Fast Weltweit war ein 1985 gegründetes deutsches Independent-Label aus Bad Salzuflen und Herford in Ostwestfalen-Lippe. Zugleich bildete es einen überregionalen Freundeskreis und ein Netzwerk von Musikern und Bands im Umfeld des Tonstudios Klangforschung, die sich bewusst für deutschsprachige Texte abseits des Mainstreams entschieden. Fast Weltweit gilt als eines der wichtigen Vorläufermilieus der Hamburger Schule. Mehrere Beteiligte prägten später Bands wie Blumfeld, Die Sterne und Die Braut haut ins Auge.
Geschichte Der Grundstein für das Label wurde Ende 1984 bei einem Treffen in der Herforder Kneipe „Bei George“ gelegt. Michael Girke hatte die Beteiligten eingeladen, um der gemeinsamen Idee „einen Namen und eine Richtung zu geben“. Was genau an jenem Abend geschah und wer dabei war, ist unter den Beteiligten bis heute umstritten: Während Frank Werner sich sicher ist, dass Andreas Henning, Frank Spilker, Michael Girke und er selbst anwesend waren und Achim Knorr später dazu stieß, erinnert sich Andreas Henning an eine abweichende Besetzung. Girke selbst bezeichnete den Abend rückblickend als „Professionalisierungsversuch“ – als Versuch zu klären, ob eine Zusammenarbeit trotz aller Unterschiede möglich sei. Bernd Begemann war nach übereinstimmender Aussage aller Beteiligten nicht anwesend.
Das Label wurde im Frühjahr 1985 von Michael Girke,Michael Girke Michael Girke - Diskografie bei Discogs Achim Knorr, Andreas Henning,Andreas Henning Andreas Henning - Diskografie bei Discogs dem Die-Sterne-Sänger Frank SpilkerPodcast „Der Soundtrack meines Lebens“: Folge 35 mit Frank Spilker Interview mit Frank Spilker (Folge 35, 106 Min.) von Redakteur Jan Schwarzkamp auf www.visions.de (Visions), 28. September 2022 sowie dem Tontechniker Frank WernerFrank Werner Frank Werner - Diskografie bei Discogs in Herford offiziell gegründet.Alexander Grimm: Die Hamburger Schule – Vom Entstehen und Vergehen eines Hamburger Musikclusters. In: Alenka Barber-Kersovan, Volker Kirchberg, Robin Kuchar (Hrsg.): Music City. Musikalische Annäherungen an die »kreative Stadt«. transcript Verlag, Bielefeld 2014, ISBN 978-3-8376-1965-2, S. 253–254. Die Gründung wurde am 31. Mai 1985 mit einer Konzertparty im Fla-Fla in Herford gefeiert, bei der die Time Twisters, Jetzt! und The Discount auftraten. Bernd Begemann, der bereits 1984 nach Hamburg gezogen war, gehörte nicht zu den offiziellen Gründern und verabschiedete sich laut Jochen Distelmeyer „eigentlich auch gleich wieder aus diesem Zusammenhang“, da er in Hamburg mit seiner Band Die Antwort bei einer Plattenfirma einen Vertrag wollte. Dennoch gilt er als früher Impulsgeber und als wichtigster Verbindungsmann in die spätere Hamburger Szene.
Der Name Fast Weltweit stammte von Michael Girke, der den Anstoß gab, sich als eine Art musikalischer Interessenverband zusammenzuschließen, um sich in der Provinz gegenseitig zu unterstützen.
Bernadette La Hengst aus Bad Salzuflen stieß 1986 als fester Bestandteil zu Fast Weltweit. Jochen Distelmeyer aus Bielefeld-Brake folgte 1987. Er war zunächst kein organisch gewachsener Teil des Kreises, sondern wurde nach eigener Aussage durch einen Artikel in der Spex auf das Label aufmerksam und nahm dann selbst Kontakt auf: „Ich habe die kontaktiert, weil das schon ziemlich nach dem klang, was mich so interessiert hat zu der Zeit und wo sich in Bielefeld relativ wenig finden ließ.“ Den Einstieg in den Kreis vermittelte Andreas Henning von den Time Twisters. Das erste gemeinsame Konzert fand im Bielefelder Jugendzentrum Jöllenbeck statt, wo Distelmeyers damalige Band White Palms zusammen mit den Time Twisters auftrat.
Der Aktionskreis der einzelnen Bands war über den gesamten norddeutschen Raum verteilt, so wohnten die Mitglieder in Berlin, Hamburg, Köln und Bielefeld. Die Heimatorte der Bandleader lagen in Ostwestfalen und Lippe. Sie hatten sich zum Teil über eine gemeinsame Schulzeit, über Kontakte in der lokalen Musikszene und über die Arbeit im Tonstudio kennengelernt.Bernd Begemann - „Ost-Westfalen, Fast-Weltweit“, autobiographischer Artikel über die Musikszene in Bad Salzuflen und Ostwestfalen-Lippe, Der Tagesspiegel vom 17. September 2004, abgerufen am 7. April 2014Frank Werner - „Anzuecken war in Bad Salzuflen nicht schwer“, Christian Gröpler interviewt Frank Werner, Mai, 2010, in „Die Abenteuer der Tante Pop“
Im Frühjahr 1986 organisierte das Label die erste gemeinsame „Fast-Weltweit-BRD-Package-Tour“. Während das Konzert in der Kölner Salznuß dank eines Radiobeitrags ausverkauft war, offenbarte die Tour organisatorische Schwächen und persönliche Spannungen zwischen den Musikern. Nach einem enttäuschenden Abschlusskonzert in Berlin vor nur knapp 15 Zuschauern lösten sich zunächst fast alle Bands (bis auf die Time Twisters) vorübergehend auf.
Trotz dieser Krise festigte sich ab 1987 ein enger Kern um die Songwriter der Gruppen. Einen entscheidenden Achtungserfolg feierte das Label im Oktober 1988 während der ersten Indie-Messe „Berlin Independence Days“ (BID). Die Musiker spielten an drei Abenden im kleinen Café Swing in unmittelbarer Nähe zum Hauptveranstaltungsort Metropol. Strategisch klug platziert, zog das Label dort die Aufmerksamkeit des Fachpublikums und der Musikpresse, darunter das Szeneblatt Spex, auf sich.
Auf Fast Weltweit wurden insgesamt nur wenige Singles und Kassettensampler veröffentlicht. Die Produktion war stark vom frühen Independent- und Do-It-Yourself-Gedanken geprägt, bei dem die Beteiligten von der Covergestaltung bis zur Pressung alles in unzähligen Diskussionen selbst erarbeiteten. Unterstützung erhielt das Label dabei von befreundeten Kreativen: Die Grafikerin Susanne Beimfohr gestaltete das Cover der ersten Label-Kompilation (Fast Weltweit präsentiert, 1985) sowie der ersten Single der Sterne (Ein verregneter Sommer, 1987), der Fotograf Johannes Meyer lieferte Aufnahmen für die Veröffentlichungen, und Martin Paul produzierte mit In 28 Minuten um die Welt ein Promovideo für das Label. Das Label-Logo sowie das Cover der ersten Jetzt!-Single wurden von Rena Tangens und padeluun gestaltet.
Es wurden viele Demoaufnahmen produziert, darunter Aufnahmen von Jochen Distelmeyers Band Bienenjäger unter Mitarbeit von Thomas Wenzel und Mirko Breder, sowie die ersten zwei Singles der Sterne. Michael Girke, Michael van den Nieuwendijk und Oliver Mills veröffentlichten 1987 als Berliner Band Jetzt! das Demotape „Liebe in GROSSEN Städten“JETZT! – Liebe in GROSSEN Städten JETZT! – Liebe in GROSSEN Städten - Englischsprachiger Artikel von Mijk van Dijk, 2015 auf microglobe.de auf Fast Weltweit. Aus diesen Aufnahmen wurde 1999 der Titel „Kommst Du Mit In Den Alltag“Christian Ihle auf taz.blogs Christian Ihle über „Kommst Du Mit In Den Alltag“ u. a. auf popblog, taz, 2010 von der Band Blumfeld gecovert.
Bernd Begemann veröffentlichte selbst nie auf Fast Weltweit; viele der auf den Samplern vertretenen Musiker folgten ihm zwischen 1984 und 1987 nach Hamburg.
Nach dem Höhepunkt von 1988 führten wachsende musikalische Differenzen und eine zunehmende Einzelkämpfermentalität zu einem schleichenden Auflösungsprozess des Kollektivs. Die Aktivitäten der Musiker verlagerten sich auf eigene Wege: Michael Girke wechselte zum Journalismus beim Bielefelder Stadtblatt, während der Schlagzeuger Andreas Reth 1990 das Label Reth Tonträger gründete, um die Veröffentlichungen von Achim Knorr und Der Fremde (darunter die LP Daneben) im Eigenvertrieb weiterzuführen. Frank Werner fand durch seine berufliche Tätigkeit im EDV-Support weniger Zeit für den Labelbetrieb, während sich die übrigen Musiker in den bundesweiten Metropolen neu orientierten; u. a. gründete Jochen Distelmeyer in Hamburg Blumfeld, und Bernadette La Hengst formierte Die Braut haut ins Auge.
Soziokulturelles Milieu: Salzuflen und Herford Obwohl Fast Weltweit in der öffentlichen Wahrnehmung meist als „Bad Salzufler Label“ rezipiert wird, bezog die Gruppierung ihre eigentliche Dynamik aus dem Spannungsfeld zwischen den benachbarten Städten Bad Salzuflen und Herford.
Das zentrale Tonstudio der Gruppe, die „Klangforschung“, hatte seinen Sitz in Bad Salzuflen. Wie Frank Spilker in seinem Buch Ich scheiß auf deutsche Texte beschreibt, befand sich das Studio in einer alten, verwahrlosten Steinbruchbesitzervilla an der Wüstener Straße. Dort bauten Frank Werner, Mirko Breder und Spilker in Eigenregie eine der Garagen zu einem Tonstudio mit Regie- und Aufnahmeraum um. Zugleich bot das konservative, stark überalterte und teilweise von der Kriegsgeneration geprägte Kurstadt-Milieu Salzuflens ein hohes gesellschaftliches Reibungspotenzial für die jungen Musiker, das den Drang nach einer eigenen, radikaleren Pop-Kultur befeuerte. Bernd Begemann deutete den Namen „Fast Weltweit“ in diesem Kontext als ironisches Spiel mit dem eigenen Status als „Provinz-Loser“; das Label entstand laut Frank Werner aus dem „Bedürfnis, zusammen ein eigenes Sprachrohr zu bilden“ und der Enge zu entfliehen.
Im Gegensatz zur konservativen Kurstadt Salzuflen spielte Herford als sozialer Rückzugsort und Inspirationsquelle eine ebenso wichtige Rolle. Ein Großteil der beteiligten Musiker (etwa der frühen Bands wie The Toll) stammte aus Herford oder verlagerte seinen Lebensmittelpunkt dorthin. Das kulturelle Klima in Herford war durch die dort stationierte Britische Rheinarmee deutlich subkultureller geprägt; zu den frühen lokalen Vorreitern zählten die Aheads, eine der ersten Punkbands Ostwestfalens, aus deren Umfeld mit Ralf Wendler und Volker Seewald später Mitglieder zu den Time Twisters und Jetzt! stießen. Ein weiteres frühes Beispiel für dieses britisch geprägte Subkulturmilieu war die 1979 in Herford gegründete Punkband Out of Order, die sich aus britischen Soldaten, deren Kindern und deutschen Punks zusammensetzte und bis 1982 aktiv war. Als Bassist der Band fungierte unter anderem Frank Jacobs, der zuvor bei Vatikan (1979, mit Bernd Begemann und Martin Stammeier) mitgewirkt hatte und später zu den Time Twisters stieß – womit er eine direkte personelle Verbindung zwischen der frühen Herforder Punkszene und dem Fast-Weltweit-Kosmos darstellt. Die Präsenz englischer Punkbands und der Zugang zu britischen Radiosendern wie BFBS und BBC Radio 1 (etwa mit den Sendungen von John Peel) bildeten ein entscheidendes musikalisches Rückgrat. Als wichtiger Veranstaltungsort für Konzerte und Events der Szene diente in diesem regionalen Umfeld zudem das nahegelegene Jugendzentrum Forum Enger, was die Vernetzung der Musiker zusätzlich förderte.
Musikalische Orientierung und deutschsprachige Texte Musikalisch orientierten sich die Künstler an britischen Indie-Labels wie Rough Trade und Creation Records sowie am amerikanischen Motown-Pop – mit dem Ziel, diesen Stil fernab des Mainstreams auf Deutsch zu adaptieren. Die Analogie zu Motown war dabei programmatisch: ein gemeinsames Studio, ständig wechselnde Besetzungen und gegenseitige Gastmusikertätigkeit. Dreh- und Angelpunkt dafür war das von dem Bielefelder Studenten Frank Werner aufgebaute Tonstudio „Klangforschung“, das wie ein Magnet auf alternative Musiker der Umgebung wirkte. Distelmeyer beschreibt das Prinzip so: „Frank hat öfter Bass gespielt bei Sachen von Bernadette oder später auch bei Der Fremde, ich habe bei Michael Girke was mitgespielt, Thomas Wenzel hat auch bei Michael mitgemacht – und so hat sich das ständig ausgetauscht.“