Martin Heidegger gilt als einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Seine Gedanken wirkten direkt und über einige Schüler auf die moderne Philosophie auch außerhalb Deutschlands sowie auf andere Geisteswissenschaften. Als „Fall Heidegger“ wird der Teil der Rezeption bezeichnet, der sich mit Heideggers Engagement im „Dritten Reich“ und der Frage befasst, ob und in welchem Maß seine Philosophie nationalsozialistisch geprägt ist.

Wirkung und Rezeption in der abendländischen Tradition Jean-Paul Sartre Sartre zeigte sich gegenüber Martin Heidegger zu großem Dank und Anerkennung verpflichtet. Sartre ging jedoch in eigener Weise über Heidegger hinaus. Ab 1938 las er einige Übersetzungen, dann 1939 das bereits im Jahre 1934 erworbene Sein und Zeit; dabei erklärte er, dass ihm die Lektüre aufgrund des eigenwilligen Vokabulars nicht leichtgefallen sei. Inhaltlich war Heidegger für ihn ein „Schock“, wegen des radikalen Bruchs mit der traditionellen Weise zu Philosophieren. 1943 erscheint von ihm Das Sein und das Nichts, wobei sich nicht nur dessen Titel an Sein und Zeit anlehnt, sondern auch viele Inhalte auf Sartres Heidegger-Lektüre zurückgehen. Auf Sartres Essay Der Existenzialismus ist ein Humanismus von 1946 reagierte Heidegger in einem Brief an Jean Beaufret, dem so genannten Humanismusbrief, in dem er deutlich machte, dass seine und Sartres Denkweisen unvereinbar nebeneinander stünden.

„Orthodoxe“ Heideggerianer kritisieren eine Reihe von Sinnverkehrungen bei der Übernahme Heideggerscher Ideen. So wird der Begriff des Seins nicht mehr wie bei Heidegger der ontologischen Differenz gemäß im Gegensatz zum Seienden verstanden, sondern es rückt hier das Nichts an die Stelle der Zeit einerseits und übernimmt andererseits den Gegensatz zum Sein. Hiervon ausgehend nimmt die Suche nach dem Sein bei Sartre einen ironischen und absurden Verlauf, denn das Sein wird der Nichtung gegenübergestellt, der Mensch steht im „Für-sich“ dem „An-sich“ unüberwindbar gegenüber. Ein Dualismus, der sich in Sartres Begriff der Existenz (als physisches Sein) und der Essenz (als frei zu bestimmend) fortsetzt und darin mündet, dass beim Philosophieren nun doch wieder auf das Subjekt als „ich denke“ zurückgegriffen werden muss.

Sartre übernahm weiterhin Heideggers Begriff von der Faktizität, welcher beschreibt, dass der Mensch immer schon – ohne seine bewusste Entscheidung – sich in einer Welt wieder findet und deren Prägung ausgesetzt sieht. (Heidegger: „Dasein existiert faktisch.“Martin Heidegger: Sein und Zeit (GA 2), S. 181.) Wodurch sich wiederum ein Dualismus von Situierung und Freiheit ergibt. In Anlehnung an Heideggers Analyse des Man vollzog Sartre einige schwungvolle phänomenologische Analysen der Unaufrichtigkeit (mauvaise foi), welche nicht zuletzt zur Popularität des Existenzialismus beigetragen haben.

Große Unterschiede zeigen sich bei Sartres Analyse des „Anderen“, also dem Verhältnis zum Mitmenschen. Sartre warf Heidegger vor, durch eine ontologische Beschränkung auf das In-der-Welt-sein die Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der unterschiedlichen „Bewußtseine“ zu nivellieren. Sartre setzt Heideggers – für seine Begriffe – rein formalen Bestimmung des Mitseins ein konkreteres Modell entgegen, das seiner Meinung nach auch die möglichen Kämpfe und Konflikte plausibel macht. Es ist jedoch umstritten, ob dieser Mangel sich so bei Heidegger findet. Sartre verkannte außerdem die zentrale Bedeutung des von Heidegger eingeführten Zeugzusammenhangs, des Verstehens (welches er unzulässig mit Verstand gleichsetzt) und der Rede.Domenique Janicaud: Heidegger und Jean-Paul Sartre – Anerkennung und Abweisung. In: Dieter Thomä: Heidegger Handbuch. Metzler Verlag, Stuttgart 2003, S. 414.

In späteren Jahren wurden Sartres Bezüge zu Heidegger spärlicher, und ab Anfang der Fünfziger verzichtete Sartre gänzlich auf eine gründliche Heidegger-Lektüre. Heidegger andererseits habe nach Aussagen Jean Beaufrets nie mehr als hundert Seiten von Das Sein und das Nichts gelesen.Domenique Janicaud: Heidegger und Jean-Paul Sartre – Anerkennung und Abweisung. In: Dieter Thomä: Heidegger Handbuch. Metzler Verlag, Stuttgart 2003, S. 415. Heidegger sah trotz Anerkennung Sartres, in dessen Werk nur eine neumodische Version des metaphysischen Subjektivismus. Ein Besuch Sartres bei Heidegger im Jahr 1952 fiel für letzteren ernüchternd aus, wohl auch weil beide – der Großstadt-Intellektuelle und der naturverbundene Universitätsprofessor – aus anderen Verhältnissen kamen.Vgl. hierzu den Bericht Simone de Beauvoirs in ihrem Buch Der Lauf der Dinge, Rowohlt, 1970. Sartre brachte danach seine Enttäuschung zum Ausdruck: „Er verabscheut das Engagement. Ich habe ihm davon erzählt. Ich wurde mit unendlichem Mitgefühl beobachtet. Am Ende redete ich mit seinem Hut.“Jean Cau: Croquis de mémoire. Julliard, Paris 1985, S. 253. (online)

Hans-Georg Gadamer Gadamer, ein Schüler Heideggers, knüpfte an den hermeneutischen Ansatz Heideggers an. Allerdings wies Heidegger selbst auf den Unterschied hin: "Die hermeneutische Philosophie, ach, das ist die Sache von Gadamer." (Zitiert in: Gadamer-Lesebuch, Tübingen 1997, S. 281) Gadamer begründete die moderne Hermeneutik mit seinem 1960 erschienenen Hauptwerk „Wahrheit und Methode“, in dem er vor allem die Rolle der Kunst für die ontologische Wahrheitsfindung hervorhob. Im Kunsterleben sah Gadamer ein Verstehen, jedoch nicht als beherrschendes und begreifendes, sondern als Prozess, als Geschehen. Wesentlich ist "die universale Rolle der Sprachlichkeit, die damit eine ontologische Dimension der Hermeneutik freilegt." (Gadamer, zitiert ebd., S. 285) Deutlich sind die Parallelen zu Heideggers Vortrag „Der Ursprung des Kunstwerkes“ und dem in „Sein und Zeit“ als Existenzial herausgestelltem Verstehen des Daseins. Jürgen Habermas würdigte 1979 Gadamers Wirken mit dem oft zitierten Ausdruck „Urbanisierung der Heideggerschen Provinz“.Jürgen Habermas: Urbanisierung der Heideggerschen Provinz: Laudatio auf Hans-Georg Gadamer aus Anlaß der Verleihung der Hegel-Preises der Stadt Stuttgart, 1979. In: Das Erbe Hegels. Frankfurt am Main 1979, S. 9–31.

Hannah Arendt Arendt zeigte sich in ihren frühen Schriften („Der Liebesbegriff bei Augustin“) stark durch Heidegger geprägt. Nach ihrem Bruch mit Heidegger 1933 ging sie zu diesem auf Distanz. In ihrem 1946 auf Englisch erschienenen Aufsatz „Was ist Existenzphilosophie?“ (dt.:1948) kritisierte sie an Heideggers Philosophie das Fehlen eines Subjekts, welches auf politischer Ebene moralische Verantwortung übernehmen könnte. Nach dieser Lossagung näherte sich Arendt jedoch mit ihrem philosophischen Spätwerk „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ wieder an Heidegger an: das Buch, so Arendt in einem privaten Brief an Heidegger, schulde ihm „in jeder Hinsicht so ziemlich alles“.Hannah Arendt, Martin Heidegger: Briefe 1925–1975 und andere Zeugnisse. Frankfurt am Main 1999, S. 149. Sie bedauerte, dass sie es ihm aus den bekannten Gründen nicht widmen konnte. In diesem Werk griff sie unter anderem Heideggers Begriff der Welt auf, den sie als Raum für das politische Handeln deutete. Totalitäre Herrschaft sei ein Zustand der „Weltlosigkeit“, da sie die Menschen aus einer gemeinsamen Welt herausstoße. In ihrer Laudatio zu Heideggers 80. Geburtstag betrieb sie 1969 fast durchgehend Heidegger-Apologetik, was sein Werk, aber auch seine Haltung zum Nationalsozialismus betrifft.Martin Heidegger ist achtzig Jahre alt. In: Menschen in finsteren Zeiten. München, Zürich 2001 (Tb)

Herbert Marcuse Marcuse hat in den 1920er-Jahren Heideggers frühe Freiburger Vorlesungen besucht. Später versuchte er Heideggers in „Sein und Zeit“ vorgelegte Philosophie für den Marxismus fruchtbar zu machen. Dabei faszinierte Marcuse vor allem Heideggers Verankerung der Philosophie in der Faktizität des Daseins und der damit gegebene hohe Praxisbezug. Heideggers existenziale Analytik muss jedoch, so Marcuse, durch den historischen Materialismus ergänzt werden. Sein bekanntestes Buch „Der eindimensionale Mensch“ kann als Versuch dieser Zusammenführung gelten. Später sagt sich jedoch Marcuse von Heidegger los. In einem an Heidegger gerichteten Brief warf er diesem vor, niemals zu seinen politischen Handlungen von 1933/34 Stellung bezogen zu haben.

Emmanuel Levinas Levinas kam 1928/29 nach Freiburg, um dort Husserl zu hören, er entdeckte dort auch Heidegger für sich. Er sah in Heidegger den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Dabei bezog er sich vor allem auf „Sein und Zeit“. Schon früh allerdings begann Levinas Heidegger kritisch zu lesen. Dabei bemängelte er vor allem die in der europäischen Tradition verankerte Denkungsart, das Allgemeine über das Einzelne zu stellen, das Sein über das Seiende. Er versuchte stattdessen einen „Weg vom Sein zum Seienden“ zu finden. Heideggers Technikkritik teilte er nicht, er sah in der Technik stattdessen ein Instrument der Befreiung.

Maurice Merleau-Ponty Maurice Merleau-Pontys Auseinandersetzung mit Heidegger war fast durchgehend bejahend. Mit seinem Begriff des „être-au-monde“ (Zur-Welt-sein) knüpfte er an Heideggers In-der-Welt sein an und betonte vor allem den dynamischen Charakter des Weltbezugs als einen immer im Gang befindlichen Prozess. Damit stand er im Gegensatz zu Sartres existenzialistischer Heidegger-Rezeption. Seine Phänomenologie betonte im Unterschied zu Heidegger stärker den leiblichen Aspekt des Weltumgangs: standen bei Heidegger für die Erschließung der Welt eher eingeschliffene Handlungsvollzüge im Vordergrund, so sah Merleau-Ponty die Orientierung und Verankerung in Situationen eher durch sinnlich-leibliche Erfahrungen gegeben.

Michel Foucault Für Michel Foucault war Heidegger „immer der maßgebliche Philosoph gewesen“ und er sah sein „ganzes philosophisches Werden“ von der Lektüre Heideggers bestimmt.Michel Foucault: Die Rückkehr der Moral. Gespräch mit Barbedette und André Scala. übers. von Wilhelm Miklenitsch, in Pravu Mazumdar: Foucault. dtv Verlag, Reihe Philosophie jetzt! München 1998, S. 492. Jedoch ist keine durchgängige Wirkungslinie in Foucaults Heidegger-Rezeption auszumachen, stattdessen knüpfte Foucault an eine Vielzahl einzelner Ideen an.

Jacques Derrida Derrida knüpfte mit seiner Dekonstruktion an Heideggers Programm der Destruktion der Metaphysik an, gleichzeitig wollte er sich mit dem Begriff auch von Heidegger distanzieren. Er warf Heidegger vor, durch die Einteilung „innerhalb der Metaphysik“ und „außerhalb der Metaphysik“ immer noch im metaphysisch-kategorisierenden Denken zu bleiben. Allerdings zeigt sich hieran auch, dass Derrida Heideggers spätes Denken – das eines Anderen Anfangs, in dem Heidegger genau dieses Problem zu überwinden sucht – nicht mehr rezipierte.Vgl. Robert Bernasconi: Heidegger und die Dekonstruktion. in Dieter Thomä (Hrsg.): Heidegger Handbuch. Stuttgart 2003, S. 443.

Gianni Vattimo (pensiero debole) In der jüngeren italienischen Philosophie knüpft insbesondere Gianni Vattimo mit dem Konzept des pensiero debole (schwaches Denken) an Heidegger an. Gegen diese Heidegger-Faszination in seinem Land wendet sich wiederum entschieden der Philosoph Paolo Rossi.

Heidegger beeinflusste zahlreiche weitere Philosophen wie Hermann Schmitz oder Ernst Tugendhat.

Heidegger-Rezeption durch analytische Philosophen Insgesamt stehen die meisten analytisch geschulten Philosophen Heidegger kritisch gegenüber, vor allem in den frühen Phasen analytischer Philosophie, als diese sich mehrheitlich durch relativ strikte Orientierung an sprachanalytischen Methoden und empiristischen Sinnkriterien definierte.