McKinsey kommt ist ein Schauspiel des deutschen Schriftstellers Rolf Hochhuth, das am 13. Februar 2004 im Brandenburger Theater in Brandenburg an der Havel uraufgeführt wurde. Das Theaterstück besteht aus fünf Akten mit fünf Epilogen, die lose durch dieselbe Thematik und dieselben Darsteller in unterschiedlichen Rollen verknüpft sind. Es beruht in Teilen auf dem Stück Arbeitslose oder Recht auf Arbeit, das Hochhuth bereits 1999 verfasst hatte.

Hochhuth thematisiert in McKinsey kommt Massenentlassungen im Zuge von Fusionen, die in einer eigentlich florierenden Wirtschaftslage zum Zweck der Gewinnsteigerung durchgeführt werden. Das Thema wird aus verschiedenen Blickwinkeln bis zu einer abschließenden Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht über die Forderung nach einem Recht auf Arbeit beleuchtet. Die titelgebende Unternehmensberatung McKinsey tritt im Stück nicht in Erscheinung, die bloße Ankündigung McKinsey kommt dient als Synonym für geplante Entlassungen.

Das Schauspiel steht in der Tradition von Hochhuths Dramen, in denen er oft Stellung zu Fragen der Zeitgeschichte bezieht. Von der Kritik wurde es überwiegend ablehnend aufgenommen. Insbesondere der namentliche Vergleich des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank Josef Ackermann mit Hermann Gessler, der in Schillers Drama Wilhelm Tell als Tyrann ermordet wird, sorgte für eine Kontroverse.

Handlung

Erster Akt: Mercedes kauft die Oerlikon-Waggonfabrik

miniatur|Das Gelände der Maschinenfabrik Oerlikon nach Umwandlung in den MFO-Park

Hilde Zumbusch und Kurt fahren mit dem ICE von Basel nach Karlsruhe, wo Kurt ein Richteramt bekleidet und Hilde als Gründerin einer Partei für Arbeitslose eine Verfassungsklage vertreten will. Sie debattieren über die Macht der Wirtschaft. Die Menschen seien vor dem Gesetz gleich, aber nicht vor der Wirtschaft, die jeden im Griff habe. Die beiden belauschen einen Großvater, den Berner Nationalrat Stucki, und seine Enkelin, die über die Schließung der Oerlikon-Waggonfabrik nach der Übernahme durch DaimlerChrysler diskutieren, durch die 800 Menschen ihren Arbeitsplatz verloren haben und weitere 2500 Arbeitsplätze in Zulieferbetrieben bedroht sind. Die Enkelin vergleicht den neuen deutschen Machthaber mit dem Tyrannen Gessler aus Wilhelm Tell und fragt, warum man ihm nicht das Leben nehme, wenn er Schweizern die Existenz nehme.

Zum Abschluss des Akts spricht die Enkelin das Sonett Warnung, das sich auf Josef Ackermann und seinen mit Arbeitsplatzabbau verbundenen Umbau der Deutschen Bank bezieht. Das Sonett schließt mit den Versen: „‚Tritt‘ A. nur ‚zurück‘ wie Geßler durch – Tell? Schleyer, Ponto, Herrhausen warnen.“Hochhuth: McKinsey kommt. Molières Tartuffe. S. 23.

Zweiter Akt: Rausgeworfene I

miniatur|Stillgelegter Siemens-Martin-Ofen des Industriemuseum Brandenburg an der Havel

Herta und Inge, zwei Arbeiterinnen eines Pharmakonzerns, diskutieren ihre Lage. Nach dem Zukauf eines amerikanischen Unternehmens wird ihre Arbeit kostengünstiger nach Amerika verlagert und sie wie 1000 weitere Angestellte entlassen. Herta ist von der Entlassung besonders betroffen, da sie noch keine drei Monate angestellt war, und deshalb keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld hat. Sie wettern über den korrumpierten Betriebsrat und Bundeskanzler Schröder, den „Genossen der Bosse“. Herta wünscht sich die Mauer zurück, Inge eine Bombe, um den „Geldsäcken“ Schiss zu machen, doch letztlich sind sie machtlos.

In berlinerisch-märkischem Dialekt spricht Hertha das Sonett Stilljelegte Stadt, das Bezug nimmt auf das Industriemuseum Brandenburg an der Havel: „Denn dat Stahlwerk is platt, dat 150 Jahre die Stadt ernährt hat: Noch zwanzigtausend Stahlarweiter am Schluß vom Kommunismus – doch dat erklärt heute den Besuchern ein Museumsleiter!“Hochhuth: McKinsey kommt. Molières Tartuffe. S. 32.

Dritter Akt: „Global Player“ beim „Medientraining“

miniatur|Das Globe House, die Zentrale der British American Tobacco in London

In London befindet sich der Präsident des Tabakkonzerns British American Tobacco mit seinem Stellvertreter Brown, seiner persönlichen Referentin, einer Gräfin, und einem Medienberater beim Medientraining. Er übt eine Rede ein, in der er betont, dass die Schweizer Marke Parisienne auch nach der Übernahme der Parisienne- und Select-Hersteller bestehen wird, in der er aber gleichzeitig verschweigt, dass die Arbeitsplätze in der Schweiz gestrichen werden. Brown hat moralische Einwände gegen den Deal. Wer solche Gewinne erwirtschafte wie sie, dürfe keine Menschen entlassen. Als der Präsident bei seinen Plänen bleibt, steigt Brown mit seinem Anteil aus dem Unternehmen aus. Darauf beschließt der Präsident die Unternehmensberatung McKinsey zu engagieren. Beim Boom der Unternehmensberater müsse man dabei sein, wie damals zur Gründerzeit, worauf der Medienberater anmerkt, damals habe man Arbeitsplätze gegründet, McKinsey liquidiere sie.

Brown tritt vor den Vorhang. Er trägt das Gedicht Größe, Böse, Religiöse vor, das mit den Versen beginnt: „Reimworte wie Macht – Niedertracht: haltet ihre Inhaber unter Kontrolle! Stellt keinen Trust frei vom Verdacht, auch er spiele unfair die Rolle“Hochhuth: McKinsey kommt. Molières Tartuffe. S. 49.

Vierter Akt: Rausgeworfene II

Die Marketingabteilung einer Frankfurter Firma wird „redimensionalisiert“, was heißt: dreizehn von hundert Mitarbeitern verlieren ihre Arbeit. Walter und Christina sind unter ihnen und räumen ihre Schreibtische. Sie wollen sich an die Medien wenden, doch sie realisieren, dass sie auch gekündigt von der alten Firma abhängig bleiben, wollen sie nicht ihre Pension verlieren. Franz tritt hinzu, er darf bleiben, wurde aber zum Büroassistenten herabgestuft. Sie erinnern sich an eine Dokumentation über das Attentat vom 20. Juli 1944 durch Stauffenberg. Dort hieß es: bei Abwesenheit aller legalen Hilfsmittel werde man zum Richter in eigener Sache. Doch sie wissen: sie greifen letztlich zum Wodka, nicht zur Kalaschnikow.

Zum Ende des Akts tritt Walter vor die Bühne und zitiert das Gedicht Menschen wenig gefragt: „Immer mehr Menschen werden immer weniger gebraucht.“Hochhuth: McKinsey kommt. Molières Tartuffe. S. 59.

Fünfter Akt: Aktien steigen, wenn Arbeitnehmer fallen

miniatur|Erster Senat des Bundesverfassungsgerichts 1989

Die Anwältin Hilde Zumbusch vertritt den abwesenden Walter Schuster vor dem Bundesverfassungsgericht. Er wurde von der Deutschen Bahn entlassen, seine Klage auf Wiedereinstellung von allen vorigen Instanzen abgewiesen. Zumbusch fordert ein verfassungsmäßig garantiertes Recht auf Arbeit, das selbst Bismarck einst einführen wollte. Schulze-Memmingen als Staatssekretär im Auftrag der Bundesregierung hält dies für unbezahlbar und nicht im Interesse der Wirtschaft. Da betreten sechs Demonstranten den Raum, die dieses Recht mit einer Petition als Menschenrecht fordern. Nach einer Diskussion mit dem Gericht zündet Wetzel, einer der Petenten, eine Europaflagge an, die bloß ein Abbild des Sternenbanners sei und Europas Abhängigkeit von den USA demonstriere. Damit steckt er den Richtertisch in Brand, und die verbliebenen Richter fliehen.

Eine Petentin tritt vor die Bühne und trägt das Gedicht Arbeitslose vor, dessen letzte Verse lauten: „Europa zählt zur Jahrtausendwende mehr Stempler, als Spanien Einwohner hat!“Hochhuth: McKinsey kommt. Molières Tartuffe. S. 79.

Aufbau und Form

Aus der Dramentheorie betrachtet, ist McKinsey kommt ein offenes Drama. Die drei Aristotelischen Einheiten, die Einheit von Zeit, Raum und Handlung sind nicht eingehalten, die Ständeklausel ist hinfällig. Die fünf Akte entsprechen zwar der Anzahl eines Regeldramas, aber nicht deren klassischer Funktion. Sie sind nur lose über die gleiche Thematik miteinander verknüpft, wobei sich drei Handlungsebenen unterscheiden lassen: die Klage vor dem Bundesverfassungsgericht mit einleitender Zugfahrt, die Entlassenen im zweiten und vierten Akt, die Vorstandsetage im dritten Akt. Insgesamt handelt es sich um drei unterschiedliche Blickwinkel auf dasselbe Thema. Es gibt keinen Spannungsbogen, keine Finalspannung, auf die das Drama zusteuern würde, höchstens Detailspannung in den einzelnen Szenen. Das Schauspiel ist weder als Tragödie, noch als Komödie einzuordnen.

Jeden Akt begleiten Zeitungsausschnitte, so etwa den fünften Akt ein von Hochhuth zu Silvester 2001 veröffentlichtes Gedicht. Diese Kommentare können laut Hochhuth als Prolog dem Akt vorangestellt, als Epilog nachgestellt oder auch in Unterbrechung des Aktes als Verfremdungseffekt durch einen heraustretenden Schauspieler gesprochen werden. Nachgestellt ist allen Akten zusätzlich als „Nachspruch“ je ein Gedicht, das von einem Arbeitslosen gesprochen wird, was im dritten Akt auch auf den gerade ausgeschiedenen Privatier Brown zutrifft.Hochhuth: McKinsey kommt. Molières Tartuffe, S. 9. Auch die Regieanweisungen wachsen sich immer wieder zu Kommentaren zum Zeitgeschehen aus, wenn Hochhuth etwa im 5. Akt bei der Einführung der „Beschwerdeführerin“ Zumbusch abschweift zu Betrachtungen, warum der „Führerschein“ in der Bundesrepublik den „Führer“ enthielt, in der DDR dagegen (nach seiner Meinung) „Fahrerausweis“ hieß.Hochhuth: McKinsey kommt. Molières Tartuffe, S. 63.Vgl. dazu: Harald Jähner: . In: Berliner Zeitung vom 16. Februar 2004.

Die Darsteller sind in mehreren Rollen besetzt. So ist Hilde Zumbusch gleichzeitig die Gräfin, der Präsident auch Schulze-Memmingen, der vorsitzende Richter der Großvater, seine Enkelin eine Petentin, Wetzel der Medienberater und so weiter. Laut Gert Ueding soll dies die Austauschbarkeit der einzelnen Rollen in der Gesellschaft symbolisieren.Gert Ueding: Griff in die Zeit. In: Hochhuth: McKinsey kommt. Molières Tartuffe, S. 152. Es gibt keinen Erzähler, kein Beiseitesprechen, kaum theatralische Mittel. Der Text wird in Dialogen und Zitaten gesprochen, in der Gerichtsszene in autoritärer Sprache. Die einzelne Figuren bedienen sich dabei Alltagssprache oder Dialekt, trotzdem greifen sie jederzeit auf das Wissen des Autors zurück, etwa wenn sie aus dem Stegreif wirtschaftliche Daten oder Fakten präsentieren oder bildungsbürgerliche Anspielungen vornehmen. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Präsentation der Inhalte, Fakten und Thesen.

Thesen mini|Rolf Hochhuth nach einer Lesung seines Buches McKinsey kommt, Duisburg 2005

Eine Kernthese des Stücks ist die Aussage Arnold Künzlis, die dem ersten Akt vorangestellt ist: „… unsere Demokratie, die an einem schweren Geburtsfehler leidet: sie bestimmt nur die staatliche, nicht auch die wirtschaftliche Ordnung. Demokratie impliziert Gleichheit der Rechte. Die Bürgerinnen und Bürger sind jedoch nur vor den staatlichen Gesetzen gleich, vor den ‚Gesetzen‘ einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung sind sie jedoch krass ungleich. Hier entscheidet nicht die Mehrheit, sondern das Eigentum. Deshalb war unsere bürgerliche Demokratie von allem Anfang nur eine halbe. Und diese Hälfte schrumpft zusehends, je mehr die undemokratische Wirtschaft die demokratische Politik dominiert.“Hochhuth: McKinsey kommt. Molières Tartuffe, S. 11.

Im weiteren Verlauf des Stückes wird die Ungleichheit vor der Wirtschaft vorgeführt, indem die Situation von Arbeitern und Angestellten, die sich nicht gegen den Wegfall ihrer Arbeitsplätze wehren können, dem Profitstreben in den Vorstandsetagen gegenübergestellt wird.

Weitere, sekundäre Kritikpunkte des Stückes sind: Kritik an der Fünf-Prozent-Hürde, die einer Partei einer Minderheit, hier der Arbeitslosenpartei, die politische Mitbestimmung verunmöglicht. Kritik an der Steuerpolitik Deutschlands. Kritik an der Politik der SPD. Kritik an den Grünen, die die Arbeitsplätze gefährdeten, wenn sie die Autoproduktion in Deutschland bremsten. Kritik an der Wirtschaftsfreundlichkeit der Presse, namentlich NZZ und FAZ. Kritik an der übermäßigen Verwendung von Anglizismen in der deutschen Sprache. Kritik an zu hohen Managergehältern.