mini|Reinhold Schneider (1954) Reinhold Karl Werner Schneider (* 13. Mai 1903 in Baden-Baden; † 6. April 1958 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Schriftsteller, dessen Werke zum christlich-konservativen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beitrugen.

Leben Herkunft und Jugend Reinhold Schneider war Sohn von Wilhelm Schneider und dessen Frau Luise Wilhelmina Augusta, geb. Messmer. Die Eltern führten das renommierte Hotel Messmer, in dem das deutsche Kaiserpaar Augusta und Wilhelm I. jahrzehntelang während seiner regelmäßigen Aufenthalte in Baden wohnte.Die Patentante Reinhold Schneiders – Augusta Maria Wilhelmine Brenner, geb. Messmer (1863–1956) – war selbst auch das Patenkind Kaiserin Augustas. Siehe Cordula Koepcke: Reinhold Schneider. Eine Biographie. Würzburg 1993 (Schlussfolgerung aus dem Registereintrag zu Augusta Brenner und den Einträgen auf Seite 9 und 237, zudem bestätigt vom Baden-Badener Stadtarchiv). Der Taufpate seiner Mutter Wilhelmina war Kaiser Wilhelm I., siehe Franz Anselm Schmitt (Hrsg.): Reinhold Schneider – Leben und Werk in Dokumenten. Olten 1969, S. 207. Auch sein Verwandter Eduard Meßmer hatte Kontakte zum damaligen Wilhelm von Preußen.

Von 1912 bis 1921 besuchte Reinhold Schneider die Baden-Badener Oberrealschule, das heutige Markgraf-Ludwig-Gymnasium. Während dieser Zeit wütete der Erste Weltkrieg und zerfiel das Deutsche Kaiserreich, was nicht nur Auswirkungen auf das ganze Land hatte, sondern auch speziell die Familie Reinhold Schneiders traf. Das Hotel Messmer sah sich unüberwindlichen finanziellen Schwierigkeiten gegenüber und musste schließen. Die Mutter verließ die Familie, und kurz nach Reinhold Schneiders 19. Geburtstag erschoss sich sein Vater. Reinhold Schneider versuchte ebenfalls, jedoch erfolglos, seinem Leben ein Ende zu setzen. Nach dem Suizidversuch schöpfte Schneider neuen Lebensmut durch die Freundschaft mit Anna Maria Baumgarten (1881–1960), die zur „Gefährtin seines Lebens“ wurde.

Von der Weimarer Republik bis 1945 mini|Wohnort von Reinhold Schneider, Villa Stritt in der Mercystraße 2 in Freiburg (2012) Nach einer kaufmännischen Ausbildung und insgesamt sieben Jahren Beschäftigung bei Stengel & Co. in DresdenBruno Stephan Scherer, Franz Anselm Schmitt: Reinhold Schneider. 1973, S. 34; Auszug bei Google Books. wurde Schneider im Jahre 1928 als freier Schriftsteller in Berlin und Potsdam tätig. Dort erlebte er das Ende der Weimarer Republik und den Beginn der Zeit des Nationalsozialismus. Er setzte sich intensiv mit diesem totalitären Regime auseinander und schrieb dagegen an, zum Beispiel mit dem Gedicht Nun baut der Wahn. Die erste literarische Schaffensperiode, die 1930 einsetzte, war geprägt von der Auseinandersetzung mit der Geschichte und insbesondere mit historischen Gestalten der Iberischen Halbinsel, wobei eine starke Nähe zur literarisch-weltanschaulichen Erneuerungsbewegung des Renouveau catholique erkennbar ist.

Durch die Doppelpatenschaft der Großeltern Kaiser Wilhelms II. zu Mutter und Patentante Reinhold Schneiders wurde er wiederholt nach Haus Doorn, dem Exil des ehemaligen deutschen Kaisers, eingeladen.Cordula Koepcke: Reinhold Schneider ‒ Eine Biographie. Würzburg 1993.

Schneider war ein regelmäßiger Autor der Wochenzeitschrift Deutsche Zukunft.Emil Dovifat: Das publizistische Leben. Weltpresse – Konzentration und Zersplitterung, Lähmung und Niedergang. in: Hans Herzfeld, Gerd Heinrich: Berlin und die Provinz Brandenburg im 19. und 20. Jahrhundert. Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2018, S. 776. 1938 kam er nach Freiburg im Breisgau und bezog eine Wohnung in der Villa des Glasmalers Eduard Stritt. Hier wurde er Mitglied des konservativ-katholischen Freiburger Kreises um den Publizisten Karl Färber (nicht zu verwechseln mit dem Freiburger Kreis von Wirtschaftswissenschaftlern). Im selben Jahr erschien seine kritische Szenenfolge Las Casas vor Karl V., in welcher Unterdrückung, Rassenwahn und falsch verstandene Religiosität angeprangert werden. Letztlich wurden Reinhold Schneiders Werke verboten – wie die vieler anderer Autoren der Inneren Emigration. Mutige Verleger wie Karl Borromäus Glock veröffentlichten sie dennoch.Carl Borromäus Glock: "Nachruf auf Reinhold Schneider", in "Besinnung" (1958)

Im Zweiten Weltkrieg wurden vor allem seine Sonette gegen Größenwahn und Krieg heimlich von Hand zu Hand gereicht, die ebenso wie seine anderen Schriften im Alsatia-Verlag im elsässischen Colmar erschienen. Dort war das Druckpapier leichter zu beschaffen. Obwohl Schneiders Name wiederholt auf der Liste unerwünschter Autoren stand, konnte Las Casas noch bis 1943 erscheinen. Trotz des endgültigen Schreibverbots 1941 erschien 1944 eine Broschüre unter dem Titel Das Gottesreich in der Zeit. Sonette und Aufsätze.Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 536. Auch für die von Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg herausgegebene Zeitschrift Weiße Blätter. Zeitschrift für Geschichte, Tradition und Staat konnte er weiterhin regelmäßig Artikel schreiben.Monarchieforum der Deutschen Monarchistischen Gesellschaft, Schriftenarchiv:

Im Frühjahr 1944 durchsuchte die Gestapo seine Freiburger Wohnung. Schneider versteckte sich und tauchte zuletzt in einem evangelischen Stift unter. Eine Anklage wegen Hochverrats vom April 1945 kam wegen des Zusammenbruchs des Dritten Reichs nicht mehr zur Verhandlung.

Mit seinem Sonett Der Turm des Freiburger Münsters setzte Schneider diesem ein literarisches Denkmal. Es enthält unter anderem die Zeile „Du wirst nicht fallen, mein geliebter Turm“. Bemerkenswert dazu ist, dass Schneider es Monate vor dem Bombenangriff verfasst hat, bei dem der Turm kaum beschädigt wurde.

Die Nachkriegszeit mini|hochkant=1.5|Luftbild der am 27. November 1944 zerstörten Innenstadt von Freiburg (Sommer 1945 oder später) mini|Grab Reinhold Schneiders und seiner Familie in Baden-Baden. Es befindet sich auf dem gleichen Friedhofsweg schräg gegenüber demjenigen Otto Flakes

Unter dem Eindruck des zu einer Trümmerwüste gewordenen Deutschland und „dem Geheimnis unserer abgründigen Schuld“ befasste er sich 1946 in Die Heimkehr des deutschen Geistes mit der Frage, wie es zu dieser Katastrophe hatte kommen können: „Wer in Wahrhaftigkeit den Stromlauf [der Geschichte] erforscht, wird die Entdeckung machen, daß der Strom keinen Damm durchbrochen hat, den der Geist nicht zuvor schon durchwühlte, und kein Felsentor sprengte ohne die Sprengkraft des Geistes“.

Die Verantwortung für den historischen Dammbruch sah er in den Werken deutscher Philosophen wie Gotthold Ephraim Lessing, der etwa die Auffassung vertrat, dass es besser sei, wenn man sein Leben lang bei der Suche nach der Wahrheit fehlgeht, als wenn man der Wahrheit teilhaftig würde. Diese These lässt sich laut Schneider nur dann ernsthaft vertreten, wenn man in Jesus nicht den Erlöser, sondern nur „einen Lehrer“ sieht. In ähnlicher Weise untersuchte Schneider auch „das Bild Christi“ anderer Vertreter des deutschen Idealismus (Kant, Fichte, Hegel, Schelling und Nietzsche) und prüfte so im Sinne von „den deutschen Geist“, mit dem Ziel, diesen Geist „von sich selbst“ zu erlösen.Reinhold Schneider: Die Heimkehr des deutschen Geistes. Baden-Baden 1946, .

Große Beachtung fand Schneiders 1944 verfasste und 1946 veröffentlichte Studie Fausts Rettung über den Missbrauch des Faust durch die NS-Diktatur, die um „das Faustische“ einen „verderblichen Kultus“ getrieben hatte.Karl Robert Mandelkow: Goethe in Deutschland. Rezeptionsgeschichte eines Klassikers, Band 2: 1919–1982. C.H. Beck, München 1989, ISBN 3-406-07908-3, S. 139.

In den darauf folgenden Jahren erlebte Schneider eine Zeit vielfacher Ehrungen und großer Anerkennung; er galt als „Gewissen der Nation“. 1948 erhielt er anlässlich des 100. Todestags Annette von Droste-Hülshoffs den Gedenkpreis der Badischen Landesregierung (zusammen mit Gertrud von Le Fort). 1949 wurde er in die Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz sowie in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen. 1952 wurde er auf Vorschlag des Bundespräsidenten Theodor Heuss zum Ritter des Ordens „Pour le Mérite“, Friedensklasse, ernannt.Reinhold-Schneider-Archiv. Webseite der Badischen Landesbibliothek. Abgerufen am 15. Februar 2018 1952 wurde er in die Bayerische Akademie der Schönen Künste und 1955 in die Berliner Akademie der Künste aufgenommen. Als sich die Bundesrepublik Deutschland formiert hatte und die Debatte um die Remilitarisierung begann, widersetzte sich der gläubige Katholik diesem Vorhaben mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Mit Formulierungen wie „aus der ‚Gnade des Unglücks‘ erwächst der Auftrag zum Frieden“ appellierte er an seine Landsleute, nicht unmittelbar nach dem letzten grausamen Krieg schon wieder mit der Aufrüstung zu beginnen, sondern mit friedlichen Mitteln auf die Wiedervereinigung Deutschlands hinzuarbeiten.

Diese Einstellung und seine zahlreichen Friedensaufsätze, die in der KPD nahestehenden Zeitschriften und sogar im Neuen DeutschlandBabette Stadie (Hrsg.): Die Macht der Wahrheit: Reinhold Schneiders „Gedenkwort zum 20. Juli.“ In: Reaktionen von Hinterbliebenen des Widerstandes. Berlin 2008, ISBN 978-3-86732-033-7, S. 53. erschienen, hatten auf der einen Seite die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen BuchhandelsPDF zur Verleihung 1956. im Jahre 1956 zur Folge, auf der anderen Seite jedoch auch die vollkommene berufliche Isolierung. Seine Arbeit für Zeitungen und Radiosender war nicht mehr gefragt. Nur wenige seiner Mitstreiter aus den Zeiten der „Inneren Emigration“ blieben mit ihm in Kontakt, so vor allem Werner Bergengruen, mit dem ihn bis zuletzt eine tiefe Freundschaft verband. Ansatzweise öffentliche Rehabilitierung erfuhr Schneider postum nach Veröffentlichung des letzten Buchs Winter in Wien.

Dieser zweite Aufenthalt in Wien, das Thema dieses Buches, vom 5. November 1957 bis zum 6. März 1958 diente unter anderem der Begleitung der Vorbereitungen zur Uraufführung von Schneiders Drama Der große Verzicht.

Als 1957 das Hotel Messmer abgerissen wurde, setzte Reinhold Schneider in der autobiographischen Skizze Der Balkon dem Haus und der Kurstadt Baden-Baden ein literarisches Denkmal.

Reinhold Schneider starb an den Folgen eines Sturzes in Freiburg und wurde am 10. April 1958 im Familiengrab Messmer/Schneider auf dem Hauptfriedhof Baden-Baden beigesetzt. Die Grabrede hielt Werner Bergengruen.Die Rede ist abgedruckt als Anhang in Schneiders Buch Winter in Wien.

Reinhold Schneiders umfangreicher Nachlass, der insbesondere mehrere zehntausend Briefe enthält, befindet sich in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte erwarb die Bibliothek zahlreiche Nachlässe und Teilsammlungen von Wegbegleitern Schneiders, sodass dort mittlerweile ein umfangreiches Schneider-Archiv entstand.Babette Stadie: Das Reinhold-Schneider-Archiv in der Badischen Landesbibliothek. In: Badische Heimat. 83. Jahrgang, Nr. 2, 2003, S. 311f.

Ehrungen mini|55 Cent-Sondermarke von Deutschland (2003) zum 100. Geburtstag Reinhold Schneiders ausCarsten Peter Thiede/Karl-Josef Kuschel (Hrsg.): Reinhold Schneider - Der Wahrheit Stimme will ich sein, Frankfurt 2003 1946 Dr. phil. h.c. der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg 1946 Dr. iur. h.c. der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster 1948 Gedenkpreis der Badischen Landesregierung (zusammen mit Gertrud von le Fort) 1951 ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1956 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2003 Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost

In der Willy-Andreas-Allee westlich des Karlsruher Schlossgartens gibt es das katholische Studierendenwohnheim Reinhold-Schneider-Haus.

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