Kosmogonie ( kosmogonía „Weltzeugung“; auch κοσμογένεια kosmogéneia Kosmogenie) bezeichnet spekulative Vorstellungen zur Entstehung der Welt bzw. des Kosmos (altgriechisch für „Ordnung“). Sie legen die Weltentstehung entweder auf mythische Weise dar oder unternehmen Versuche, diesen Vorgang rational zu erklären. Kosmogonische Mythen sind in der Regel uralter Herkunft und werden nicht selten bis heute geglaubt. Sie geben durch göttliches Wirken eine religiöse Erklärung der Welt und ihrer vermeintlichen Ordnung. Kosmogonische Theorien hingegen beruhen auf Ergebnissen der Philosophie und der Kosmologie.
Unter Kosmologie versteht man heute vorwiegend jene Naturwissenschaft, die im Rahmen der Physik und der Astronomie die Struktur des Weltalls und deren Entwicklung erforscht, insbesondere auch die Entstehung der Materie. Die Kosmogonie als Teildisziplin behandelt speziell den Anfang des Weltalls aus einer energetischen Singularität. Die Kosmologie untersucht zudem die weitere Entwicklung des raumzeitlichen Gefüges bis hin zu dessen Stillstand oder Rückkehr zu einer Singularität (Steady-State-, Urknall- und Zykel-Theorien).
Kosmogonie und Kosmologie sind jedoch im Allgemeinen keine klar voneinander abgegrenzten Begriffe; sie werden sowohl in mythischen als auch in philosophischen Zusammenhängen oft anders verwendet.
In diesem Artikel geht es hauptsächlich um Mythologie. Religiöse Mythen vom Ursprung der Welt behandelt auch der Artikel Schöpfung.
Unterscheidungen Alle Kulturen der Menschheit sind im Besitz mythischer Erzählungen, die seit jeher von einer Generation zur nächsten weiter gegeben werden. Sie wandelten sich im Laufe der Jahrzehntausende, indem zu den ältesten Berichten neuere hinzukamen, die jeweils ein besonderes Ereignis kennzeichnet. So handeln die Mythen der Menschheit von einer Abfolge verschiedener Zeitalter. Claude Lévi-Strauss stellte hierbei fest, dass weltweit jede Kultur einen Katalog von Mythen tradiert, der sich immer in sechs Abschnitte untergliedert, die sog. Mytheme. Das erste Mythem gilt immer als Inbegriff des Glücks auf Erden, welches aber im zweiten von einem politischen Konflikt erschüttert wird (obere, himmlische Götter geraten in Streit mit unteren, irdischen Göttern) und nach und nach vollständig verloren ging.
Dieses erste Mythem berichtet stets, wenngleich auf verschiedene Weise, vom Anfang der Welt – entspringend aus einer monistischen Instanz wie einem Fluss oder einem Weltenbaum – und damit den der Kultur, deren Denker und Dichter die jeweilige Vorstellung ersannen. Ob bewusst oder unbewusst: Kosmogonischen Mythen hauchen der Welt „Sinn“ ein, indem sie alle spätere hinzugekommenen Erfahrung mit dem „Anfang von allem“ in Beziehung setzen. Dabei schildert der Mythos eine Realität, die den Autoren und ihren Zuhörern als Erklärung des Weltgeschehens genügte (subjektive Wahrheit).
Der Unterschied zu einer philosophisch-wissenschaftlichen Kosmogonie besteht darin, dass die Schöpfungsmythen nicht hauptsächlich rationale Einsicht in die Zusammenhänge anstreben oder bieten, sondern den lebensspendenden Aspekt ihrer Weltanfangs-Vorstellungen zum zentralen Gegenstand haben, sei es ein großer Fluss, ein Früchte tragender mächtiger Baum oder die Himmel und Erde noch unsichtbar in sich vereinigende Regenbogenschlange der Urvölker Australiens, die, indem sie vom Schlaf erwachte, sich zu bewegen und die Welt zu erschaffen begann.
Die Urmythen der Menschheit sind rein „animistisch“ (Anthropomorphisierung von der männliche Himmel und die weibliche Erde mittels projizierter menschlicher Eigenschaften wie Überblick und Gebärvermögen) und somit wesensverschieden von den „religiösen“ Kosmogonien. Letztere übernehmen zwar Teile der uranimistischen Erzählungen – die mosaische Genesis etwa den Schaluppu-Baum des Lebens und kosmischen Süßwasserozean der Sumerer –, sie bedrohen aber die Menschen mit Strafen im Falle von Verstößen wider spezielle Verhaltensvorschriften und fordern – als religiöse Tugend – Ergebung. Der Mensch soll sich der Allmacht des Höchsten der 'guten' Götter und den 'bösen', als sein Racheinstrument dienenden Dämonen (welche unterirdisch hausen) unterwerfen, nicht fragen nach dem Warum. Das „Leiden“ hat einen absurden Sinn (z. B. den der Strafe für die Erbsünde); die „Erlösung“ wird auf das Jenseits nach dem Tode verschoben.
Die philosophische Kosmogonie der griechischen Vorsokratiker begann spekulativ unter Bezug auf weit ältere mythische Vorstellungen. Beispielsweise existiert ein deutlicher Zusammenhang zwischen Thales’ Wasserwelt-Theorie und dem sumerischen Apsu. Der Vorsokratiker Parmenides überrascht mit der modern anmutenden Theorie eines Kosmos, der aus einer Entität seinen Anfang genommen habe und dahinein auch wieder enden werde. Diese Annahme entwickelte er auf dem Wege rationalen Denkens über die Beschaffenheit der Wahrheit sowie deren Abweichung, das nur noch „Wahrscheinliche“. Im Abstand von knapp 100 Jahren mündete dies in die Entwicklung der Ideen-Lehre Platons.
Am Beginn der Neuzeit war es René Descartes, der erstmals ein Weltentstehungsmodell auf Grundlage einer rationalistischen Metaphysik entwarf.Jan Rohls: Philosophie und Theologie in Geschichte und Gegenwart. Mohr Siebeck, Tübingen 2002, S. 322, ISBN 978-3-16-147812-3
Auch in der heutigen naturwissenschaftlichen Kosmogonie ist der Ausgangspunkt derselbe: die Entstehung der Welt liegt fernab einer Beobachtungsmöglichkeit am Anfang der Zeit in der Vergangenheit und ist im Experiment nicht wiederholbar. Die Urknalltheorie ist in der Wissenschaft zwar allgemein akzeptiert, die Singularität aber, aus der der Kosmos dieser Theorie zufolge begann, ist nicht an sich empirisch feststellbar. Die wissenschaftlichen Annahmen und Methoden beginnen ab einer bestimmten Grenze zu versagen. Insofern stellt die Singularität, die noch hinter dieser Grenze liegt, eine rein logische Schlussfolgerung dar. Sie wird aus Einsteins Gravitationstheorie lediglich errechnet, nicht faktisch festgestellt. Nur die Aussagen, die sich auf diese Singularität beziehen, können geprüft werden. Lassen sich anhand solcher Hypothese Phänomene erklären, oder Vorhersagen erstellen, die eintreffen, gilt sie als bestätigt und wechselt zum Status einer Theorie. Weichen die empirischen (Mess-)Befunde ab, wird die Hypothese angepasst oder gilt als widerlegt.
Kosmogonische Mythen mini|Kenotaph für Isaac Newton. Entwurf des Architekten Étienne-Louis Boullée 1784. Die Kugel symbolisiert das Universum. Noch Isaac Newton (1643–1727) unterschied zwischen universal gültigen Naturgesetzen und kosmogonischen Urgründen, zu denen es Geschichten, aber keine Erklärungen geben konnte. Hinter den Naturgesetzen sah Newton ein fortgesetztes Wirken Gottes (creatio continua).Albrecht Beutel: Kirchengeschichte im Zeitalter der Aufklärung: Ein Kompendium. (UTB M, Band 3180) Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, S. 48, ISBN 978-3-8252-3180-4 Ein außen stehender Gott musste regelmäßig der Welt einen Schubs geben und mit Kometen eingreifen, um die sich verändernde Gravitationskraft zwischen den Planeten auszugleichen.Ian G. Barbour: Wissenschaft und Glaube. Historische und zeitgenössische Aspekte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 44, ISBN 978-3-525-56970-2 Das Einwirken der göttlichen Kraft auf die Welt entspricht einem Uhrmacher, der sein Erzeugnis ständig nachstellen muss, damit es richtig funktioniert. Ansonsten würde die Menschheit untergehen.
Der anglikanische Erzbischof James Ussher (1581–1656) hatte in seiner 1650 veröffentlichten Ussher-Chronologie den Ursprung der Welt auf den 22. Oktober 4004 v. Chr. um 6 Uhr nachmittags berechnet.Abweichend: 23. Oktober 4004 v. Chr. um 9 Uhr morgens: Donald Simanek: Andere zeitgenössische Autoren kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Zu den postum veröffentlichten Schriften Newtons gehört The Chronology of Ancient Kingdoms Amended.The Chronology of Ancient Kingdoms Amended by Sir Isaac Newton. Project Gutenberg Hierin stellte er eine Chronologie der Weltgeschichte auf und nahm die Datierung von Ussher vor Kritikern in Schutz, die zuvor bereits den Segen der Kirche von England erhalten hatte.Tessa Morrison: Isaac Newton's Temple of Solomon and his Reconstruction of Sacred Architecture. Springer, Basel 2011, S. 17 Aus der biblischen Offenbarung des Johannes und dem Buch Daniel berechnete Newton in einer apokalyptischen Schrift (Observations upon the Prophecies of Daniel, and the Apocalypse of St. JohnIsaac Newton: Observations upon the Prophecies of Daniel, and the Apocalypse of St. John. Internet Archive) den Weltuntergang, der demnach im Jahr 2060 stattfinden soll.The world will end in 2060, according to Newton. London Evening Standard, 18. Juni 2007
Mythen sollen wahr sein: Dieser Anspruch unterscheidet sie von Märchen und anderen Formen von Phantasieerzählungen. Aus den Mythen über den Ursprung der Welt, das Werden der Dinge, von Menschen und Tieren ergibt sich im Zusammenhang die Herkunftsgeschichte der eigenen Gesellschaft. Im Anfang war stets ein ungeschiedenes Ganzes, ein Urstoff oder ein Urwesen, im simpelsten Fall ein Ei, das zerbricht und sich in Himmel und Erde teilt. Nach diesem Urzustand ist die Welt nicht mehr vollkommen, aber das, was sich teilt, ergibt etwas Geordnetes.
Nun folgt die Zeit der Ahnen. Deren Ursprungsmythen berichten aus einer Urzeit abgetrennt von der eigenen Zeit und von Mächten, die von außerhalb der eigenen Welt wirken. Daher rührt der besondere Respekt, den die „Heiligen Geschichten“ aus dem „paradiesischen Zeitalter“ genießen. Es gibt auch Mythen von einer periodisch wiederkehrenden Schöpfung aus dem Urzustand (der „Traumzeit“), die begründen, dass die Gesellschaft immer aufs Neue weiterleben kann. Die Kosmogonie der Welt wiederholt sich bei der Menschwerdung.Mircea Eliade: Die Sehnsucht nach dem Ursprung. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1976 Die in der Urzeit noch auf der Erde wandernden Heroen brachten den Menschen alle Kulturtechniken einschließlich der sozialen und religiösen Rituale bei. Diese Vorfahren aus dem Paradies zogen sich nicht ganz zurück, sondern nehmen noch gelegentlich von außerhalb Einfluss. In manchen rituellen Orgien sind für kurze Zeit gesellschaftliche Verbote aufgehoben, durch das Prinzip der Wiederholung erinnern sie an die glückliche Welt der Ahnen. In der zur Wintersonnenwende gefeierten Fastnacht steckt noch dieser Kern.
Das Resultat eines Weltschöpfungsmythos ist kein Kosmos im rein naturwissenschaftlichen Verständnis, sondern eine Welt, in der die wesentlichen sozialen und kulturellen Institutionen bereits verankert sind und deren Einführung häufig im Mittelpunkt der mythischen Erzählung steht. Zu den auf den mythischen Ursprung zurückgeführten Institutionen einer Kultur gehören Opfer, Kultfeste, gesellschaftliche Hierarchie, Ackerbau und Viehzucht.
Bedeutung und Struktur Für Karl Jaspers wird mit der Teilnahme am Mythos von der Schöpfung bis zum Weltende und wieder Neubeginn „die Welt als Erscheinung einer transzendenten Geschichte“ gedacht, als „vorübergehendes Dasein im Gang eines überweltlichen Geschehens“.Karl Jaspers: Einführung in die Philosophie. München 1971, S. 65
In der Struktur des Mythos sind zugleich rationale wie irrationale Elemente beheimatet; auch der Mythos schließt Erklärungen mit ein; es geht nur darum, herauszufinden, an welcher Stelle.C. I. Gulian: Mythos und Kultur. Zur Entwicklungsgeschichte des Denkens. Wien 1971
Afrikanische Mythen Trotz der enormen Vielfalt der afrikanischen Sprachen und Kulturen gibt es doch einige wiederkehrende Muster, die sich in vielen Regionen finden.