Hennigsdorf ist eine amtsfreie Mittelstadt nordwestlich von Berlin im Landkreis Oberhavel in Brandenburg.
Geographie Hennigsdorf gehört zum Naturraum der Zehdenick-Spandauer Havelniederung. Es liegt an der nordwestlichen Stadtgrenze von Berlin, die hier zum großen Teil durch die Havel gebildet wird. Die Stadt hat eine Nord-Süd-Ausdehnung von etwa neun Kilometer und eine Ost-West-Ausdehnung von etwa sechs Kilometer. Die gesamte Stadt wird nach Westen durch einen zwei bis drei Kilometer breiten Waldstreifen begrenzt.
Hennigsdorf grenzt von Norden ausgehend im Uhrzeigersinn an Velten, Hohen Neuendorf, Berlin, Schönwalde-Glien (Landkreis Havelland) und Oberkrämer.
Stadtgliederung Zu Hennigsdorf gehören folgende Wohnplätze:Dienstleistungsportal der Landesverwaltung des Landes Brandenburg: Stadt Hennigsdorf Gertrudenhof Neubrück Nieder Neuendorf Papenberge Stolpe-Süd
Geschichte mini|Grenzanlagen und durchtrennte S-Bahn-Trasse bei Heiligensee, 1987
Hennigsdorf wurde 1375 erstmals im Landbuch der Mark Branenburg als Heynekendorp und „Henekendorf“ urkundlich erwähnt. Dann folgt 1438 Hennyngestorff und 1590 Hennigkstorf. Hennigsdorf ist demnach das „Dorf des Hen(n)eke“, ‚Heineke‘, später vermischt mit ‚Hening‘, ‚Hennig‘. Der Personenname ist eine Koseform mit ‚-k‘-Suffix zu Vollnamen wie Heinrich o. ä. Sollte ein Henning Ausgangspunkt gewesen sein (ein solcher ist in Hennigsdorf 1375 genannt), dann müsste nach Abschwächung des ‚-ing‘ zu ‚-ig‘ Vermischung mit dem ‚-k‘-Suffix eingetreten sein. Hennigsdorf blieb lange Zeit ein Fischer- und Kossätendorf. Mit der Errichtung der Poststraße zwischen Berlin und Hamburg wurde einer der drei Havelarme zugeschüttet und eine Brücke über die Havel gebaut, woher ein Stadtteil den Namen Neubrück hat. Dadurch verlor Nieder Neuendorf langsam an Bedeutung. Ende der 1860er Jahre wurde nördlich des Dorfes eine Ziegelei gegründet, die im Verlauf der 1880er Jahre zu einem großen Tonwerk heranwuchs (August Burg) und bis in die 1920er Jahre Bestand hatte.brandenburgikon.net Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in Neubrück ein Sägewerk und eine Pianofabrik. Für den Einstieg in den Flugzeugbau suchte Anfang des 20. Jahrhunderts die AEG (Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft) günstiges Bauland in der Umgebung von Berlin und eröffnete 1910 in Hennigsdorf die AEG, Abteilung Flugzeugbau. Diese baute 1912 ihr erstes Flugzeug, einen reinen Holzbau nach dem Vorbild des Doppeldeckers der Brüder Wright (Wright Model A). Im Ersten Weltkrieg war das AEG-Werk ein bedeutender Lieferant für die Fliegertruppe des deutschen Heeres. Den Bau von Elektrolokomotiven verlegte die AEG bereits 1913/1914 aus dem Werk Brunnenstraße in Berlin nach Hennigsdorf.
1929 erlebte die Stadt einen hunderttägigen Streik der Stahlwerker. Der Maler Jürgen Gerhard widmete diesem Ereignis einen Zyklus von Radierungen.
Im Frühjahr 1933 entstand nördlich von Hennigsdorf ein frühes Konzentrationslager im Gehöft Meissnershof.
1938 erhielt Hennigsdorf das heutige Stadtwappen. Während des Zweiten Weltkriegs mussten Zwangsarbeiter in der Rüstungsproduktion der zur Friedrich Flick KG gehörenden Mitteldeutschen Stahl- und Walzwerke sowie den Fabriken der AEG arbeiten. Ab 1941 (nach anderen Angaben 1942) wurde ein Außenlager des KZ Sachsenhausen für 50 (nach anderen Angaben 150) Häftlinge installiert sowie ein Außenlager des KZ Ravensbrück für 850 weibliche Häftlinge. An die Toten dieser Lager erinnert seit 1948 ein Denkmal für die Opfer des Faschismus auf dem Postplatz.
Bekannt wurde Hennigsdorf – abgesehen davon, dass Marinus van der Lubbe die Nacht vor dem Reichstagsbrand wegen Landstreicherei im Hennigsdorfer Obdachlosenasyl verbrachte – auch durch den Marsch von 5000 Arbeitern der Industriebetriebe zu den Demonstrationen beim Aufstand vom 17. Juni 1953 gegen die Normerhöhungen der DDR-Regierung nach Berlin.
Im Juli 1954 wurde das große Krankenhaus „Friedrich Wolf“ mit nach damaligem Standard modernster medizinischer Ausstattung eröffnet, für das mehrere bildende Künstler Werke schufen.Öffentliche Aufträge für brandenburgische Künstler. In: Bildende Kunst, Berlin, 4/1954, S. 60
Durch den Bau der Berliner Mauer wurde der Ort von der direkten S-Bahn-Verbindung nach Berlin über Heiligensee abgeschnitten. Diese Verbindung wurde erst 1998 wiederhergestellt.
Auf dem Gelände der ehemaligen innerdeutschen Grenze befindet sich heute ein Kletterwald, der als touristische Attraktion in der Region gilt. Der dort gelegene Hochseilgarten wurde 2009 mit dem Tourismuspreis des Landes Brandenburg ausgezeichnet.
Am 25. Mai 2009 erhielt die Stadt den von der Bundesregierung verliehenen Titel Ort der Vielfalt.
Verwaltungsgeschichte
Hennigsdorf gehörte seit 1817 zum Kreis Osthavelland in der preußischen Provinz Brandenburg und ab 1952 zum Kreis Oranienburg im DDR-Bezirk Potsdam. Seit 1993 liegt die Stadt im brandenburgischen Landkreis Oberhavel.
Nieder Neuendorf wurde 1923 eingegliedert.StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 1998 Am 1. Mai 1998 wurde der Ortsteil Stolpe-Süd eingemeindet.StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 1998
Wegen der stark gewachsenen Bevölkerungszahl – Hennigsdorf war vorübergehend die einwohnerstärkste Gemeinde in der DDR ohne Stadtrecht – wurde Hennigsdorf 1962 die Bezeichnung Stadt verliehen. Durch Erlass des brandenburgischen Innenministers erhielt Hennigsdorf mit Wirkung ab 1. Januar 2006 den Status einer Mittleren kreisangehörigen Stadt.https://www.brandenburg.de/cms/detail.php/lbm1.c.289484.de
Bevölkerungsentwicklung Jahr Einwohner 1875 863 1890 1.178 1910 2.764 1925 7.645 1933 10.149 1939 12.983 Jahr Einwohner 1946 13.071 1950 15.968 1964 20.566 1971 24.542 1981 27.662 1985 27.313 Jahr Einwohner 1990 24.635 1995 23.795 2000 26.306 2005 26.139 2010 25.909 2015 26.264 Jahr Einwohner 2020 26.559 2021 26.515 2022 26.874 2023 26.782 2024 26.677 2025 26.602 Gebietsstand des jeweiligen Jahres, Einwohnerzahl: Stand 31. Dezember (ab 1991)Historisches Gemeindeverzeichnis des Landes Brandenburg 1875 bis 2005. Landkreis Oberhavel (PDF) S. 14–17Bevölkerung im Land Brandenburg von 1991 bis 2015 nach Kreisfreien Städten, Landkreisen und Gemeinden, Tabelle 7Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (Hrsg.): Statistischer Bericht A I 7, A II 3, A III 3. Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungsstand im Land Brandenburg (jeweilige Ausgaben des Monats Dezember), ab 2011 auf Basis des Zensus 2011, ab 2022 auf Basis des Zensus 2022Bevölkerungsfortschreibung auf Basis des Zensus 2022
Religion mini|Katholische Kirche am Adolph-Kolping-Platz
Die evangelische Kirchengemeinde in Hennigsdorf gehört zum Kirchenkreis Berlin Nord-Ost (bis 2008: Berlin-Pankow) im Sprengel Berlin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz: Kirchengemeinde Hennigsdorf (Hauptstraße 1) Dorfkirche Nieder Neuendorf, Dorfstraße 9 Martin-Luther-Kirche, Hauptstraße 1, mit 12 Farbglasfenstern von Charles Crodel Landeskirchliche Gemeinschaft (Waldstraße 39)
Die katholische Pfarrgemeinde Hennigsdorf umfasst die Orte Hennigsdorf, Velten, Oberkrämer und Kremmen und gehört zum Dekanat Oranienburg im Erzbistum Berlin: Pfarrgemeinde „Zu den heiligen Schutzengeln“ (Adolph-Kolping-Platz 1) Zu den heiligen Schutzengeln (Hennigsdorf)
Andere Kirchengemeinden: Apostelamt Jesu Christi (Brandenburgische Straße 102) Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Hennigsdorf (Heideweg 14a)
Politik
Stadtverordnetenversammlung mini|Neues Rathaus Die Stadtverordnetenversammlung von Hennigsdorf besteht aus 32 Stadtverordneten und dem hauptamtlichen Bürgermeister. Die Kommunalwahl am 9. Juni 2024 führte bei einer Wahlbeteiligung von 60,7 % zu folgendem Ergebnis:Ergebnis der Kommunalwahl am 9. Juni 2024
Partei / Wählergruppe Stimmenanteil2019Ergebnis der Kommunalwahl am 26. Mai 2019 Sitze2019 Stimmenanteil2024 Sitze2024 SPD 27,4 % 9 24,1 % 8 AfD 16,2 % 5 22,9 % 7 CDU 14,6 % 5 17,0 % 6 Die Unabhängigen – Bürger für Hennigsdorf 3,9 % 1 18,3 % 6 Bündnis 90/Die Grünen 12,4 % 4 7,0 % 2 Die Linke 12,2 % 4 6,8 % 2 FDP 5,0 % 2 4,0 % 1 BürgerBündnis freier Wähler 7,5 % 2 – – NPD 0,7 % – – – Insgesamt 100 % 32 100 % 32
Bürgermeister 1990–2017: Andreas Schulz (SPD)Andreas Schulz (SPD) tritt nicht mehr an. In: Märkische Allgemeine, 28. Februar 2017 seit 2017: Thomas Günther (SPD)
Günther wurde in der Bürgermeisterwahl am 24. September 2017 mit 60,8 % der gültigen Stimmen gewählt.Ergebnis der Bürgermeisterwahl am 24. September 2017 Er wurde bei der Bürgermeisterstichwahl am 12. Oktober 2025 mit 60,6 % der gültigen Stimmen in seinem Amt bestätigt.Ergebnis der Bürgermeisterstichwahl am 12. Oktober 2025 Seine Amtszeit beträgt acht Jahre.Brandenburgisches Kommunalwahlgesetz, § 74
Wappen
Flagge „Die Flagge ist Blau – Weiß – Grün (1:1:1) gestreift und mittig mit dem Stadtwappen belegt.“
Dienstsiegel Das Dienstsiegel zeigt das Wappen der Stadt mit der Umschrift .
Städtepartnerschaften Hennigsdorf hat vier europäische Partnergemeinden: Kralupy nad Vltavou (Tschechien), Choisy-le-Roi (Frankreich), Alsdorf (Deutschland) und Środa Wielkopolska (Polen).Partnerstädte auf der Website Stadt Hennigsdorf, abgerufen am 2. Februar 2021
Kultur und Sehenswürdigkeiten mini|Martin-Luther-Kirche mini|Altes Rathaus mini|hochkant|Ehemalige Führungsstelle der Grenztruppen der DDR im Ortsteil Nieder Neuendorf
→ Siehe auch: Liste der Baudenkmale in Hennigsdorf mit den in der Denkmalliste des Landes Brandenburg eingetragenen Baudenkmalen
Dorfkirche Nieder Neuendorf, mittelalterlicher Feldsteinbau mit Glasmalereien von Charles Crodel Heimstättensiedlung, innerstädtische Siedlung in Form eines Angerdorfes aus den 1920er Jahren Martin-Luther-Kirche nach Entwurf von Friedrich August Stüler, errichtet 1853–1855 Neugotisches Rathaus mit Stadtmuseum von 1914 Rathenau-Viertel, von Peter Behrens entworfene und von Jean Krämer vollendete Werkssiedlung der AEG Waldfriedhof nach Entwurf von Ludwig Lesser
Im Ortsteil Nieder Neuendorf befindet sich einer der drei noch erhaltenen Grenzbeobachtungstürme der Berliner Mauer mit Ausstellung zur Geschichte des Objekts.
1993 wurde eine Denkmalsanlage zu Ehren der 5000 Arbeiter, die am 17. Juni 1953 demonstrierend über Berlin-Reinickendorf nach Ost-Berlin zogen, auf dem ehemaligen Dorfanger eingeweiht. Das Denkmal, betitelt „Denkmal 17. Juni 1953 – Herbst 1989“, wurde von der Bildhauerin Heidi Wagner-Kerkhof gestaltet.
Auf dem Waldfriedhof in der Parkstraße ruhen 62 Zwangsarbeiter aus verschiedenen Ländern, an die seit 1969 ein Gedenkstein erinnert. 1994 ließ Italien für seine Militärinternierten ein weiteres Denkmal errichten. Auf einem Gedenkstein links vor der Kapelle wird an fünf kommunistische Widerstandskämpfer erinnert, für die 1976 eine Gedenkwand errichtet wurde. Im Rathenaupark an der Neuendorfer Straße entstand ebenfalls 1976 ein Denkmal für alle Opfer des Faschismus.
Baumdenkmal
Das Baumdenkmal für die Deutsche Einheit am Alten Strom, zwischen Parkplatz, Dorfstraße und Uferpromenade wurde am 4. Oktober 2015 gepflanzt.(red.) Buche, Kiefer, Eiche: Wachsende Einheit. In: HWB-Journal, 21. Dezember 2015, abgerufen am 18. Juli 2024.
Wirtschaft und Infrastruktur
Unternehmen
Industriebetriebe Der zu DDR-Zeiten mit über 8500 Beschäftigten wichtigste Industriebetrieb der Stadt war das Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf, das 1917 als Teil des AEG-Werks gegründet wurde. Ab 1931 gehörte der Betrieb zum Flick-Konzern. Heute ist davon nur noch ein mittelständisches Unternehmen übrig, das seit 1992 die Bezeichnung H.E.S. Hennigsdorfer Elektrostahlwerke GmbH trägt und zum Riva-Konzern gehört.