Tathata (Sanskrit तथाता, tathātā, Pali तथता, tathatāFrauwallner 19693, S. 117 et passim; Matsunaga und Matsunaga 1974, S. 88. et passim; Paul 1993, S. 143 et passim; Stone 1999, S. 199.; Charles Muller: Digitional Dictionary of Buddhism, Lemma 真如; ; ; , jinyeo; japanisch , shinnyo; vietnamesisch chân như oder chơn như; dt. etwa: Soheit bzw. Solchheit) ist im Buddhismus (insbesondere im Mahāyāna) ein Begriff für die Form wahrer bzw. fundamentaler Wirklichkeit (nicht aber diese Wirklichkeit selbst),Paul 1993, S. 144. meist in Bezug auf den ihr unterstellten Aspekt der Leere bzw. wesentlichen Wesenlosigkeit.
In der buddhistischen Tradition heißt es, sie lasse sich nur erfahren, nicht aber sprachlich realisieren. Wer die Realität in dieser Form erfährt, d. h. so, wie sie ist, hat nach buddhistischem Verständnis alle fehlerhafte Erkenntnis überwunden. Der historische Buddha, Siddhartha Gautama, behauptete dies von sich und nannte sich daher auch Tathāgata.
Die Yogācāra-Schulen, eine der wenigen buddhistischen Lehrtraditionen, die in Bezug auf Tathata positive Aussagen machen,Erich Frauwallner: Philosophie des Buddhismus. 3. Auflage. Akademie-Verlag, Berlin 1969, S. 282. verstehen es als eine Reinigung des Bewusstseins von jeglichem Objektbezug, wodurch die Daseinsfaktoren in ihrem höchsten Sinn erkannt werden sollen. Reine, illusionsfreie Erkenntnis des Tathata sei somit gleichbedeutend mit bloßem Bewusstsein ohne Erfassen, Denken oder der Ausmachung von Bedeutung.Paul 1993, S. 145. Als Teil der unbedingten Elemente (asaṃskṛta-dharma) in den Kategorien der 100 DaseinsfaktorenMatsunaga 1974, S. 88. Erich Frauwallner: Philosophie des Buddhismus. 3. Auflage. Akademie-Verlag, Berlin 1969, S. 117 f. sei Tathata auch Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt.Paul 1993, S. 147.
Eine für die Yogācāra-Schulen fundamentale Analyse aus dem vierten Jahrhundert lautet wie folgt:
Der Begriff der Soheit ist innerhalb des Buddhismus oft Gegenstand theoretischer Auseinandersetzungen geworden. So kritisierte die japanische Kegon-shū (die allerdings selber am Tathata-Begriff festhielt) die Ansicht der Hossō-shū (japanischer Yogācāra-Ableger), es könne so etwas wie ein objektloses Bewusstsein geben: Dies wäre schlicht Bewusstlosigkeit und könne daher keine Quelle der Erfahrung sein.Paul 1993, S. 148.
Aber nicht nur in erkenntnistheoretischer Hinsicht erwies sich der Begriff des Tathata als problematisch. Da ihm auch in ontologischer Hinsicht sowohl Absolutheit wie auch Unbedingtheit in Verbindung mit (ewigem) Sein zugeschrieben wurden und es gelegentlich sogar zu einer Identifizierung der Phänomene mit dem Tathata kam,Paul 1993, S. 270, 271, 273, 274. verneinten einige buddhistische Lehrtraditionen seine Praktibilität oder Gültigkeit bzw. die auf solche Zuschreibungen hinauslaufenden Interpretationen, da dies im Widerspruch zu anderen, fundamentalen buddhistischen Konzepten stehe.
Dennoch erwies sich der Begriff als wirkungsmächtig innerhalb der buddhistischen Philosophiegeschichte. So stritt Saichō, Stifter der Tendai-shū, in seiner berühmten, schriftlich im Jahr 817 geführten Auseinandersetzung mit dem Hossō-Gelehrten Tokuitsu (; ca. 760–835) um die richtige Interpretation von Buddhanatur und Icchantika und vertrat gegen Tokuitsu die Auffassung, Buddhanatur käme allem Seiendem zu, da Tathata gleichsam die Essenz alles Seienden sei, in dem es sich manifestiere.Paul 1993, S. 284 ff. Später übernahmen Tendai-Gelehrte diese Tathata-Konzeption, um damit die Doktrin der ursprünglichen Erleuchtung (, hongaku shisō) plausibel zu machen, nach der jedes Wesen sich bereits im Zustand der Erleuchtung befinde und diesen Zustand nur zu realisieren brauche.Paul 1993, S. 274. Das Genshin (; 942–1017) zugeschriebene aber erst im 12. Jahrhundert entstandene Werk Shinnyo kan () geht hierauf ein und empfiehlt dem Leser, sich Tag und Nacht bewusst zu machen, dass er mit Tathata identisch sei.Stone 1999, S. 199–204. Auch Kūkai, Stifter der Shingon-shū, verwendete die Konzepte Tathata und Buddhanatur, von denen er meinte, sie wären die Natur des Dharmakörpers.Paul 1993, S. 306.
Literatur Erich Frauwallner: Philosophie des Buddhismus. 3. Auflage. Akademie-Verlag, Berlin 1969. Daigan Lee Matsunaga, Alicia Orloff Matsunaga: Foundation of Japanese Buddhism. Vol. I: The aristocratic age. Buddhist Books International, Los Angeles / Tokio 1974, ISBN 0-914910-25-6. Gregor Paul: Philosophie in Japan: von den Anfängen bis zur Heian-Zeit; eine kritische Untersuchung. Iudicium, München 1993, ISBN 3-89129-426-3. Jacqueline I. Stone: The Contemplation of Suchness. In: George J. Tanabe, Jr. (Hrsg.): Religions of Japan in Practice. Princeton University Press, Princeton 1999, ISBN 0-691-05788-5, S. 199–209 (Princeton Readings in Religions).
Einzelnachweise
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