Marcion oder Markion (zu ; * zwischen etwa 85 und 100 n. Chr., vielleicht in Sinope in der römischen Provinz Bithynia et Pontusvormals Königreich Pontos, (Paphlagonien)Gabriele Wesch-Klein: Die Provinzen des Imperium Romanum. WBG, Darmstadt 2016, ISBN 978-3-534-26438-4, S. 141–142.; † um 160 n. Chr.) war der Begründer des Marcionismus oder Markionismus, einer einflussreichen christlichen Richtung des 2. Jahrhunderts mit gnostischen Anklängen. Seine religiösen Bestrebungen und Lehren wurden im Prozess der Selbstdefinition der Alten Kirche als irreführend (häretisch) bekämpft.

Biografie Genaue biografische Daten sind nicht überliefert, die wenigen Angaben stammen zudem meist von Gegnern.Enrico Norelli, Averil Cameron: Markion und der Biblische Kanon. Hans-Lietzmann-Vorlesungen, Heft 11. De Gruyter, Berlin/Boston 2016, ISBN 978-3-11-037405-6, S. 7. Aus der „Häretikerlegende“, welche die altkirchlichen Autoren aus seinen Schriften herleiteten, wurden biographische Daten in der nachfolgenden Geschichtsschreibung unter dem Regime seiner Gegner weiter tradiert.Marcion soll etwa wegen Verführung einer Jungfrau von seinem Vater, dem dortigen Bischof (siehe Pseudo-Tertullian: Libellelus Adversus Omnes Haereses 6,2), aus der Gemeinde von Sinope ausgeschlossen worden sein – sehr wahrscheinlich eine antihäretische Fiktion, wie sie Epiphanios von Salamis und Pseudo-Tertullian später verbreiteten (siehe Epiphanius: Panarion 42,1 und Adolf von Harnack: Marcion: Das Evangelium vom Fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der Katholischen Kirche. 2., verbesserte und vermehrte Auflage. J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig 1924, S. 23.). Marcions Geburtsjahr ist nicht überliefert, in der wissenschaftlichen Literatur werden die Jahre um 85 n. Chr. bis hin ums Jahr 100 vermutet. Er sollte laut älteren Quellen der Region Pontus entstammen, damals konnte damit das Schwarzmeergebiet insgesamt wie auch eine Region gleichen Namens an dessen Südküste gemeint gewesen sein, mit ihrer wichtigsten Handels- und Hafenstadt Sinope am Schwarzen Meer. Diese wird in jüngeren Marcion-Quellen der Spätantike zu seinem Geburtsort, eine plausible Hypothese, da Marcion Reeder und Seekaufmann () gewesen sein soll.[Gerhard May: Der 'Schiffsreder' Markion. In: Katharina Greschat, Martin Meiser (Hrsg.): Gerhard May Markion. Gesammelte Aufsätze (= Veröffentlichungen des Instituts für europäische Geschichte Mainz. Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte, Beiheft 68.) Philipp von Zabern, Mainz 2005. S. 51-62, S. 58 f. Erstmals 1989 in Studia Patristika, Band 21, S. 142–153 veröffentlicht. Ein solcher Seekaufmann war zumeist ein Schiffseigner oder Kapitän eines eigenen oder gemieteten Schiffes (Schiffe der Antike), mit dem er in eigenem Namen Handel betrieb.Peter Lampe: Die stadtrömischen Christen in den ersten beiden Jahrhunderten. Untersuchungen zur Sozialgeschichte. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, 2. Reihe; 18, 2. Auflage. Mohr Siebeck, Tübingen 1989, ISBN 978-3-16-145422-6, S. 204 f.

mini|300px|Die frühe Ausbreitung des Christentums (Zentren=dunkelrosa). Gebiete christlicher Gemeinden um das Jahr 100 n. Chr.

Marcion begab sich um 135/140 auf den Weg nach Rom, wo Hyginus in der Zeit von 136 bis 140 Bischof war. Laut Clemens von AlexandriaClemens von Alexandria: Στρωματέων (Stromatum). Band III 3; 4Clemens von Alexandria setzte sich eingehend mit Marcion auseinander, aber es finden sich in den bekannten Texten keine wörtlichen Zitate, was er bei anderen heterodoxen Positionen macht. Hieraus könnte geschlossen werden, dass ihm keine marcionitischen Schriften direkt vorlagen und dass er sich nur mit ihrer mündlichen Narration (Hörensagen) beschäftigten konnte oder aber er war Teil einer bestehenden theologische Auseinandersetzung, deren Ergebnisse er verschriftlichte.zitiert aus Werner Hörmann (Hrsg.): Gnosis. Das Buch der verborgenen Evangelien. Bechtermünz/Weltbild, Augsburg 2005, ISBN 3-86047-477-4, S. 52–53 sei Markion erst „als älterer Mann“ um die sechzig Jahre überzeugter Christ geworden. Es gibt also keine einheitliche oder dominierende Meinung dazu, ob Marcion bereits Christ war, als er nach Rom kam.Beispielsweise Matthias Klinghardt: Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien. S. 388, hält beides für möglich; Enrico Norelli: Markion und der Biblische Kanon. S. 8, geht wiederum davon aus, Marcion sei bereits Christ gewesen. Marcion brachte als erfolgreicher Kaufmann ein ungeheures Vermögen in seine Gemeinde ein, tradiert werden Summen von 100.000 oder 200.000 Sesterzen. Dort entwickelte er auch seine eigene Theologie. Ob Marcion Ansichten wie jene vom „schlechten Weltenschöpfer“ und fremden, guten Gott vom Gnostiker Addru Cerdo () übernommen hat, wie es beispielsweise der Marcion-Gegner Irenäus von Lyon nahelegte, ist anscheinend ungewiss bzw. nicht wahrscheinlich.David W. Deakle: Harnack and Cerdo: A Reexamination of the Patristic Evidence for Marcion’s Mentor. In: Gerhard May, Katharina Greschat, Martin Meiser (Hrsg.): Marcion und seine kirchengeschichtliche Wirkung / Marcion and His Impact on Church History: Vorträge der Internationalen Fachkonferenz zu Marcion gehalten vom 15.–18. August 2001 in Mainz. Walter de Gruyter, New York/Berlin 2002, S. 177–190, S. 189 f.Carl Andresen, Adolf Martin Ritter: Geschichte des Christentums. I/1, Altertum, Kohlhammer, Stuttgart/Berlin/Köln 1993, ISBN 3-17-011710-6, S. 22.

Im Jahr 144 kam es in Rom zum Bruch wohl wegen Marcions kompromissloser Gegenüberstellung von Altem Testament und Evangelium,Matthias Klinghardt: Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien. Band I: Untersuchung. Franke Verlag, Tübingen 2015, S. 383, S. 391. als Folge davon zur Spaltung seiner römischen Kirchengemeinde oder der römischen Kirchengemeinden in Anhänger und Gegner sowie zur Gründung seiner eigenen kirchlichen Glaubensgemeinschaft. Marcion wurde sein Geldgeschenk zurückgegeben. Durch Reisen Marcions breitete sich seine Lehre rasch bis in die römische Provinz Aegyptus und Persien aus. Marcion selbst starb wohl noch vor dem Amtsantritt Mark Aurels um 160,Adolf von Harnack: Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Texte und Untersuchungen zur altchristlichen Literatur, 3. Reihe, 15. Band. J. C. Hinrich’sche Buchhandlung, Leipzig 1924, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, S. 28 doch sind in der aktuellen Marcion-Forschung weder Sterbeort noch Sterbejahr konkret bekannt.

+ Regierungszeit römischer Kaiser Kaiser Beginn EndeTrajan98 n. Chr.117 n. Chr.Hadrian117 n. Ch.138 n. Chr.Antoninus Pius138 n. Chr.161 n. Chr.Marcus Aurelius161 n. Chr.180 n. Chr.Siehe auch Ernst Schmitt: Markion Separator des Gesetzes und des Evangeliums: Versuch einer neuen Hermeneutik des neuen Testaments. Books on Demand, Norderstedt 2019 ISBN 978-3-7481-5746-5, S. 356 f.

+ Pontifikate Römischer Bischof Beginn EndeClemens von Rom88 n. Chr.97 n. Chr.Evaristus98 n. Chr.105 n. Chr.Alexander I.105 n. Chr.115 n. Chr.Sixtus I.115 n. Chr.125 n. Chr.Telesphorus125 n. Chr.136 n. Chr.Hyginus138 n. Chr.140 n. Chr.Pius I.140 n. Chr.155 n. Chr.Anicetus155 n. Chr.166 n. Chr.

Theologie Marcion behauptete einen grundlegenden Unterschied zwischen dem „guten Gott der Liebe“ des Neuen Testaments, wie er vom „guten Gott“ durch Christus verkündigt und gelebt sei, und einem „bösen Gott“ des Alten Testaments bzw. des Tanach, der für Schöpfung, Gesetz und Gericht verantwortlich sei. Christus galt bei Marcion nicht als der vorausgesagte Messias des Schöpfergottes, sondern als ein göttliches Wesen mit einem Scheinleib (Doketismus; , „scheinen“), der (unerwartet) vom guten, unbekannten Gott als dessen Sohn herabgesandt worden war. Er opferte in größter Güte sein Leben durch den Kreuzestod, um damit die in der Schöpfung des Schöpfergottes an Gesetz und Sünde gefesselten Menschen durch seine Gnade und Liebe davon zu befreien.Barbara Aland: Marcion und die Marcioniten. In: Barbara Aland: Was ist Gnosis? Mohr Siebeck, Tübingen 2009, S. 330-332. Erstmals erschienen in Theologische Realenzyklopädie. Band 22, Walter de Gruyter Verlag, Berlin/New York 1992, S. 89–101.

Der Gott des Alten versus des neuen Testaments Wie vielfach auch in der Gnosis fasste Marcion das Materielle als schlecht auf und postulierte zwei Götter.Adolf von Harnack: Marcion. Das Evangelium vom Fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche. Neue Studien zu Marcion. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985, Nachdruck J.C. Hinrich’sche Buchhandlung, Leipzig 1924, ISBN 3-534-01837-0, S. 97–106 Anders als in der Gnosis jedoch enthält Marcions Theologie nichts vom ausgedehnten Mythos zur Genese von Menschheit und Welt, so wenig wie die gnostische Idee eines Anteils am göttlichen Pneuma, eines göttlichen Lichtfunkens im Menschen.Wolf-Dieter Hauschild, Volker Henning Drecoll: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 1. Alte Kirche und Mittelalter. 5., vollständig überarbeitete Neuausgabe. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2016, S. 148. Vielmehr erlangt der Mensch nach Marcion Erlösung durch Glauben und nicht wie in den gnostischen Systemen durch Erkenntnis und Wissen.Hans Leisegang: Die Gnosis. A. Kröner, Leipzig 1924 (2. Auflage 1936; 5. Auflage, Stuttgart 1985), ISBN 3-520-03205-8, S. 271–280.

Nach Marcion hatten der von ihm Demiurg () genannte „böse Gott“ oder „bekannte Gott“ und der „gute Gott“, „unbekannte, fremde Gott“ oder der Gott der Liebe anscheinend keinerlei Beziehung zueinander und Kenntnis voneinander; der „Gott der Liebe“ war vor seiner Offenbarung in Christus vollkommen unbekannt (). In dieser Welt des Gesetzes und der Sünde, der minderwertigen Schöpfung des Demiurgen bzw. Schöpfergottes, lebe der Mensch, und ihm zeige sich überraschend der „fremde Gott“ bzw. Christi Wesen und Evangelium der frohen Botschaft in erbarmender Liebe, ihm zeige sich seine Wirksamkeit in Selbstoffenbarung, die identisch ist mit Erlösung von der unvollkommenen Schöpfung des Demiurgen und seinen Gesetzen. Der Demiurg ist bei Marcion kein grundsätzlicher Widersacher des fremden, guten Gottes und die Schöpfung ist gemäß Marcion nicht satanisch. Vielmehr ist sie so gut, wie eben eine mit Gesetz und Strafe entstandene, unvollkommene Schöpfung sein kann. Infolgedessen wies Marcion das gesamte Alte Testament (Tanach) zurück, da es nur vom Demiurgen und seinen Gesetzen Zeugnis ablegte, den er, ähnlich wie in der Gnosis, als „bösen Gott“ auffasste, vor allem aber sei JHWH als ein „Gott des Gesetzes“ anzusehen. Dennoch blieb das Alte Testament wahrscheinlich auch aus Marcions Sicht mit der von der Christusoffenbarung ausgehenden neuen Gnadenbotschaft mit seinem Erlösungsgeschehen verbunden, um das Neuartige dieser Offenbarung zu zeigen und durch sie wiederum die ganze Dimension von Gesetz und Sünde sowie Schöpfung zu verstehen.Wolf-Dieter Hauschild, Volker Henning Drecoll: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 1. Alte Kirche und Mittelalter. 5., vollständig überarbeitete Neuausgabe. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2016, S. 146, S. 147–148. Vom Gesetz bzw. dem Bösen können sich die Menschen bei Marcion nicht aus eigener Anstrengung durch Gesetzesbefolgung befreien und Gutes bewirken, sondern nur individuell mittels des scheinbar zum Menschen gewordenen Gottessohnes Christus, der sich am Kreuz geopfert hat, um die Menschen vom Gesetz des Schöpfergottes zu erlösen. Für Marcion war Jesus, der mit einem Scheinleib ausgestattete Gottessohn des „guten Gottes“, die Liebe in Reinform und kein menschliches Wesen aus Fleisch und Blut, das wie andere Menschen in Zorn geraten, leiden und sterben konnte.