Der Rotkopfwürger (Lanius senator) ist ein Singvogel der Gattung Lanius und der Familie der Würger (Laniidae). Das Verbreitungsgebiet dieses bis auf die nordwestafrikanischen Populationen obligaten Zugvogels ist auf die Westpaläarktis beschränkt, wo er in vier Unterarten vorkommt. Die Verbreitung ist auf der Iberischen Halbinsel flächig, ansonsten lückenhaft. Die Überwinterungsgebiete liegen in der Sahelzone südlich der Sahara. Die seit etwa 50 Jahren immer kleiner werdenden Brutvorkommen des Rotkopfwürgers in Mitteleuropa sind mittlerweile weitgehend erloschen.
Merkmale mini|links|Rotkopfwürger, Weibchen In der Gruppe der mittelgroßen braun-, rotbraun- oder schwarzrückigen Würger ist der Rotkopfwürger eine in den meisten Fällen leicht zu bestimmende Art. Nur Jungvögel und immature Individuen ähneln stark solchen anderer Arten, vor allem jenen des Maskenwürgers und des Neuntöters. Bestimmungsprobleme bereiten weiters Hybride, die zumindest zwischen dem Rotkopfwürger und dem Neuntöter gelegentlich vorkommen.Harris (2000) S. 181.
Mit einer Gesamtlänge von bis zu 19 Zentimetern, wovon etwa 8 Zentimeter auf den Schwanz entfallen, ist der Rotkopfwürger durchschnittlich nur geringfügig größer als der Neuntöter; er ist jedoch mit bis zu 50 Gramm um 10–20 Prozent schwerer als dieser und wirkt kompakter und massiger. Ausgefärbte Männchen sind auf der Oberseite weitgehend schwarz, auf der Unterseite sehr hell, fast weiß gefärbt. Scheitel und Nacken sind rostbraun, gelegentlich orangebraun. Die Schultern sind weiß, ebenso die Basen der Handschwingen, wodurch beim sitzenden Vogel ein deutliches weißes Flügelfenster entsteht, beim fliegenden ein recht breites weißes Band. Bei einigen Vögeln ist die weiße Schulterfärbung am Rücken v-förmig geschlossen. Der Bürzel ist weiß, der schmal weiß gerandete, spatelförmige Schwanz schwarz. Stirn und Vorderkopf sind schwarz; diese Färbung setzt sich über die Augen und Wangen zum Hals fort und bildet eine stark von der weißlichen Kehle abgesetzte Gesichtsmaske. Über dem Schnabelansatz befinden sich oft kleinere weiße Einschlüsse. Der deutlich gezähnte, kräftige Würgerschnabel ist schwarz, ebenso die Iris. Die Beine sind graubraun.
Die Geschlechter unterscheiden sich in Größe und Gewicht nicht, in der Färbung jedoch recht deutlich. Weibchen sind insgesamt blasser und weniger kontrastreich gefärbt. Das Oberseitengefieder ist meist bräunlich, die Gesichtsmaske ebenfalls dunkelbraun und häufig fragmentiert. Ein deutliches weißes Feld über dem Schnabelansatz kann aus der Nähe einen guten Hinweis zur Geschlechtsbestimmung geben. Gelegentlich ist eine leichte Flockung und Wellung des bauchseitigen Gefieders zu erkennen; die Flanken sind fast immer hellbräunlich behaucht.
Jungvögel weisen das für juvenile Würger typische bräunlichgraue, dunkel gewellte und geflockte Oberseitengefieder auf. Die Unterseite ist auf hellem, gräulich verwaschenem Grund bräunlich gesperbert. Deutliche Farbkontraste fehlen. Die weißen Schulterfedern werden ansatzweise schon nach der Teilmauser im ersten Herbst sichtbar und bilden dann das beste Unterscheidungsmerkmal zu Jungvögeln anderer Würgerarten. Jungvögel des Maskenwürgers, die dieses Merkmal auch zeigen, sind insgesamt heller und im Farbton nicht bräunlich, sondern hellgrau; die weiße Stirn, die die Altvögel charakterisiert, ist bei ihnen bereits ausgebildet, fehlt jedoch bei jungen Rotkopfwürgern.
Der Flug des Rotkopfwürgers ist geradlinig und sehr schnell.
Stimme Der Gesang des Rotkopfwürgers – ein kontinuierliches Schwätzen, Trillern und Pfeifen – ist dem des Neuntöters sehr ähnlich, jedoch etwas lauter. Eingeleitet wird er oft von einem abgehackten grüg-Laut, dem gepresste, krächzende, aber auch wohltönendere Laute folgen (Hörbeispiel). Fast immer werden Rufe und Gesänge anderer Vogelarten imitiert, weshalb der Gesang des Rotkopfwürgers je nach Vorbildart individuell sehr verschieden sein kann. Die häufigsten Vorbildarten sind der Brachpieper, die Orpheusgrasmücke und die Grauammer.HBV Band 13/2 (1993) S. 1352. Beide Geschlechter singen, oft im Duett. Das Männchen trägt den Gesang von exponierten Warten vor, während singende Weibchen meist in der Deckung bleiben. Insgesamt ist die akustische Präsenz der Art aber nicht besonders groß; vor allem bereits verpaart im Brutgebiet erscheinende Würger verhalten sich recht heimlich.
Wie alle Würger verfügen auch Rotkopfwürger über eine Reihe von Rufen. Einfacher Anwesenheits- und Kontaktruf ist ein zweisilbiges, recht leises Kwikwik. Warn- und Alarmruf ist ein lautes, einzelnes, oder bei größerer Erregung gereihtes Gäck oder Tschäck (Hörbeispiel). Besonders während der Führungszeit bleibt die Familie mit krek- oder krex-Rufen miteinander in Kontakt (Hörbeispiel). Ein durchdringendes Drrirrd deutet auf höchste Erregung in einer antagonistischen Situation hin.
Verbreitung mini|Verbreitung des Rotkopfwürgers:
Der Rotkopfwürger ist eine Singvogelart der südwestlichen Paläarktis, insbesondere des Mittelmeerraumes. Sein Verbreitungsschwerpunkt liegt auf der Iberischen Halbinsel, wo etwa 85 Prozent der gesamteuropäischen Population brüten.
Das Verbreitungsgebiet der Art erstreckt sich im Westen von den Maghreb-Staaten in Nordwestafrika über Südportugal und große Teile Spaniens, Süd- und Zentralfrankreich nach Italien. Besiedelt sind die großen Inseln im westlichen Mittelmeer, teilweise auch vorgelagerte Eilande. Nach Osten hin bestehen zahlenmäßig gute Brutvorkommen vor allem im küstennahen Bereich der Balkanhalbinsel, auf den meisten der Ionischen und Ägäischen Inseln, sowie in der Westtürkei. Brutvogel ist der Rotkopfwürger ferner in Südbulgarien und an der rumänischen Schwarzmeerküste, in Zentralanatolien, in der südlichen Türkei, in Nordsyrien sowie im Hinterland der östlichen und südöstlichen Mittelmeerküste. In nicht unbeträchtlichen Zahlen brütet die Art in den Kaukasusstaaten, insbesondere an der West- und Südküste des Kaspischen Meeres. Die Ostgrenze des Verbreitungsgebietes ist nicht genau bekannt; isolierte Brutvorkommen liegen im südöstlichen Turkmenistan.Panow (1996) S. 172. Die am weitesten nach Osten vorgeschobenen, zahlenmäßig relevanten Brutgebiete liegen jedoch im Zagrosgebirge sowie im Kuhrud.
Im zentralen und nördlichen Mitteleuropa war der Rotkopfwürger immer sehr selten und ist heute aus diesem Bereich weitgehend verschwunden. Einige wenige Paare brüten in Deutschland, Polen, der Slowakei und in der Schweiz. In der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands von 2020 wird die Art in der Kategorie 1 als vom Aussterben bedroht geführt, der letzte Brutnachweis eines artreinen Paares gelang in Deutschland im saarländischen Bliesgau im Jahre 2009 (Stand 2025).
Die außerbrutzeitliche Verbreitung liegt in der Sahelzone sowie im Trockensavannengürtel Afrikas südlich der Sahara. Einige Vögel aus den östlichsten Brutgebieten überwintern im Südwesten der Arabischen Halbinsel, vor allem im Jemen.
Wanderungen Bis auf die nordwestafrikanischen Rotkopfwürger sind alle anderen Populationen obligate Langstreckenzieher. Die Überwinterungsgebiete der Unterarten sind deutlich voneinander getrennt. Die Nominatform Lanius senator senator überwintert im Westteil des Winterareals ostwärts etwa bis zum Oberlauf des Nils. Die Überwinterungsgebiete von L. senator badius liegen in einem relativ kleinen Bereich am Golf von Guinea, vor allem in Südnigeria, die von L. senator niloticus östlich des Nils in Somalia, Eritrea und Nordabessinien.Panow 1996, S. 173.
Die ersten Rotkopfwürger verlassen schon Ende Juli das Brutgebiet, der Schwerpunkt des Wegzugs liegt im August. Mitte September sind die Brutgebiete weitgehend geräumt. Die Vögel ziehen nachts in breiter Front in südwestliche Richtungen. Das Mittelmeer und die Sahara werden überflogen; einige Vögel überwintern bereits in Oasen der Sahara. Die ersten Vögel treffen Mitte September im Winterquartier ein, die Hauptankunftszeit liegt im Oktober. Der Heimzug beginnt vereinzelt bereits im Februar und setzt im März voll ein. Wahrscheinlich sind viele Rotkopfwürger Schleifenzieher und ziehen auf östlicher gelegenen Routen ins Brutgebiet zurück.Harris (2000) S. 182. Frühestens Mitte April werden die Brutgebiete besetzt, die Hauptankunftszeit liegt jedoch im Mai; nur einzelne Vögel von L. s. niloticus erscheinen schon im März im Brutgebiet.Panow (1996) S. 174.
Lebensraum mini|300px|links|Arganbäume und Magerrasen. Lebensraum des Rotkopfwürgers in Südwestmarokko. Hier ist die Art Standvogel. Optimale Habitate der Art sind mediterrane Magerrasenfluren, die von einzelnen Buschreihen oder einzeln stehenden Bäumen durchsetzt sind, und ein großes Angebot an Käfern, Heuschrecken und Zikaden bieten. Sie besiedelt stark aufgelockerte Macchie, lichte Buschwälder, wegbegleitende Hecken, offene, lichte Eichenbestände und gelegentlich Randzonen von Pinien- und Wacholderbeständen. Der Rotkopfwürger kommt auch in extensiv als Weideland genutzten Gebieten, in Olivenhainen und Weingärten, in Marokko häufig in Arganienbeständen vor. Auf dem Hermon, an dessen Hängen der Südliche Raubwürger, der Neuntöter und der Maskenwürger sympatrisch mit dem Rotkopfwürger vorkommen, war der Rotkopfwürger in ähnlichen Habitaten wie der Neuntöter anzutreffen, bevorzugte dort die trockeneren, offeneren Areale.Csaba Moskát & Tibor István Fuisz: Habitat segregation among the woodchat shrike, Lanius senator, the red-backed shrike, Lanius collurio, and the masked shrike, Lanius nubicus, in NE Greece. Folia Zoologica 51 (2), 2002, S. 103–11. Im Osten des Verbreitungsgebietes werden auch sehr trockene, halbwüstenartige Lebensräume besiedelt, die nur mehr spärlich mit Pistaziensträuchern, Granatapfelbäumen und Christusdornsträuchern bewachsen sind. In Mitteleuropa kam, beziehungsweise kommt, die Art in alten, wärmebegünstigten Obstgärten und Streuobstwiesen vor, seltener in Pappel- und Lindenalleen.
Im Winterquartier besiedelt der Rotkopfwürger lichte Baum- und Dornbuschsavannen, erscheint jedoch auch im Kulturland und gebietsweise auf größeren Lichtungen des Regenwaldes.HBV Band 13/2 (1993) S. 1353.
Rotkopfwürger sind vor allem Brutvögel der planaren und kollinen Höhenstufe. In der Schweiz lag der höchstgelegene Nestfund auf über 1200 Metern im Kanton Wallis.HBV Band 13/2 (1993) S. 1353. Dort, wo Rotkopfwürger und Neuntöter sympatrisch vorkommen, besiedeln Neuntöter oft die höher gelegenen Gebiete, beziehungsweise Gebiete mit höherem und dichterem Unterwuchs.HBV Band 13/2 (1993) S. 1353.
Die Siedlungsdichte und der Raumbedarf des Rotkopfwürgers sind insofern schwer zu bestimmen, da die Art, wie andere Würger auch, zu gruppenartigen Konzentrationen neigt. Innerhalb dieser Cluster werden jedoch eigene Territorien behauptet, die den Neststandort, einige Ansitze sowie ein offenes Jagdgebiet beinhalten. Zwischen den einzelnen Gruppen kann durchaus geeignetes, jedoch nicht genutztes Areal liegen. Bei günstigen Gegebenheiten können die Territorien mit weniger als 3 Hektar recht klein sein.HBV Band 13/2 (1993) S. 1354.
Nahrung und Nahrungserwerb Der Rotkopfwürger ernährt sich im Unterschied zu den meisten anderen Lanius-ArtenPanow (1996) S. 180. fast ausschließlich von größeren Insekten. Andere Wirbellose sowie Wirbeltiere werden nur gelegentlich und in meist unbedeutenden Mengen verzehrt. Große Käfer, Heuschrecken, Zikaden und Grillen bilden die Hauptbestandteile der Nahrung. Unter den Käfern werden auch solche Arten erbeutet, die sich durch Absonderung von Sekreten vor Fressfeinden schützen und von weniger spezialisierten Insektenjägern gemieden werden.HBV Band 13/2 (1993) S. 1363. Daneben werden häufig Ameisen und andere Hautflügler, Schmetterlinge und deren Raupen sowie Schnabelkerfe gefressen. Bei großem Mangel an Insekten verzehren Rotkopfwürger auch Schnecken, Ringelwürmer, Tausendfüßer und Spinnen.