miniatur|hochkant=2|Die vier Reisen des Nāsir-i Chusrau im Überblick: 1. Reise – rot, 2. und 3. Reise – grün, 4. Reise – gelb Safarnāmeh (Safarnāme, Safarnama, Safarnamah, Safarnoma, , „Buch der Reisen, Reisebericht“) ist der Titel diverser persischer Schriften aus verschiedenen Epochen. So ist beispielsweise ein Reisebericht von Niẓām Šāmī bekannt. Dieser Artikel widmet sich aber dem Reisetagebuch des persischen Dichters und Philosophen Nāsir-i Chusrau (Nāser Khosrow).

In seinem Safarnāmeh beschreibt Nāsir-i Chusrau die auf seinen Reisen nach Jerusalem, Mekka und Kairo gesammelten Eindrücke. Durch die Detailtreue und Zuverlässigkeit seiner Beschreibungen ist es eine der herausragenden literarischen Quellen hinsichtlich der Landeskunde des mittelalterlichen Orients. Als eines der ältesten neupersischen Prosawerke ist es darüber hinaus ein wichtiges Zeugnis zur Beschäftigung mit der Entwicklung der neupersischen Sprache.

Nāsir-i Chusrau (1003–1088) Der Autor des Safarnāmeh Nāsir-i Chusrau war Beamter, Weltreisender, Philosoph, Dichter und Missionar und erfährt bis heute durch viele Ismailiten eine heiligenähnliche Verehrung.

Seine Wurzeln liegen in dem Städtchen Qubodijon im heutigen Südwesten Tadschikistans. Nach langjähriger Tätigkeit als Hofbeamter und wenig religiösem Lebenswandel bekehrt er sich unter Umständen, über die widersprüchliche Angaben vorliegen, zur ismailitischen Lehre und entschließt sich, die tausende Kilometer lange Pilgerreise nach Mekka anzutreten.

Über die Erfahrungen und Erlebnisse dieser Reise, die am Ende sieben Jahre dauern und ihn neben Mekka auch nach Jerusalem und Kairo führen soll, schreibt er sein bekanntestes Werk, das Safarnāmeh. Nach seiner Rückkehr durch die Erfahrungen der Reise und seine Eindrücke am fatimidischen Hof bestärkt widmet er sich ganz der Missionstätigkeit. Er fällt hierdurch bei den sunnitisch-seldschukischen Machthabern jedoch bald in Ungnade und wird in die Gegend Yamgan im Pamirgebirge verbannt. Dort fristet er unter der Protektion eines unbedeutenden ismailitischen Fürsten ein ärmliches Dasein, wobei er jedoch bis zu seinem Lebensende im Alter von 84 Jahren noch lange Zeit schreiben und seine Schriften verbreiten kann.Zu allen biographischen Angaben in Bezug auf Nāsir-i Chusrau siehe: Alice C. Hunsberger: Nasir Khusraw - The Ruby of Badakhshan. London 2000

Die Reisen

Die erste Reise

Vor der Abreise

Zu Beginn seiner Erzählung schildert sich der Beamte und Schreiber Nāser Khosrow als wenig religiösen Menschen, der gerne dem Wein zusprach. Auf einer Dienstreise wird ihm jedoch im Traum geraten, sein Heil nicht länger in der Trunkenheit zu suchen, sondern im Glauben. So beschließt er, nach Mekka zu pilgern, gibt sein Amt auf und versetzt all seine Habe.

Nordiran und Armenien

Am 5. März 1046 brach er von Merw auf und durchwanderte ihm noch vergleichsweise geläufiges Gefilde, weswegen seine landeskundlichen Schilderungen eher knapp ausfallen. Er erwähnt, dass etwa einen Monat nach seiner Abreise eine Sonnenfinsternis zu beobachten gewesen sei. Über Nischapur reiste er weiter, machte einige kleine, merkwürdige Bekanntschaften und gelangte im Juli über Qazwin nach Shamiran. Dort, so schreibt er, „herrschen so vollkommene Gerechtigkeit und Sicherheit, daß niemandem etwas weggenommen werden kann. Wenn die Leute Freitags in die Moschee gehen, lassen sie die Schuhe draußen liegen und niemand stiehlt sie.“Deutsche Übersetzung zitiert nach: Husrau, Nasir-i, Safarname (ed. Mayrhofer, Manfred, trad. von Melzer, Uto), Graz 1993, S. 11.

Täbris schildert Nāser Khosrow als sehr große Stadt, in der vier Jahre zuvor bei einem Erdbeben 40.000 Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Von hier aus gelangt er Mitte November ans Ufer des Vansees und damit ins christliche Armenien. „Hier verkaufte man auf dem Markte Schweinefleisch wie Schaffleisch und Männer und Frauen tranken auf Bänken vor den Läden sitzend ohne Scheu Wein.“Deutsche Übersetzung zitiert nach: Husrau, Nasir-i, Safarname (ed. Mayrhofer, Manfred, trad. von Melzer, Uto), Graz 1993, S. 13. Gegen die Unbilden des Winters reist er weiter. Voll Bewunderung schildert er die Architektur der Städte Mayyafariqin und Amid, des heutigen Diyarbakır, dessen Stadtmauern bei ihm einen besonderen Eindruck hinterlassen haben müssen.

Die Levante

Wenig später, um den Jahreswechsel 1046/1047, überschritt Nāsir-i Chusrau den Euphrat und gelangte nach Syrien. Die Stadt Aleppo und ihre Festung bewunderte er und reiste weiter nach Ma'arrat an-Nu'man. Er beschreibt das dortige Stadtoberhaupt Abu 'l-A'la al-Ma'arri als einen berühmten Dichter, der blind sei, asketisch und bescheiden, von aller Welt auf das höchste geschätzt werde und viele Schüler habe. Enthusiasmus ergreift Nāsir-i Chusrau bei der Beschreibung der Stadt Tripolis. Ihr Reichtum, die Tapferkeit ihrer Bewohner, die Schönheit ihrer Freitagsmoschee und manches andere erwecken sein Wohlgefallen. Auch weist er hier darauf hin, dass die Bewohner alle Schiiten seien. „Die Schiiten haben in allen Ländern schöne Moscheen errichtet“Deutsche Übersetzung zitiert nach: Husrau, Nasir-i, Safarname (ed. Mayrhofer, Manfred, trad. von Melzer, Uto), Graz 1993, S. 22., stellt er fest.

Auf der Weiterreise bemerkte er in der Umgebung von Beirut reichlich Ruinen aus Marmorsäulen, über deren Ursprung ihm jedoch niemand Auskunft geben konnte. Die Städte Sidon, Tyros und Akkon lobt und beschreibt er als blühend, wie er es mit beinahe allen Städten der Levante tut. Von Akkon aus schlug er Ende Februar den Weg ins Hinterland ein und wanderte weiter nach Osten.

Unter Führung eines Persers, den er zufällig traf, pilgerte er zu den Gräbern Akks, Esaus, Simeons, Huds, Esras, Jethros, der Frau und der Mutter Mose und der Brüder Josefs. Über Tiberias am See Genezareth gelangte er daraufhin ans Tote Meer und wieder zurück an die Küste nach Akkon. Caesarea und Ramla sind seine letzten Stationen, ehe er am 5. März 1047 das erste wichtige Ziel seiner Reise erreichte: Jerusalem.

Jerusalem, Palästina und die erste Mekkareise

miniatur|Der Felsendom in Jerusalem Jerusalem kann an dieser Stelle nicht im gleichen Umfang und mit der gleichen Liebe zum Detail beschrieben werden, wie Nāsir-i Chusrau dies tut. Aus seiner Beschreibung wird jedoch zweifelsohne die hohe Bedeutung deutlich, die er der heiligen Stadt beimisst. Wenn er auch hier seinen nüchternen objektiven Stil nicht aufgibt, so versucht er doch ganz offensichtlich, ein vollständiges, teils beinahe fotografisches Bild dessen abzugeben, was er erblickt. Nach dem allgemeinen Lob des Reichtums und der Schönheit der Stadt berichtet er hauptsächlich über den Tempelberg mit der al-Aqsa-Moschee und dem Felsendom.

Die Angaben, die er hierzu macht, sind so genau, dass Manfred Mayrhofer in seiner Ausgabe der deutschen Übersetzung sich genötigt sieht, bezüglich des Verhältnisses der Seiten des Felsendoms zueinander, die Nāser Khosrow als gleich lang beschreibt, zu kommentieren „Die acht Seiten sind nicht alle gleich lang. Die Längen schwanken zwischen 20,2 und 20,7 Metern.“Deutsche Übersetzung zitiert nach: Husrau, Nasir-i, Safarname (ed. Mayrhofer, Manfred, trad. von Melzer, Uto), Graz 1993, S. 40. Weiterhin finden in dem Bericht unter anderem das Grab des Absalom und der Ölberg Erwähnung.

Bevor er am 13. Mai von Jerusalem aus zu seiner ersten Reise nach Mekka aufbrach, besuchte Nāser Khosrow noch die Höhle Machpela in al-Chalil mit den Gräbern Abrahams und Isaaks und Josefs Grab in Nablus. Über die Reise und Mekka selbst berichtet er uns so gut wie nichts, sondern verspricht lediglich bei seiner letzten Reise genauer auf die Stadt einzugehen, vermutlich weil der Zeitpunkt seiner ersten Reise nicht in den Monat der islamischen Pilgerfahrt fiel und die Reise damit nur als Besuchswallfahrt (Umra) galt. Wieder zurück in Jerusalem widmet er dann interessanterweise der christlichen Grabeskirche ein Kapitel mit recht ausführlicher Beschreibung ihrer Architektur und ihrer Nutzung.

Die zweite Reise

Von Jerusalem nach Ägypten

Die Zeit bis zum eigentlichen Wallfahrtsmonat nutzte Nāsir-i Chusrau nun dahingehend, dass er eine Reise nach Ägypten unternahm. Hierzu reiste er von Jerusalem aus zunächst an die Küste, in die Hafenstadt Askalon. Von dort ging es auf dem Seeweg weiter nach Tinnis. Über die Lage dieser Stadt sind heute widersprüchliche Angaben zu finden, er lokalisiert sie jedoch auf einer Insel vor der Küste des Nildeltas. Tinnis wird an dieser Stelle eine derart umfangreiche und euphorische Beschreibung zuteil, dass der Bericht geradezu aus den anderen heraussticht. Unter Zuhilfenahme zahlreicher Beispiele schildert er die besonderen Qualitäten vor allem des Textilhandwerks in der Stadt sowie ihren Reichtum und ihre vortreffliche Organisation. So sei .Deutsche Übersetzung zitiert nach: Husrau, Nasir-i, Safarname (ed. Mayrhofer, Manfred, trad. von Melzer, Uto), Graz 1993, S. 49.

Am 3. August 1047 erreichte Nāsir-i Chusrau Kairo. Bevor er sich jedoch einer genaueren Schilderung dieser Stadt widmet, sind noch Beschreibungen Alexandrias, des Roten Meeres, der nordafrikanischen Nordküste und selbst Siziliens und Andalusiens eingefügt. Von diesen berichtet er jedoch nur, was er durch Dritte erfahren hat, selbst dort gewesen ist er nicht.

Kairo und die zweite Mekkareise

Wenn Nāsir-i Chusrau von Kairo (Al-Qahira al-Mu'izziya) spricht, so meint er die neue Fatimidenstadt nördlich der alten Stadt, die er „die Stadt Misr“ (Shahr-e Mesr) nennt. Der Besuch und die Beschreibung dieser Stadt jedenfalls nehmen im Safarnāmeh eine zentrale Stellung ein. Zunächst beschreibt er ihre Lage im Niltal und die Gewohnheiten der Ägypter, ihre Lebensweise dem Steigen und Fallen des Nilpegels anzupassen. Er berichtet über die Legende, dass die Stadt an der einzigen Stelle errichtet worden sei, an der man den Nil überqueren könne, ohne von den Krokodilen gefressen zu werden.

Die prachtvolle Hofhaltung des schiitisch-ismailitischen Fatimiden-Kalifen Al-Mustansir (er nennt ihn „Sultan“) schildert er ebenso wie die Gebäude und Gärten seines Palastes. Eine besonders detaillierte Beschreibung räumt Nāser Khosrow der „Öffnung des Halig“ ein, einem gewaltigen Staatsakt mit Militärparade und Volksfest, das die symbolische Öffnung des Palastkanales stellvertretend für alle anderen Kanäle im Lande zum Anlass hat. Er nutzt hierbei die Gelegenheit der Beschreibung der Militärparade, um die umfangreichen Truppenkontingente, die dem Fatimiden-Kalifen zu Gebote stehen, aufzuzählen. Nach diesen und weiteren Darstellungen fatimidischen Glanzes, kommt der Autor zur Anlage der Stadt selbst.

Er berichtet von Häusern mit bis zu vierzehn Stockwerken, in denen 350 Menschen wohnen, von den großen Markthallen ebenso wie von den heute noch vorhandenen Moscheen Ibn Tulun, 'Amr Ibn Al-'As und Al-Atiq. Auch zu Handwerk und Handel weiß er viel interessantes zu berichten, so zum Beispiel, dass Deutsche Übersetzung zitiert nach: Husrau, Nasir-i, Safarname (ed. Mayrhofer, Manfred, trad. von Melzer, Uto), Graz 1993, S. 64. An den Marktgassen stehen insgesamt 50000 Esel jeden Tag als Transportmittel zur Miete bereit. Nāsir-i Chusrau berichtet, der Sultan gebe zweimal jährlich ein Bankett für die gesamte Bevölkerung, die dann in 12 Palastgebäuden zugleich Platz nehme und verköstigt werde, auch er habe an diesem Bankett teilgenommen und nutzt dessen Beschreibung abermals zur Demonstration fatimidischer Pracht. Der Kalif wird für seine Großzügigkeit und auch für den Umstand gelobt, dass er fremden Reichtum neben seinem eigenen respektiere und niemandem etwas neide. Ein Dreivierteljahr später, am 18. April 1048, bricht Nāser Khosrow zusammen mit einer Karawane des Kalifen erneut nach Mekka auf. Von der Reise verrät er nur, dass dort große Not und Mangel am nötigsten geherrscht habe und, dass er von der Stadt bei späterer Gelegenheit berichten werde.

Die dritte Reise