beteiligt; er wäre daher, als der Senat die Ratifizierung des Abkommens ablehnte, beinahe an die Feinde ausgeliefert worden. Nur seine vornehme Herkunft und mächtigen Freunde bewahrten ihn vor der schmachvollen Auslieferung an die Numantiner, wie sie Mancinus widerfuhr. Dieser wurde nackt und mit gefesselten Händen zu den Feinden geschickt, die ihn wiederum nicht aufnehmen wollten, um ihrerseits nicht die Nichtigkeit des Vertrages anerkennen zu müssen. Mancinus war damit entehrt und politisch erledigt. Dieses Erlebnis und seine Folgen hatten im Leben des Tiberius mutmaßlich traumatischen Charakter. Plutarch vermutete, dass durch die Kapitulation bis zu 20.000 römische Soldaten am Leben bleiben konnten, der Senat hingegen fasste das nach Mancinus beschriebene Vertragswerk aber dennoch als schweren Verrat auf.Plutarch, Tiberius Gracchus. 5 In: Plutarch, Große Griechen und Römer. Band 6, übersetzt und kommentiert von Konrat Ziegler, Zürich 1965, S. 244–245, In: ZI S. 241. Dazu Bernhard Linke: Die römische Republik von den Gracchen bis Sulla. WBG, Darmstadt 2012, ISBN 978-3-534-73992-9, S. 41 f.

Seine Erlebnisse auf der iberischen Halbinsel und die Reaktion des römischen Senats brachten Tiberius zum ersten Mal in einen Konflikt mit Teilen des Senats und deren Politik. Er stand nun, wie Jochen Bleicken herausarbeiten konnte, politisch mit dem Rücken zur Wand und brauchte dringend einen spektakulären Erfolg. Schon bei seiner Reise nach Numantia durchreiste er Etrurien und erkannte angeblich dort Missstände, welche die Sklavenwirtschaft und die Belastung der bäuerlichen Bevölkerung durch den Kriegsdienst verursacht hatten.Plutarch, Tiberius Gracchus 8. In ihm reifte Plutarch zufolge ein erster Plan zur Reformierung des römischen Staates. Plutarch berichtet aber auch über andere Motive, die Tiberius zu seinem politischen Vorhaben beeinflusst haben sollen. So schreibt er, dass Tiberius von seinen beiden Beratern Diophanes von Mitylene und Gaius Blossius aus Cumae dazu überredet worden sei, das Projekt einer Landverteilung wieder aufzugreifen. Als weitere mögliche Motive führt Plutarch zum einen Cornelia, die Mutter des Tiberius, an, die durch ihre Klagen ihren Sohn zu maßlosem Ehrgeiz angestachelt haben soll, und zum anderen habe Tiberius feststellen müssen, dass ein etwa gleichaltriger Konkurrent ihn an Ansehen und Ruhm weit überholt habe, weshalb er sich auf ein gewagtes, aber vielversprechendes politisches Unternehmen eingelassen habe. Als Hauptmotiv für das Ackergesetz sieht Plutarch allerdings Tiberius’ Bemühen um Popularität an, da das Volk ihn in Graffiti an öffentlichen Gebäuden und Denkmälern aufgefordert habe, der armen Bevölkerung den Staatsgrund zurückzugeben.

Dass sein politisches Projekt nicht neu war, sondern auch von anderen Mitgliedern der Nobilität verfolgt wurde, zeigt der Versuch des Gaius Laelius, der 140 v. Chr. ein Ackergesetz verabschieden wollte, aber aufgrund des Widerstandes vieler anderer Senatoren sein Vorhaben wieder fallen ließ. Dennoch erhellt es, dass zum einen die Idee einer Ackerreform des Tiberius Gracchus nicht unbekannt in Rom war, zum anderen verdeutlicht der vorige Fehlversuch des Gaius Laelius, dass Tiberius im Senat mit starkem Widerstand rechnen musste.

Der Reformkreis Hintergründe Ab dem Ende des Dritten Punischen Krieges im Jahre 146 v. Chr. geriet die „späte römische Republik“ (133–31 v. Chr.), der nach Christian Meier Res publica amissaChristian Meier: Res publica amissa. Eine Studie zu Verfassung und Geschichte der späten römischen Republik. 4. Auflage, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-515-11642-8., mit dem Jahre 133 v. Chr. in eine schwere Krise.Bernhard Linke: Die römische Republik von den Gracchen bis Sulla. WBG, Darmstadt 2012, ISBN 978-3-534-73992-9, S. 41 f.

Die römische Oberschicht erfüllte die vom Volk erwarteten Aufgaben nicht und so begann sich eine Polarisierung innerhalb der römischen Gesellschaft zu vollziehen. Kontrovers standen sich jene gegenüber, die die Macht und den Status der alten Familien bewahren wollten, um so Rom in der Form zu konservieren, wie es schon „immer war“, anderseits fanden sich jene zusammen, die eine stärkere Berücksichtigung der „Interessen des Volkes“ einforderten.Leonhard Burckhardt: Politische Strategien der Optimaten in der späten römischen Republik. Heft 57, Stuttgart 1988, ISBN 3-515-05098-1, S. 31 f. So gab es im Rom keine in sich geschlossenen politischen Parteien, im Sinne moderner Staaten, vielmehr kam es zu Gruppenbildungen, die etwa um alte Privilegien und deren Beteiligung hieran rungen. Andere Gruppierungen suchten die Rechte des römischen Volkes als solches zu erweitern.Otto Leggewie: Die Welt der Römer. Aschendorffsche, Münster 1978, ISBN 3-402-02610-4, S. 26

Ein spezielles Problem ergab sich aus der Rekrutierung der römischen Kleinbauern zum Militärdienst, eine solche Belastung der Kleinbauern und die daraus resultierende, mögliche Verarmung weiter Teile dieser Gesellschaftsgruppe stellten sich als ein Problem dar, das dringend gelöst werden musste.Mary Beard: SPQR. Die tausendjährige Geschichte Roms. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-10-002230-1, S. 235–236

Tiberius Gracchus und der Reformkreis Wieder nach Rom zurückgekehrt, schloss sich Tiberius Gracchus dem Reformkreis um den princeps senatus Appius Claudius Pulcher an, welcher auch sein Schwiegervater wurde. Trotz seiner jungen Jahre wurde Tiberius schon bald zu dessen aktivstem Mitglied. Dem Kreis gehörten angesehene Mitglieder der römischen Nobilität an, so etwa Publius Mucius Scaevola und Publius Licinius Crassus Dives Mucianus. Auch Tiberius’ Schwager Scipio Aemilianus gehörte anfangs zu seinen Unterstützern. Die Reformer hatten sich vor allem zum Ziel gesetzt, den ager publicus, den im Eigentum des römischen Staates befindlichen Landbesitz, neu zu verteilen.

Während Alvin Bernstein in diesen Männern die ursprünglichen Urheber des Gesetzes sieht, die Tiberius für ihre Sache gewinnen konnten,Alvin Bernstein: Tiberius Sempronius Gracchus. Tradition and apostasy. Ithaca 1978, S. 119. geben die beiden Hauptquellen Plutarch und Appian nur her, dass sie lediglich als Berater des Tiberius zur Seite standen.Plutarch, Tiberius Gracchus 9; Appian, Bellum civile 1, 13, 55. Diese Ansicht vertritt auch David Stockton, der Tiberius als vorausschauenden Politiker bezeichnet, der sich des Widerstandes der Großgrundbesitzer sicher gewesen sei und deshalb im Voraus bewusst einflussreiche Männer aus der Nobilität für sich zu gewinnen gesucht habe.David Stockton: The Gracchi, Oxford 1979, S. 40f. Über die Größe des Reformerkreises können aus den Berichten Plutarchs und Appians keine Rückschlüsse gezogen werden. Klaus Meister geht, ähnlich wie P. A. Brunt und Christian Meier, von einem kleinen Kreis isolierter Adliger aus,Klaus Meister: Einführung in die Interpretation historischer Quellen, Schwerpunkt Antike. Bd. 2 Rom, Paderborn 1999, S. 134 während Donald C. Earl den Kreis der Unterstützer erheblich größer fasst und dies mit der Verbindung des Tiberius mit den anderen einflussreichen Familienmitgliedern der Claudii Pulchri und Mucii Scaevolae begründet.Donald C. Earl: Tiberius Gracchus. A study in politics. Brüssel-Berchem 1963, S. 7–15. In der neueren Forschung ist zudem vermutet worden, dass auch griechische Intellektuelle, die sich in Rom aufhielten, großen Einfluss auf das Reformprogramm gehabt hätten.John Ossier: Greek cultural influence and the revolutionary policies of Tiberius Gracchus. In: Studia Historica 22, 2004, S. 63–69.

Die Agrarwirtschaft als Reformobjekt

Der ager publicus war durch die Kriege Roms in Italien enorm gewachsen, denn die Römer annektierten bis zu einem Drittel der Fläche der von ihnen besiegten italischen Stämme und verleibten diesen Boden ihrem Staatsgebiet ein. Wurden diese Böden zu Beginn der italischen Expansion noch in einzelnen Bauernstellen an die eigenen Bürger als Kolonisten abgegeben, setzte sich bald nach 180 v. Chr. die Praxis der Okkupation dieser Ländereien durch. Dies bedeutete, dass der ager publicus – gegen Erstattung einer festgesetzten, einmalig zahlbaren Grundgebühr – von jedermann zur Bewirtschaftung in Besitz genommen werden konnte. Hiervon profitierten vor allem die vermögenden Klassen der römischen Bevölkerung, also die Senatoren und Ritter und die obersten Census-Klassen. Dem einfachen Volk war eine Okkupation meist schon aus Mangel an den nötigen finanziellen und sachlichen Mitteln unmöglich. Zwar war eine Obergrenze für die Landinbesitznahme gesetzt worden; diese war aber überaus großzügig bemessen und führte eher dazu, dass den Mitgliedern der herrschenden und vermögenden Klassen ein Teil des ager publicus bereitstand, als dass hierdurch die unteren Schichten zum Zuge kamen. Aber auch die reichsten Mitglieder der Nobilität waren auf die Nutzung des ager publicus nicht angewiesen und scheinen – anders, als man früher glaubte – kaum auf ihn zurückgegriffen zu haben.

Die derart vergebenen öffentlichen Ländereien gingen somit praktisch in Privatbesitz über, und alsbald verfestigte sich dieser Zustand derart, dass der ager occupatorius vererbt, beliehen und verschenkt wurde wie privates Eigentum.